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Hochschulreife Abiturienten erzielen immer bessere Noten: Sorge vor schleichender Entwertung

Immer mehr Schüler machen ein immer besseres Abitur. Der Präsident der Kultusministerkonferenz fordert, die Frage nach der Qualität des Schulabschlusses zu stellen.
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Die deutschlandweite durchschnittliche Abiturnote beträgt 2,38. Quelle: SZ Photo
Abiturprüfung

Die deutschlandweite durchschnittliche Abiturnote beträgt 2,38.

(Foto: SZ Photo)

Berlin Die Noten deutscher Abiturienten werden immer besser: Im Sommer 2018 betrug die durchschnittliche Abiturnote deutschlandweit 2,38. Das ergab eine Umfrage des Handelsblatts unter den Schulministerien der Länder. Zahlen der Kultusministerkonferenz dazu liegen noch nicht vor.

Die Differenz zum Vorjahr ist zwar klein – 2017 lag der bundesweite Durchschnitt bei 2,39. Doch der Trend ist eindeutig und zeigt seit Jahren nach oben: 2005 und 2006 betrug das durchschnittliche Ergebnis im Abitur noch 2,5. Daneben beträgt die Spanne zwischen den Ländern weiterhin fast eine halbe Note.

„Eine Ursache für die in den vergangenen Jahren zu beobachtende Verbesserung der Abiturnoten sowie die relativ konstanten Unterschiede zwischen den Ländern zu nennen ist ausgesprochen schwierig“, sagt der Präsident der Kultusministerkonferenz, Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU).

Aber da sich die Abiturnote zu einem Drittel aus der Prüfung, aber zu zwei Dritteln aus den Vorleistungen zusammensetzt, „würde auch ein immer wieder gefordertes bundesweites Zentralabitur den Befund vermutlich nicht wirklich ändern“.

„Möglicherweise gibt es in den Ländern gewisse Bewertungstraditionen, die hier mehr durchschlagen, als man vielleicht vermuten würde“, erläutert Lorz. Die KMK bemühe sich um mehr Vergleichbarkeit. Aber „natürlich müssen wir auch die Frage nach der Qualität des Abiturs stellen – dies vor allem vor dem Hintergrund, dass heute von vielen alle Abschlüsse unterhalb des Abiturs gering geschätzt werden. Dies ist sicher keine gute Entwicklung“, sagt Lorz.

Die Vorsitzende des Philologenverbands, der die Gymnasiallehrer vertritt, Susanne Lin-Klitzing, kritisiert die schleichende Entwertung: „Das Abitur ist der höchste schulische Abschluss. Er sollte anspruchsvoll sein und bleiben.“ Die Marburger Professorin für Schulpädagogik erklärt sich den Trend zu besseren Noten mit teilweise abgesenkten Anforderungen: Um die Vergleichbarkeit zwischen den Ländern zu erhöhen, hatte die KMK zunehmend gemeinsame Regeln erlassen. „Diese legen jedoch nicht den höchsten Bewertungsmaßstab an“, sagt Lin-Klitzing.

Konkret gelte etwa, dass im Abitur schon mit 45 Prozent der Leistung fünf Punkte, also eine glatte Vier, vergeben werden. „Das hat das Niveau in manchen Ländern gesenkt, die dafür zuvor mehr Leistung verlangt haben. Auch in der Mittelstufe gilt, dass man für eine Vier 50 Prozent der Leistung bringen muss.“

Ähnlich sei es bei den Einser-Noten: „Hier erhält man heute schon für 85 Prozent der Leistung eine Eins minus“, kritisiert Lin-Klitzing. Sie fordert, „es müssten 90 Prozent sein für eine Eins minus, 95 Prozent für eine glatte Eins und 100 Prozent für eine Eins plus.“

Eine Inflation der Einser-Noten beklagt auch eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW): Danach schloss im Jahr 2006 jeder fünfte Abiturient mit einer Note von 1,9 oder besser ab. 2017 war es schon jeder vierte. Spiegelten die besseren Noten tatsächlich bessere Leistungen – und nicht nur geringere Anforderungen –, müsste sich das allerdings auch in unabhängigen Erhebungen wie den Pisa-Tests der 15-Jährigen zeigen, meint der IW-Bildungsexperte Wido Geis-Thöne.

