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Herdenimmunität Wann die Corona-Pandemie trotz Delta-Variante endet

Die Hoffnung auf ein rasches Ende der Pandemie wächst mit steigenden Impfquoten und sinkenden Fallzahlen. Die Herdenimmunität rückt näher, aber kann sie auch erreicht werden?
30.06.2021 - 04:45 Uhr Kommentieren
Eine hohe Impfquote und im Idealfall die Herdenimmunität könnten eine vierte Welle einschränken, so die Hoffnung von Politik und Wissenschaft. Quelle: dpa
Herdenimmunität

Eine hohe Impfquote und im Idealfall die Herdenimmunität könnten eine vierte Welle einschränken, so die Hoffnung von Politik und Wissenschaft.

(Foto: dpa)

Berlin Von dem Einsetzen der Herdenimmunität erhoffen sich viele das Ende der Pandemie – oder zumindest, auf die Corona-Maßnahmen größtenteils verzichten zu können. Der Begriff beschreibt, dass ausreichend Menschen gegen das Virus geimpft sind, um dessen Ausbreitung stark abzubremsen.

Zwar sinken derzeit die Fallzahlen in Deutschland – die Sieben-Tage-Inzidenz liegt schon seit Wochen unter zehn. Mit Blick auf die Delta-Variante wächst allerdings die Sorge vor einer vierten Welle. Eine hohe Impfquote – und im Idealfall die Herdenimmunität – könnte diese möglichst einschränken, so die Hoffnung.

Die Delta-Variante werde über den Sommer auch in Deutschland die Oberhand gewinnen, dies sei eher eine Frage von Wochen als von Monaten, warnte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Freitag in einer Pressekonferenz mit RKI-Chef Lothar Wieler. Es mache bei der Ausbreitung aber einen Unterschied, wie hoch die gesamte Zahl der Ansteckungen und die Impfquote seien.

Erst vergangenen Donnerstag riefen die fünf norddeutschen Bundesländer Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern die Herdenimmunität als Ziel aus, um auf erneute Schließungen verzichten zu können.

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    Und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach twitterte mit dem Verweis auf Israel, wo die Fallzahlen trotz vergleichsweiser hoher Impfquote wieder steigen: „Echte Normalität kommt nur mit sehr hoher Impfquote. Die Kampagne der Überzeugung muss jetzt vorbereitet werden.“ Doch ist das Ziel der Herdenimmunität überhaupt erreichbar – und wenn ja, noch rechtzeitig?

    Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Herdenimmunität:

    Wo steht Deutschland beim Impfen?

    Inzwischen haben rund 54 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens eine erste Impfung bekommen. Den vollen Schutz mit der meist benötigten zweiten Spritze haben demnach nun 35,8 Prozent aller Bürger.

    Welche Impfquote ist für die Herdenimmunität notwendig?

    Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Leif Erik Sander, der Leiter der Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoff-Forschung der Berliner Charité, sagte am Freitag auf der Pressekonferenz mit Spahn und Wieler: „Es ist schlicht nicht möglich, diese Zahl zu benennen.“ Dafür brauche es die Basisreproduktionszahl (R-Wert) der Delta-Variante, die bislang schlicht nicht bekannt ist.

    Die Zahl gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt, wenn keine Maßnahmen aktiv sind und niemand immun ist. Sie liegt beim Wildtyp bei drei, was bedeutet, dass für die Herdenimmunität mit diesem Typ mindestens zwei von drei Menschen geimpft sein müssen.

    Lothar Wieler berichtet über die Corona-Lage in Deutschland. Quelle: dpa
    Robert-Koch-Institut

    Lothar Wieler berichtet über die Corona-Lage in Deutschland.

    (Foto: dpa)

    Dann ließe sich der R-Wert auch ohne Maßnahmen unter eins halten – die Neuinfektionen würden dann nicht mehr weiter ansteigen, sondern zurückgehen. Mit der Ausbreitung der ansteckenderen Delta-Variante dürfte der R-Wert und die benötigte Impfquote jedoch deutlich höher liegen. Der Immunologe Carsten Watzl geht dann von einer Schwelle von wohl rund 85 Prozent aus, der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz hält gar eine Impfquote von 90 Prozent für erforderlich.

    Steht für die Herdenimmunität genügend Impfstoff bereit?

    Impfstoff ist nach wie vor nicht in ausreichenden Mengen verfügbar, um die Bevölkerung rechtzeitig vor dem Herbst durchzuimpfen. Die Lieferprognosen des Gesundheitsministeriums reichen lediglich bis Ende Juli und weisen große Unsicherheiten auf.

    Der Hersteller Biontech/Pfizer liefert im kommenden Monat sogar weniger Dosen als im Juni – und zwar wöchentlich rund drei statt fünf Millionen Dosen. Das Vakzin ist bislang das einzig zugelassene für die Impfung von Kindern und Jugendlichen.

    Moderna wird im Juli wöchentlich nur rund 733.000 Dosen liefern und erst im August die Liefermengen spürbar hochfahren. Auch dieser Hersteller beantragte eine Zulassung für die Impfung von jüngeren Menschen, die allerdings noch aussteht. Die Liefermengen von Johnson & Johnson und Astra-Zeneca sind noch unsicher – sie werden in der Prognose des Ministeriums in Klammern aufgeführt.

