Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Interview IG-BCE-Chef Vassiliadis „Deutschland ist nicht im Krisenmodus“

Der Chef der Industriegewerkschaft warnt davor, das Krisenjahr 2009 herbeizureden und erklärt, warum Arbeitnehmer ein „Zukunftskonto“ brauchen.
31.10.2019 Update: 31.10.2019 - 13:34 Uhr Kommentieren
Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie schätzt die Arbeit der GroKo als „nicht so schlecht“ ein. Quelle: dpa
Michael Vassiliadis

Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie schätzt die Arbeit der GroKo als „nicht so schlecht“ ein.

(Foto: dpa)

Berlin Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Michael Vassiliadis, hat die Selbstbeschäftigung von Union und SPD mit Personalfragen kritisiert. „Angesichts der Personalquerelen können sich die Zuschauer, die eigentlich einen Wettstreit der Besten erwarten dürfen, nur verwundert die Augen reiben“, sagt der Gewerkschafter. „Wenn sich das nicht ändert, werden am Ende die Politik an sich und die Demokratie beschädigt.“

Der politischen Arbeit der Großen Koalition stellt Vassiliadis ein gemischtes Zeugnis aus. Gemessen am Koalitionsvertrag sei die Performance der SPD, aber auch der Bundesregierung insgesamt, nicht so schlecht. „Aber auf die großen Fragen – wie umgehen mit der alternden Bevölkerung, mit der Fluchtmigration, mit dem Erhalt des Industriestandorts – haben Union und SPD noch keine für die Bürger überzeugenden Antworten gefunden.“

Der IG-BCE-Chef warnte davor, sich angesichts der konjunkturellen Eintrübung jetzt in Panikstimmung versetzen zu lassen. „Das Land ist nicht im Krisenmodus.“ Nach sieben, acht Jahren Boom stelle sich eine Normalisierung ein. Sicher gebe es Branchen und Unternehmen mit sinkenden Auftragszahlen und Umsätzen, sagte Vassiliadis. „Aber ich warne davor, einen Vergleich mit dem Rezessionsjahr 2009 herbeizureden.“ 

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Vassiliadis, wir erleben Stellenabbau großer Unternehmen, die Arbeitslosigkeit steigt – stehen wir vor der nächsten großen Wirtschaftskrise?
Das Land ist nicht im Krisenmodus. Wir kommen nach sieben, acht Jahren Boom jetzt zu einer Normalisierung. Es gibt sicher Branchen und Unternehmen, bei denen Aufträge oder Umsätze zurückgehen. Aber ich warne davor, einen Vergleich mit dem Rezessionsjahr 2009 herbeizureden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Was macht Sie so optimistisch?
    Die konjunkturelle Eintrübung hat vor allem mit dem globalen politischen Umfeld zu tun. Aber die Handelsauseinandersetzungen, die wir derzeit erleben, müssen ja nicht von Dauer sein. Hinzu kommt der Strukturwandel – die Energie- und Mobilitätswende –, aber auch der lässt sich gestalten. Wir brauchen nur klarere politische Linien und vor allem einen realistischen Zeitplan, wann was möglich ist.

    Vermissen Sie diesen Realismus beim Klimaschutz? Die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will Klimaneutralität bis 2050 erreichen …
    Wir sind ja nicht im Mittelalter, wo irgendjemand irgendwas verkündet und dann richtet sich die gesamte Gesellschaft danach aus. Dass es Zusammenhänge gibt zwischen Klimaschutz, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, sozialem Frieden und Modernisierung, das ist in der Debatte in den vergangenen Monaten ein bisschen unter die Räder gekommen. Ich sehe aber die Chance, dass die Politik das jetzt wieder besser ausbalanciert.

    Im Klimakabinett?
    Mit der Kohlekommission und dem Klimakabinett sind Schritte gemacht worden, die Politik der Ressorts ein bisschen besser zu koordinieren. Aber der Kohle- und der Atomausstieg werden nur gelingen, wenn es beim Ausbau der Leitungen und der Erneuerbaren vorangeht. Vom Ziel der Bundesregierung, den Anteil der Erneuerbaren bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern, sind wir jedenfalls meilenweit entfernt.

    Sehen Sie im Industrieland Deutschland die Versorgungssicherheit in Gefahr?
    Bisher gibt es keine ausreichende Antwort auf die Frage, was passiert, wenn wir parallel zum Kernenergieausstieg noch viel Braunkohle rausnehmen. Bleibt gleichzeitig der Ausbau der Erneuerbaren hinter den Zielen zurück, können wir echte Engpässe bekommen. Wir müssten dann für den Übergang viel Geld in Gaskraftwerke investieren, die wir dann aber aus Klimaschutzgründen auch wieder vergleichsweise schnell abschalten wollen. Und das Gas muss ja auch irgendwo herkommen. Wenn wir dann noch gegen Nord Stream II sind, dann wird es schwierig.

