„Hart aber fair“ Im Hamsterrad von Thilo Sarrazin

„Hart aber fair“ mit dem Gast Thilo Sarrazin hat im Vergleich zu anderen Sendungen mehr geleistet. Angesichts der Gästeliste war das überraschend. Doch wer will, kann Sarrazin beikommen. Das hat die Plasberg-Truppe gezeigt.
  • Joachim Huber
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Thilo Sarrazin bei "Hart aber fair". Quelle: Reuters

Thilo Sarrazin bei "Hart aber fair".

(Foto: Reuters)

Das Gen gibt es wirklich. Es heißt Thilo Sarrazin und hat die führenden Talkshows der TV-Republik infiltriert. „Beckmann“, „Hart aber fair“, „Maybrit Illner“, kein Ende ist absehbar. „Hart aber fair“ hat im Vergleich zu „Beckmann“ mehr geleistet. Überraschend geleistet, weil im Studio via Gästeliste die großen Gebläse für Rücken- und Gegenwind, für Radau und Rabatz aufgestellt schienen. Also Arnulf Baring, Historiker und Publizist, in enger und lauter Solidarität mit Sarrazin, Moderator Michel Friedman, die WDR-Journalistin Asli Sevindim und der SPD-Politiker Rudolf Dressler auf der Anti-Sarrazin-Barrikade.

Mehr als eine halbe Stunde Sendezeit verging mit dröhnenden Bekenntnissen, wer wo steht: Sevindim nannte den Buchautor „beleidigend“, Friedman „gewalttätig“ und „respektlos“, die Senioren Baring und Dressler waren selbst dazu zu müde. Sarrazin hielt seinen Satz „Wenn Sie mein Buch gelesen hätten, dann…“ wie eine heilige Monstranz in die Runde. Moderator Frank Plasberg wollte immer auf die „Methode Sarrazin“ eingehen und vergaß es immer wieder. Erst mussten die Großbegriffe wie „Rassismus“ abgearbeitet werden. Atemlosigkeit bis zur Schnapp-Atmung sollte sich einstellen - tatsächlich war es ein Rollenspiel.

Das Merkwürdige, wenn nicht Fragwürdige an der Sarrazin-Debatte ist - jedenfalls in den Talkshows mit seiner Präsenz – das Hamsterrad von Inhalt und Dramaturgie. Überzeichnete Wiederholungen im Für und Wider, beleidigendes und beleidigtes Popanz-Gehabe, Unterstellungen, Stilfragen wichtiger als Sachfragen, Moderatoren verteilen Haltungsnoten, suchen Gut und Böse zu identifizieren, wo nur Falsch und Richtig Erkenntnisgewinn bedeuten könnten – ist das nicht die Karikatur einer Diskussion? Auch „Hart aber fair“ ging streng in diese Richtung, allein in ihrem zweiten Teil wurde abgebogen. Weil die Wahrheit immer konkret ist, konnten Plasberg und sein Team jetzt Punkte machen bei der Aufarbeitung der Sarrazinschen Methode.

Untersucht wurde seine Rechnung, in Deutschland würden bei Fortschreibung der aktuellen Bevölkerungsentwicklung in 120 Jahren mehr als 71 Prozent Migranten leben. Das Statistische Bundesamt förderte nach der Sarrazinschen Logik zu Tage, dass 2010 über 230 Millionen Menschen in Deutschland leben müssten. Gerade mal 80 Millionen sind es tatsächlich. Wer will, kann Sarrazin beikommen, aber er muss es wollen wie die Plasberg-Truppe, er muss sich anstrengen. Intelligent, dialektisch auch die Schlusspointe, als Sarrazins Angst, bald schon würde „Wanderers Nachtlied“ im Migranten-Deutschland vergessen sein, mit der Wirklichkeit an existierenden Goethe-Gymnasien konterkariert wurde. Deutsche Lehrer, deutsche Schüler haben den richtigen Autoren des Gedichtes nur selten präsent.

