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Getreideernte

Den Landwirten drohen große Ausfälle.

(Foto: dpa)

Hitzewelle in Deutschland Pro und Kontra – Soll der Staat Versicherungen gegen Dürreschäden fördern?

Wegen Trockenheit und Klimawandel fordern einige Landwirte subventionierte Versicherungen. Eine sinnvolle Lösung? Selbst der Bauernverband ist skeptisch.
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FrankfurtDeutsche Landwirte leiden schwer unter den Folgen der Dürre. Das Viehfutter vertrocknet, der Weizen verdorrt. Es drohen hohe Einkommensverluste. Entsprechend eindringlich sind die Rufe der Branchenvertreter nach staatlicher Hilfe. Seit Ende Juni gibt es für stark betroffene Landwirte günstige Kredite zur Liquiditätssicherung von der Rentenbank. Aber die Begehrlichkeiten gehen viel weiter. Milliardenhilfen seien nötig. Der Bund ziert sich noch, erste Länder lassen schon Geld fließen.

Dabei ist schlechtes Wetter ein versicherbares Risiko. Hagelversicherungen etwa sind seit Langem Standard. Anders als Hagel ist allerdings Dürre kein lokal begrenztes Problem. Hinzu kommen Anreizprobleme: Schäden durch Dürre lassen sich durch eine geschickte Wahl des Anbauprodukts und aufwendige Bewässerung reduzieren.

Sobald eine Versicherung für Dürreschäden aufkommt, sinkt der Anreiz für Landwirte, sich entsprechend zu verhalten. Aus solchen Gründen gibt es nur wenige Anbieter für Versicherungen gegen Dürreschäden und die Policen sind teuer.

„Es muss erst geprüft werden, ob der Ernteausfall von nationalem Ausmaß ist“

Wenn es nach der Versicherungswirtschaft geht, sollte der Staat daher Versicherungen gegen Wetterschäden finanziell fördern. 2016 schrieb der Versichererverband GDV, drei Viertel der EU-Länder würden insgesamt 2,2 Milliarden Euro in solche Subventionen stecken. In Deutschland gebe es das nicht, klagte der Verband.

„Die Landwirte müssen ihre Vorsorge vollständig selbst finanzieren. Dies ist ein klarer Wettbewerbsnachteil“, geben sich die Versicherer solidarisch und regen in Hinblick auf die erwartete Erderwärmung an, dass die Bundesregierung solche Prämiensubventionen aus EU-Mitteln für Umweltmaßnahmen finanziert. So machen es auch andere EU-Länder.

Viele dürregeplagte Landwirte unterstützen die Forderung nach Subventionierung von Versicherungsprämien vehement. Trotzdem hat sich der Deutsche Bauernverband die Forderung bisher nicht zu eigen gemacht. Aus gutem Grund, findet der Haller Agrarökonom Norbert Hirschauer. Denn die Versicherer forderten die Subvention, weil sie sich ausrechneten, dass sie einen beträchtlichen Teil des Subventionswerts in die eigenen Taschen lenken könnten.

„Wenn sich das Subventionsvolumen insgesamt nicht erhöht, sondern nur Subventionen anders verwendet werden, dann wäre das ein schlechtes Geschäft für die Landwirte“, sagte Hirschauer jüngst auf dem Deutschen Bauerntag in Wiesbaden.

Subvention für Versicherer

Es geht um viel Geld. Wenn die Hälfte der Prämien oder mehr vom Staat übernommen wird, wie das in den USA und in Italien der Fall ist, dann wird eine viele Schäden umfassende und teure Police für die Landwirte zum unschlagbar profitablen Geschäft. So gut wie jeder Landwirt würde eine solche Versicherung abschließen, weil er damit rechnen könnte, weit mehr ausbezahlt zu bekommen, als er einzahlen müsste. Für die Versicherer gäbe es stark steigende Umsätze und höhere Margen.

Ein problematischer Nebeneffekt: Der Teil der Subvention, der an die Bauern fließt, begünstigt diejenigen am stärksten, die Anbaumethoden und -produkte wählen, die häufige und hohe Schäden produzieren.

