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Historischer Konflikt Krise zwischen Japan und Südkorea: Handelskrieg mit globalen Auswirkungen

Dieser Nachbarschaftskonflikt zeigt, wie sehr Geschichte, Politik und Wirtschaft verwoben sind – zum Schaden der Unternehmen. Die Gefahr einer kurzfristigen Eskalation ist groß.
23.12.2019 - 11:01 Uhr Kommentieren
Japan und Südkorea: Handelsstreit bedroht globale Lieferketten Quelle: dpa
Shinzo Abe und Moon Jae In

Japans Ministerpräsident und der südkoreanische Präsident sind momentan schlecht aufeinander zu sprechen.

(Foto: dpa)

Tokio Zwischen Südkorea und Japan herrscht Eiszeit. Die beiden Länder stecken in der größten außenpolitischen Krise seit 70 Jahren. Es geht im Kern um die Konfiszierung von Vermögenswerten japanischer Konzerne in Südkorea und die Streichung von Südkoreas Exporterleichterungen durch Japan.

Doch der Konflikt ist weit mehr als eine Krise zwischen zwei Ländern – der Disput wird zu einem Lehrstück darüber, wie politischer Streit globale Lieferketten zerreißen kann – mit dramatischen Folgen für die eng verflochtene Hightech-Industrie der beteiligten Länder.

Südkoreas Konzerne wie Samsung, LG und der Chiphersteller SK Hynix sind unverzichtbare Lieferanten von Speicherchips und Displays für Smartphones und viele andere Produkte für Unternehmen in aller Welt. Doch ohne Zulieferungen aus Japan müssten die südkoreanischen Firmen ihre Produktion drastisch drosseln – mit schwerwiegenden Folgen für Südkoreas globale Hightech-Kundschaft.

Laut Japans Wirtschaftsministerium beherrschen japanische Unternehmen bei mehr als 270 wichtigen Materialien mehr als 60 Prozent des Weltmarkts. Würde der bislang funktionierende Export von Schlüsselmaterialien nach Südkorea wirklich begrenzt oder gestoppt oder würden gar andere Produkte in den Streit einbezogen, dürfte der Schock die gesamte Lieferkette der globalen IT-Industrie durcheinanderbringen, warnen Experten.

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    Denn Japan und Südkorea hatten sich mit einer Arbeitsteilung arrangiert, die „sehr gut funktioniert hat“, sagt An Sung-bae, Generaldirektor am Korea Institute for International Economic Policy.
    Anfang September hatten Samsung Electronics und andere koreanische Konzerne verkündet, in Teilen der Produktion erfolgreich hochreine japanische Ätzgase durch Produkte koreanischer Hersteller ersetzen zu können.

    Damit seien die Konzerne einem Wunsch der Regierung gefolgt, erklärt ein führender koreanischer Handelsexperte, der nicht genannt werden will. „Das Problem allerdings ist, dass einige Produktionsprozesse zu 100 Prozent von japanischen Lieferungen abhängen“, meint der Experte. „Die Unternehmen sind recht nervös.“

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    Daher wächst mit dem Konflikt die Unsicherheit, ob die Arbeitsteilung in Zukunft überhaupt noch funktionieren kann. Japans offizielle Erklärung, dass es sich bei den Exportrestriktionen nur um eine rein bürokratische Reaktion auf Mängel in Südkoreas Kontrollregime handele, gilt selbst in Japan als Vorwand.

    „In der jetzigen Situation ist es unmöglich, dies vom politischen Konflikt zu trennen“, erklärt Peter Morgan, Chefvolkswirt des Thinktanks der Asiatischen Entwicklungsbank.

    Für Morgan erreicht der Konflikt eine neue Dimension, die ihn zutiefst besorgt. Bis vor wenigen Jahren sei es den asiatischen Ländern zumeist gelungen, politische Konflikte und wirtschaftliche Beziehungen zu trennen. „Aber dieser Mechanismus ist offensichtlich zusammengebrochen“, urteilt er.

    US-Präsident Donald Trump hätte Handelsgesetze zur Waffe gemacht, als er Zölle unter dem Vorwand nationaler Sicherheit angehoben habe. „Ähnliches findet nun in kleinerem Maßstab zwischen Japan und Südkorea statt“, analysiert der Ökonom.

    Auslöser der diplomatischen Krise war ein Urteil von Südkoreas Oberstem Gerichtshof am 30. Oktober 2018, mit dem die Richter Nippon Steel zu Schadensersatz für vier Koreaner verurteilten, die zwischen 1939 und 1945 Zwangsarbeiter waren. Ein weiteres Urteil gegen Mitsubishi Heavy folgte. Auch an Heiligabend auf neutralem Grund konnten beide Seiten keinen Durchbruch erzielen.

