Hartz IV im Selbstversuch 7,45 Euro – genug zum Leben?

Seite 2 von 4:
Die Einsamkeit sei das Zweitschlimmste

Was ist Hartz-4?

Egal, wie niedrig der Satz ist: Für mich wird nach den zwei Wochen alles wie immer sein. Ich kann mit Freunden etwas Trinken gehen, ohne groß darüber nachzudenken, ob mein Konto das her gibt. Sollte meine Waschmaschine kaputt gehen, muss ich mir eben eine neue kaufen, auch wenn mir das auch nicht so leicht von der Hand gehen würden. Bei Schuhen oder einer Winterjacke würde ich nicht lange überlegen. Außerdem habe ich Arbeit, mein Tag ist ausgefüllt. Dass ich von heute auf morgen auf Hartz IV angewiesen sein sollte, ist unwahrscheinlich.

Das Wissen, dass diese Situation wieder vorbei geht, dass sie gewollt herbeigeführt wurde, ist eine völlig andere, als aus welchem Grund auch immer auf Hartz IV angewiesen zu sein. Was sie mit Menschen macht, bei denen kein Ende in Sicht ist, kann ich nur erahnen.

Aber Britta weiß es. Sie ist eine von 4,3 Millionen Hartz-IV-Empfängern in Deutschland. Sie würde gerne arbeiten, sagt sie. Aber sie findet nichts. Eigentlich ist die 55-Jährige Verkäuferin. Vor vier Jahren verlor sie ihren Job. Bewerbung um Bewerbung hat sie seitdem verschickt. Muss sie auch, es ist eine der Auflagen des Jobcenters. Doch meist bekommt sie nicht mal eine Absage.

Sie vermutet, dass ihr Qualifikationen fehlen, dass sie zu lange raus ist, dass sie zu alt ist. Dabei wäre sie dankbar, wenn sie endlich wieder eine Aufgabe hätte. Sie sagt, das sei das Schlimmste – sich überflüssig fühlen.

Die Einsamkeit sei das Zweitschlimmste, sagt Britta. Die fehlenden sozialen Kontakte. Ein Leben im Abseits zu führen. Fast immer sei sie Zuhause. Wo solle sie auch hin, mit ein paar Euro in der Tasche? Womit sich die Zeit vertreiben? Das Radio laufe den ganzen Tag. Nicht immer würde sie zuhören. Aber so sei es wenigstens nicht so still in der Wohnung.

Sie ist dankbar, dass es Hartz IV gibt. Doch mit dem Geld auszukommen sei schwer. Auch deshalb, weil sie noch Schulden zurück zahlen muss. Frisches Obst oder Gemüse kann sie sich nur selten leisten. Also geht sie zur Düsseldorfer Tafel. Sie schämt sich dafür. Aber hier bekommt sie nicht nur Lebensmittel, sondern kann auch mal ein paar Worte mit jemandem wechseln.

Für mich übernehmen Freunde und Kollegen die Aufgabe der Düsseldorfer Tafel, wenigstens zum Teil. Und ich stelle meine Essgewohnheiten um. Auf Brot und Nudeln. Nudeln und Brot. Merke, dass ich den Kauf von Dingen, die ich eigentlich brauche, aufschiebe – Waschmittel zum Beispiel, oder Shampoo. Ich nehme stattdessen die Proben im Drogeriemarkt mit, ohne dort etwas zu kaufen. Ein bisschen schäme ich mich deshalb. Und trotzdem, ich schummle. Denn ich weiß ja, in zwei Wochen kann ich alles wieder bedenkenlos kaufen.

Brot und Nudeln. Nudeln und Brot
Seite 1234Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Hartz IV im Selbstversuch - 7,45 Euro – genug zum Leben?

10 Kommentare zu "Hartz IV im Selbstversuch: 7,45 Euro – genug zum Leben?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Absolut Sinnfreie Übung. Nicht geeignet um auch nur irgendetwas herauszufinden. Wie wenn ein Raucher 10 Minuten aufhört zu rauchen so zum Test um zu zeigen wie schwer der Verzicht ist. Was soll das?
    Die feine Dame sollte mal kündigen und die Sache ohne wenn und Aber mit allen Konsequenzen für mindestens 1 Jahr durchziehen. Dann würde sie merken das die Harzies in unserem Land keine Lobby haben.

  • Ab einem gewissen Alter und Erfahrungshintergrund (der eben kostet) bekommen sie nur noch mit unglaublich vile Glück in einem anständigen Unternehmen Arbeit.
    Ansonsten werden Ihre Unterlagen postwendend in den Mülleimer geworfen.
    Nebenbei macht das Jobcenter irrigerweise einen Druck der nicht auszuhalten ist. Denn ich kann diesen Druck auch nicht bei einem Arbeitgeber machen. Ich kann niemanden zwingen mich einzustellen. Ich muss mich an die Regeln des Arbeitgebers halten. Und in vernünftigen Firmen läuft eine Bewerbung schriftlich. Und dann ichmuss ich warten. Und ggfs darf ich noch Zwischenfragen beantworten. Und dann muss ich wieder warten.
    Jeder normale Mensch, der schon in der freien Wirtschaft gearbeitet hat weiß das. Nur die Jobcenter ignorieren dies. Natürlich können die jew. Sachbearbeiter nichts dafür. Den Druck bekommen sie von "oben". Also mal ganz ehrlich: wie krank kann man Menschen behandeln? All die selbstherrlichen Erfinder von Hartz 4 gehören einer Zurechnungsfähigkeitüberprüfung unterzogen.
    Man kann die Probleme der Wirtschaft und der Politik nicht auf dem Rücken der einzelnen abladen.
    Wie unproduktiv ist dieses ganze Hartz 4 Gebahren.
    Wie unproduktiv ist es Menschen mit drohender Obdachlosigkeit in Panik zu jagen. Das sind Traumata, von denen sich nicht jeder so locker-flockig erholt. Und dann wieder freudestrahlend am neuen Arbeitsplatz erscheint. Um dann wieder brav Arbeitslosengeld zu zahlen, von dem man am Ende doch nicht hat ausser Repressalien.
    Wie KRANK ist unser System geworden?

