Helmut Kohl wird 85. Der gefesselte Riese

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Mit Charme, Humor und Härte

Altkanzler Kohl demontiert sich selbst

Mehr als 40 Jahre war Kohl Parlamentarier, zuerst im Mainzer Landtag und von 1976 an im Bundestag. Sieben Jahre war er Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Als erster deutscher Kanzler kam er durch ein konstruktives Misstrauensvotum am 1. Oktober 1982 an die Macht und stürzte Helmut Schmidt (SPD). Politisch hat er Rekorde errungen, die Nachfolger nur schwer brechen können: 16 Jahre Bundeskanzler (1982 bis 1998), 25 Jahre CDU-Vorsitzender. Und er hat seinen Platz in der Geschichte als der Kanzler, der die Chance zur deutschen Einheit schnell und entschlossen nutzte. So ist er auch der „Kanzler der Einheit“. 1998 wählten die Bürger ihn ab, Rot-Grün gewann.

Dabei wollte Kohl 1996/97 eigentlich schon als Kanzler zurücktreten: „Ich glaubte, 14 Jahre waren genug. Ich hatte auch genug geschafft“, sagte er in einem NDR-Interview, das 2003 geführt und in ganzer Länge erst jetzt, zwölf Jahre später ausgestrahlt wurde. Er wollte den Weg freimachen für Wolfgang Schäuble - doch dann rückte die Euro-Einführung näher und er sah sich als einziger Garant, die damalige knappe schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag zu sichern.

„Ich musste es durchsetzen. Es gab damals ja Gerede, eine Währung, in der Italiener und Griechen dabei sind, kann niemals eine ordentliche Währung werden“, sagte Kohl 2003 im Rückblick. Bei der Vorführung des Interviews Mitte März in einem Berliner Kino müssen die Zuschauer an dieser Stelle lachen. Griechenland steht vor der Staatspleite und belastet die Gemeinschaftswährung. Der Film ist eine Reise in die Vergangenheit, wo ein großer schwerer Mann mit Charme, Humor und Härte über die Höhen und Tiefen der Politik erzählt. Dabei weiß man, dass eben dieser Mensch seit langem so nicht mehr auftreten kann.

Mit der CDU-Spendenaffäre, die die Partei und die ganze Republik 1999 erschütterte, verlor Kohl schließlich für viele Menschen seine Vorbildfunktion. Es war Merkel, die als Generalsekretärin die CDU von ihrem Übervater emanzipierte. Für viele markiert das den Beginn ihrer fortan wachsenden Stärke bis zur eigenen Kanzlerschaft 2005. Versöhnt haben sie sich bis heute nicht. Kohl stellt sich bis heute über geltendes Recht, indem er die Namen jener Spender verschweigt, von denen er Geld am Gesetz vorbei für die Parteiarbeit angenommen hatte. Er habe den Geldgebern sein Ehrenwort gegeben, begründet Kohl das.

Er konnte Menschen schon immer mit Wärme, Witz und Protektion für sich einnehmen. Zu Kanzler-Zeiten beförderte er Karrieren und vernichtete sie. Für Unterstützung erwartete er Dankbarkeit. Als der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte, Dankbarkeit sei in der Politik keine Kategorie, verstand Kohl das nicht.

Privat hat er seine engste Familie verloren. Seine erste Frau Hannelore, die er 1960 heiratete, litt an einer unheilbaren Lichtallergie und nahm sich 2001 daheim in Oggersheim das Leben. 2008 heiratete Kohl die mehr als 30 Jahre jüngere Regierungsdirektorin Maike Richter. Zu seiner Hochzeit waren seine Söhne nicht eingeladen. Walter Kohl berichtete später von Enttäuschung, Kummer und Distanz in seinem Leben als Kanzlersohn. Vor zwei Jahren sprach er aber von „einseitiger Versöhnung“ mit seinem Vater. Dieser sagte im November 2014 dem „Stern“, er habe kein gutes Verhältnis zu seinen Söhnen. Und trotzdem: „Ich bin glücklich.“

  • dpa
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