HRI-Konjunkturprognose Deutschland wird ein Hochsteuerland

Deutschland wird 2018 erneut kräftig wachsen, doch am Konjunkturhimmel ziehen Wolken auf, warnt das Handelsblatt Research Institute.
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Der Handelsblatt-Chefökonom äußert sich zur HRI-Konjunkturprognose.
Wirtschaftsclub

Der Handelsblatt-Chefökonom äußert sich zur HRI-Konjunkturprognose.

DüsseldorfDeutschland geht es gut, doch wie lange noch? Diese Frage stellte der Präsident des Handelsblatt Research Institute, Bert Rürup, am Mittwoch in den Mittelpunkt seiner neuen Konjunkturprognose. Die Vorhersagen an sich sind zwar etwas optimistischer als bei anderen Instituten, allerdings sind die Unterschiede minimal.

Den Wissenschaftler Rürup machte im Handelsblatt Wirtschaftsclub etwas anderes nachdenklich. Er weiß genau, dass seine Zunft – und wohl auch er selbst – sehr schlecht darin ist, eine Rezession vorherzusagen. Dass diese nach fast einem Jahrzehnt fortgesetzten Wirtschaftswachstums irgendwann kommen muss, ist so etwas wie ein ökonomisches Gesetz. Doch nach den Regeln der ökonomischen Mathematik wird das in diesem Jahr und auch im nächsten Jahr noch nicht passieren.

Viele Branchen arbeiten zwar an ihrer Kapazitätsgrenze, wie das Ifo-Institut feststellt, die Beschäftigung steigt, und die Steuer- und Beitragseinnahmen sprudeln. In diesem Jahr dürfte die deutsche Wirtschaft daher so stark wachsen wie seit 2011 nicht mehr, stellte Rürup heraus: um 2,5 Prozent.

Das könnte dann jedoch der Höhepunkt des aktuellen Konjunkturzyklus gewesen sein. Im kommenden Jahr rechnet Rürup bereits mit einer schwächeren Wachstumsrate von 1,8 Prozent. Und was danach kommt? Das weiß er auch noch nicht.

Die neue Bundesregierung beginnt also unter sehr günstigen ökonomischen Bedingungen, noch nie seit der Wiedervereinigung sei der wirtschaftliche Rahmen so gut gewesen, betonte Rürup. Doch das müsse keineswegs so bleiben, insbesondere wenn der von den USA ausgehende Protektionismus um sich greife.

Dieser sei die wohl größte Gefahr für die deutsche Wirtschaft, die wie kaum eine andere in der Welt offen ist, von der Arbeitsteilung profitiert, damit jedoch auch abhängig ist von einem funktionierenden Welthandel. Rürup hält eine Eskalation beim Thema Protektionismus im Moment zwar noch nicht für sehr wahrscheinlich. Gleichwohl rechnet er damit, dass die Exportdynamik auch unabhängig davon nachlassen wird.

Eine zweite Gefahr für die deutsche Wirtschaft sieht Rürup in den steigenden Lohnstückkosten. Dadurch verliere Deutschland schleichend an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Staaten innerhalb der Euro-Zone.

Die Wachstumsraten wichtiger Konjunkturdaten im Überblick.
Prognose

Die Wachstumsraten wichtiger Konjunkturdaten im Überblick.

Die dritte große Gefahr geht für Rürup von der Finanzpolitik aus. „Deutschland wird ein Hochsteuerland bei den Unternehmensteuern“, stellte er heraus. Im internationalen Vergleich gehöre Deutschland nun zu den teuersten Ländern und verliere nach den Reformen in Frankreich und Belgien noch weiter an Boden – gegenüber den USA sei das sowieso der Fall.

In diesem Bereich sieht Rürup daher den größten Handlungsbedarf für die neue Regierung, weil die Wirtschaftswelt reagieren werde. „Ein Unternehmer, der nicht Unternehmenseinheiten in Niedrigsteuerländer verlegt, müsste gefeuert werden“, sagte Rürup.

In der Diskussion mit Mitgliedern des Handelsblatt Wirtschaftsclubs äußerte sich Rürup auch zum Thema Digitalisierung. Er habe große Zweifel, dass in diesem Bereich die Wirklichkeit noch richtig erfasst werde. „Messen wir eigentlich noch, was wir messen wollen?“, fragte Rürup ins Publikum. Im Digitalzeitalter gebe es eine neue Währung: die IP-Adresse.

