Ifo-Präsident Sinn „Wieder die gleichen Fehler“

Anders als viele seiner Kollegen scheut sich der Ökonom und Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn nicht davor, sich in tagespolitische Debatten einzumischen. Im Interview mit dem Handelsblatt warnt der 62-Jährige vor dem Einstieg in eine Transferunion und davor, ökonomische Gesetze zu ignorieren.
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Hans-Werner Sinn: "Frau Merkel muss auch mal bereit sein, einen Gipfel platzen zu lassen." Quelle: ifo/ Alessandra Schellnegger

Hans-Werner Sinn: "Frau Merkel muss auch mal bereit sein, einen Gipfel platzen zu lassen."

Handelsblatt: Die Ereignisse überschlagen sich derzeit in Europa, was bleibt von 2010 für die Geschichtsbücher?

Hans-Werner Sinn: Hoffentlich nicht der Beginn der Transferunion Europas und damit der Schritt in eine neue Staatlichkeit, bei dem letztlich ein dauerhafter Ressourcentransfer aus Deutschland heraus institutionalisiert wird.

Sie wirken verdammt skeptisch. Warum?

Wenn wir die Schulden der Länder der südwestlichen Peripherie Europas vergemeinschaften, lassen wir unsere Kinder für den überzogenen Konsum bezahlen, den diese Länder sich in den vergangenen Jahren geleistet haben. Wir versündigen uns an unseren Nachkommen. Die Schuldenstände sind astronomisch.

Aber das ist doch der Sinn einer Staatengemeinschaft: Starke schützen Schwache. Nicht?

Es ist nicht ganz klar, was Stärke und Schwäche in diesem Zusammenhang heißt. Eine stetige finanzielle Hilfe für die Schuldenländer würde jedenfalls die Außenhandelsdefizite der Schuldenländer zementieren.

Aber es gibt keine Alternative, oder doch?

Doch, die gibt es. Die Länder, um die es geht, müssen sich gesundschrumpfen, weil sie über ihre Verhältnisse gelebt haben. Der Ökonom spricht von einer realen Abwertung. Ohne eine längere Wirtschaftsflaute lassen sich die exzessiven Importe nicht schmälern. Um diese schmerzliche Erkenntnis werden auch die USA nicht herumkommen.

Fühlen Sie sich denn nicht als Europäer?

Doch natürlich, aber nicht im Sinne der Generation von Helmut Kohl, deren Position ich so karikieren würde: „Wir wissen ja, dass die Franzosen uns bei den Verhandlungen gerne über den Tisch ziehen, aber lassen wir ihnen doch die Freude. Wir machen stattdessen unsere Geschäfte.“ Die politische Bequemlichkeit, die sich so rationalisieren ließ, war vor dem Euro vielleicht noch tolerierbar, weil wir da noch stark waren. Die Zeit ist aber lange vorbei.

Was ist anders?

Sinn: Unter dem Euro sind seit 2002 zwei Drittel der Ersparnisse aus Deutschland abgeflossen, mehr als tausend Milliarden Euro. Mit dem bisschen Geld, das dann noch hierblieb, wurden wir bei der Investitionsquote zum Schlusslicht aller OECD-Länder und beim Wachstum neben Italien Schlusslicht aller europäischen Länder. Wir sind seit 1995 beim BIP pro Kopf vom dritten auf den zehnten Platz in Europa zurückgefallen. Wir gehören längst nicht mehr zu den stärksten Ländern.

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33 Kommentare zu "Ifo-Präsident Sinn: „Wieder die gleichen Fehler“"

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  • Wird die D-Mark schont gedruckt ??

  • Natürlich hat Prof. Sinn dahingehend recht, dass die Schuldenprobleme durch eine Transfergesellschaft nicht geklärt werden können.
    Haben wir mit unserem bund-/Länderfinanzausgleich nicht seit Jahren, nicht erst seit 1990, eine Transfergesellschaft, die ebenfalls das Problem nicht löst, wie Landesschulden, Gleiche Lebensbedingungen schaffen, und was uns noch alles unter diesem Aspekt seitens der Politik als alternativlos übermittelt wird. Die 12 Nehmerländer hängen doch seit Jahren an diesem Transfertropf, ohne das eine Ende zu erkennen wäre.
    Daher möglicherweise auch die Angst von Frau bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble, sich für Europa einen weiteren Geldabfluss zu Lasten der Steuerzahler leisten zu müssen.

  • Da sagt er nach Jahren endlich mal was
    vernünftiges - und zerhaut es im letzten
    Satz wieder. Unser Exportüberschuß ist ein KapitaliMport, nicht Export. Oder meint der Herr das Geld, welches die banken den Käufern vorher zwar per Kredit, aber de facto schenken, weil nur so im System die offiziellen und verdeckten Profite anfallen, die dann in brüssel verschwinden oder umverteilt werden? Die griechische Marine hat der deutsche Steuermichel auf diese Weise jetzt dreimal (Hermes) bezahlt, damit neu in F und D bestellt werden konnte. Hier tiefer Erkenntnis zu schürfen ist natürlich einem solchen Professor nicht möglich, zumal er ja damit auch seinem Hochlohn-Gejammer völlig in den Rücken fallen müßte....ist

  • Die Ausführungen von Sinn treffen auch auf die innerdeutschen Verhältnisse zu; sie sind die treffliche Nachweisführung für den zeitlosen Transferbedarf der NbL.

