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Grünes Gewölbe in Dresden Keine Versicherung, keine Täter: Ratlosigkeit nach dem größten Kunstraub der Geschichte

Die Juwelendiebe von Dresden sind wohl der organisierten Kriminalität zuzurechnen. Die Polizei zählt inzwischen 91 Hinweise. Versichert sind öffentliche Museen nur in Bayern.
Update: 27.11.2019 - 04:47 Uhr Kommentieren

Spektakulärer Kunstraub im Grünen Gewölbe

Düsseldorf, Berlin Am Tag nach dem Juwelendiebstahl von Dresden war auch Dirk Syndram noch immer ratlos. Den Tatort im Historischen Grünen Gewölbe konnte der Direktor des Schatzkammermuseums noch nicht betreten, die Bestandsaufnahme der Ermittler zur Zahl der mit Brillanten und Diamanten besetzten geraubten Schmuckstücke dauerte an. So musste Syndram sich zunächst mit Handyfotos der Polizei begnügen.

„Ich weiß, dass einige Objekte nicht an ihrem Platz sind“, sagte Syndram. „Aber ich kann nicht sagen, wie es auf dem Boden der Vitrine aussieht.“ Es herrscht Ratlosigkeit nach dem wohl größten Kunstraub der Geschichte.

Am Montag hatten zwei Einbrecher wertvolle Juwelen aus dem Grünen Gewölbe im Dresdener Residenzschloss entwendet. Der Schaden ist immens. Kulturstaatsministerin Monika Grütters nannte den Einbruch schockierend. Angesichts „generalstabsmäßig organisierter, hochkrimineller Täter“ habe der Schutz von Museen und Kultureinrichtungen „höchste Priorität“.

Ab diesen Mittwoch sind alle Museen wieder normal geöffnet – mit Ausnahme des Grünen Gewölbe. Die Spurensicherung dort wird nach Angaben der Polizei fortgesetzt.

Das Aufbrechen der Juwelengarnituren und Umschleifen der Steine zum Weiterverkauf ist laut Stephan Zilkens, erfahrener Kunstversicherungsmakler aus Köln, „leider die naheliegende Variante. Vermutlich wurden die Objekte ausgespäht, und es war klar, welche Objekte entwendet werden sollten. Möglicherweise war die Vermarktung schon vorbereitet.“ Auftragsraub durch einen „Sammler“ oder einen sammelnden Gangsterboss gebe es nur im Kino bei schlechten Drehbüchern.

Das Museum hat keinerlei finanzielle Entschädigung zu erwarten. Private Sammler und Museen schließen in der Regel spezielle Kunstversicherungen ab. Es handelt sich dabei um sogenannte Allgefahrenversicherungen, die fast alles absichern. Dazu gehören neben Restaurierung und Ausgleich der Wertminderung bei Beschädigung auch die Entschädigung bei Verlust oder Diebstahl und unter Umständen die Bezahlung eines Lösegelds bei sogenanntem Artnapping, wenn Kunstwerke gestohlen werden, um Geld zu erpressen.

Für Museen in öffentlichem Besitz werden solche Versicherungen auch angeboten. Je nach Museumstyp, Zusammensetzung der Sammlung, Sicherungen, Leihverkehr, Versicherungssummen, Selbstbehalten liegen die Beitragssätze zwischen 0,15 und 0,015 Prozent des Werts der versicherten Sammlung.

Sollte der Dresdener Schaden 100 Millionen Euro erreichen, hätte man alle großen deutschen Museen über Jahre versichern können. Stephan Zilkens, Kunstversicherungsmakler

Doch in Deutschland gilt für fast alle Museen der öffentlichen Hand die Staatshaftung, bei der Bund, Land oder Kommune anstelle privater Versicherungen eintreten. Bis auf Bayern, wo die Museen konventionelle Versicherungen abschließen. Die staatliche Variante hat einen entscheidenden Vorteil: Sie kostet die Museen und den Staat nichts. Bis ein Schaden eintritt.

Das ist in dieser Größenordnung wie in Dresden in Deutschland wohl noch nie passiert. Selbst die Behörden scheinen ratlos.

Auf Anfrage des Handelsblatts verweisen Museum, Kunst- und Finanzministerium auf jeweils eine der anderen Institutionen. Man sei dabei, alle Fragen in diesem Zusammenhang zu klären, heißt es aus dem Finanzministerium und verweist auf die entsprechenden Paragrafen in der Sächsischen Haushaltsordnung.