    Immerhin waren sich Japans Ministerpräsident Shinzo Abe und Südkoreas Präsident Moon Jae In am Rande eines gemeinsamen Gipfeltreffens mit China einig, weiter über das Thema sprechen zu wollen.

    Auf das diplomatische Beben im Oktober 2018 war ein wirtschaftliches gefolgt. Das südkoreanische Gericht ordnete im Sommer 2019 die Konfiszierung von Vermögenswerten der japanischen Konzerne an. Japan kündigte daraufhin an, Südkoreas Exporterleichterungen bei drei Schlüsselmaterialien zu streichen: bei Resist, fluorisierten Polyamiden und dem Ätzgas Wasserstofffluorid.

    Diese Stoffe sind wichtig bei der Herstellung von Displays und Computerchips. Und damit entscheidend für Südkoreas Industrie. Zwischen 70 und 90 Prozent dieser Produkte beziehen koreanische Konzerne aus Japan. Zwar hat Japans Regierung nicht den Export gestoppt, sondern Südkorea nur von der Liste der Länder gestrichen, die diese militärisch nutzbaren Materialien ohne Exportgenehmigung beziehen können.

    Dennoch suchen Südkoreas Wirtschaftsplaner bereits nach Wegen, sich von den milliardenschweren Importen aus Japan unabhängig zu machen. Minutiös gehen die Beamten die Importliste durch und suchen in Produktgruppen mit hohem Anteil japanischer Zulieferungen wie dem Maschinenbau nach alternativen Quellen. Auch Deutschland spiele dabei eine Rolle, berichtet ein Vertreter eines deutschen Industrieverbands.

    Die Südkoreaner sind empört über das Vorgehen Japans. Der Verkauf japanischer Autos brach um 60 Prozent ein und jener von japanischem Bier um über 90 Prozent. Auch die Zahl koreanischer Touristen in Japan halbierte sich. Die Folgen einer Eskalation könnten noch weit schwerer sein.

    Den Konflikt dauerhaft zu befrieden dürfte schwierig werden. Es geht um die nicht aufgearbeitete imperiale Vergangenheit Japans in Südkorea. Japan hatte den Nachbarn zwischen 1910 und 1945 annektiert. Nur haben die Koreaner bis heute nicht das Gefühl gewonnen, dass Japans politische Elite sich wirklich geschlossen für die Besatzungszeit entschuldigt hätte.

    Ein Territorialkonflikt um eine kleine, von zwei Personen bewohnte Felseninsel unter südkoreanischer Kontrolle verschärft den Konflikt. Schon seit zehn Jahren verschlechtere sich die Lage, sagt der japanische Professor Takeshi Terada von der Doshisha-Universität. „Nun sind wir anscheinend in einer neuen Phase des politischen Konflikts.“

    Der Bruchpunkt droht noch

    Entscheidend zum Bruch beigetragen hat aus koreanischer Sicht Ende 2012 der Amtsantritt von Ministerpräsident Abe, der nicht nur in Korea als nationalistischer Revisionist gilt, der die Gräuel von Japans Eroberungen aus dem kollektiven Gedächtnis streichen möchte.

    Mithilfe des damaligen US-Präsidenten Barack Obama konnte Abe die damalige konservative südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye in zwei Verträge mit Japan drängen: in ein Abkommen zum Austausch militärischer Informationen und vor allem in ein Abkommen über die Entschädigung von Zwangsprostituierten der kaiserlichen Armee.

    Doch Parks linker Nachfolger Moon schloss die Stiftung, mit deren Geldern die koreanischen Zwangsprostituierten entschädigt werden sollten. In Japan sah man dies als schweren Vertrauensbruch. Das Zwangsarbeiterurteil verschärfte dann die entstandenen Spannungen, und die Konfiszierungen im Sommer lösten schließlich den Gegenschlag aus.

    Yasuhide Nakayama, ein führender Außenpolitiker der regierenden Liberaldemokratischen Partei, glaubt nicht, dass der Kernkonflikt rasch gelöst werden kann. „Ich will Südkorea vertrauen, aber unter Moon ist das schwierig“, urteilt Nakayama harsch. „Unsere Cousins haben offenbar vergessen, wer ihre Alliierten sind.“

    Anfang 2020 wird der Oberste Gerichtshof Südkoreas im Zwangsarbeiterprozess entscheiden, ob die konfiszierten Vermögen der japanischen Unternehmen liquidiert werden. Dieser Schritt wäre für den Wirtschaftsprofessor Ahn Chong Yong, einen ehemaligen Topberater konservativer Präsidenten, das Horrorszenario: „Wenn das passiert, wird die Lage sehr ernst.“

    Mehr: Chef der Asiatischen Entwicklungsbank warnt vor Eskalation des Handelskonflikts

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