Interview mit Hergard Rohwedder Witwe des Treuhand-Chefs gibt neue Hinweise auf die Mörder ihres Mannes

Hergard Rohwedder war dabei, als ihr Mann ermordet wurde. Hinweisen von ihr gingen die Ermittler nicht nach. Im Interview spricht sie über das Attentat.
  • Michael Jürgs
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Engagiert und gut vernetzt. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Hergard Rohwedder 2014 auf einer Handelsblatt-Veranstaltung

Engagiert und gut vernetzt.

(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

Ein Interview wollte sie nicht mehr geben. Zu viel Schmerz. Zu wenig Aufklärung. Zu viel Ungeklärtes über den Mord zu Ostern 1991 an ihrem Mann Detlev Karsten Rohwedder, dem damaligen Chef der Treuhandanstalt zur Privatisierung der DDR-Wirtschaft.

Aber für Michael Jürgs machte Hergard Rohwedder eine Ausnahme. Sie kam nach Hamburg zum Gespräch mit dem Autor des Buchs „Die Treuhändler“, als Beitrag für eine ZDF-Dokumentation. Diese läuft an diesem Mittwoch (21.45 Uhr) als Dreingabe für einen Thriller, der die Morde der Roten Armee Fraktion und ihrer Nachfolger vor 30 Jahren zum Melodram verwurstet.

Ulrich Tukur spielt eine Figur, die dem realen Rohwedder ähnelt. Wir dokumentieren das Interview in voller Länge.

Frau Rohwedder, was fiel Ihnen in den Tagen vor dem Attentat auf?
Ich war allein im Haus, und es gab Anzeichen, dass sich was zusammenbraute. Es wurde nachts angerufen, um zwei, drei Uhr. Ich bin rangegangen, weil meine Mutter in Hamburg krank war und ich immer in Sorge um sie war. Es war niemand dran. Einfach Stille. Dann wiederum klingelte es nachts am Haus – da soll man ja auch nicht reagieren, ich habe die Tür nicht aufgemacht. Aber ich habe runtergeguckt. Nichts, niemand zu sehen. Als mein Mann am Gründonnerstag abends heimgebracht wurde von seinen beiden Begleitern, habe ich ihnen gesagt: Da ist Bewegung, das macht mich misstrauisch. Worauf die cool reagierten: „Ja, was erwarten Sie denn, sollen wir vielleicht auf dem Rhein mit einem Schiff hin- und herfahren?“ Wir wohnten ja direkt am Rhein.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Wir haben doch die verdeckte Fahndung. Ich habe Objektschutz vorgeschlagen, so wie es bei den Botschaften war in Bonn. Wachhäuschen vor der Tür. Das haben sie nicht aufgenommen und sind weggefahren.

Gab es Panzerglas wirklich nur im Erdgeschoss?
Ja. Die Experten meinten, das Wichtige sei, den klassischen Zugang im Keller mit einer Tür zu sichern. Und das war er. Wir hatten da eine dicke Eisentür, Panzerglas gab es dann nur im Parterre. Wir haben an den ersten Stock nicht gedacht. Das hätte man wahrscheinlich machen müssen. Aber ich will da niemandem die Schuld geben, ich hätte ja auch den Vorhang oben zuziehen können. Ich habe einfach nicht damit gerechnet.

Vor dem Mord geschah der Rufmord an Ihrem Mann.
Das ist richtig. Die RAF glaubte, wenn dieser schreckliche Mensch an der Spitze der Treuhandanstalt nicht mehr lebt, würde es ihnen Sympathie bringen. Sie kennen ja die Schlagworte: „Schlachthaus Treuhand“. Er war ein bisschen der Buhmann der Nation. Die Ministerpräsidenten der Ostländer waren im Verwaltungsrat; sie segneten alle größeren Sachen ab, fuhren nach Hause und redeten dann in dieser Art. Mein Mann hat immer gesagt: Die machen halt Politik, die Menschen dort sind verunsichert. Die wollen sie beruhigen.

Wie ging er um mit solchen Generalangriffen auf seine Person um?
Zum einen mit einer großen Gelassenheit, die ihm half, die veröffentlichte und zum Teil sehr persönlich fokussierte Meinung über die Treuhand unbeschadet zu überstehen. Zum anderen mit Mut. Er hat stets Ruhe und Haltung gewahrt, hatte Verständnis für die Motive der Kritiker, ohne dies als persönliche Kränkung übelzunehmen. Aber wenn er etwas als richtig erkannt hat, dann hat er es gemacht, unabhängig von aller Kritik.