So oder so sei die Staatshaftung ein schlechtes Geschäft für alle Beteiligten, sagt Zilkens: „Sollte der Dresdener Schaden 100 Millionen Euro erreichen, hätte man alle großen deutschen Museen über Jahre versichern können.“

„Epaulette“ ermittelt

Derzeit arbeitet eine Sonderkommission der Dresdener Polizei mit 20 Ermittlern an der Aufklärung des Diebstahls. Das Team hat den Namen „Epaulette“ bekommen – angelehnt an die Bezeichnung eines der Beutestücke.

„Eine heiße Spur haben wir derzeit noch nicht“, fasst Dresdens Polizeisprecher Marko Laske den Ermittlungsstand gut einen Tag nach dem Diebstahl auf Handelsblatt-Nachfrage zusammen. „Es sind aber bereits 91 Hinweise eingegangen, denen wir nachgehen.“

Einen wichtigen Anhaltspunkt für die Fahndung liefert derzeit ein Audi A6, der etwa zehn Fahrminuten vom Tatort entfernt in einer Tiefgarage vollständig ausbrannte – und den die Täter nach Erkenntnissen in Brand steckten. „Wir sind uns sicher, dass es sich um das Fahrzeug handelt, mit dem die Täter die Flucht angetreten haben“, sagt Laske. „Denn in dem Auto befanden sich Spuren von Gegenständen, die vom Tatort stammen.“

Um welche Gegenstände es sich dabei konkret handelt, wollte er aber nicht mitteilen und verwies darauf, dass es sich dabei um Täterwissen handele. Der ausgebrannte Audi ist ein seit 2017 stillgelegtes Fahrzeug, das zuvor in „Besitz einer Person aus den westdeutschen Bundesländern“ war, die jedoch mit dem Kunstdiebstahl sicher in keiner Verbindung steht.

Sicher sind sich die Ermittler auch, dass die Täter ihre Flucht mit einem weiteren „Fahrgerät“ fortsetzten. Ganz in der Nähe zu der Tiefgarage befindet sich die Autobahn A4.

Vieles spricht nach Polizeiangaben dafür, dass mehr als die zwei von den Überwachungskameras im „Grünen Gewölbe“ gefilmten Täter an der Ausführung der Tat beteiligt waren. Darauf deutet etwa auch der Brand in einem Stromkasten hin, der während der Tat die Stromzufuhr für die Straßenbeleuchtung in direkter Nähe des Tatorts lahmlegte.

Arabischer Clan schlägt 2017 zu

Das zielgerichtete und gut vorbereitete Vorgehen legt nahe, dass die Täter der organisierten Kriminalität angehören. Die Dresdener Ermittler suchen deshalb auch nach Zusammenhängen mit vergleichbaren Vorfällen im gesamten Bundesgebiet. Im Austausch stehen sie dabei unter anderem mit den Kollegen in Berlin. Dort gibt es ein eigenes Kommissariat für Kunstdelikte im Landeskriminalamt, das jährlich in rund 300 Verfahren ermittelt.

Die Berliner Ermittler brachten zuletzt Mitglieder des bundesweit bekannten libanesischen Remmo-Clans vor Gericht, die hinter einem der spektakulärsten Kunstdiebstähle hierzulande in den vergangenen Jahren stecken sollen. Im Frühjahr 2017 war aus dem Bode-Museum eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze gestohlen worden – die bis heute verschwunden ist und nach Ansicht der Staatsanwaltschaft höchstwahrscheinlich zerstückelt und verkauft wurde.

Infografik: Die teuersten Kunstraube aller Zeiten | Statista

Neben Mitgliedern arabischer Clans fielen deutschland- und europaweit in den vergangenen Jahren vor allem Kriminelle vom Balkan in Verbindung mit Kunstdiebstählen auf. Für einen der bislang größten Kunstdiebstähle Europas, hier ging es um vier im Jahr 2008 gestohlene Gemälde im Wert von mehr als hundert Millionen Euro aus der Züricher Sammlung Bühle, konnten 2012 vier Serben verantwortlich gemacht werden.

Bekannt – wenn auch weniger durch Kunstraub denn durch Juwelendiebstähle – wurde eine weitere Gruppierung aus den Balkanstaaten, die Pink Panther. Das Netzwerk soll seit den 1990er-Jahren für Hunderte Schmuckdiebstähle verantwortlich sein und zeichnet sich durch präzise, oft innerhalb weniger Minuten durchgeführte Überfälle auf Luxusjuweliere aus, bei denen sie regelmäßig Äxte zur Zerstörung von Glasvitrinen einsetzten.

Nach ihren Coups flüchteten die Räuber oft mit VWs oder Audis älteren Baujahrs. Dem Netzwerk werden mehr als 200 Mitglieder zugerechnet.

Mehr: Der Einbruch ins Grüne Gewölbe reiht sich ein in eine Liste spektakulärer Diebstähle aus Museen. Sogar die „Mona Lisa“ war mal zwei Jahre verschwunden.

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