Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Impfung

Ärzte: „Haben Sie Medizin studiert oder ich?“ (Foto: Imago)

Impfung beim Kind Wie eine junge Mutter zur Impfgegnerin wurde

Masern sollten längst ausgerottet sein. Jetzt kommt die Krankheit zurück, weil einige Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen. Unsere Autorin suchte auf Facebook nach Impfgegnern – und fand Tatjana.
  • Anne-Lena Leidenberger
15.07.2019 - 09:43 Uhr Kommentieren

Dieser Artikel ist am 15. Juli 2019 bei Orange - dem jungen Portal des Handelsblatts - erschienen.

Musstest du jemals an deiner Schule deinen Impfpass vorzeigen, um reinzukommen? Willkommen in Deutschland 2019: Im niedersächsischen Hildesheim durften im März 80 Schüler eine Gesamtschule nicht mehr betreten, weil sie nicht geimpft waren. Schon jetzt zählt das Landesgesundheitsamt in Niedersachsen 2019 doppelt so viele Masernkranke wie im gesamten Jahr 2018. Auch in NRW, Baden-Württemberg und Bayern häufen sich die Fälle.

Impfgegner-Argumente: „Ich zünde mein Kind nicht an, um andere warmzuhalten!“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Impfgegner auf ihrer Liste der größten globalen Bedrohungen. Von ihnen gehe eine Gefahr aus wie sonst nur von der Krankheit Ebola oder der Luftverschmutzung. Die Kinderhilfsorganisation Unicef warnt vor einem Anstieg von Maserninfektionen, auch dort, „wo es absolut keine Entschuldigung gibt“ – etwa in den USA, wo kürzlich nahe New York die hochansteckende Krankheit ausbrach.

Im gesamten Jahr 2018 gab es weltweit fast 350.000 Fälle von Masern, mehr als doppelt so viele wie im Jahr davor. Das berichtet die WHO in einer neuen Studie, die an diesem Montag erschienen ist. „Wir müssen alles tun, um jedes Kind impfen zu lassen“, sagt Henrietta Fore, Geschäftsführerin von UNICEF. In mehreren Ländern gebe es Gruppen, die ihre Kinder nicht impfen lassen – zum Beispiel aus Bequemlichkeit oder Bedenken. Zum Beispiel in Deutschland.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Impfgegner hat es immer gegeben“, sagt Kate O’Brian, Chefin der Impfabteilung bei der Weltgesundheitsorganisation. „Solche Gruppen sind ein kleines Phänomen, aber sie können ihre Botschaft mit den sozialen Medien heute weiter verbreiten als früher. Wir sind besorgt über fehlerhafte oder falsche Informationen.“

    Impfgegner – laut den über 18.000 Mitgliedern der Facebook-Gruppe „Gegen Impfen – IMPFormier dich“ sind sie keine Bedrohung, sondern „systemkritische Vordenker“. Eltern, die ihre Kinder nicht (mehr) impfen lassen, sammeln sich auf den sozialen Medien und stecken mit ihren Gedanken andere an. Der Auslöser bei fast allen von ihnen: die Angst vor dem Impfstoff. Als Gegenmittel will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Masernimpfungen für Kinder verpflichtend machen.

    Aber wieso gibt es überhaupt Menschen, die sich gegen das Impfen entscheiden? Auf den impfkritischen Seiten im Netz mache ich mich auf die Suche nach Antworten und stelle erstmal fest: So einfach ist das nicht. Mit der Suchanfrage nach Interviewpartnern nimmt mich die größte Anti-Impf-Facebook-Gruppe erst gar nicht auf. Bei den wenigen kleineren Gruppen scheitere ich spätestens bei dem Versuch, mein Anliegen zu posten. Von den Administratoren nicht genehmigt, so das Fazit. Nur wenige der jungen Väter und Mütter, die ich privat anschreibe, wollen überhaupt mit mir sprechen.

    „Alle gesundheitlichen Probleme meiner Kinder sind erst nach den Impfungen aufgetreten“

    Eine von ihnen ist Tatjana, Mutter zweier Töchter, zwei und dreieinhalb Jahre alt. Tatjana lässt ihre Kinder nicht mehr impfen, sagt sie mir. Ihre letzte Impfung haben die vor gut anderthalb Jahren bekommen. „Ich war aber nicht immer gegen das Impfen“, beginnt sie zu erzählen.

    Tatjana und ihre Tochter: „Ich fühlte mich nicht aufgeklärt.“ (Foto: privat)

    Zweifel kamen der 29-Jährigen, nachdem ihre Tochter Sophia ihre letzte Impfung gegen den Rotavirus verabreicht bekam. Das Mädchen steckte sich und ihre Eltern kurz danach trotz Impfung mit dem Erreger an. Nachdem Tatjana später bei ihrer jüngeren Tochter Maya Hautausschläge, Gleichgewichtsprobleme und ein wiederkehrendes Neigen des Kopfes festgestellt hat, steht für sie fest: „Alle gesundheitlichen Probleme meiner Kinder sind erst nach den Impfungen aufgetreten.“

    Ihre Erfahrungen allein haben Tatjana aber noch nicht zur Impfgegnerin gemacht, sondern auch die Reaktion der Ärzte. Man habe sie nicht ernstgenommen, sagt Tatjana. Beipackzettel seien ihr vorenthalten worden, ihre Bedenken zu möglichen Impfschäden mit den Worten „Kein Zusammenhang“ abgewiesen worden.

