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Handelsblatt-Report „Ich ess’ noch eine Currywurst!“

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In der SPD-Fraktion, Dienstag.

Auf den Tischen der 249 Abgeordneten liegt der politische Bericht des Vorsitzenden. "Das Wahlmanifest nimmt Konturen an", schreibt Müntefering. Gemeinsam mit Kanzler Gerhard Schröder hat er das Herzstück des Programmentwurfs fertig gestellt. 35 Seiten ist es stark. Nun fehlt noch der Vorspann mit der Bilanz der vergangenen sieben Jahre. Am kommenden Montag soll der Parteivorstand das Manifest endgültig beschließen.

Doch das interessiert hier zunächst weniger. "Mehr als gewundert" habe sie sich über den Fraktionschef, wettert die ehemalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, die als eine der ersten Abgeordneten ihren Platz auf einer hinteren Bank einnimmt. So geht es vielen Mandatsträgern, die am Abend zuvor aus dem Fernsehen erfahren haben, dass sie sich bei der Abstimmung über die Vertrauensfrage am Freitag enthalten sollen. Die Stimmung ist geladen, als Müntefering die Sitzung eröffnet. Ein Regierungsmitglied beantragt nach kurzem Wortgefecht das Ende der Debatte. Die Handzeichen sind unübersichtlich. Müntefering lässt zwei Mal auszählen. Beim zweiten Mal steht seine Mehrheit.

Natürlich habe er niemanden zu einem bestimmten Abstimmungsverhalten aufgefordert, sagt der Fraktionschef nachher in die Kameras. Er habe lediglich erklärt, dass er sich am Freitag enthalten werde, und die Abgeordneten "eingeladen", diesem Beispiel zu folgen: "Man kann dem Kanzler sehr wohl das Vertrauen aussprechen, indem man sich der Stimme enthält." Das nennt man Dialektik für Fortgeschrittene.

Beim SPD-Hoffest der Fraktion, Dienstagabend.

Zum Glück steht Harry Pein hinter der massiven Theke seiner Currywurst-Bude. Ansonsten wäre er von der Fotografenhorde wohl niedergewalzt worden, die auf ein unsichtbares Kommando heranstürmt.

Dort, wo sich Pein normalerweise die Hände der hungrigen Festgäste entgegenstrecken, glotzen ihn plötzlich unzählige Teleobjektive an. Doch Pein lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Akkurat reiht er die Würste nebeneinander auf den Holzkohlengrill. "Ich ess? noch eine", ruft ihm vom Ende des Tresens ein Mann in gestreiftem Hemd und Krawatte zu. Harry Pein angelt ein knuspriges Exemplar und serviert es dem Bundeskanzler.

"Heute Abend geht es wirklich nur ums Feiern. Es muss sich keiner enthalten", verspricht Müntefering zur Begrüßung. Der erwartete Lacher bleibt aus. Auch die Kalauer des Parteichefs über das Wetter und die Wahlchancen finden eher schwache Resonanz. Der einstige Liebling der Partei hat an Popularität verloren.

Doch als der von seinem Washington-Kurztrip zurückgekehrte Gerhard Schröder ans Mikrofon tritt und von den Schwierigkeiten berichtet, dem amerikanischen Präsidenten das Sprichwort "Hinten sind die Enten fett" nahe zu bringen, wird die Stimmung besser. Voller Ironie begrüßt der Regierungschef dann die anwesenden Pressevertreter: "Ich freue mich über das Maß an Neutralität und Offenheit, das uns entgegengebracht wird. Man könnte nicht glücklicher sein."

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