Helmut Kohl wird 85. Der gefesselte Riese

Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl wird 85. Doch eine Party gibt es nicht. Der Altkanzler feiert still. Über einen Mann, der Großes geleistet und am Ende doch viel verloren hat.
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Der Altkanzler wird 85 Jahre als. Aber eine große Party gibt es nicht.
Helmut Kohl

Der Altkanzler wird 85 Jahre als. Aber eine große Party gibt es nicht.

BerlinEs ist eine bittere, aber vielleicht die treffendste Beschreibung: Helmut Kohl ist heute ein gefesselter Riese. So hat es Österreichs früherer Bundeskanzler Wolfgang Schüssel im Dezember in Dresden bei einem Festakt mit Kohl zum 25. Jahrestag des Mauerfalls formuliert. 2008 erlitt Kohl bei einem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma, seither sitzt er im Rollstuhl und kann nur schwer sprechen. Am Karfreitag (3. April) wird er 85 Jahre alt. Kohl, der Rekord-Kanzler, der „Kanzler der Einheit“, der einstige CDU-Übervater, dem Partei und Bürger über viele Jahre folgten – und an dem sich viele Menschen bis heute reiben.

Kohl-Freund Schüssel sagt, man habe immer gewusst: „Im Zweifel können wir uns auf diesen Riesen, der heute hier gefesselt vor uns sitzt, (...) verlassen.“ Andere Weggefährten haben sich von ihm abgewandt. Die Beziehung zu seinen Söhnen gilt als schwer belastet, sein Verhältnis zu weiten Teilen der CDU seit der Spendenaffäre als getrübt. Die Partei veranstaltet keine Feier an seinem Geburtstag. Stattdessen soll es im Sommer ein Symposium zu seinen Ehren geben. „Den Geburtstag selbst verbringt Dr. Helmut Kohl im privaten Kreis“, teilt die Konrad-Adenauer-Stiftung mit. Vermutlich will es Kohl selbst so. Eine Anfrage beantwortet er nicht.

Die Junge Union will ihm aber eine ganze Sammlung von Geburtstagsständchen schicken, und die CDU-Landesgeschäftsstelle von Rheinland-Pfalz will sich nach Kohl benennen. Kleine Aufmerksamkeiten für einen Mann, der Großes geleistet hat, und an den die Partei nicht mehr so richtig heranzukommen scheint.

„Merkel konnte ja nicht mit Messer und Gabel essen“
Keine Manieren
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„Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte bei den Staatsessen herum, so dass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musst.“

Zitat aus dem „Spiegel“

Diese und weitere Zitate hat Heribert Schwan an die Öffentlichkeit gegeben
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Kohls Ghostwriter verfasste die Memoiren des Altbundeskanzler, die unter dem Titel „Kanzler der Einheit“ erschienen sind. Von 2001 bis 2002 zeichnete der WDR-Journalist die Gespräche mit Kohl auf – in 105 Sitzungen kam er auf über 600 Stunden Material. In den Gesprächsprotokollen soll Kohl deutliche Worte für seine Parteifreunde gefunden haben, Schwan veröffentlicht einen Teil der Gesprächsprotokolle in seinem Band „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“. Das Nachrichtenmagazin der „Spiegel“ zitiert daraus vorab in seiner aktuellen Ausgabe.

Friedrich Merz und Angela Merkel im Bundestag 2000:
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Über die beiden soll Kohl gesagt haben „Die Merkel hat keine Ahnung, und der Fraktionsvorsitzende ist ein politisches Kleinkind.“

Ein Verräter und eine Null
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„Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null.“

Das soll Kohl in den Gesprächen mit dem WDR-Journalisten Schwan über den Ex-Bundespräsidenten Wulff gesagt haben.

Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler
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Kohl soll seinen damaligen Generalsekretär Geißler als „hinterfotzig“ bezeichnet haben – ebenso wie Arbeitsminister Norbert Blüm und Finanzminister Gerhard Stoltenberg. Die Partei habe Kohl in Freunde und Feinde eingeteilt, schwarz und weiß, etwas dazwischen habe es kaum gegeben.

Altbundeskanzler Kohl und sein damaliger Sozialminister Norbert Blüm
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So harmonisch wie in diesem Foto 1997 war das Verhältnis offenbar nicht. „Da muss bei Blüm das Wort rein: Verräter. In irgendeiner Form“, so Kohl. In den Memoiren hieß es schließlich, es sei falsch gewesen, bis zum Ende an Blüm als Minister festzuhalten. Und: „Im Lichte der Ereignisse frage ich mich heute, wie ich mich so in seinem Charakter täuschen konnte.“

Norbert Blüm, hier beim CDU-Bundesparteitag im Jahr 2000
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Der ehemalige Sozialminister wollte nicht inhaltlich auf Kohls Tirade eingehen: „Auf dem Niveau diskutiere ich nicht“, sagte er dem Handelsblatt (Dienstagsausgabe).

Der einstige Regierungschef tritt nur noch selten öffentlich auf, und wenn er spricht, ist er kaum zu verstehen. Im November stellte er in Frankfurt am Main ein Buch vor, das er mit Hilfe seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter geschrieben hat: „Aus Sorge um Europa“. Bei der Präsentation saß seine Frau neben ihm, rückte Zettel zurecht, flüsterte ihm etwas zu und war mit einem Taschentuch zur Stelle.

Maike Kohl-Richter wird von verschiedenen Seiten verantwortlich gemacht für Kohls Entfernung von seinen Söhnen Walter und Peter und alten Wegbegleitern wie seinem Fahrer „Ecki“ Seeber. Kohls früherer Ghostwriter Heribert Schwan erklärt Maike Kohl-Richter offen zu seinem „Feindbild“. Sie habe seine Arbeit mit Kohl beendet und strebe die „Deutungshoheit“ über seine Kanzlerschaft an, sagt Schwan.

Er saß 2001 und 2002 mehr als 600 Stunden mit Kohl zusammen und nahm dessen Erzählungen für die Memoiren des Altkanzlers auf Band auf. 2014 veröffentlichte Schwan aber sein eigenes Buch „Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle“ – mit saftigen, von Kohl nicht freigegebenen Zitaten über Angela Merkel („Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen“), Heiner Geißler, Rita Süssmuth und anderen. Kohl klagte mit Erfolg auf Herausgabe der Bänder und gegen die Verwendung von 115 Zitaten. Am 5. Mai entscheidet das Oberlandesgericht Köln womöglich, dass alle Zitate gestrichen werden müssen.

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