    Zitat 1: „Unter dem Euro sind seit 2002 zwei Drittel der Ersparnisse aus Deutschland abgeflossen, mehr als tausend Milliarden Euro. Mit dem bisschen Geld, das dann noch hierblieb, wurden wir bei der investitionsquote zum Schlusslicht aller OECD-Länder…“

    Das ist zutreffend. Statt in die NbL zu investieren, haben die öffentlichen Landesbanken im Ausland investiert.

    Zitat 2: „Auch damals gab es eine Transferunion, dem Schrotthaufen wurden die Anspruchslöhne eines der am besten entwickelten Sozialstaaten der Welt übergestülpt…Noch immer kosten die neuen Länder 60 Milliarden öffentliche Mittel pro Jahr, und seit 15 Jahren gibt es keine wirkliche Konvergenz mehr.“

    Auch diese Aussage trifft zu. Auf unabsehbare Zeit müssen die Folgen des voraus gegangenen Kapitalexports finanziert werden, insbesondere Arbeitslosigkeit. Die Präferenz des Kapitalexports hat ein Fass ohne boden geböttgert. Dieser Fakt wird gegenwärtig nicht öffentlich diskutiert, obwohl jeder Politiker weiß, dass dem Solidarpakt 1 und 2 die Solidarpakte 3 bis unabsehbar (ggf. unter neuem Name) folgen werden.

    Zitat 3: „Ein Exportüberschuss ist ein Kapitalexport, und ein Kapitalexport ist ein Aderlass. Die aus dem Aderlass resultierende Flaute der binnenwirtschaft hat die importe gedämpft und Deutschland relativ zu den anderen Ländern immer billiger gemacht“

    Für den Aufbau Ostdeutschland wurden1,3 billionen Euro aufgebracht – finanziert durch eine Staatsverschuldung von 1,6 billionen Euro. Angesichts dieses Schuldensaldo stellt sich nicht die Frage, wo die im Osten gezahlten Steuern und Abgaben sowie die im gesamten Land vereinnahmten Solidarbeiträge verblieben sind. Sie sind ebenfalls zu bestandteilen des Kapitalexports geworden. Die daraus resultierende Flaute trifft den Osten doppelt: Einerseits durch die allgemeine Flaute der binnenwirtschaft und andererseits als Folge rückläufiger investitionsbudgets für Forschung und Entwicklung und Güterproduktion.

    Die akuten Probleme im binnenland und binnenmarkt erlauben keine großspurigen Verpflichtungen gegenüber Drittstaaten – insbesondere keine Zustimmung zu einer Transferunion. Stattdessen sind diesen Ländern Freiräume und instrumente zu bewilligen, die die heilenden Kräfte des Marktes frei setzen. Hierzu könnte auch eine Umschuldung unter dem Euro gehören, die mit Restriktionen gegen Neuverschuldung verbunden wird.

  • Wie distanziert man in seinem Anzug darüber referrieren kann.

    in der Hose aus dem Sozialkaufhaus hat das schon eine andere Anmutung.

  • Her Sinn war es doch, der immer Lohnzurückhaltung gepredigt hat. Hätten die Arbeitnehmer besser verdient und hätte es in den vergangenen 20 Jahren keine stagnierenden Löhne gegeben, dann wäre der erwirtschaftete Wohlstand im Land geblieben. Herr Sinn kritisiert die Konsequenzen seiner eigenen Empfehlungen!

  • Noch mehr Sinn, bitte!
    Völlig richtig, Herr Sinn, und hoffentlich deutlich genug für Politiker. Transferunion ist der Untergang auch Europas, der Währung ohnedies.
    Für Exporte erhalten wir Geld, was weniger Wert ist, als die gelieferte Ware und Forderungen, welche überwiegend abzuschreiben sind. Die USA machen es umgekehrt: Mit wertlosen Schrottdollars erwerben sie mittels Druckerpresse (QE 2 pp) weltweit Unternehmen, beteiligungen, Rohstoffe, Aktien, Anleihen usw. usf., welche ihren Wert im Verhältnis zu Währungen eher halten können.
    Die gegenwärtige Erholung ist ein Strohfeuer, welches keine nachhaltigen Vorteile hinterläßt. Die Probleme kommen erst noch nach Deutschland - und die schleichende Transferunion in der EU ist nur ein weiterer Nagel zum Sarg unseres schon deutlich geschrumpften Wohlstandes.

  • [22] Margrit Steer
    Toller Kommentar, deshalb erübrigt sich meiner. Auch Herr Sinn wird mir immer sympathischer.

  • Warum diese Rettungsfonds? Weil wir dadurch nur unsere eigenen Produkte, die wir exportieren, finanzieren!!
    Lange geht das nicht mehr Gut, ist eigentlich logisch.

  • @Keeper - beitrag # 20

    Das Ganze ist eigentlich viel einfacher. Will nur keiner sehen.

    Wer mehr exportiert als importiert hat am Schluss weniger im eigenen Land. Nur Geld.

    Wenn aber mehr Geld weniger Waren gegenübersteht führt das zu inflation.

    Dies wird derzeit bei uns durch Kapitalparken (Finanzinvestitionen) gepuffert. Kann sein dass das Geld rechtzeitig von den börsen abgezogen wird, dann kommt die inflation, kann auch sein dass dies nicht rechtzeitig geschieht, dann hat das Geld eben auf diese Weise den besitzer gewechselt.

    Komisch dass andere Dieses Wohlstandsmodell nicht für sich beanspruchen wollen.

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