Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Interview Kerstin Andreae: „Grüner Wasserstoff ist ein europäisches Projekt“

Die neue Hauptgeschäftsführerin des BDEW fordert ehrgeizige Ziele bei der Produktion von grünem Wasserstoff und kritisiert die Pläne für den Ausbau der Windkraft.
2 Kommentare
Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft kritisiert den geplanten Mindestabstand zu Windrädern. Quelle: ullstein bild - Lengemann/WELT
Kerstin Andreae

Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft kritisiert den geplanten Mindestabstand zu Windrädern.

(Foto: ullstein bild - Lengemann/WELT)

Berlin Kerstin Andreae, seit Anfang November Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), sorgt sich angesichts aktueller Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums um den Ausbau der erneuerbaren Energien. „Das Ziel von 65 Prozent Erneuerbaren Energien in 2030 kann so nicht gehalten werden. Das sorgt bei vielen unserer Mitgliedsunternehmen für große Aufregung und das sind die Unternehmen, die die Energiewende umsetzen“, sagte die langjährige wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion dem Handelsblatt.

Konkret kritisiert Andreae den vom Bundeswirtschaftsministerium geplanten Mindestabstand von Windrädern zu Wohnbebauung. Die Pläne würden „die für einen Ausbau der Windkraft zur Verfügung stehenden Flächen stark beschneiden“, sagte Andreae. Sie appellierte an die Bundesregierung, die Bezugnahme auf eine Wohnbebauung von bereits fünf Häusern bei der Berechnung des Abstands zu überdenken.

Die neue BDEW-Chefin spricht sich für eine neue „Balance zwischen dem Ausbau der erneuerbaren Energien und den Belangen der Bevölkerung“ aus. Man müsse sich zwar „ernsthaft und faktenorientiert mit Belangen des Natur- und Artenschutzes auseinandersetzen“, sagte sie. Es dürfe aber nicht so sein, „dass Windräder im Wald grundsätzlich ausgeschlossen werden“, sagte Andreae. „Die Energiewende funktioniert nur, wenn wir Veränderungen in Kauf nehmen.“

Eine komplette Elektrifizierung aller Sektoren und Lebensbereiche hält Andreae für illusorisch. „In einigen Anwendungsbereichen ist grüner Wasserstoff aus heutiger Sicht der einzige Schlüssel zur Dekarbonisierung. Das gilt für Teile der energieintensiven Industrie, etwa in der Stahlerzeugung oder der Chemie. Dies gilt genauso für Anwendungen im Wärme- oder Verkehrssektor“, sagte sie.

Die BDEW-Hauptgeschäftsführerin rät dazu, beim Thema grüner Wasserstoff über Deutschlands Grenzen hinaus zu denken. „Allein mit nationaler Produktion lässt sich der Bedarf an grünem Wasserstoff nicht decken. Ich sehe das als ein europäisches Projekt. Man könnte damit einen starken wirtschaftlichen Impuls in den Kontinent geben“, sagte sie. Kein EU-Staat könne die Herausforderungen allein bewältigen. „Ich begrüße ausdrücklich Vorschläge, die entsprechenden Projekte mit Mitteln der Europäischen Investitionsbank oder der KfW zu fördern“, sagte sie.

Erdgas misst Andreae auf mittlere Sicht eine erhebliche Bedeutung bei. „Ich bin davon überzeugt, dass Erdgas noch für viele Jahre eine wichtige Rolle spielt“, sagte sie. Das gelte gleichermaßen für den Energiesektor wie für die Industrie, aber auch für den Wärmemarkt. „Für die Stromerzeugung gilt: Wir brauchen schon zu Beginn des kommenden Jahrzehnts zusätzliche moderne Gaskraftwerke. Die Branche braucht dafür möglichst schnell klare Investitionsbedingungen“, forderte Andreae.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Der Ausbau der Windkraft an Land kommt nicht voran. Jetzt will die Bundesregierung den Mindestabstand von Windrädern zur Wohnbebauung auf 1000 Meter festlegen. Welche Folgen hätte das?
Das Ziel von 65 Prozent Erneuerbaren Energien in 2030 kann so nicht gehalten werden. Das sorgt bei vielen unserer Mitgliedsunternehmen für große Aufregung und das sind die Unternehmen, die die Energiewende umsetzen. Die Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums würden die für einen Ausbau der Windkraft zur Verfügung stehenden Flächen stark beschneiden. Ich hoffe, dass die Bundesregierung da noch einmal mit uns von der Energiewirtschaft ins Gespräch kommt und unsere Vorschläge mit berücksichtigt.

