Helmar Rendez

Der LEAG-Chef warnt vor den Folgen eines übereilten Braunkohle-Ausstiegs.

(Foto: picture alliance / Patrick Pleul)

Helmar Rendez Chef des Energieversorgers LEAG warnt vor einem übereilten Braunkohle-Ausstieg

Die Bundesregierung will einen Weg aus der Kohleverstromung finden. Im Interview spricht LEAG-Chef Rendez über die Risiken eines schnellen Ausstiegs.
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BerlinAm Dienstag nimmt die von der Bundesregierung eingesetzte Strukturwandelkommission ihre Arbeit auf. Sie soll einen Weg aus der Kohleverstromung weisen. LEAG-Vorstandschef Helmar Rendez wird die Arbeit der Kommission sehr genau verfolgen. Sein Unternehmen ist neben RWE einer der beiden großen Braunkohleverstromer in Deutschland.

Er warnt vor den Folgen eines übereilten Ausstiegs. Rendez spricht für die ganze Branche: Er wurde Anfang Juni zum Vorsitzenden des Branchenverbands DEBRIV gewählt.

Herr Rendez, Deutschland wird seine Klimaziele für 2020 ganz eindeutig verfehlen. Ist es da nicht dringend geboten, rasch Braunkohlekraftwerke vom Netz zu nehmen?
Wir müssen das energiewirtschaftliche Dreieck aus Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz in den Mittelpunkt der Überlegungen rücken. Das tut erfreulicherweise auch der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD.

Insofern bin ich optimistisch, dass am Ende der bevorstehenden Debatten ausgewogene Maßnahmen stehen. Ich erwarte sachbezogene, verantwortungsbewusste Entscheidungen. Es kann und wird nach meiner Überzeugung nicht darum gehen, nun möglichst schnell das Aus für eine Reihe von Kraftwerken zu beschließen.

Weckt die Zusammensetzung der Kommission, die einen Weg aus der Kohleverstromung aufzeigen soll, bei Ihnen nicht die Befürchtung, dass das Thema Klimaschutz einseitig in den Vordergrund gerückt wird?
Nein, diese Befürchtung habe ich nicht. Die Kommission trägt schon in ihrem Titel die entscheidenden Begriffe „Strukturwandel, Wachstum und Beschäftigung“.

Ich sehe in der Kommission ein breites Spektrum von Personen, die sich nicht der Erkenntnis verschließen werden, dass der Energiesektor seine Verpflichtungen in den vergangenen Jahren stets erfüllt hat und in den kommenden Jahren nach Maßgabe des europäischen Emissionshandels auch weiter erfüllen wird.

Hinzu kommt, dass die Bundesregierung ja auch noch eine Kommission für den Wärmesektor und eine weitere für den Gebäudesektor einberufen wird. In diesen Bereichen besteht ohne Frage großer Handlungsbedarf.

Am Ende wird die Kohlekommission aber auch die Frage beantworten müssen, wie viele Kohlekraftwerke bis wann abgeschaltet werden müssen. Welchen Rat geben Sie?
Ein ganz wichtiger Aspekt bei allen Überlegungen muss die Versorgungssicherheit sein. Sie ist eine der Grundlagen unseres Wohlstands. Deutschland belegt hinsichtlich der Versorgungssicherheit im europäischen Vergleich Spitzenwerte. Die Stromverbraucher in Deutschland sind an eine annähernd unterbrechungsfreie Stromversorgung gewöhnt.

Sie gehen davon aus, dass das der Normalfall ist. Das ist aber keineswegs so. Auch in der EU nicht. Selbst in Finnland und Schweden können Sie erleben, dass der Strom in einzelnen Regionen gleich mal für mehrere Tage weg ist. Für viele Produktionsprozesse ist schon eine Unterbrechung im Sekundenbereich ein Riesenproblem.

Welche Lehren ziehen Sie daraus?
Wir dürfen die Versorgungssicherheit nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Die Braunkohlekraftwerke, die hierzulande für knapp ein Viertel der Stromerzeugung stehen, sind die Innenverteidigung des Stromversorgungssystems. Sie liefern Strom absolut verlässlich und preisgünstig. Und das auch noch mit einem Rohstoff, der subventionsfrei in Deutschland gewonnen wird.

Aber der Anteil von Wind- und Sonnenstrom wächst stetig.
Das ist politisch so gewollt und weitgehend gesellschaftlicher Konsens. Der Beitrag von Windrädern und Photovoltaikanlagen zur Versorgungssicherheit ist aber minimal. Ein Beispiel: Wir hatten Anfang Januar 2017 eine Phase von drei Wochen, in denen mittels Wind und Sonne deutschlandweit kaum Strom produziert wurde. In dieser Phase ließ sich die Stromversorgung nur mit konventionellen Kraftwerken aufrechterhalten.

