IG-Metall-Chef Hofmann „Technologieschub muss sozialen Fortschritt bringen“

Der IG-Metall-Chef sieht noch Nachbesserungsbedarf an Heils „Qualifizierungschancengesetz“. Digitalisierung dürfe nicht zu Zukunftsangst führen.
Kommentieren
„Wir müssen uns bei der begleitenden Arbeitsmarktpolitik mehr anstrengen, für einen verlässlichen Sozialstaat sorgen und den Menschen die Ängste nehmen“, sagt IG-Metall-Chef. Quelle: imago/sepp spiegl
Jörg Hofmann

„Wir müssen uns bei der begleitenden Arbeitsmarktpolitik mehr anstrengen, für einen verlässlichen Sozialstaat sorgen und den Menschen die Ängste nehmen“, sagt IG-Metall-Chef.

(Foto: imago/sepp spiegl)

Herr Hofmann, am Mittwoch soll das „Qualifizierungschancengesetz“ von Arbeitsminister Heil ins Kabinett. Was halten Sie davon?
Die Intention des Gesetzes kann ich zu 100 Prozent unterschreiben. Wir dürfen die Gestaltung des digitalen Wandels nicht allein den Marktkräften überlassen. Und wir brauchen nicht nur Angebote für An- und Ungelernte, sondern auch für Fachkräfte, die sich beruflich neu orientieren wollen oder müssen, weil sich die Tätigkeitsinhalte teilweise massiv verändern werden. Ich sehe aber Nachbesserungsbedarf am Gesetz.

Welchen?
Ohne die Einbindung der Sozialpartner und der Betriebsparteien wird die Qualifizierungsoffensive kein großer Renner werden. Auf ihre aktive Rolle sollte im Gesetz explizit verwiesen werden. Denkbar ist ein Modell wie beim Transferkurzarbeitergeld. Das fließt erst, wenn sich Arbeitgeber und Betriebsrat unter Hinzuziehung der Arbeitsagentur auf einen Qualifizierungsplan verständigt haben.

Der Betriebsrat würde dann aber auch entscheiden, wer sich qualifizieren darf und wer nicht.
Wir erleben momentan nicht gerade einen großen Run auf die Weiterbildung. Es geht also eher darum, dass der Betriebsrat Kollegen berät und motiviert, sich zu qualifizieren.

Die Arbeitgeber fürchten, dass sich Facharbeiter künftig zum Techniker oder Meister weiterbilden lassen, auch wenn da gar keine Stellen frei sind. Ist da nicht was dran?
Richtig daran ist, dass unsere klassischen Aufstiegsfortbildungswege oft in eine Sackgasse führen, weil etwa Industriemeister eben nur begrenzt benötigt werden. Deshalb müssen wir im Rahmen der geplanten Nationalen Weiterbildungsstrategie dringend darüber sprechen, welche sinnvollen Berufsqualifizierungen und Ergänzungsabschlüsse wir für die digitale Arbeitswelt brauchen.

Aber gibt es nicht genug Studien, welche Tätigkeiten wahrscheinlich wegfallen werden?
Doch, aber es gibt kaum systematische Auswertungen oder Abfragen in der Industrie, welche Kompetenzen und Qualifikationen denn künftig gebraucht werden. Ein solcher Kompetenzatlas der digitalen Arbeitswelt ist dringend gefordert.

Kritiker des Gesetzes fürchten, dass es vor allem der Weiterbildungsindustrie nutzt. Sehen Sie das auch so?
Die Gefahr besteht. Auch deshalb brauchen wir eine öffentliche Weiterbildungsinfrastruktur. Dabei haben wir die Berufsschulen, die wir zu regionalen Weiterbildungszentren ausbauen könnten. Die Hochschulen sollten mehr berufsbegleitende Studiengänge anbieten. Und es muss erlaubt sein, für den Praxisteil der Weiterbildung auch betriebliche Ausbildungskapazitäten zu nutzen.

Das ist nicht der Fall?
Nein, der Gesetzentwurf schreibt zwingend vor, dass die Weiterbildung nicht im Betrieb erfolgt. Damit sollen Mitnahmeeffekte vermieden werden. Es macht aber gar keinen Sinn, die betrieblichen Ausbildungskapazitäten nicht zu nutzen. Mitnahmeeffekte sind auch dann ausgeschlossen, wenn die BA und Betriebsräte bei der Erstellung von Qualifizierungsplänen beteiligt sind. Hier muss im parlamentarischen Verfahren nachgebessert werden. Und auch noch in einem weiteren Punkt.

In welchem?

Ausgenommen sind Hunderte Fortbildungsgänge, die unter das Aufstiegsförderungsgesetz fallen. Beim Aufstiegs-Bafög liegt der Höchstsatz bei Vollzeitausbildung bei 768 Euro monatlich. Da wird sich kein Industriemechaniker zum IT-Techniker weiterqualifizieren und dafür zeitweise den Betrieb verlassen, weil er sich das schlicht nicht leisten kann.

Ursprünglich war geplant, Arbeitslosen, die sich qualifizieren, auch länger Arbeitslosengeld zu zahlen. Das findet sich im Entwurf nicht mehr.
Wir müssen uns bei der begleitenden Arbeitsmarktpolitik mehr anstrengen, für einen verlässlichen Sozialstaat sorgen und den Menschen die Ängste nehmen. Sie sind nämlich eines der Einfallstore für die Populisten von rechts. Noch hat die Mehrheit der Beschäftigten eine positive Meinung vom technologischen Fortschritt. Wenn aber aus dem technologischen Schub nicht auch sozialer Fortschritt wird, könnte sich die Skepsis vertiefen.

Startseite

0 Kommentare zu "IG-Metall-Chef Hofmann: „Technologieschub muss sozialen Fortschritt bringen“"

Bitte bleiben Sie fair und halten Sie sich an unsere Community Richtlinien sowie unsere Netiquette. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar. Wir behalten uns vor, Leserkommentare, die auf Handelsblatt Online und auf unser Facebook-Fanpage eingehen, gekürzt und multimedial zu verbreiten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%