Was schlagen Sie vor?
Bestehende Regional- und Flächennutzungspläne sollten uneingeschränkt weiter gelten. Wenn durch die neuen Regelungen in bestehende Pläne nachträglich eingegriffen wird, wären die Folgen für die Windkraft fatal. Außerdem brauchen wir eine Verschlankung des Planungs- und Genehmigungsrechts für Windenergieprojekte. Dazu gehört auch eine neue Güterabwägung zwischen dem Ausbau der erneuerbaren Energien und dem Arten- und Naturschutz.

Mit anderen Worten: Belange des Natur- und Artenschutzes müssen in den Hintergrund treten, um beim Ausbau erneuerbarer Energien voranzukommen, richtig?
Natürlich sind das schwierige Abwägungsprozesse. Man muss sich ernsthaft und faktenorientiert mit Belangen des Natur- und Artenschutzes auseinandersetzen. Es darf aber beispielsweise nicht so sein, dass Windräder im Wald grundsätzlich ausgeschlossen werden. Wir reden da ja oft über reine Nutzwälder und nicht über ökologisch besonders wertvolle Naturwälder. Wir wollen den Wald schützen, indem wir den Klimaschutz voranbringen. Eines ist klar: Wenn die Energiewende gelingen soll, darf der Ausbau der Windenergie nicht zum Erliegen kommen. Wir haben die große Hoffnung, dass es im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens noch Bewegung gibt.

Wie stehen Sie zum Mindestabstand?
Bundeseinheitliche Abstandsregelungen sind kontraproduktiv. Die Bezugnahme auf eine Wohnbebauung, die aus fünf Häusern besteht, engt die verfügbaren Flächen noch mehr ein. Die Bundesregierung sollte das überdenken. Die Abstandsregelung sollte zudem nicht gelten, wenn alte, bestehende Anlagen durch neue Anlagen ersetzt werden. Dort wo Windräder stehen, ist die Akzeptanz in der Regel hoch.

Die neuen Windräder sind aber oft dreimal so hoch wie die ersten Anlagen. Das sorgt für Proteste.
Natürlich ist das nicht überall ein Selbstläufer, man muss im Einzelfall vor Ort sicher viel Überzeugungsarbeit leisten. Es geht darum eine Balance zu finden zwischen dem Ausbau der erneuerbaren Energien und den Belangen der Bevölkerung. Deshalb sollten Kommunen finanziell beteiligt werden.

Zeigt die Debatte nicht einfach nur, dass wir mit dem Ausbau der Erneuerbaren an Grenzen stoßen?
Nein! Da ist noch viel möglich. Natürlich geht der Umbau einer hoch entwickelten Volkswirtschaft weg von den fossilen Energien, hin zu den Erneuerbaren nicht konfliktfrei vonstatten. Die Energiewende funktioniert nur, wenn wir Veränderungen in Kauf nehmen. Aber dieser Umbau bietet zugleich eine unglaubliche Chance, unser Land zu modernisieren und zukunftsfest zu machen. Eine große Mehrheit in der Bevölkerung will die Energiewende, will mehr Klimaschutz. Es ist die Aufgabe unserer Branche und auch der Politik, diese Menschen abzuholen und ihnen die großen Chancen zu verdeutlichen, die mit der Energiewende verbunden sind.

Man könnte die großen Akzeptanzprobleme umgehen, indem man stärker auf den Ausbau der Offshore-Windkraft setzte.
Deshalb begrüßen wir die Pläne der Bundesregierung, den Deckel für den Ausbau der Offshore-Windkraft für 2020 von 15 auf 20 Gigawatt anzuheben.

Ist da noch mehr möglich?
Ja. Der Ausbau der Offshore-Windkraft sollte forciert werden. Allerdings sind zusätzliche Offshore-Kapazitäten stark mit dem Netzausbau verbunden. Niemandem hilft ein Offshore-Projekt, wenn sich der Strom nicht durchs Land transportieren lässt. Daher begrüße ich auch, dass sich Minister Altmaier für den Ausbau der Netze stark macht. Kommen Windenergie und Netzausbau nicht auf die Beine, geht die Energiewende in die Knie.