Und wie verhielten sich die Manager-Kollegen Ihres Mannes?
Eher zurückhaltend. Es waren nur sehr wenige Manager bereit, mitzumachen unter den Umständen, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Die dann doch kamen, haben mit Rieseneinsatz rund um die Uhr gearbeitet – stets unter dem politischen Erfolgsdruck aus Bonn und dem medialen von der Presse. Er bekam zum Beispiel einen Brief von einem damals sehr erfolgreichen CEO einer großen Firma, der schrieb, er wisse nicht, ob er ihm zur Übernahme dieses Jobs gratulieren solle. Mein Mann fand es geradezu empörend, dass dieser CEO nicht erkennt, was das für eine große wichtige Aufgabe war und dass man die einfach übernehmen musste, ja: dazu verpflichtet war. Er war stolz darauf, er sah es als eine Auszeichnung an, eine Ehre, dass er da mithelfen konnte.

Ihr Mann sagte bei seiner berühmten Rede vor der Volkskammer: „Erst kommt das Leben, dann die Paragrafen.“ Das gefiel nicht allen.
Für diesen Satz wurde er sehr kritisiert. Er war Jurist und wollte gerne gesetzestreu sein. Aber es war damals so, dass vieles einfach sofort gemacht werden musste. Er rief bei der Bundesbank an, bei Karl Otto Pöhl: „Bitte schick’ mir Leute wegen der Währungsumstellung.“ Die Scheine mussten doch von überall eingesammelt werden. Er fuhr immer am Montagfrüh weg, kam Freitag wieder und bat mich dann am Wochenende: „Bitte ruf’ am Montag alle Anwaltsfreunde an, alle Unternehmensberater, die wir kennen, und bitte um Hilfe. Wir brauchen einfach Leute, die mitarbeiten.“ Es war eine unglaubliche Situation.

Zwischen dem in der einstigen DDR wachsenden Volkszorn und der Politik in Bonn war die Treuhand ein idealer Sündenbock.
Ich will einfach davon ausgehen, dass es den Politikern im Westen darum ging, eine gute Lösung zu finden. Vor allem Bundeskanzler Helmut Kohl war unglaublich engagiert und hatte immer Zeit für meinen Mann. Er hatte sein Vertrauen, schon seit vielen Jahren. Kohl hat auch über seinen Tod hinaus der Familie das Vertrauen erhalten. Er war rührend zu mir und den Kindern.

Wie erinnern Sie Ostern 1991?
Den Sonntag haben wir in Essen verbracht und große Blumensträuße an alle verteilt, die an der Pflege meiner kurz zuvor verstorbenen Schwiegermutter beteiligt waren. Als wir nach Hause kamen, habe ich einen Fehler gemacht, den ich bis heute bereue. Auf dem Nebengrundstück stand ein großes Auto, in dem saß ein junges Paar. Es war Sonntagnachmittag. In dem Haus war eine Anwaltskanzlei, es gab keine Veranlassung, sich dort sonntags aufzuhalten. Ich wollte hingehen, aber mein Mann sagte: „Komm’, lass es, was soll’s, wir gehen rein!“ Das müssen die Attentäter gewesen sein! Ich hätte zumindest die Autonummer aufschreiben können. Das werfe ich mir wirklich vor.

Die Treuhand und Ihr Mann standen angeblich davor, das verschwundene Parteivermögen der SED zu finden. Es ging um 800 Millionen D-Mark. Was die These stützen würde, dass die Stasi Handlungsbedarf sah und die RAF mit dem Mord beauftragte.
Ich habe hinterher von zwei Seiten erfahren, dass er da wohl relativ dicht dran war. Dass es aber – unabhängig vom versteckten Vermögen – die Stasi war, die den Mordanschlag plante, glauben eigentlich alle Politiker, die mit der früheren DDR etwas zu tun hatten. Frau Merkel, Frau Schipanski, Herr Nooke …

… die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU-Politikerin Dagmar Schipanski, der Bürgerrechtler Günter Nooke.
Sie alle haben mir gesagt, sie gingen davon aus, dass es die Stasi war. Es gab ja am Tatort diesen schrecklichen Brief da, von der RAF …

… das Bekennerschreiben.
Ja. Sie haben den Mord für sich in Anspruch genommen, richtig, aber die RAF hat bei vorangegangenen Attentaten nie auf die Familie ihres Opfers geschossen, never! Und bei uns haben sie mehrfach geschossen; mein Mann ist ja sofort hingestürzt, und ich bin Sekunden später ins Zimmer gekommen, und da haben sie einen gezielten Todesschuss auf mich abgegeben. Der ist abgefälscht worden, durch einen Acrylkasten im Fenster und das Explosivteil hat mir den Arm zertrümmert. Und dann haben sie noch ein drittes Mal geschossen, der Schuss ging ins Bücherregal. Es war so perfekt geplant – die richtige Sekunde des Tages, als er aufstand von seinem Arbeitstisch, um ins Bett zu kommen. Es war so, dass Leute, die sicherheitspolitische Erfahrung haben, überzeugt sind: Das kann nicht die RAF allein gewesen sein. Sie trauen ihr das nicht zu. Aber wissen Sie was …

Sie wollen das nicht mehr wissen?
Nein, es hilft ihm und uns nicht mehr. Was sollte ich denn tun? Ich war zu lange Richterin, um nicht zu wissen, dass es Gerechtigkeit auf Erden nicht gibt. Der politische Hang zur Einzelfall-Gerechtigkeit ist ein Irrweg. Ich habe damals das BKA gebeten, wenn sie wissen, wer es ist, möchte ich es nicht aus der Presse erfahren, sondern rufen Sie mich bitte an. Im Übrigen keinen Kontakt.