Einzelne, geglückte Momente in einer Talkshow, die in ihrem Ablauf, mit ihrem Ertrag bereits über sich hinaus wies. Was wird denn in zehn Tagen, zwei Wochen sein? Hat nur ein integrationsunwilliger Autor mit Nebenberuf Bundesbanker mehrere hunderttausend Exemplare seines Spaltpilzes verkauft? Alle Empörungsdemokraten waren einmal empört? Der Muezzin ruft, der Jung-Migrant aus Arabien verkauft lieber Glückspillen an der Ecke statt sein Glück in der Schule zu suchen? Und Kerstin Heisig, die streitbare, an Lösungen statt an Problemen interessierte und am Leben verzweifelte Richterin, ist vergessen. Vielleicht ist diese Prognose zu düster, zu weinerlich. Stimmt sie doch, dann hätte der ach so intelligente Thilo Sarrazin allein zweierlei geschafft – den Anfang und das Ende einer Debatte.

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  • Ja, Türken sind von Natur aus weder dümmer noch schlauer als Deutsche oder sonst wer und genau das wollte Sarrazin mit seinen Gen-Theorien beweisen. Schade, dass es in der Öffentlichkeit nicht so ankommt!!!
    Aber, dass Analphabeten, die die Sprache des Landes, in dem sie leben nicht sprechen und sich einem Wertesystem, das der Staatsform in der sie leben von Grund auf widerspricht, zugehörig fühlen, können ihren Kindern nicht viel mit geben an bildung, die den Kindern in der Schule hilft. Natürlich haben Kinder es leichter in der 1. Klasse, wenn sie die Lehrer verstehen und mit ihnen kommunizieren können, als Kinder, die das nicht können. ich finde in der Debatte wird der begriff intelligenz oft mit bildung verwechselt/vertauscht. Leider!!!!
    Wenn Lehrer die ersten zwei Schuljahre mit Sprach- und Sozialerziehung verbringen müssen, da die Kinder sie oft nicht verstehen oder nur unzureichend verstehen, ist es kein Wunder, wenn das bildungssystem immer schlechtere Ergebnisse erziehlt. Und auch die deutschsprachigen Kinder auf der Strecke bleiben bzw. schlechtere Ergebnisse erzielen, also in bezirken in denen alle Kinder mit guten Sprachkenntnissen in der Schule kommen.
    Wenn in einer Familie innerhalb einer Übergangsphase von 30 Jahren -die im übrigen auch schon seit 7 Jahren abgelaufen ist- nicht alle Familienmitglieder die Deutsche Sprache zumindest sprechen, ist nicht das bildungssystem schuld und auch nicht die mangelnde Möglichkeiten zu üben (weil kein Deutscher mit Ausländern reden will, das ist doch absurd), sondern bequemlichkeit und der Mangel an Motivation auf Seite des Migranten und mangelnde Konsequenz (welche vorallem dem Migranten geholfen hätte) von Seiten des Staates.
    Meine Forderung: Kindergartenpflich für alle Kinder ab dem 3 Lebensjahr, Sozialleistungen für Personen, die kein Deutsch sprechen an Sprachkurse knüpfen (alle Familienmitglieder), konsequente und harte Stafen für alle Straftäter (jeglicher Herkunft), gerade bei Kindern und Jugendlichen in engem zeitlichen Zusammenhang.

  • Niemand diskutiert über das mittlerweile heruntergekommene Schulsystem, das effizient dafür sorgt, daß sozial schwache wie auch Eltern mit geringer Ausbildung ihren Kindern nicht zu höheren Abschlüssen verhelfen können. Auch wenn sie und ihre Kinder es wollen. Zu der o.g genannten Gruppe gehören auch die meisten Türken die ihre Ursprünge in den strukturschwachen Teilen des Landes haben. Wenn aber ein pseudo-Sozialwissenschaftler wie Sarrazin absolut peinliche beahuptungen aufstellt, die völlig an der Urasache des Deutschland-Problems vorbeigehen, bekommt er auch noch Recht von Leuten wie "SE". Lassen Sie mich ihnen sagen (als Türke mit Abi und 2 abgeschlossenen Studiengängen): Türken im Schnitt weder dümmer noch schlauer als Deutsche. Sie müssen wie alle Minderheiten für ihren Erfolg deutlich härter kämpfen als die meisten Deutschen. Das Übel liegt im bildungssystem !!!

