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Inflation Kliniken in der Energiepreis-Krise: „Können Patienten nicht zwingen, einen Pulli anzuziehen“

Die Inflation trifft Kliniken schwer, wie eine Umfrage zeigt. Sie fordern Milliardenhilfen von der Ampelkoalition – für Energie, Lebensmittel und medizinische Güter.
01.09.2022 - 16:50 Uhr 2 Kommentare
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert einen Inflationsausgleich für Kliniken, die allein durch steigende Preise für Strom und Gas im kommenden Jahr vier Milliarden Euro Mehrkosten schultern müssten. Quelle: obs
Krankenhaus

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert einen Inflationsausgleich für Kliniken, die allein durch steigende Preise für Strom und Gas im kommenden Jahr vier Milliarden Euro Mehrkosten schultern müssten.

(Foto: obs)

Berlin Clemens Schreiber ist der Herr über Gas und Strom bei Vivantes, Deutschlands größtem kommunalen Klinikbetreiber. Im vergangenen Jahr benötigten die neun Krankenhäuser in Berlin 220 Gigawattstunden Energie – das ist in etwa so viel, wie 10.000 Haushalte verbrauchen. 22 Millionen Euro gab Vivantes dafür aus, in diesem Jahr werden es durch die Gasumlage bereits rund 30 Millionen sein – und 2023 „rechnen wir mit drastischen Erhöhungen“, sagt er.

In den allermeisten Kliniken in Deutschland ist die Lage nicht besser. Sie steuern auf hohe Mehrkosten für ihre Gas- und Stromversorgung zu und drängen auf Milliardenhilfen angesichts der höheren Preise für Energie, Lebensmittel und medizinische Güter. Insgesamt lägen die Mehrkosten der Kliniken bei sechs Milliarden Euro.

Der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, sagt dem Handelsblatt: Der Schock treffe „alle Kliniken gleichermaßen“. Deswegen sei die Versorgung flächendeckend gefährdet. In Verbindung mit den Belastungen durch die Coronapandemie braue sich der „perfekte Sturm“ zusammen.

Aus einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts im Auftrag der DKG geht hervor, dass bei 59 Prozent der Krankenhäuser die Gasversorger ihre Preise erhöht oder Steigerungen angekündigt haben.

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    In noch mehr Kliniken (62 Prozent) sind die Strompreise in diesem Jahr bereits erhöht worden, oder dies steht noch bevor. Die Umfrage liegt dem Handelsblatt exklusiv vor. Im Schnitt liegen die Preissteigerungen in diesem Bereich bei fast 60 Prozent, maximal sogar bei 225 Prozent.

    Mehr als die Hälfte der Krankenhäuser muss mehr für Strom und Gas bezahlen

    Höhere Preise zahlen die Krankenhäuser auch für Sachmittel wie Verbände und Implantate. Hier sind die Preise der Umfrage zufolge für jede zweite Einrichtung um zehn bis 20 Prozent gestiegen. Um rund 17 Prozent erhöhten externe Dienstleister die Preise, dies betrifft unter anderem die Wäscherei, Lebensmittel, Reinigung und den IT-Support.

    Grafik

    „Die gestiegenen Kosten treffen auf staatlich reglementierte Preise“, sagt Gaß. Vorgesehen war für 2022 nur eine Steigerung von 2,32 Prozent. „So können die Kliniken niemals die gestiegenen Kosten ausgleichen“, erklärt er. Die Mehrkosten können der Umfrage zufolge allerdings fast alle Kliniken (96 Prozent) nicht aus ihren Erlösen finanzieren.

    Und jedes zweite Krankenhaus sei bereits in finanziellen Schwierigkeiten ist. „Es gibt laute Hilferufe“, sagt Gaß. „Diese Kliniken denken darüber nach, ihre Standorte aufzugeben.“ Entweder springt dann die Kommune aufgrund ihrer Sicherstellungsverantwortung ein, wenn sich kein neuer Träger findet – oder der Standort muss geschlossen werden. Das könne niemand wollen.

    Hinzu kommt, dass sich die Sparappelle in den Kliniken nicht so einfach umsetzen lassen. „Unsere Einrichtungen benötigen Wärme, Beleuchtung, Raumlufttechnik und Klimatisierung“, sagt Vivantes-Energiemanager Schreiber. Kliniken sind deswegen auch vom Energiesparplan der Bundesregierung ausgenommen.

