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Hochradioaktiver Müll Für das Atomendlager eignen sich 90 Gebiete – Erste Proteste aus Bayern

Der Salzstock Gorleben wird kein Endlager – viele andere Standorte kommen geologisch infrage. Auf die Vorauswahl gibt es gemischte Reaktionen.
28.09.2020 Update: 28.09.2020 - 14:30 Uhr 5 Kommentare
In der ersten Phase wurde nicht berücksichtigt, ob sich Städte oder Wasserschutzgebiete in der Nähe der möglichen Standorte befinden. Quelle: REUTERS
Steffen Kanitz und Stefan Studt von der BGE mit einer Karte der möglichen Wirtsgesteine

In der ersten Phase wurde nicht berücksichtigt, ob sich Städte oder Wasserschutzgebiete in der Nähe der möglichen Standorte befinden.

(Foto: REUTERS)

Berlin Deutschland hat mächtiges Wirtsgestein. Insgesamt 90 Teilgebiete in fast allen Bundesländern kommen nach einer ersten Auswertung geologischer Daten für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle infrage – das sind immerhin 54 Prozent der Landesfläche. Dies ist das zentrale Ergebnis des am Montag vorgestellten Zwischenberichts der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE).

„Die Chance, in Deutschland den Standort für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle zu finden, der Sicherheit für eine Million Jahre bietet, steht sehr gut“, sagte Stefan Studt, Vorsitzender der BGE-Geschäftsführung, am Montag. Er erinnerte daran, dass Deutschland seit Anfang der 1960er-Jahre Strom aus Atomkraftwerken bezieht, nach wie vor aber kein Endlager existiert.

Die jetzt ausgewiesenen Gebiete lassen eine günstige geologische Gesamtsituation für die Lagerung hochradioaktiver Abfälle erwarten. Auf der Grundlage von geologischen Daten wurden einerseits sehr kleine Teilgebiete, beispielsweise Salzstöcke, gefunden, andererseits aber auch Tonformationen, die sich über mehrere Landkreise oder auch Bundesländergrenzen hinweg erstrecken. Drittes mögliches Wirtsgestein außer Salz und Ton ist Kristallin (Granit).

Die Gebiete verteilen sich mit Ausnahme des Saarlandes auf alle Bundesländer. Im Tongestein hat die BGE neun Teilgebiete ermittelt, in Salzgestein 74 Gebiete, in Kristallin sieben. Karten der BGE zeigen, dass vor allem der Norden Deutschlands, die ostdeutschen Bundesländer sowie Bayern und Baden-Württemberg infrage kommen.

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Standort erkennen

    Der niedersächsische Salzstock Gorleben ist nach Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien kein Teilgebiet geworden – und damit raus aus dem weiteren Verfahren. Allerdings ist die Region nicht völlig außen vor: Es gebe Tonformationen in dem Gebiet, die infrage kommen könnten, so die BGE.


    Gorleben wird nicht zum Endlager für Atommüll

    Um Gorleben gab es jahrzehntelangen Widerstand in der Region. Der Salzstock wurde mehrere Jahrzehnte erkundet, stets von starken Protesten begleitet.

    Die Untersuchungen wurden erst unterbrochen und schließlich abgebrochen. Die BGE erläuterte, der Salzstock weise unter anderem ein nicht intaktes Deckgebirge auf, das spreche gegen den Standort. BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz betonte auf Nachfrage, dass die Entscheidung rein wissenschaftlich erfolgt sei, es habe keinen politischen Druck gegeben. Gorleben habe bei der ersten Prüfung der Mindestanforderungen an die Geologie die Hürde genommen, weise aber keine „günstige Gesamtsituation“ auf.

    „Das Aus für Gorleben ist eine Entscheidung auf Grundlage der Kriterien, die das Gesetz zur Standortauswahl vorsieht“, sagte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) am Montag in Hannover. „Die Entscheidung für Gorleben in den Siebzigern war eine politische. Das bestätigt sich jetzt noch mal nachdrücklich“, betonte Lies. „An dieser Stelle spricht die fachlich-wissenschaftliche Faktenlage eine eindeutige Sprache.“

    Dagegen kritisierte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Entscheidung. „Wenn man breit angelegt diskutieren möchte, bleibt die Frage, warum man Gorleben fundamental ausschließt“, sagte er. Die BGE habe dies nicht ausreichend begründet. Die Gesteinsart Granit, die vor allem in Bayern vorkommt, sei für eine Lagerung über eine Million Jahre nicht sinnvoll.