  • Was soll denn das für ein Artikel sein???

    Noch weiter links und Sie fallen von der Erdkante Herr Huber! Ein Witz das so ein unsachlicher beitrag hier veröffentlicht wird!!

  • bei allem Respekt, aber die beispielrechnung des Statistischen bundesamts ist totaler Quatsch. Natürlich kann keiner vorhersehen, was in 100+ Jahren einmal sein wird. Fakt ist aber auch, dass vor 1960 (Einführung der Pille) deutlich mehr Kinder pro Frau geboren wurden. Ende des 19. Jahrhunderts sogar dramatisch mehr. Meine Uroma (geboren 1906) war eine von 11 Geschwistern. Soetwas gibt es heute nicht mehr. Mit diesen Geburtenraten braucht man heute nicht mehr rechnen. insofern macht das statistische bundesamt einen gigantischen Fehler: Sie greifen sich einen Startpunkt heraus, der soweit zurück liegt, dass er für heutige Verhältnisse einfach völlig überzogen ist. Was ist mit der damals auch dramatisch höheren Kindersterblichkeit? Wurde diese berücksichtigt? Wenn ja wie? Hart aber (un)fair schiebt das statistische bundesamt vor, um Glaubwürdigkeit vorzugauckeln. Peinlich, peinlich. Und Herr Plasberg: Sie sind eine journalistische Katastrophe. Nehmen Sie bitten ihren Hut.

    Auch wenn es die Politprominenz nicht wahrhaben will: Sarrazin hat Recht, und große Teile der bevölkerung stimmen ihm zu. Wann macht die Politik endlich die Augen auf?

  • T. Sarazzin ist das klassische beispiel, wie einer sich aus einer zweifelsfrei wichtigen, in der Öffentlichkeit geführten Diskussion, die er ( u.a. ) selbst angeregt hat, rauskatapultiert, weil er nicht zu Ende reflektiert hat, was er erreichen will und AUF WELCHE WEiSE er das tun will u. letztlich getan hat.

    Wenigstens ist somit ein wohl ansehnlicher buchabsatz gesichert worden.

  • Da dieser Kommentar keine wissenschaftliche Arbeit darstellt, denke ich, dass es in Ordnung ist Wikipedia zu zitieren:

    "im Juni 2003 geriet Friedman im Zuge von Ermittlungen wegen Menschenhandels im Rotlichtmilieu in das blickfeld der Staatsanwaltschaft. Mehrere Prostituierte, die illegal aus der Ukraine nach Deutschland gebracht und zwangsprostituiert worden waren, sagten aus, er habe mit ihnen mehrmals Sex gehabt, in ihrem beisein Kokain konsumiert und das Suchtmittel auch ihnen angeboten. Prostituierte und Kokain habe Friedman unter dem Pseudonym Paolo Pinkas (von der Polizei zunächst fälschlicherweise als Paolo Pinkel verstanden – Pinkas ist ein hebräischer Vorname) angefordert. Daraufhin wurden seine Kanzlei und seine Wohnung rechtmäßig durchsucht. Drei szenetypische Päckchen wurden gefunden, die Anhaftungen von Kokain aufwiesen. Die gefundene Menge war zu gering, um den genauen Wirkstoffgehalt zu ermitteln. Das Untersuchungsergebnis einer von Friedman abgegebenen Haarprobe war hingegen positiv, was den rechtlichen Nachweis erbrachte, dass Friedman tatsächlich Kokainkonsument gewesen war. Daraufhin erging am 8. Juli 2003 ein Strafbefehl gegen Friedman wegen Kokainbesitzes über 150 Tagessätze in einer Gesamthöhe von 17.400 Euro, den er widerspruchslos akzeptierte.[1]"

    http://de.wikipedia.org/wiki/Michel_Friedman#Aff.C3.A4re_um_Zwangsprostitution_und_Kokain

    Jeder macht Fehler, ob es allerdings nötig ist, Herrn Friedmann Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen moderieren zu lassen erscheint fragwürdig.