Wenn man bedenkt, dass die Atomkraftwerke nach 2022 keine Rolle mehr spielen werden, wird die Bedeutung von Kohlekraftwerken eher steigen. Hinzu kommt, dass viele Betreiber konventioneller Kraftwerke ihre Anlagen aus wirtschaftlichen Gründen bei der Bundesnetzagentur zur Abschaltung angemeldet haben.

Es ist absolut klar, dass wir Anfang des kommenden Jahrzehnts in eine Situation hineinlaufen, in der gesicherte Kraftwerkskapazitäten knapp werden. Wir werden dann die Jahreshöchstlast, also den Zeitpunkt mit dem höchsten Stromverbrauch, nicht mehr gesichert abdecken können.

Dieser Blick ist auf Deutschland fokussiert. Versorgungssicherheit lässt sich auch durch Kraftwerke jenseits der Grenzen gewährleisten.
Da bin ich sehr skeptisch. Die gesicherte Leistung, also die jederzeit verfügbare Stromerzeugungsleistung, schrumpft nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Hinzu kommt, dass Knappheitssituationen häufig parallel in mehreren Ländern auftreten.

In Frankreich wird der Strom im Sommer regelmäßig knapp, wenn die Flüsse nicht mehr ausreichend Kühlwasser liefern und Kernkraftwerke deshalb runtergefahren werden müssen. Wenn in einer solchen Phase auch die deutsche Erzeugung eng ist, wird es schnell schwierig.

Der europäische Verbund funktioniert nur, wenn einige Partner Kapazitäten übrig haben, wenn andere sich nicht selbst versorgen können. Wenn Knappheit synchron auftritt, hilft der europäische Verbund nicht.

Sie empfehlen die Braunkohle als Back-up für die erneuerbaren Energien. Für diese Rolle sind aber flexible Gaskraftwerke prädestiniert.
Da muss ich deutlich widersprechen. Das hat sich grundlegend gewandelt, in erster Linie durch massive Investitionen der Branche in die Anlagen. Früher waren Braunkohlekraftwerke so konzipiert, dass man sie möglichst das ganze Jahr über gleichbleibend und durchgehend Strom produzieren ließ. Heute haben wir eine Flexibilität erreicht, die fast der eines Gaskraftwerkes entspricht.

Wie organisiert man das Auslaufen der Kohleverstromung?
Es gibt für das rheinische Braunkohlerevier, das mitteldeutsche Revier und auch für die Lausitz klar definierte, mit der Landespolitik abgestimmte Pfade, die eine stufenweise Reduktion der Braunkohleförderung und -verstromung vorsehen. Wir reden dabei über Zeithorizonte von etwa einer Generation. Diese Pfade tragen der besonderen Situation der Versorgungssicherheit wie der regionalen Entwicklung Rechnung.

Was meinen Sie damit?
Wenn man ein Kernkraft- oder Steinkohlekraftwerk stilllegt, schaltet man es ab und schließt das Werkstor ab. Bei der Braunkohleverstromung gibt es dagegen immer einen Dominoeffekt. Ein Tagebau versorgt ein oder mehrere Kraftwerke.

Wenn man ein Kraftwerk abschaltet, fehlt ein Glied in der Kette. Der Tagebau muss aber dennoch weiterbetrieben werden. Wir können den Tagebau dann nicht mehr effizient bewirtschaften, das führt zu Zusatzkosten. Wenn man beliebig Kraftwerke stilllegen würde, würde das zu einem Dominoeffekt im Tagebau führen. Das kann niemand wollen.

Welche Zukunft sehen Sie für eine Region wie die Lausitz?
Die Region kann zu einem Forschungs- und Wissenschaftsstandort entwickelt werden. Das Silicon Valley war vor fünfzig Jahren eine Region, in der der Pfirsichanbau dominierte. Das ist ein gutes Beispiel dafür, was alles möglich ist. Eine wichtige Voraussetzung ist allerdings, dass man der Region Zeit für den Strukturwandel gibt und die heutigen zentralen Wertschöpfungsketten rund um die Braunkohle nicht zerstört.

Was kostet der Strukturwandel in den betroffenen Regionen?
Mit dieser Frage muss sich die Politik befassen. Der Thinktank Agora veranschlagt für alle Reviere verteilt auf 15 Jahre insgesamt 1,5 Milliarden Euro. Ob das ausreichend ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Allein die LEAG steht jedenfalls in der Lausitz für eine jährliche Wertschöpfung in Höhe von 1,4 Milliarden Euro.

Davon gehen 900 Millionen Euro an unsere Lieferanten und Dienstleister, weitere 500 Millionen zahlen wir an Gehältern.

Herr Rendez, vielen Dank für das Interview.

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