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Handelsfinanzierung Osteuropaförderbank-Chef warnt: „Versorgung mit lebenswichtigen Gütern ist ins Stocken geraten“

Jürgen Rigterink sieht durch die Krise viele Handelsströme beeinträchtigt. Um die Versorgung mit wichtigen Gütern zu sichern, vergibt seine Bank Kredite, wo es an Vertrauen mangelt.
03.08.2020 - 11:50 Uhr Kommentieren
Die Probleme bei Handelsfinanzierungen haben laut EBRD auch Folgen für die Exportnation Deutschland. Quelle: AFP
Containerhafen in Duisburg

Die Probleme bei Handelsfinanzierungen haben laut EBRD auch Folgen für die Exportnation Deutschland.

(Foto: AFP)

Düsseldorf, Berlin Die Coronakrise hat trotz der begonnenen wirtschaftlichen Erholung langfristige ökonomische Schäden verursacht. Vor allem die rasant gewachsenen Probleme bei Handelsfinanzierungen haben auch Folgen für die Exportnation Deutschland. „Die Pandemie hat viele Handelsströme und Lieferketten gekappt, bei uns ganze Länder schwer in Mitleidenschaft gebracht“, sagt Jürgen Rigterink, der amtierende Präsident der Osteuropaförderbank EBRD (European Bank for Reconstruction and Development), dem Handelsblatt.

„In einigen Staaten ist die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern ins Stocken geraten“, zieht der Deutsche, der bis zur bislang am Streit zwischen den EU-Staaten gescheiterten Neuwahl eines EBRD-Chefs an der Spitze steht, eine Corona-Zwischenbilanz.

Da habe die EBRD die Versorgung „sicherstellen müssen durch eine Verdoppelung der Handelsfinanzierungen und Kreditgarantien“ – auf 300 bis 500 Millionen Euro monatlich. Die Coronakrise habe den Finanzierungsbedarf der Unternehmen der betroffenen Länder massiv erhöht. Zugleich sei die Geduld vieler Lieferanten gesunken: „Gab es vorher Zahlungsziele von einem halben Jahr, verlangen heute Pharmahändler Vorkasse“, sagte Rigterink.

Seine Förderbank vergebe Kredite, „wo es an gegenseitigem Vertrauen mangelt“. Bedarf hätten nicht nur Krisenstaaten wie der Libanon, sondern auch Schwellenländer wie Ägypten oder ein EU-Staat wie Griechenland.

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    So habe die EBRD Handelsfinanzierungen für den Export von Schutzmasken aus Italien in den Libanon, die Lieferung von medizinischem Geräten von Deutschland nach Griechenland oder den Verkauf von Getreide aus Kasachstan nach Usbekistan bereitgestellt.

    „Besserung ist nicht in Sicht“

    „Eine Besserung ist dabei nicht in Sicht, die Nachfrage nach diesen Handelsfinanzierungen wird vorerst weiter steigen“, ist Rigterink überzeugt. Deshalb habe sein Institut den entsprechenden Kreditrahmen von zwei auf drei Milliarden Euro erhöht.

    Die EBRD steht nicht allein vor dem Problem von Vertrauensschwund im internationalen Handel oder der Angst vor stark wachsenden Firmenpleiten, in deren Folge Lieferanten Sorgen wegen unbezahlter Rechnungen haben. Der deutsche Export-Kreditversicherer Euler Hermes rechnet damit, dass „spätestens ab dem Herbst überall auf der Welt die Pleitewelle einsetzen“ werde.

    Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sieht „spätestens im dritten Quartal des Jahres diese Zeitbombe hochgehen“, und die „Schockwellen dürften sich ins gesamte erste Halbjahr 2021 ausbreiten“. In beiden Jahren zusammen würden die Insolvenzen zusammen um 35 Prozent zunehmen.

    Holger Bingmann, Präsident der Internationalen Handelskammer (ICC) in Deutschland sieht die Folgen der Corona-Pandemie für die Handelsfinanzierung in „Lieferengpässen und dem Wegfall von Liefergeschäften, die zu Zahlungsausfällen führen“. Dies treffe insbesondere diejenigen mittelständischen Unternehmen hart, die nicht über die entsprechenden Liquiditätsreserven verfügten. Der Bedarf steige deshalb „nach Absicherung auch von Liefergeschäften, die bislang als wenig risikobehaftet galten“, so Bingmann.

    Ines Kitzing, erste Vizepräsidentin vom Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), erwartet größere Zahlungsausfälle „wohl erst gegen Jahresende, da befürchten wir schon merkliche Anstiege“. Private Kreditversicherungen „scheinen ihre Limite sehr genau zu überprüfen. Zu begrüßen ist, dass die Bundesdeckung ausgeweitet wird“, sagte Kitzing.

