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Harter Lockdown Wissenschaftler-Initiative „No Covid“ will das Virus ausrotten

Eine Gruppe von Virologen, Ökonomen, Soziologen, Ärzten, Juristen und Politikwissenschaftlern hat einen Aufruf gestartet. Sie will den „Lockdown-Eiertanz“ radikal beenden.
19.01.2021 - 12:59 Uhr 6 Kommentare
Der Lockdown durch das Coronavirus bringt nun zahlreiche Wissenschaftler auf die Barrikaden. Sie fordern einen Kurswechsel. Quelle: action press
Lockdown im Einzelhandel

Der Lockdown durch das Coronavirus bringt nun zahlreiche Wissenschaftler auf die Barrikaden. Sie fordern einen Kurswechsel.

(Foto: action press)

Berlin Einmal richtig in den Lockdown – und dann wieder frei leben. Für das Ziel „No Covid“ sprechen sich immer mehr Wissenschaftler aus. Die Ifo-Ökonomen Clemens Fuest und Andreas Peichl, die Virologin Melanie Brinkmann, der Soziologe Heinz Bude und der Physiker Michael Meyer-Hermann zählen mit acht weiteren Wissenschaftlern zu den Unterzeichnern eines entsprechenden Aufrufs, der an diesem Dienstag veröffentlicht wurde

Sie schlagen vor: erstens die Infektionszahlen auf null absenken. Zweitens durch lokale Mobilitätskontrollen, strenge Quarantäne und Massentests die Rückkehr des Virus lokal verhindern. Und drittens bei sporadischen Neu-Auftritten des Corona-Virus rigorose räumlich begrenzte Lockdowns. Für die meisten Menschen wäre das Leben nach dem ersten knallharten Anfangslockdown wieder normal.

Vorbild für eine solche Strategie sind Asien und Australien, und dort vor allem die Stadt Melbourne, die genau so vorgegangen und jetzt weitgehend Corona-frei ist. Von Australien und Neuseeland, von Taiwan und auch Finnland könnten Deutschland und Europa lernen, so die Wissenschaftler.

Sie erinnern daran: Auch Deutschland hatte bereits im Sommer die sehr niedrige Inzidenz von 2,5 Neuansteckungen auf 100.000 Einwohner pro Woche nach dem Frühjahrs-Lockdown erreicht. Dies zeige: Es gehe, so die Wissenschaftlergruppe. Mit dem Ziel vor Augen ließen sich auch die zunehmend Corona-müden Bürger wieder motivieren, nach dem Motto: Einmal richtig anstrengen, dann das Leben genießen.

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    Petition Zero Covid sammelt Unterschriften

    Ausgangspunkt der Initiative No Covid ist ein Aufruf von 300 renommierten Wissenschaftlern, den am 18. Dezember die Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht hatte. Zu dieser Gruppe zählten aus Deutschland Melanie Brinkmann und Viola Priesemann, Christian Drosten und der Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler. Inzwischen kursiert in den sozialen Medien unter dem Hashtag „#Zerocovid“ eine Petition an die Bundesregierung, die über 50.000 Unterstützer hat.

    Die „The Lancet“-Gruppe hatte als Lockdown-Ziel eine Inzidenz von zehn gefordert und verlangt, dass die EU-Staaten ihre Lockdowns auf dieses Ziel hin synchronisieren müssten. Einzelne Staaten könnten dieses Ziel nur mit Grenzkontrollen erreichen.

    Dass die deutsche Petition nun sogar das Ziel null Infektionen ausgibt, begründen ihre Initiatoren mit den neuen, stärker ansteckenden Virus-Mutationen. „Die pandemische Lage hat sich aufgrund der neuen Virusvarianten noch deutlich zugespitzt“, heißt es in dem Papier.

    Zu befürchten sei eine „neue Überlastungssituation“ im Gesundheitswesen. Deshalb müssten durch „schnelles und entschlossenes Handeln die Fallzahlen umgehend auf den niedrigstmöglichen Stand abgesenkt“ werden. Brinkmann und Meyer-Hermann haben das Papier während einer Videokonferenz am späten Montagnachmittag dem Kanzleramt und den Ministerpräsidenten vorgestellt.

    Nach den Argumenten der Wissenschaftler-Gruppe ist es nicht möglich, „vulnerable Gruppen“ zu schützen: 40 Prozent in Deutschland zählten zu den Alten und Vorerkrankten. Es habe sich zudem gezeigt, dass sich das Virus nirgendwo auf eine Altersgruppe habe eingrenzen lassen und dass auch jüngere Menschen schwere gesundheitliche Schäden erlitten haben. Auch sei es „Mythos“, dass die Wirtschaft weniger einbreche, wenn man versuche, mit dem Virus zu leben: Kurzfristig sei dann der Einbruch zwar geringer, langfristig aber seien die wirtschaftlichen Schäden durch die längere Pandemie-Dauer aber höher.