    Armes Deutschland!

  • Der Tagesspiegel und auch das Hb haben es nicht gemerkt oder es nicht merken wollen, in ihrem Eifer, Sarrazin an die Kiste zu fahren (=..ans bein zu pi...). Dummheit und Eifer gehen eben oft Hand in Hand: Die berechnungen Sarrazins sind einem Vergleich des statistischen bundesamtes nicht zugänglich, weil die von ihm herangezogenen Parameter und bedingungen ignoriert werden. So ging es schon vor siebzig Jahren zu, als Faschismus schräge Vergleiche zog, um Menschen zu verunglimpfen. Wenn denn auch ignoriert wird, daß diese "berechnungen" Sarrazins ausdrücklich im lezten Teil des buches als "satirisch" überzeichnet gekennzeichnet werden - was er bei seinen Äußerungen mehrfach wiederholte, sofern man ihn überhaupt zu Worte kommen ließ, wird es schon mehr als peinlich. Wohl war Plasberg nicht ganz so bizzar wie etwa beckmann, dessen unsachliche Gesprächsführung unter jeder Diskussionswürdigkeit (= unter aller S..) war und der sich auch noch flegelhaft benahm - gegenüber Sarrazin, während er dessen Gegnern in den Allerwertesten kroch. Zum Abschalten (= zum Ko..). Wenn man bedenkt, daß diese willenlosen Wasserträger einer ostzonal sozialisierten Kleinbürgerin, die es auf unerfindliche Weise ins Kanzleramt schaffte, deutsche inquisition übelster Sorte betreiben, kann einem alles hochkommen.

  • Sarrazin hat für jeden (auch für Hb-Redakteure) nachvollziehbar ausgeführt, dass seine Aussage bez. bevölkerungsentwicklung bis 2100 als Modellrechnung und nicht (!) als Prognose zu verstehen ist. Modellrechnung heisst: Tritt (nur) unter bestimmten Voraussetzungen ein.

    Seit Erscheinen des Vorabdrucks im SPiEGEL kämpfen die Medien gegen die Stimmung in der bevölkerung an mit Verdrehungen, flapsigen bemerkungen und Ausweichen auf Nebenkriegsschauplätze.

    Wenn merken z. b. die Hb-Redakteure, dass dieses Vorgehen erfolglos bleibt und man sich etwas mehr Mühe geben muss? Wo bleibt der "Faktencheck"? Solange die Fakten ausbleiben, muss auch der Dümmste annehmen, dass Sarrazins Thesen nicht zu widerlegen sind.

    ich wünsche mir, dass Sarrazin aus SPD und bundesbank ausgestossen wird, was besseres kann der Popularität seines buches nicht passieren.

  • @yahel: Danke für ihren super beitrag. Kann ich voll unterstreichen und unterschreiben. Sie bringen die Misere auf den Punkt.

  • Eine bemerkung gefällt mir an diesem Artikel: "der integrationsunwillige Sarrazin". besser könnte man das Problem, das nicht zur Sprache gebracht werden darf, obwohl die Medien tagein tagaus darüber berichten, gar nicht benennen. Nicht Herr Sarrazin ist nach der Mehrzahl der befragten das Problem, sondern die Politik, die sich nicht an das Problem rantraut. Ob die Ursachen die Sarrazin ausmacht wirklich die sind, die er beschreibt, sei einmal dahingestellt. Es handelt sich um das alte Problem von Korrelation und Ursache. Aber dass es ein Problem gibt und nicht erst seit Sarrazin, das wird doch wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen. Wie will man aber einem Problem Herr werden, wenn jede Diskussion darüber rein normativ geführt wird? Wenn jeder Politiker und scheinbar auch jeder Journalist Angst davor hat, nicht mehr in den Diskurs integriert zu werden, wenn er sich nicht an vorgegebene Denkschablonen hält, dann wird man kaum Mittel und Wege finden.

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