    Warnungen vor politischer Einflussnahme

    Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) erklärte, sie hoffe auf ein starkes Interesse der Öffentlichkeit, den Bericht in den kommenden Monaten auf Herz und Nieren zu prüfen und sich intensiv einzubringen. Zentral sei für sie, dass politische Motive in keinem Schritt die Endlagersuche beeinflussen dürften: Es müsse strikt nach Wissenschaftlichkeit vorgegangen werden. 

    „Nur so kann es am Ende Akzeptanz für einen Endlagerstandort geben – egal, wo er dann in der Republik liegen wird.“ Von der Politik erwarte sie, „jetzt zur gemeinsamen Verantwortung zu stehen und dem Verfahren Rückhalt zu geben“, sagte Schulze. „Das Verfahren ist gut, es verdient Vertrauen.“

    Die FDP erklärte, man werde genau hinschauen, um politisch motivierte Entscheidungen in dieser rein wissenschaftsbasierten Phase auszuschließen. Es dürfe keinen vorzeitigen Ausschluss von Standorten geben, wie beispielsweise im Koalitionsvertrag der bayerischen Landesregierung.

    Der Suchraum für ein Atommüllendlager soll in den kommenden Jahren immer weiter eingegrenzt werden, geregelt durch das Standortauswahlgesetz (StandAG) In drei Phasen werden die Gebiete, die als möglicher Standort für ein Endlager infrage kommen, immer eingehender untersucht. Auch eine über- und untertägige Erkundung der möglichen Gebiete wird im Verlauf des weiteren Verfahrens vorgenommen.

    Von einer Vorentscheidung sei man weit entfernt, versichert die BGE. Aspekte wie beispielsweise die Siedlungsdichte, Natur- oder Wasserschutzgebiete sind im bisherigen Verfahren noch gar nicht berücksichtigt worden. Diese Kriterien kommen jedoch immer nur dann zum Zug, wenn die geologischen Voraussetzungen an einem anderen vergleichbaren Standort ebenso gut sind.

    Bis 2031 soll ein Endlager in Deutschland gefunden werden, das am Ende auch geeignet sein muss, „mehrere Eiszeiten unbeschadet zu überstehen“, wie Kanitz sagt. Auch deswegen sind langfristige oberirdische Zwischenlagerungen des hochradioaktiven Abfalls eben keine Alternative zu einem Endlager in tiefen Gesteinsschichten.

    Beteiligung der Öffentlichkeit zentral

    Der jetzt vorgestellte Bericht ist lediglich der erste Schritt der ersten Phase und Grundlage für die Beteiligung der Öffentlichkeit, die im Oktober mit einer Auftaktveranstaltung in Kassel beginnt. Man werde sich die Argumente gut anhören und später erklären, warum manche übernommen werden und andere nicht. „Wer uns fragt, der bekommt auch eine Antwort. Das ist unser Anspruch“, sagte Kanitz.

    Bis Juni 2021 soll diese inhaltliche Diskussion beendet sein. Kritikern erscheint dieser Zeitraum zu kurz. Antje von Brook, Geschäftsführerin Politik und Kommunikation beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), erklärte, die Beteiligung der Öffentlichkeit bei der Atommülllagersuche „braucht Zeit und bedarf Augenhöhe“. Beides sei jedoch Mangelware. 

    Mehr: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Suchprozess.

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    5 Kommentare zu "Hochradioaktiver Müll : Für das Atomendlager eignen sich 90 Gebiete – Erste Proteste aus Bayern"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Einige Gedanken zur Endlagerproblematik:
      - 50 Jahre sicherer Betrieb deutscher AKWs. 90% Verfügbarkeit für
      35% Grundlast stehen auf der Habenseite.
      - Aktionäre und gegebenenfalls "Profiteure" der Versorger waren und sind größenteils Kommunen, Versicherer, aber auch Rentner
      - 20 Jahre Nichtstun in Sachen Endlager wurden durch politische Querelen verursacht. Kosten bisher? Kosten/Risiken für notwendige Zwischenlagerung bei weiterer Verzögerung?
      - Kostenteilung zwischen Industrie und Staat ist bereits vereinbart: Industrie baut Atomreaktoren zurück, Staat bezahlt Endlagerung der Abfälle
      - Sichere Lagerung gefordert für 1 Million Jahre? das ist 20 mal länger
      als die Existenz der Menschheit. Das ist unsinnig.
      - Alternative: Rückholbarkeit: Technik,Kosten?
      - Verlust von notwendigem Kerntechnischem Knowhow wird zum Problem
      - Verstärkung der Koordinierung der F+E Arbeiten zur Endlagerung
      mit EU Staaten (insbesondere Frankreich) ?
      - Akzeptanz entsteht durch ständige verständliche Information (und
      auch durch das Angebot materieller Vorteile für potentielle Standorte :
      Förderung lokaler Projekte, Arbeitsplatzangebote, siehe Windenergie)