    Gesellschaftlichen Konsens herstellen

    „Wir müssen das Ziel No Covid klar vor Augen haben und einen gesellschaftlichen Konsens herstellen, dass wir nicht mit dem Virus leben wollen und können, sondern es besiegen wollen“, heißt es in dem Papier. Vor Ort müssten dann mit Beginn der Lockerungen alle auf das Ziel verpflichtet werden, Corona-freie Zonen zu erhalten.

    Von diesem Konsens ist Deutschland allerdings weit entfernt. „Zero Covid ist völlig unrealistisch“, twitterte Michael Hüther, Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Melbourne habe drei Monate gebraucht, um Zero Covid zu erreichen. Um von der Inzidenz zehn auf null zu kommen, brauchte es fast vier Wochen. Für ein Industrieland wie Deutschland sei das nicht verkraftbar, so Hüther.

    In drei Monaten, so die Hoffnung, lasse sich das Infektionsgeschehen wegen des wärmeren Wetters und steigender Impfzahlen ohnehin leichter eindämmen. Selbst wenn die Inzidenz null hierzulande erreicht würde, wäre ihr Erhalt wohl sofort wieder durch die bekannten Schwachpunkte gefährdet: fehlende Digitalisierung der Gesundheitsämter, fehlende Schnelltests, zu wenig Personal in den Ordnungsämtern und auch bei der Polizei vor Ort, um Verstöße gegen Quarantäne-Verordnungen auch zu ahnden.

    In der Beschlussvorlage des Kanzleramts für die Ministerpräsidentenkonferenz am Dienstagnachmittag taucht denn auch das Ziel No Covid nicht auf. „Wir müssen die Infektionszahlen jetzt wieder dauerhaft unter eine Sieben-Tage-Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner senken, damit wir ähnlich wie im Sommer des letzten Jahres auf niedrigem Infektionsniveau unsere Freiheiten wieder zurückgewinnen können“, heißt es darin und: „Solange wir auf einem mittleren bis hohen Infektionsniveau verharren, entsteht jedoch kein Raum für Lockerungen.“ Entsprechend soll der Lockdown bis 15. Februar verlängert und leicht verschärft werden.

    Mehr: Die Datenlage des RKI bleibt unsicher.

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    6 Kommentare zu "Harter Lockdown: Wissenschaftler-Initiative „No Covid“ will das Virus ausrotten"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Professor Hickel, einer der Unterzeichner dieser NO-COVID-/Green-Zone-Initiative, äusserte dazu heute im Interview mit der Zeit: "Mein Motiv ist auch persönliche Verzweiflung. ... Es ist eine Vision. Sie ist agitatorisch-populistisch. Und natürlich hoch symbolisch. ... Aber erlauben Sie uns doch etwas didaktische Radikalität!"

      Dem ist allenfalls hinzuzufügen: Sandkastenspiel im Elfenbeinturm.

    • Hört sich ja in der Theorie toll an. Aber wie will man denn deutsche, bzw. europäische Grenzen schützen was man ohnehin nie wollte und deren Offenheit als sakrales Dogma gilt ? Jetzt auf einmal soll das möglich sein ? Spätestens nach der nächsten Grenzöffnung wäre sowieso alles wieder obsolet.
      Angeblich sind unsere Zahlen trotz zweier Lockdowns bereits schlimmer als in den USA. Und was hat der böse Donald Trump und die unvernünftigen Schweden gemacht ? Nichts !
      Und genau das sollten wir auch tun.

    • Ist das dann künftig das Muster auch zur Lösung anderer Probleme: 2 Monate alle Heizungen (und auch die weltweite Server-Infrastruktur) abstellen, damit mal der C02-Ausstoss runter geht; 3 Monate keine Staatsausgaben mehr, damit wir die Staatsverschuldung wieder in den Griff bekommen? Das ist doch ein erschreckend naives eindimensionales Verständnis für Problemlösungen in einer hochkomplexen Welt! Wir können uns nicht davor drücken, uns mit der Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen auseinander zu setzen.