    Minister Spahn bekräftigte zwar, dass mit den zu erwartenden Lieferungen bis Ende Juli allen Erwachsenen eine erste Impfung angeboten werden könne – und allen 12- bis 18-Jährigen bis Ende August. Bis aber zumindest alle Erwachsenen eine zweite Impfung erhalten haben, dürfte es laut einer Aufstellung des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Versorgung (ZI) noch bis in den Oktober dauern – also bis in den Herbst hinein und möglicherweise bis mitten in der vierten Welle.

    Lässt sich die Herdenimmunität erreichen?

    Auch diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, da es über die tatsächlich nötige Impfquote bei einer verbreiteten Delta-Variante noch nicht genügend Erkenntnisse gibt.

    Der Leipziger Epidemiologe Scholz, der eine Impfquote von 90 Prozent für erforderlich hält, nennt diese völlig „unrealistisch“. Er gehe deshalb davon aus, dass durch die Impfung keine Herdenimmunität erreicht werde. Auch RKI-Chef Wieler sagte, „Impfungen allein werden uns nicht vor einem Anstieg im Herbst schützen.“

    Ein entscheidender Faktor ist die Zahl jener in der Bevölkerung, die sich tatsächlich immunisieren wollen. Die Impfbereitschaft wird von diversen Instituten erhoben, die Covima-Studie des RKI aus dem Mai ergab zuletzt sogar eine Impfbereitschaft von mehr als 82 Prozent in Deutschland. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut YouGov würden sich hingegen nur fast drei Viertel der Deutschen über 18 Jahre gegen das Coronavirus immunisieren lassen.

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    Ob sich allerdings alle tatsächlich impfen lassen, ist völlig offen. So zeigt sich beispielsweise in Israel ein zunehmendes Desinteresse an der Schutzimpfung. Seit März stagniert dort der Anteil an Empfängern der ersten Impfdosis bei knapp über 60 Prozent, während sich die Delta-Variante dramatisch ausbreitet und die Inzidenzen wieder steigen.

    Daher forderte nun der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, in Deutschland stärker auf Impfskeptiker zuzugehen. „Wenn wir nicht auch einen Teil dieser Gruppe vom Sinn der Impfung überzeugen, werden wir die Herdenimmunität nicht erreichen“, sagte Montgomery. Auch die niedrigen Inzidenzen könnten die Impfbereitschaft verringern, worauf etwa die Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann in einem Positionspapier hinweist.

    Hinzu kommt: Solange Kinder und Jugendliche nur zögerlich geimpft werden, ist die nötige Impfquote für die erwachsene Bevölkerung noch viel höher. Der Chef des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Versorgung (ZI), Dominik Stillfried, sagte gegenüber dem Handelsblatt sogar, die Herdenimmunität sei deswegen „ein kaum erreichbares und daher gemeinhin irreführendes Ziel“. Stillfried rechnete vor, dass unter Berücksichtigung der eingeschränkten Stiko-Empfehlung für Jugendliche rund 69 Millionen potenzielle Impflinge übrig blieben.

    „Um einen Impfschutz von 85 Prozent der Bevölkerung zu erreichen, wären rund 71 Millionen vollständig Geimpfte nötig“, sagte er. „Bei einer Impfbereitschaft von 75 bis 80 Prozent ist das illusorisch, aber für eine Eindämmung des Virus und für die Vermeidung der Überlastung des Gesundheitswesens auch nicht notwendig.“

    Gesundheitsminister Spahn rechnete am Freitag vor, dass mindestens jeder Zweite in der Altersgruppe zwischen zwölf und 18 Jahren geimpft werden müsse, um immerhin auf eine Impfquote von 70 Prozent für die Gesamtbevölkerung zu kommen.

    Wichtig ist auch, dass Immunität bei Sars-CoV-2 nichts Lebenslanges ist. Der Schutz lässt mit der Zeit nach, sowohl bei Genesenen als auch bei Geimpften. Über die Dauer lässt sich wegen der Neuheit des Virus und der Impfstoffe noch nichts Sicheres sagen.

    Ohnehin schützt keine Impfung zu 100 Prozent. Wie das RKI betonte, bleibt auch bei Geimpften ein Restrisiko, dass sie sich infizieren und andere anstecken können. Hinzu kommen Patientengruppen, bei denen Impfungen weniger gut wirken, etwa bei Immungeschwächten. Und es gibt Bedenken vieler Experten, dass über den Sommer Impfmüdigkeit bei Menschen einsetzt, die eigentlich immunisiert werden könnten.

    Könnte die Pandemie ein Dauerzustand bleiben?

    Nein, danach sieht es bisher nicht aus. Auch wenn Virologe Drosten in der Öffentlichkeit oft als Mahner wahrgenommen wird: Er betont schon lange, dass das Virus sich auf lange Sicht wohl wie die altbekannten Erkältungs-Coronaviren verhalten werde. In den kommenden zwei bis vier Jahren seien aber noch Übergangszustände zu erwarten – das Virus werde Impflücken nutzen, machte er kürzlich deutlich.

    Mehr: Spahn mahnt zur Vorsicht – „So führt der Urlaubssommer nicht zu einem Sorgenherbst“

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