  • Die Armen sind leider nicht deshalb arm weil die Reichen ihnen das Geld wegnehmen. Das ist übliche Neiddebatte.

  • Dazu passen gut die Qxfam-Aussagen über das "ausgewogene" Verhältnis von reich und arm und die Bonizahlungen an Bankmanager.
    Die Verhältnisse werden sich solange nicht ändern, bis die SPD das "Sozial" in ihrem Namen wieder entdeckt und entsprechend agiert.

  • Als allein erziehender Rentner, Mini-Rente, trotz 40 Arbeitsjahren, sind mein 15 jähriger Sohn und meine 9 jährige Tochter bereits Hartz 4 Emfänger. Erzählen Sie den beiden mal, das sie gefälloigst Arbeiten gehen sollen.

  • unwürdig ist es, über andere zu urteilen ohne selbst jemals in deren Lage gewesen zu sein.

  • H4 Empfänger leben wie viele andere deshalb ungesund, weil zum einem ungesunde Lebensmittel billig sind und zum anderen das Wissen fehlt. Die Aussage, wer arm und fett ist, scheint mehr als genug Geld zum Kauf von Nahrung zu haben ist mehr als platt und dumm.

    Zum anderen sind es leider oft sehr qualifizierte Leute, die einfach nur nicht in das Altersschema passen. Man möchte 30 jährige Fachkräfte, die 25 Jahre Berufserfahrung haben.

    Drogen wie Zigaretten und Alkohol sind oft ein Zeichen der Ausweglosigkeit. Natürlich fragt man sich, kaum Geld vorhanden aber für Bier und Tabak reicht es noch, aber wer ist so stabil, dass er nach der 50ten erfolglosen Bewerbung und dem ständigen Betteln auf dem Amt und mit dem ständigen Gefühl im Nacken man sei selbst schuld keine Arbeit zu bekommen, dass er den einzigen scheinbaren Halt nämlich das Vergessen in Drogen widerstehen kann.....

    Noch was zum Essen: Um 2000 kcal. zu mir zu nehmen, kann ich entweder für 50 Cent Nudeln kaufen oder für 5 Euro frisches Gemüse. Was macht man, wenn man wenig Geld hat? Mit wenig Geld satt werden. Wer denkt über Mangelerscheinung und Gesundheit nach, wenn er mit wenig Geld auskommen muss?

    Und wie viele, die arm sind, haben nicht mal kochen gelernt? Also kauft man was billig ist, satt macht und einfach geht..

    25 kg Kartoffeln bekommt man manchmal schon für 10 Euro oder weniger. Damit kann man als einzelne Person 25 Mahlzeiten zubereiten und hat dann noch genug Geld für Gemüse und etwas Käse und lebt relativ gesund. Wenn man die Zusammenhänhe nicht kennt, macht man das aber nicht.

    Es wäre ratsam, kostenlos Ernährungsberatung anzubieten leider haben die meisten Berater keine Ahnung wie man günstig gesund leben kann. Und da es sowieso niemand interessiert, wie arme Menschen gesund leben, passiert auch nichts. Es ist eben einfacher zu pauschalisieren und zu verurteilen.


  • Sorry, vertippt - nicht 850, aber 85 reicht auch schon ...


  • Mir wird übel, wenn ich derartige Aussagen lese: 'eine wenn auch gering bezahlte Arbeit annehmen'.

    Ich und auch die Mitarbeiter bei der Agentur für Arbeit kennen viele arbeitssuchende Personen, die erfahren, hochqualifiziert, körperlich und geistig total fit und arbeitswillig sind und die frustrierende Erfahrung gemacht haben, daß ihre vielen Bewerbungen ganz schnell weisungsgemäß im Papierkorb landen, sobald ein HR-Manager oder oft auch nur ein Azubi dort auf das Geburtsdatum schauen.

    Soll ich vielleicht meinen Lebenslauf und mein Geburtsdatum fälschen, damit mich Arbeitgeber nicht von Haus aus ablehnen, weil ich 'überqualifiziert' und zu alt bin?
    Ich habe bei ca. 850 Bewerbungen gerade mal 2 Termine zur persönlichen Vorstellung bekommen ..

    Und da will man nun allen Ernstes lieber junge, weniger qualifizierte aber halt billigere neue Gastarbeiter ins Land holen, weil es angeblich in Deutschland zu wenige gute Fachkräfte gibt.
    Die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft sind ja nicht betroffen - die haben es sich ja schon gerichtet ...
    Irgendwann kommt das böse Erwachen. Spätestens dann, wenn mal einer den berechtigten Zorn und Frust der Alten koordiniert.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%