Gyde Jensen Deutschlands jüngste Abgeordnete setzt sich gegen alte Herren im Bundestag durch

Die 29-Jährige weiß sich als Bundestagsabgeordnete Gehör zu verschaffen – notfalls mit einer Glocke. Sie setzt vor allem auf eines: Beharrlichkeit.
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„Die Verantwortung junger Menschen in der Politik wird oft unterschätzt. Das muss sich ändern.“ Bild: FDP
Gyde Jensen

„Die Verantwortung junger Menschen in der Politik wird oft unterschätzt. Das muss sich ändern.“

Bild: FDP

DüsseldorfMittelblondes, schulterlanges Haar, legeres Outfit, gewinnendes Lächeln. Gyde Jensen wird noch immer häufig unterschätzt, wird nicht als das wahrgenommen, was sie ist – nämlich Deutschlands jüngste Bundestagsabgeordnete. Seit gut einem Jahr sitzt sie für die FDP im Parlament.

Dabei hat Jensen, 29, hehre Ziele: „Ich möchte ein Wir-Gefühl von Demokratie vermitteln“, sagt sie. „Wir tragen alle Verantwortung für diese Gesellschaft.“ Auch die Jungen. Die will sie stärker in den Fokus rücken. Ihr Studium hat Jensen der internationalen Politik gewidmet.

Genf und Washington waren zwei ihrer Auslandsstationen, in denen sich ihre Leidenschaft zur Politik verstärkte. Die ersten zwei Jahre nach ihrem Master arbeitete sie als Kommunikationsreferentin bei einer politischen Stiftung. Jetzt sitzt sie im Parlament.

Oft wird Jensen eher für eine Praktikantin gehalten. Dabei ist sie Vorsitzende im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Besonders bei lauten Diskussionen ist es eine Herausforderung, als junge Frau Autorität zu signalisieren. Gut also, dass dem Vorsitzenden eines jeden Ausschusses für eskalierende Momente besondere Instrumente an die Hand gegeben werden: Per Knopfdruck kann sie alle anderen Mikros stummschalten.

Wenn das nicht hilft, geht es weiter mit einer Glocke. „Als ich sie läutete, waren alle erst mal baff. Ich war selbst erschrocken, wie laut sie war.“ Selbst die älteren Herren haben so verstanden, dass dort nun jemand sitzt, der ihnen das Wort erteilt – oder auch entzieht.

Auch dieser Tage könnte die Glocke wieder zum Einsatz kommen: Syrien steht auf dem Plan und ist eines der wichtigen Themen für Jensen. Der Krieg hat massive Auswirkungen auf die humanitäre Lage vor Ort. Im Ausschuss diskutiert die Vorsitzende, wie der Zugang für Helfer in den vom syrischen Regime kontrollierten Gebieten gewährleistet werden kann. Außerdem müsse die Sicherheit für Kinder verbessert werden.

Klare Meinung zum Zustand der GroKo

Zum Zustand der Großen Koalition hat Jensen eine klare Meinung: „Der interne Streit offenbart die eigene Handlungsunfähigkeit und schadet dem Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen.“ Wer sich noch nicht einmal in Stilfragen einig sei, schaffe dies noch weniger in Sachfragen. Politische Weichenstellungen würden einfach nicht erfolgen, sondern auf nachfolgende Generationen abgewälzt, sagt Jensen.

Als Politikerin dieser nachfolgenden Generation denkt sie die Dinge neu: Jung vertraut jung. Nach diesem Prinzip hat sie sich ihr Team in Berlin zusammengestellt. Ihre Themen denkt sie parteiübergreifend und versteht insbesondere Menschenrechte als Querschnittsthema. „Ohne Kompromissbereitschaft kann es keine nachhaltigen Ergebnisse geben“, sagt sie. Deshalb hat Jensen anfangs zu einem fraktionsübergreifenden Büroeinstand innerhalb ihres Ausschusses eingeladen – auch ihren Stellvertreter Jürgen Braun von der AfD, der jedoch nicht kommen konnte. Aber selbst er bescheinigt ihr, talentiert und machtpolitisch geschickt zu sein.

Dass sie die Welt ganzheitlich denkt, zeigt Jensen zum Beispiel durch ihre Patenschaft innerhalb der Initiative „Parlamentarier schützen Parlamentarier“, eines Programms des Deutschen Bundestags zugunsten verfolgter Abgeordneter im Ausland. Ihr Schützling, der vietnamesische Menschenrechtsverteidiger Nguyen Bac Truyen, wurde zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Zwei Gespräche fanden bereits mit dem vietnamesischen Botschafter statt und führten zu einer Gefängnisverlegung. „So möchte ich Schritt für Schritt weitermachen und hoffentlich irgendwann seine Freiheit erwirken.“

Als FDP-Abgeordnete kämpft Jensen zudem in der Opposition für eine strukturierte Flüchtlingspolitik. Ihre Partei teilt ein in Asylberechtigte, Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge. Damit schaffe die Partei, sagt der Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer, in Abgrenzung zur Regierung zusätzlich die Basis für eine nachhaltige Fachkräfteeinwanderung: „Eine regulierte Steuerung durch ein Punktesystem ermöglicht, dass die ausländischen Fachkräfte einwandern, die Deutschland als Volkswirtschaft auch zunehmend braucht.“

Als Positivbeispiel nennt Jensen das kanadische Punktesystem: Hier werden Profile von potenziellen Einwanderern erstellt. Die Behörden erheben Informationen wie Alter, Qualifikation und Schulbildung. Je höher die Anzahl der dafür vergebenen Punkte, desto größer die Chance auf ein dauerhaftes Bleiberecht. Jensen ist davon überzeugt, dass Migrationsströme geordnet werden müssen, damit die persönliche Freiheit zu wandern weiterhin gegeben ist: „Jeder hat das Recht auf Transparenz. Ein Punktesystem ist fair gegenüber allen.“

Eine Balance zwischen Ruhe und Ausgeglichenheit sowie dem Beharren auf der Tagesdisziplin – darauf setzt Jensen. Das wird sie auch zukünftig motivieren, ihre Themen mutig an die große, laute Glocke zu hängen.

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