    „Haben Sie Medizin studiert oder ich?“, hieß es von ihrem Hausarzt auf Tatjanas Nachfragen. Im Internet habe die 29-Jährige dann nach Antworten gesucht und sei zu dem Entschluss gekommen, ihre zwei Kinder nicht weiter impfen zu lassen. „Wenn meine Töchter durch die Impfung geschädigt werden, dann ist das allein meine Verantwortung. Keiner wird mir dann helfen“, sagt sie. Die ärztliche Bescheinigung, dass sie sich nach ausreichender Aufklärung gegen das Impfen entschieden hat, unterschrieb sie damals nicht. „Ich fühlte mich nicht aufgeklärt“, sagt Tatjana.

    „Impfgegner gibt es. Aber nicht alle, die unsicher sind, sind gleich Impfgegner“, erklärt Gudrun Widders. Als Mitglied der Impfkommission des Robert Koch-Instituts hält auch die Ärztin fehlende medizinische Aufklärung für ein Problem. „Nicht alle Eltern, die beim Impfen unsicher sind, sind sofort fahrlässig“, sagt Widders, „die meisten sind erstmal unsicher.“

    Dagegen würden vor allem Informationen helfen – von seriösen Quellen wie dem RKI und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, so die Fachärztin für Allgemeinmedizin, öffentliches Gesundheitswesen und Sozialmedizin. Diese Infos seien jedoch oft kompliziert und schwer zu verstehen. Um richtig aufzuklären, müssten auch Ärzte und Praxispersonal besser geschult werden, so Widders.

    Impfgegner-Forum: Facebook an vorderster Front

    Gegen die Impfskepsis will künftig auch Facebook vorgehen. Die Plattform hat angekündigt, dass Impfgegner in Zukunft keine bezahlte Werbung mehr auf Facebook platzieren dürfen. Außerdem will Facebook seinen Nutzern Seiten, die falsche Informationen übers Impfen verbreiten, künftig nicht mehr vorschlagen. Derzeit stehen impfkritische Gruppen beim Suchbegriff „Impfen“ noch an erster Stelle.

    Quecksilber, Aluminium und Formaldehyd – das sind die Inhaltsstoffe der Impfungen, die in genau solchen Gruppen, für die meiste Angst und Verunsicherung sorgen. „Wer Deo oder Haarspray benutzt, Essen in der Mikrowelle aufwärmt oder Lebensmittel in Alufolie einwickelt, nimmt bei Weitem mehr Aluminium zu sich, als in Impfstoffen enthalten ist“, entgegnet Widders.

    Aluminium gelange auch in die Blutbahn, wenn es eingeatmet oder mit Nahrungsmitteln aufgenommen werde. Die kritisierten Inhaltsstoffe müssten in den Impfstoffen in sehr geringen Mengen enthalten sein. Sie sorgen zum Beispiel für die Haltbarkeit und bessere Wirksamkeit des Impfstoffes, sagt die Ärztin.

    Im Netz gibt es sie also, die Impfgegner. In Deutschland sind sie trotzdem in der deutlichen Unterzahl. Laut einer Studie des Paul-Ehrlich-Instituts lehnt die große Mehrheit der Eltern Impfungen für ihre Kinder nicht grundsätzlich ab. Jugendliche würden dagegen oft versehentlich Auffrischungsimpfungen verpassen, weil Eltern und Ärzte deren Impfstatus nicht mehr im Blick hätten, sagt Widders. Die Gründe dafür, dass die angestrebte Quote nicht erreicht werde, sei also eine Mischung aus Skepsis, Vergesslichkeit und schlechtem Impfmanagement in Arztpraxen.

    Impfgegner-Argumente: Und was ist mit der Verantwortung für andere Kinder?

    „Früher hatte ich Angst zu impfen. Ich hatte aber auch Angst, nicht zu impfen“, sagt Tatjana. Heute sei sie sich mit ihrer Entscheidung sicher. Das alarmiert nicht nur Ärzte, sondern auch Tatjanas Umfeld und Fremde im Netz, die auf ihr Online-Profil stoßen. Dort werde sie regelmäßig für ihre Einstellung beschimpft, sagt Tatjana. An dieser würde sich jedoch nichts ändern, versichert sie.

    Kommentare auf Facebook gegen Tatjana: „Redet mit Ärzten!“ (Screenshot: facebook.com)

    Der Grund für die emotionale Reaktion im Netz: Kann die Herdenimmunität nicht erreicht werden, dann kommt es immer wieder zu Krankheitsausbrüchen. Über wiederholte Masernausbrüche mit teilweise tödlichen Folgen wurde auch in Deutschland immer wieder berichtet. Auch wenn der Großteil der Bevölkerung geimpft ist, stecken sich bei jenen Ausbrüchen vor allem diejenigen an, die (noch) nicht geimpft werden können.

    Die meisten Eltern und Ärzte halten das Verhalten von Müttern wie Tatjana daher für verantwortungslos. „Ich kann mein eigenes Kind nicht anzünden, um andere Kinder warmzuhalten“, sagt Tatjana dazu. Ihre Verantwortung sei in erster Linie die Gesundheit ihrer eigenen Kinder.

    Tatjanas Entscheidung ist getroffen. Hätte sie vielleicht anders ausfallen können? Wenn ihr Arzt auf ihre Angst damals mit Feingefühl statt Arroganz reagiert hätte, wäre sie womöglich heute keine Impfgegnerin. „Man muss die Eltern mit ihren Fragen an die Hand nehmen“, sagt auch Ärztin Widders. Nur mit kompetenter Aufklärung könne man dafür sorgen, dass bald kein Kind mehr an vermeidbaren Infektionskrankheiten sterben müsse. Denn das ist einfach nur: unverantwortlich.

    Mehr: Die Impfstoff-Illusion

    Startseite
    0 Kommentare zu "Impfung beim Kind: Wie eine junge Mutter zur Impfgegnerin wurde"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%