    Kommen wir zurück zur konjunkturellen Lage. Wäre Ihr bester Beitrag, um durch den Abschwung zu kommen, nicht Lohnzurückhaltung in der laufenden Chemie-Tarifrunde?
    Meine Mitglieder bezahlen für den Strukturwandel, über den wir gerade gesprochen haben, dreifach: Erstens als Kunden, die die EEG-Umlage zahlen, zweitens als Arbeitnehmer mit einem geringeren Verteilungsspielraum wegen der gestiegenen Energiepreise für die Unternehmen und drittens – wenn man nicht aufpasst – mit dem Jobverlust. Gerade in Zeiten, in denen die Industrie in der Öffentlichkeit zunehmend in Frage gestellt wird, müssen wir zeigen, dass es dort erfolgreiche, innovative Unternehmen gibt, die ihre Leute gut bezahlen.

    Sie fordern für jeden Beschäftigten 1.000 Euro, die auch in zusätzliche freie Tage umgewandelt werden können, und nennen das „persönliches Zukunftskonto“. Die Arbeitgeber dagegen reden von einer Nullrunde.
    Die 1.000 Euro und auch die von uns geforderte betriebliche Pflegezusatzversicherung sind Antworten auf die Wünsche der Beschäftigten, deren Belastung im Job seit Jahren wächst, die sich aber auch mehr um die Familie oder pflegebedürftige Angehörige kümmern oder gegen das eigene Pflegerisiko absichern wollen. Beides steigert auch die Attraktivität eines Arbeitgebers.

    Ist die Absicherung gegen das Pflegerisiko nicht eigentlich Aufgabe des Staates?
    Das ist so. Aber was über die Pflegeversicherung als Minimalversorgung abgesichert ist, reicht eben häufig nicht aus. Deshalb wollen wir neben der betrieblichen Altersversorgung auch eine vom Betrieb geförderte Pflegeversicherung einführen. Wir haben das bei Henkel ausprobiert und dort ist das ein Renner.

    Allein das „Zukunftskonto“ und die Pflegezusatzversicherung summieren sich nach Berechnungen der Arbeitgeber auf rund 2,5 Prozent. Wie viel Raum bleibt dann noch für eine zusätzliche Reallohnerhöhung?
    Das werden die Verhandlungen zeigen. Uns ist klar, dass die Branche nicht mehr so rosig dasteht wie noch vor einem Jahr. Aber das Gerede von einer Nullrunde hat mich schon überrascht. Wir sprechen in der Branche ja nicht über rote Zahlen, sondern über Abstriche bei der Rendite.

    Die Große Koalition will bald ihre Halbzeitbilanz ziehen, möglicherweise verabschiedet sich die SPD danach aus dem Bündnis. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
    Gemessen am Koalitionsvertrag ist die Performance der SPD, aber auch der Bundesregierung insgesamt, nicht so schlecht. Aber auf die großen Fragen – wie umgehen mit der alternden Bevölkerung, mit der Fluchtmigration, mit dem Erhalt des Industriestandorts ¬ haben Union und SPD noch keine für die Bürger überzeugenden Antworten gefunden. Und angesichts der Personalquerelen können sich die Zuschauer, die eigentlich einen Wettstreit der Besten erwarten dürfen, auch nur verwundert die Augen reiben. Wenn sich das nicht ändert, werden am Ende die Politik an sich und die Demokratie beschädigt.

    Vermissen Sie auch mehr Einsatz der Bundesregierung für die Tarifautonomie?
    Wir haben heute über alle Branchen weniger als 50 Prozent Tarifbindung, aber viele Unternehmen, die sich an Tarifverträgen orientieren und damit von dem profitieren, was Arbeitgeber und Gewerkschaften ausgehandelt haben. Und viele Arbeitgeberverbände befeuern das, indem sie eine Mitgliedschaft ohne Tarifbindung zulassen. Das muss aufhören, weil sonst ein Arbeitgeberverband kaum mehr ist als eine Anwaltskanzlei. Das ist ein Thema, das eine Große Koalition, die große Politik machen will, eigentlich gelöst haben müsste.

    Mehr: Die Steuerschätzer melden Scholz heute ihre Prognose: Trotz Konjunkturabschwungs wird der Staat wieder mehr Steuern einnehmen. Noch werde das Geld aber nicht vernünftig genutzt.

    Startseite
    Mehr zu: Interview - IG-BCE-Chef Vassiliadis „Deutschland ist nicht im Krisenmodus“
    0 Kommentare zu "Interview: IG-BCE-Chef Vassiliadis „Deutschland ist nicht im Krisenmodus“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Serviceangebote
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%