Auch der wissenschaftliche Beirat des Landwirtschaftsministeriums ist seit jeher skeptisch. Das Argument der Wettbewerbsverzerrung hält er für nicht allzu schlagkräftig, unter anderem weil es auf die Gesamtsumme der Subventionen ankomme. In einer aktuellen Stellungnahme wiederholt er sein Verdikt aus dem Jahr 2011, wonach Risikomanagement vor allem eine unternehmerische Aufgabe sei und fügt hinzu, bei systemischen Risiken wie Dürre, bei denen man nicht genug wisse, um Eintrittswahrscheinlichkeiten zu berechnen, könnte zwar der Markt mit der Aufgabe der Risikoabsicherung allein überfordert sein.

Aber gerade wenn mit einer deutlichen Zunahme von Dürrejahren zu rechnen sei, komme eine Subvention von Versicherungsprämien nicht infrage. Denn sonst würde der Anreiz für die Landwirte stark gemindert, etwa indem sie statt Weizen ‧Hirse anbauen, die besser mit Trockenheit zurechtkommt. Was die Versicherungswirtschaft als Subventionsargument führt, ist für den Beirat also ein starkes Argument dagegen.

Für die Politik hat die Subventionierung von Versicherungsprämien den Charme, dass sie aus der wiederkehrenden Diskussion um Ad-hoc-Hilfen herauskäme. Wer versichert ist, braucht keine Nothilfen. Hirsch‧auer und sein Göttinger Kollege Oliver Mußhoff weisen jedoch darauf hin, dass sich das Problem der Landwirte auch ohne Fehlanreize und Fehllenkung von Subventionen lösen lässt.

In einem aktuellen Beitrag in der Fachzeitschrift „Agra-Europe“ treten sie dafür ein, statt Versicherungspolicen das Risikomanagement im Betrieb zu fördern und einzufordern. Sie unterstützen die alte Forderung des Bauernverbands nach einer steuerlichen Risikoausgleichsrücklage für die Landwirtschaft. Für Forstbetriebe gibt es das seit Langem. Die Idee dabei ist, dass die Landwirte in guten Jahren aus unversteuerten Gewinnen Liquiditätsreserven bilden können, die sie in schlechten Jahren gewinnwirksam aufbrauchen.

Ausgleich per Rücklage

In der Forstwirtschaft wird die Ausgleichsrücklage allerdings sehr wenig genutzt. Denn die Subvention beschränkt sich auf Steuerstundung und Progressionsglättung. Die Bedingungen für die Auflösung der Rücklage sind restriktiv und die Strafen für eine unzulässige Auflösung hoch. Deshalb unterstützen die beiden Agrarökonomen die Forderung des Bauernverbands nach einer flexibleren Variante.

Weil das aber nicht reichen dürfte, auch einkommensschwache Landwirte zum Aufbau einer solchen Rücklage zu animieren, wollen sie zusätzlich die Direktzahlungen aus dem EU-Haushalt an die Bauern für das Auffüllen der Reserve heranziehen. Es soll vorgeschrieben werden, dass in guten Jahren ein bestimmter Anteil der Direktzahlungen in die Rücklage gesteckt werden muss. In schlechten Jahren, wenn das Einkommen sehr niedrig ist, könnte es aus der Rücklage ergänzt werden.

In extremen Schadensjahren oder wenn eine Häufung von schlechten Jahren die Rücklagen aufgezehrt hat, könnten außerordentliche Liquiditätshilfen für notwendig erachtet werden. Diese könnten ebenfalls in das Reservesystem integriert werden. Der Betrieb würde dem Vorschlag zufolge maximal den Betrag als zinslosen Kredit bekommen, der in der Reserve fehlt, um den Einkommensausfall auszugleichen. Wenn die Rücklage in besseren Jahren wieder aufgefüllt wird, wäre zuerst der Sonderkredit abzuzahlen.

Das Ziel lässt sich also auch erreichen, ohne dass man zusätzliche Subventionen vergibt, oder Subventionen zweckentfremdet, die für Umweltschutz vorgesehen sind.

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