    • Herr Söder möge sich an KWU erinnern. In Erlangen (BY) wurden KKW geplant und verkauft. Der KWU (SIEMENS-Tochter) verdankt Erlangen seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts viel Positives: lebendige Uni- und Stadtentwicklung, Politikoffenheit, Diskussions- und Kneipenkultur... Weltoffenheit. Die KWU und ihre Atomkraftwerke sorgten schon damals für Diskussionsstoff. Viele von uns befürchteten, dass Wirkung und Nachhaltigkeit der Strahlung wohl verharmlost wurden. Aber es fiel uns auch auf, dass wir in Erlangen gut lebten. Es gab interessante und gut bezahlte Ferienjobs bei der KWU und vieles mehr - bald auch eine der ersten McDonald-Filialen im Stadtzentrum ;-).
      Insgesamt profitierte Bayern wohl von der Atomkraft. Ich meine daher: Sich heute aus dem Endlagerproblem rausschleichen wollen, das geht gar nicht. Es wäre nicht fair. Atommüll ist unser aller Problem. Die sichere Endlagerung von radioaktivem Müll betrifft die ganze Welt. Verantwortung/Aufgabe. Ein Erlanger KWU-Projekt aus den 70er Jahren ist z.B. Atucha in Argentinien. Eine interkontinentale Zusammenarbeit, um die beste Lösung zu finden, wäre wünschenswert.
      Vielleicht können uns Bezos, Gates, Musk oder Zuckerberg.... auf die Sprünge helfen? (Namen alphabetisch, Liste der Schlausten ohne Anspruch auf Vollständgkeit.) Diese Herren haben Vorstellungskraft, Mut und leistungsfähige Rechner. Hey: Macht mal ein Brainstorming, abseits vom Alltagsgeschäft. Wäre nett - und ist wichtig. :-)

    • Atomenergieerzeugung war politisch gewollt - kein Unternehmen hätte das Risiko versichern wollen. Für die Abfallagerung gilt das gleiche trotz "Gutachten".

    • Ich verstehe nicht warum man keinen überirdischen Sarkophag baut. Teurer als dieses endlose Endlager-Spektakel kann es kaum werden. Genug Blei und Beton sollte auch zur Hand sein. Plus die Überwachungsmöglichkeit bleibt gegeben und es passieren nicht unbekannte Dinge unter Tage.

    • Auch nach dieser wissenschaftlichen Untersuchung und vor politischer Einflußnahme bleibt es spannend in Bezug auf den radioaktiven Müll, welchen wir verursacht haben bzw. aktuell noch immer verursachen. Jahrzehntelang wurde unser Wohlstand damit begründet, profitiert haben neben uns (aufgrund einer verlässlichen und preiswerten Stromerzeugung) aber insbesondere die energieerzeugenden Konzerne (und deren Gesellschaftern) und die Kommunen, die ihre Bürger einer sicheren Arbeitstelle bewußt, fleißig Gewerbesteuern kassiert haben.
      Warum nicht hier auch ein wenig nach dem erzeugerprinzip vorgehen? Wer Dreck macht, muss ihn auch beseitigen. In südlichen Gefilden unseres Landes wird dies ja gern zelebriert ("Kehrwoche"). Vielleicht kann sich dann auch die ein oder andere Region eher vorstellen, sich des atomaen Endlagers mittels neuer wind- oder Solarparks freizukaufen. Zudem fangen wir an, analog dem EEG ein DEG zu basteln - ein "Dreckiges Energien Gesetz". Wir legen die Kosten einfach auf den Strompreis um. Dann sehen wir endlich, dass die "Erneuerbaren" garnicht so teuer sind. VVom Verursacherprinzip oder dem Anteil der Erneuerbaren her gesehen wäre zumindest der Osten der Republik der denkbar unwahrscheinlichste Ort für eine solche atomare Müllhalde... Gut, in meinen Osten (ja - ich bin nach 30 Jahren noch immer gebürtiger Ossi) will ja eh keiner; zu braun, zu alt, zu jammerig...

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