    >> Lesen Sie hier: Alle aktuellen Entwicklungen rund um das Thema Energie im Newsblog

    Es sei zwar möglich, undichte Fenster zu reparieren, den Vorlegekeil an der Eingangstür wegzunehmen oder Mitarbeitende zu sensibilisieren – „zum Beispiel dabei, das Licht auszumachen, wenn es nicht gebraucht wird“. Es gebe aber auch Grenzen. „Wir können von einer Pflegekraft oder unseren Patientinnen und Patienten nicht verlangen, einen Pulli anzuziehen, oder von unseren OP-Teams, dass im Dunkeln operiert wird“, erklärt Schreiber.

    Sorge vor dem Blackout

    In einigen Kliniken gibt es angesichts der Lage auch Befürchtungen, die über die steigenden Preise hinausgehen. „Was mir Sorgen macht, ist die hoffentlich unrealistische Möglichkeit, dass es durch Energiespitzen zur Überlastung mit tatsächlichem Ausfall der Stromversorgung und damit zu einem echten Blackout käme“, sagt etwa Jochen Werner, Chef des Uniklinikums Essen.

    Insgesamt liegen die Mehrkosten der Kliniken wohl bei sechs Milliarden Euro. Quelle: dpa
    Krankenhaus

    Insgesamt liegen die Mehrkosten der Kliniken wohl bei sechs Milliarden Euro.

    (Foto: dpa)

    Werner erklärt: „Ein solches Szenario brächte natürlich auch die Krankenhäuser innerhalb nur weniger Tage ans Limit der Betriebsfähigkeit.“ In Essen rechnet man damit, dass die Kosten für Strom und Wärme im kommenden Jahr um jeweils zehn Millionen Euro steigen werden. Werner sagt auch, dass diese so „exorbitant“ seien, dass die Belastung nicht durch Einsparungen und Einnahmen aus dem operativen Geschäft getragen werden könnte.

    DKG-Chef Gaß fordert deswegen schnelle Hilfen in Form eines Inflationsausgleichs als Rechnungsaufschlag auf die Fallpauschale. Darüber rechnen die Krankenhäuser ihre Kosten ab. Da diese dann aber bei den Krankenkassen landen würde, sollten die Kassen vom Bund mit einem höheren Zuschuss entlastet werden. „Die Krankenhäuser sind in Not wie viele andere energieintensive Unternehmen auch“, sagt Gaß. Erschwerend komme hinzu, dass alle Coronahilfen im Sommer ausgelaufen sind.

    Die Ampelkoalition ist sich der Probleme durchaus bewusst, will jedoch noch keine konkreten Hilfen in Aussicht stellen. „Die Ampel schaut dem Kostenanstieg tatenlos zu“, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Tino Sorge (CDU).

    >> Lesen Sie hier: Winterreifen und Schneeketten – Welche Corona-Regeln im Herbst gelten

    Der von den Krankenhäusern geforderte Rechnungszuschlag könne „zeitnah in Kraft treten“. Verschärfe sich die Lage, müsse der Bund gar neue Sonderzahlungen für Kliniken einführen und sich mit den Ländern über eine angemessene Lastenteilung verständigen.

    Ampelkoalition stellt Hilfen in Aussicht

    Die Hilferufe der Kliniken fallen mitten in die Verhandlungen über ein drittes Entlastungspaket. Die SPD hatte in einem Papier vorgeschlagen, dabei auch Kliniken zu berücksichtigen. Darauf verweist auch die stellvertretende Fraktionschefin, Dagmar Schmidt.

    Man könne Mitarbeitende sensibilisieren – „zum Beispiel dabei, das Licht auszumachen, wenn es nicht gebraucht wird“. Quelle: obs
    Beleuchteter Krankenhausflur

    Man könne Mitarbeitende sensibilisieren – „zum Beispiel dabei, das Licht auszumachen, wenn es nicht gebraucht wird“.

    (Foto: obs)

    Man sei im ständigen Austausch mit der DKG und dem Bundesgesundheitsministerium. „Daher wissen wir, wie sich die gestiegenen Kosten bei den Krankenhäusern auswirken, die sich ohnehin schon in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation befunden haben“, sagt sie. „Für uns ist dabei klar, dass die Gesundheitsversorgung in ganz Deutschland sichergestellt werden muss.“

    Noch deutlicher wird der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen, Janosch Dahmen. „Ich glaube, dass uns angesichts der Entwicklung nicht viel Zeit bleibt, sondern wir zügig handeln sollten – am besten im Rahmen der aktuellen Diskussion um weitere Entlastungen“, fordert er.