Die Menschen zahlten mit ihrer IP-Adresse – genau das werde in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung aber nicht mehr richtig gemessen. „Wir reden von Digitalisierung, aber das Produktivitätswachstum in Deutschland ist flach wie ein Brett“, sagte Rürup. Die zunehmend digitaler werdende Wirtschaft werde mit einem Instrumentarium gemessen, das auf die Industriewirtschaft zugeschnitten war.

Rürup sieht massive Defizite beim Thema Digitalisierung: „Ich mache mir keine Sorgen, dass die Unternehmen sich fit machen werden. Aber wo die Musik spielt, bei den Plattformen, da haben wir den Anschluss verloren.

Da sollte man sich kartellrechtliche Optionen überlegen, weil hier Monopole entstehen.“ Darüber habe Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung jedoch nicht geredet.

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5 Kommentare zu "HRI-Konjunkturprognose: Deutschland wird ein Hochsteuerland"

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  • 400% Steueraufschlag bei Benzin:

    Wenn ich 100€ verdiene, bekommt der Staat ca. 50€. Wenn ich von den restlichen 50€ dann tanke, bekommt der Staat nochmals mindestens 60% = 30€.

    Für 20€ Benzin bekommt der Staat 80€ Steuern.

    Es gibt Länder in Europa, da sind Kursgewinne auf Aktien steuerfrei (!), die haben deutlich niedrigere Einkommenssteuern, überhaupt keine Erbschafts- und Schenkungssteuer und das "Lebensniveau" ist auch noch höher. Sicherlich wenden sich immer mehr wohlhabende Deutsche diesen Ländern zu, was mehr als verständlich ist. Dadurch sinkt dann auch das Deutsche Durchschnittseinkommen und somit auch die Armutsquote in Deutschland :-)

  • Wieso wird Deutschland ein Hochsteuerland? Das ist es doch schon lange. Wenn man alle Abgaben zusammenrechnet, dürfte D sich mit an der Spitze aller Staaten befinden.

  • @ Herr Holger Narrog
    22.03.2018, 08:25 Uhr

    "Für Arbeitnehmer und Kapitalanleger ist Deutschland schon seit sehr langem ein Extremsteuerland."

    Vollkommen richtig. Qualifizierte Arbeitnehmer werden systematisch durch die Besteuerung demotiviert, genauso wie Kapitalanleger (dort droht - GroKo sei Dank - die nächste große Steuererhöhung : Abschaffung der Quellensteuer).

    Man kann sich eigentlich nur dadurch wehren, indem man nur gerade soviel arbeitet, wie man zum Leben benötigt und den Konsum einschränkt (Mehrwertsteuer). Wenn das viele machen, geht unseren Steuergeldverschwendern in der Politik das Geld aus.

  • Herr Holger Narrog,

    meine volle Zustimmung. Wenn sie dann noch die Zwangsmitgliedschaft in der KV und die Rentenbesteuerung ( ist nichts anderes als nachträgliche Besteuerung ihrer aktiven Zeit) berücksichtigen kommen sie heute mit Sicherheit auf 70% und mehr.

    Da diese Gelder aber ausschließlich sinnvoll und sparsam für die steuerzahlende Bevölkerung und Menschen in Not eingesetzt werden sollten wir "Leistungsträger" diese Steuern mit Freude zahlen. :o)

  • Für Arbeitnehmer und Kapitalanleger ist Deutschland schon seit sehr langem ein Extremsteuerland.

    Als ich um die Jahrtausendwende aus der Schweiz nach Deutschland umsiedelte war ich erschrocken um wieviel höher die staatlichen Abzüge in Deutschland sind.

    Vor mehr als 10 Jahren hatte ich die diversen Steuern, Lohnsteuer, Solidaritätssteuer, Sozialsteuern, MwSt., Energiesteuern inkl. Benzinsteuer, Zigarettensteuer bis hin zu GEZ, Radar- und Parksteuern zusammengerechnet und war auf einen Steuersatz für eine Alleinverdienerfamilie > 60% gekommen.

    Faszinierend sind die Steuern auf Geldanlagen die durch die Besteuerung Kursgewinnen inklusive der Geldentwertung meist >>100% erreichen.

    Das faszinierendste daran ist, dass die meisten Deutschen begeistert sind von den Extremsteuern und Parteien wählen die noch mehr Steuern versprechen.

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