    • Ich kann Herrn Hüther nur beipflichten, Zero Covid ist total unrealistisch. Die Verfasser sind ja durch vielfältige Auftritte in dem Medien bekannt. Im Sandkastenspiel und in mathematischen Modellen ist vieles möglich. Die Verfasser haben aber vergessen, dass sie es mit Menschen zu tuen haben. Dieses kommt in den Betrachtungen der Wissenschafter viel zu kurz. Sie haben auch ausgeblendet, dass sie es waren, die die Politik seit Anfang November in die falsche Richtung gelockt haben, aus der die Regierung mit den Ländern nicht mehr heraus findet. Herr Wieler sollte sich mehr um belastbare Zahlen und die Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern durch sein Bundesamt kümmern und nicht noch zusätzlich neue Modelle durch das Land zu jagen. Es kann mich nur wundern, dass der Gesundheitsminister dieses Handeln toleriert. Solche Dinge passieren, wenn die Volksvertreter sich einer solchen Debatte entziehen, oder durch den direkten Draht dieser bekannten Wissenschaftler in die Regierung, werden sie außen vor gelassen. Der Bundestag und die Länderparlamente sollten sich ihrer Rolle als Volksvertreter endlich bewusst werden. Mich machen diese Vorschläge von Zero Covid nur noch fassungslos. Das Beratungsteam der Bundesregierung sollte schnell ausgewechselt werden. Nach Informationen der Bildzeitung hat das Kanzleramt alternative Wissenschaftler die ein Land vorgeschlagen hatte nicht zugelassen. So befinden wir uns in einer Einbahnstraße geleitet von Wissenschaftlern, die den Kontakt zur Öffentlichkeit verloren haben.

    • Herr Hüther hat völlig recht. Die Verhältnismäßigkeit ist einigen Protagonisten verloren gegangen.

      Wir sind keine Insel wie Australien. Australien hatte praktisch nie eine wirkliche Inzidenz, das Virus hat sich nie wirklich in der Bevölkerung verteilt.

      Und die Vorhersagen der Modellierer sind bisher auch wirklich oft danebengegangen.

      Eine solche Initiative wäre am Anfang im März 2020 gut gewesen. Da haben aber alle Verantwortlichen geschlafen.

      Jetzt alles abzuschalten, um während des Winters und während einer anlaufenden Impfkampagne so viele Existenzen und Unternehmen zu zerstören, kann man wirklich nicht begreifen. Schon der Lockdown im Dezember ging ins Leere, die Modelle der Leopoldina lagen mal wieder daneben.

      Zu den Virusmutanten ist noch fast nichts klar, in UK und Irland gehen die Zahlen mit den klassischen Einschränkungen gerade zurück. Was ist an der Mutante also so völlig anders?

      Aufgrund von Befürchtungen werden Maßnahmen ergriffen. Und auch zu den Maßnahmen haben wir noch immer keine Wirksamkeitsdaten. Ebenso wenig Daten haben wir von den Infektionsorten. Warum nicht? Warum steht das nicht heute in der Aufgabenliste der Regierung?

      Warum wird die Nachverfolgung noch immer so langsam und unsinnig durchgeführt?
      Bis jemand in Quarantäne kommt, hat er schon lange angesteckt (wenn er infiziert ist) - und wird nicht einmal getestet! Warum lassen wir die Ketten immer weiterlaufen?

      Warum werden noch immer (oder schon wieder) Menschen mit leichten Symptomen nicht getestet?
      PCR-Tests sind verfügbar, Schnelltests auch. Warum lassen wir die Ketten immer weiterlaufen?

      So würden wir keine 7 Tage auf kleiner Inzidenz bleiben.

    • Was soll die von Medien und Politik geschürte Angstmache vor der neuen (britischen) Virusmutation? In jüngsten Interviews haben die Virologen Drosten, Streeck und Kekulee keinen Grund für Panik in der neuen Variante gesehen. Virusmutationen sind etwas völlig Normales. Inzwischen gibt es einige 100 Varianten von Covid-19. Fachleute gehen von einer leicht erhöhten Infektiosität der "britischen" Variante aus. Es ist zwar um den Faktor 0,4 - 0,7 ansteckender, aber die gute Nachricht ist, das im Laufe einer Pandemie die Mutationen oft mit einem leichteren Krankheitsverlauf einhergehen. Denn eigentlich hat ein Virus keine "Interesse" seinen Wirt zu töten, dann wäre es nämlich auch bald tot.
      Die "No Covid" Idee ist für mich eine theoretisches Hirngespinst. Sie scheint in Australien und Neuseeland nur zu funktionieren, weil diese Inseln auf Grund ihrer isolierten Lage eine strikte Kontrolle der Einreisen organisieren können. Was aber, wenn irgendwann die Kontrollen nachlassen? Wissen die Behörden in den beiden Ländern wieviel asymptomatische Fälle es gibt? Wie hoch ist die Dunkelziffer?
      Wollen die Vertreter dieser Schnapsidee die EU für 4 Wochen dicht machen? Und dann immer wieder harte Lock Downs in den neue aufflackernden "Infektionsnestern"?
      Nein, das Virus wird man nicht mehr los. Es wird sich immer wieder ändern und Teil unserer Lebenswelt werden, wie viele andere Viren auch. Die Politik soll sich lieber mit der Beschleunigung der Impfkampagne befassen, als mit weltfremden epidemiologischen Modellrechnungen.



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