Mehr Abiturienten

Diese zeichnen allerdings ein anderes Bild. So ist der Anteil von allen 15-jährigen Schülern auf allen Schularten, die das Höchstniveau erreichen, zwischen 2006 und 2015 in Mathematik von 4,5 Prozent auf 2,9 Prozent gesunken, in den Naturwissenschaften blieb er mit jeweils 1,8 Prozent konstant. Im Lesen seien die Werte aufgrund von Änderungen bei den Tests nicht vergleichbar.

Geis-Thöne warnt daher, eine weitere Vereinheitlichung des Abiturs dürfe keinesfalls „zu einem weiteren Absinken der Leistungsanforderungen für gute Noten führen“. Der Trend zu immer besseren Abiturnoten ist auch deshalb bemerkenswert, weil es über die Jahre ein immer größerer Anteil der Schüler bis zum Abitur schafft.

Kurz nach der Wiedervereinigung legten lediglich gut 22 Prozent des Nachwuchses die allgemeine Hochschulreife ab. Im Jahr 2005 waren es schon fast 29 von 100. Seit 2011 liegt der Anteil der Abiturienten durchgängig bei über 40 Prozent – und damit rund doppelt so hoch wie zu Beginn der 1990er-Jahre.

Rechnet man noch diejenigen mit Fachhochschulreife hinzu, zeigt sich: Mehr als jeder zweite löst heute ein Ticket für Universität oder Fachhochschule. Das sei sehr positiv, lobt das IW, denn Bildung gewinne in der dynamischen Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung. Man müsse aber „besonders leistungsstarke Schüler weiterhin so fördern und fordern, dass sie ihr Potenzial voll entfalten können“, so Geis-Thöne. Wenn diese „Leistungsträger in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft von morgen“ jedoch mit begrenztem Aufwand ein „sehr gut“ erreichen, „haben sie gegebenenfalls wenig Anreiz, sich noch mehr anzustrengen“.

Auffällig ist auch der große Unterschied zwischen den Bundesländern, die Spanne beträgt bis zu einer halben Note. Das kann fürs Studium entscheidend sein, denn gut 40 Prozent der Fächer haben einen NC. Am besten schneiden die Thüringer ab, am schlechtesten die Niedersachsen.

Dies hatte unlängst zu einer heftigen Debatte um ein Zentralabitur geführt. Lin-Klitzing findet diese übertrieben: „Das Abitur ist heute so vergleichbar wie nie zuvor.“ Dennoch plädiert auch sie für eine weitere Vereinheitlichung. Konkret fordert der Philologenverband für das Abitur bundesweit fünf Prüfungsfächer und 40 anzurechnende Kurse aus der Oberstufe. Aktuell können die Länder in vier oder fünf Fächern prüfen und 32 bis 40 Kurse anrechnen.

Mehr: Die Zahl neuer Azubi-Verträge bleibt auf hohem Niveau. Dennoch könnten Unternehmen weiterhin Probleme haben, alle Lehrstellen zu besetzen, warnt der DIHK.

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1 Kommentar zu "Hochschulreife: Abiturienten erzielen immer bessere Noten: Sorge vor schleichender Entwertung"

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  • Die guten Noten gelten vor allem als Erfolg der Paedagogen und des Systems und daher
    wird die Tendenz sich verstaerken: Was haben wir fuer gute Lehrer. Darueber hinaus
    spielt auch die Debatte der Chancengleichheit hinein. Was aus diesen Abiturienten an-schliessend wird, spielt fuer die Paedagogen keine Rolle. Wahrscheinlich werden die dann
    auch Paedagogen und damit schliesst sich der Kreis.

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