Teile der Offshore-Branche wollen zumindest die Netzanbindung ihrer Parks ans Festland gleich selbst in die Hand nehmen statt sie den Übertragungsnetzbetreibern zu überlassen. Was halten Sie davon?
In Großbritannien funktioniert das ja bereits. Deutschland hat sich aber für einen anderen Weg entschieden. Entscheidend ist, dass mehr Tempo in den Netzausbau kommt.

Die Kostendegression bei Offshore-Anlagen ist enorm. Demnächst werden Parks gebaut, die keine Vergütung übers EEG bekommen. Stecken dahinter belastbare Geschäftsmodelle?
Die Erneuerbaren stellen ihre Wettbewerbsfähigkeit immer stärker unter Beweis. Unsere Unternehmen würden dies nicht machen, wenn da kein Geschäftsmodell dahinterläge.

Müsste man sich nicht dennoch Gedanken über das Ausschreibungsdesign machen?
Ich halte es für sinnvoll, durch Ausschreibungen für Wettbewerb zu sorgen. Wir haben ein Drei-Säulen-Modell für den weiteren Erneuerbaren-Ausbau vorgeschlagen, mit einem Bereich, wo der Strom, beispielsweise aus einem Windpark, direkt an den Kunden verkauft wird. Was hier nicht zugebaut werden kann, soll auch künftig über das EEG gefördert werden. Und wir setzen auch auf die die Prosumer-Welt, also die kleinen Produzenten, die Strom im Wesentlichen für den Eigengebrauch erzeugen.

Viele Unternehmen wollen direkt grünen Strom kaufen. Was halten Sie von solchen Modellen?
Solche direkten Abnahmeverträge werden in Zukunft immer wichtiger. Sie werden einen wichtigen Teil des Finanzierungssystems für die Erneuerbaren darstellen. Allerdings müssen immer die Gesamtkosten des Systems im Blick behalten werden. Wir brauchen genügend Erzeugungskapazitäten, die helfen, das gesamte System zu tragen.

Der Handelsblatt Expertencall
„Der CO2 Einstiegspreis von zehn Euro ist zu niedrig“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Interview - Kerstin Andreae: „Grüner Wasserstoff ist ein europäisches Projekt“

2 Kommentare zu "Interview: Kerstin Andreae: „Grüner Wasserstoff ist ein europäisches Projekt“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Neben dem grünen Wasserstoff Benzin gibt es noch eine weitere revolutionärste Alternative für die Elektromobilität. Auch für die Berliner Neutrino Energy Group ist vollkommen klar, die Mobilität der Zukunft ist elektrisch. Allerdings werden Zwischenstopps an den Ladesäulen demnächst der Vergangenheit angehören. Die Autos der Marke Pi beziehen ihre Energie aus Energiewandlern, die diese aus Strahlung gewinnen. Dabei geht es um sehr leichte Elektrofahrzeuge, deren Karosserie nicht aus Aluminium besteht, sondern aus Karbon. Dieses Kohlenstoffverbundmaterial ist nicht nur extrem leicht, sondern ermöglicht auch die problemlose Integration der Energiewandler. Somit kann der gesamte Fahrzeugkörper für die Energiegewinnung genutzt werden. Der griechische Buchstabe Pi wurde als Markenname gewählt, weil er für Unendlichkeit steht. So wie Fotovoltaikanlagen Strom aus dem sichtbaren Licht gewinnen, wandelt die Neutrino-Voltaik nicht-sichtbare Strahlung in Energie um. Damit ergibt sich ein bedeutender Vorteil: diese Energiegewinnung ist nicht vom Tageslicht abhängig. Die extrem kleinen, hochenergetischen Teilchen stehen rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, an jedem beliebigen Ort zur Verfügung. Unsere Politik und Wirtschaft sollte nun dringend dieser Innovation neuen Platz im Markt ebnen.

  • Nach Angaben des BMWI erzeugte Windkraft 2018 mit ca. 30.000 Anlagen 3% vom Primärenergieverbrauch.
    "Es dürfe aber nicht so sein, „dass Windräder im Wald grundsätzlich ausgeschlossen werden“, sagte Andreae. „Die Energiewende funktioniert nur, wenn wir Veränderungen in Kauf nehmen.“
    Das gibt eine Idee, was im Bereich Natur- und Artenschutz auf uns zukommt.