    Die müssten sich aber am spezifischen Bedarf orientieren und nicht pauschal allen Kliniken zugutekommen. „Am Ende muss uns allen aber klar sein, dass Gesundheitspolitik im Bund auch nur innerhalb der vom Bundesfinanzminister gesetzten haushälterischen Leitplanken handeln kann“, sagt Dahmen. „Wer jetzt also möglicherweise aus gutem Grund viel Geld zum Beispiel zur Rettung der Krankenhäuser fordert, wird auch den Bundesfinanzminister davon überzeugen müssen, woher dieses Geld kommen soll.“

    Das FDP-geführte Finanzministerium hatte auch die geplanten Bundeszuschüsse für die angeschlagenen Krankenkassen mit Blick auf die angespannte Haushaltslage deutlich zusammengestutzt. Quelle: IMAGO/Christian Spicker
    Christian Lindner

    Das FDP-geführte Finanzministerium hatte auch die geplanten Bundeszuschüsse für die angeschlagenen Krankenkassen mit Blick auf die angespannte Haushaltslage deutlich zusammengestutzt.

    (Foto: IMAGO/Christian Spicker)

    Das FDP-geführte Finanzministerium hatte auch die geplanten Bundeszuschüsse für die angeschlagenen Krankenkassen mit Blick auf die angespannte Haushaltslage deutlich zusammengestutzt. Der gesundheitspolitische Sprecher der FDP, Andrew Ullmann, sagt angesichts der Lage der Krankenhäuser deswegen auch: „Die Einhaltung der Schuldenbremse ist ein Gebot der Verfassung.“

    Zudem könnten pauschale staatliche Ausgabenprogramme oder Einmalzahlungen die Inflation weiter anheizen – „der Staat darf aber nicht selbst Inflationstreiber werden“. Darüber hinaus weist Ullmann darauf hin, dass die Krankenhausfinanzierung zuvorderst Sache der Länder und Krankenkassen sei. „Bevor der Bund mit einem Rettungspaket einschreitet, sind somit erst einmal andere am Zug“, sagt er.

    Mehr: Krankenhausgesellschafts-Chef warnt vor Klinikpleiten – „Es braut sich der perfekte Sturm zusammen“

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    2 Kommentare zu "Inflation: Kliniken in der Energiepreis-Krise: „Können Patienten nicht zwingen, einen Pulli anzuziehen“"

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    • Und wieder eine neue Scheindiskussion und das verlieren im täglichen klein - klein durch die Politik.

      Wichtig ist - wie man es auch in der Wirtschaft tun würde - das Problem an der Wurzel packen und die Kosten für Energie wesentlich zu senken. Dazu gehören endlich die uns sehr schadenden Embargos und Sanktionen aufzuheben und mit Russland einen Waffenstillstand zu vereinbaren - z.B. auf Basis des Minsker Abkommens, für dessen Umsetzung Deutschland und Frankreich die Garantie übernommen haben.
      Außerdem sollten wir uns nicht mehr von der korrupten, antidemokratischen Führungsmannschaft der Ukraine nicht mehr so vorführen lassen.
      Die Energiekosten für die Industrie ist in Europa /Deutschland um Faktor 9 höher als in den USA. Verstehen unsere Leute nicht - die immerhin einen Amtseid geleistet haben - dass wir die Basis unseres Lebensstandards beschädigen. Die USA hat gute Arbeit geleistet.
      Und wir laufen sehenden Auges in den Untergang. Super gemacht.

      Ist dieses Land für Leistungsträger das richtige ?

    • Krankenhäuser sind wichtige Soziale Einrichtungen für die Bevölkerung.
      Die Energiekosten müssen für alle Krankenhäuser übernommen werden ohne wenn und aber.
      Wenn wir schon Milliarden für Flüchtlinge haben dann werden wohl für die Krankenhäuser die Energiekosten ebenfalls tragbar sein.
      Ansonsten soll sich die Soziale und Grüne Regierung einen neuen Namen suchen denn es passt nicht mehr zusammen.

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