    Abfederung von Friktionen durch die Coronakrise

    Die Bundesregierung hatte gemeinsam mit den Kreditversicherern einen Schutzschirm in Höhe von 30 Milliarden Euro aufgespannt, um Lieferantenkredite deutscher Unternehmen zu sichern und die Wirtschaft in schwierigen Zeiten zu stützen. „Neben Störungen in den Lieferketten und bei der Abwicklung der Projekte im Ausland haben sich auch die Finanzierungsbedingungen deutlich verschlechtert“, begründete das Ministerium diesen Schritt, der bis Mitte 2021 befristet ist.

    Frankreich hat zur Abfederung von Friktionen durch die Coronakrise ein zwölf Milliarden Euro schweres Programm gestartet, mit dem Versicherer entschädigt werden, die Lieferanten gezahlt haben, deren Kunden pleitegegangen sind. Rund 15 Prozent der Forderungen aus Lieferungen und Leistungen weltweit werden über Kreditversicherer abgesichert. Gerade in Europa wird dieses Instrument genutzt.

    Nachdem Disruptionen in der Handelsfinanzierung auch in der Finanzkrise zu großen Problemen führten, ist der wichtige Finanzierungsweg auch diesmal beeinträchtigt. Anders als in der Finanzkrise, als Notenbanken über die Engpässe in der Finanzierung bei Banken direkter gegensteuern konnten, findet die Handelsfinanzierung oft zwischen Unternehmen direkt statt.

    Wenn es in diesen Beziehungen knirscht, können Notenbanken nicht punktgenau gegensteuern. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sorgt sich dabei vor allem um kleinere Firmen in den Lieferketten.

    Angst vor Protektionismus und immer mehr Staat

    Doch auch in anderen Bereichen sieht sich die Förderbank EBRD, die in der ersten Hälfte dieses Jahres ihren bisherigen Rekord für Kreditvergaben von 3,9 auf fünf Milliarden Euro gesteigert hat, in der Krise besonders gefragt: Bisher hat die Osteuropabank vor allem die Privatwirtschaft gefördert, jetzt sei „die Rolle des Staates derzeit in der Bekämpfung der Wirtschaftskrise zwangsläufig eine viel zentralere“, räumt Rigterink ein. Aber er mahnt: „Das darf nicht heißen, dass sie dauerhaft so bleibt. Wir müssen Sicherungen einbauen, denn der Staat ist auf Dauer kein wirtschaftlich guter Akteur.“

    Rigterink zeigt dabei die Widersprüche der derzeitigen Lage auf: „Nie spielte der Nationalstaat eine wichtigere Rolle. Aber nie war transnationale Kooperation wichtiger.“ Zudem brauchte die Wirtschaft noch „nie mehr Staatshilfe. Aber nie war der Staat mehr darauf angewiesen, dass die Wirtschaft wieder anspringt.“

    Die Krise mache die Arbeit von multilateralen Finanzinstituten wie IWF, Weltbank oder EBRD wichtiger denn je – auch in Ländern, in denen sie in den vergangenen Jahren weniger essenziell gewesen seien.

    Aufgabe sei nun, „auf alle Fälle eine Rückkehr zum Protektionismus zu vermeiden“. Dazu habe es zu Beginn der Krise „bedenkliche Anzeichen insbesondere in der Landwirtschaft“ gegeben, „die aber glücklicherweise nicht angehalten haben“.

    Man müsse aber „höchst wachsam bleiben. Denn viele Staaten verbinden Hilfen mit Wirtschaftspatriotismus“, warnt Rigterink und ergänzt: „Aber der Markt ist das bessere Steuerungsinstrument. Betriebe gegen alle wirtschaftliche Vernunft zu führen kommt einer wahnsinnigen Verschwendung von Steuermitteln gleich, die niemandem nützt und die sich keiner leisten kann.“

    Seine Hoffnung, dass wegen der Corona-Pandemie nicht ausgerechnet die Schwellenländer wieder unfassbar verarmen, begründet der deutsche EBRD-Übergangschef so: „Viele Unternehmen werden ihre Lieferketten neu organisieren, und eine wichtige Tendenz wird dabei verstärkte Automatisierung sein, um die Bedeutung der Lohnkosten zu reduzieren.“

    Zudem komme eine Neuordnung der Lieferketten, um die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. „Davon könnten Schwellenländer auf dem Balkan, in Osteuropa und in Nordafrika mittelfristig profitieren“, hofft Rigterink für die der EBRD anvertrauten Länder.

    Mehr: Lesen Sie hier in einem Kommentar, warum sich bei einer zweiten Welle auch die Wirtschaft wieder anstecken würde

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