Wie haben Sie es geschafft, nach den Schüssen die Polizei zu alarmieren?
Ich bin die Treppe runtergelaufen. Schussverletzungen sind ganz merkwürdig: Sie tun zunächst überhaupt nicht weh. Der Arm hing runter, und es war alles voller Blut, aber es tat überhaupt nicht weh. Erst dann begann ein schreckliches Brennen. Und dann bin ich – ich hatte ja eigentlich einen Direktruf zur Polizei – ans Telefon gegangen, habe die 110 gewählt und gesagt: „Ich glaube, mein Mann ist erschossen worden.“ Die Polizei war sehr schnell da. Ich habe noch die Haustür aufgeschlossen, und saß dann bei der offenen Tür auf dem Boden. Sie haben mich hingelegt und betreut und ihn rausgetragen. Ich kam sofort ins Krankenhaus. Zunächst wollten sie in der Uniklinik den Arm amputieren, haben aber dann den Traumatologen aus dem Bett geholt, und er hat mir den Arm wirklich gerettet.

Wo waren die Kinder?
In New York. Sie wurden von einem Freund meines Sohnes Philipp telefonisch informiert. Cecilie studierte und Philipp war bei der Deutschen Bank. Sie kriegten noch den Nachtflug und waren am Morgen da.

Wie lange waren Sie im Hospital?
Viele Monate!

Beim Staatsakt für Ihren Mann in Berlin waren Sie aber nicht dabei.
Ich war gefragt worden, ob wir einen Staatsakt wollten. Das habe ich mit den Kindern besprochen. Dann sagte ich, wir hätten nichts gegen einen Staatsakt, aber man werde verstehen, dass wir nicht wollten, dass er in Düsseldorf, wo man ihn nicht geschützt hat, geehrt würde. Wenn, dann bitte in Berlin. Sie brauchten aber nicht zu fürchten, dass ich am nächsten Tag in „Bild“ bin: „Eine Witwe klagt an!“ Das wäre nicht in seinem Sinne, von mir wird niemand in der Richtung etwas hören.

Wie fanden Sie ins Leben zurück?
Darüber kann ich nicht sprechen. Es war ein langer, ein schwieriger Weg. Meine Kollegen haben mir in der Asylkammer des Gerichts zwei Jahre lang meinen Posten freigehalten, wollten keine Vertretung, sondern haben meine Akten mit erledigt. Nach zwei Jahren konnte ich in ein fast normales Leben zurückkehren.

Die Mordermittlungen liefen weiter, obwohl allen Indizien zufolge der Todesschütze, RAF-Mann Wolfgang Grams, ja wohl feststeht.
Ich hatte damals einen Tipp bekommen: In einer Anwaltsfirma in derselben Straße war ein paar Tage vor der Tat eine junge Frau und wollte telefonieren. Sie hatte wohl einen merkwürdigen Eindruck gemacht, sodass sie die Frau zu einem Telefon geführt haben, bei dem die Gespräche aufgezeichnet wurden. Erst nach sechs Jahren haben die Ermittler auf meinen Hinweis reagiert und nach der Adresse gefragt! Auch in einer anderen Sache, die ich gemeldet hatte, geschah nichts: Eine Bekannte hatte ein junges Paar am Nachmittag des Tattages beobachtet in dem Gelände der Schrebergärten, wo es dann geschah. Sie guckten immer rüber zum Haus. Auch das hatte ich weitergegeben. Diese junge Frau wurde nie befragt.

Was wäre wenn, hilft nicht mehr.
Nein, nein. Aber das hätte vielleicht geholfen, es sind ja noch mehr unaufgeklärte Morde geschehen, insgesamt handelt es sich um sechs Fälle.

Der Mann, der einen BKA-Beamten auf dem Bahnsteig von Bad Kleinen erschoss, hat nach offizieller Darstellung auch Ihren Mann getötet. Gibt es trotz allem Tröstliches für Sie?
Natürlich. Wir waren 30 Jahre interessant und gut verheiratet. Wir haben einander am Ostersonntag die Ostereier versteckt, und es war dasselbe Buch, was er für mich und ich für ihn versteckt hatte. Etwas über die literarischen Salons der 1920er-Jahre in Berlin. Das ist alles tröstlich und schön.

Er wollte, nach der Treuhand, Antiquar im Buchhandel werden.
Er träumte von einer guten Buchhandlung in Straßburg. Ein Mann wie er wäre heute aus der Zeit gefallen, auch wegen seiner literarisch-historischen Bildung. Er war ein Patriot mit innerer Anteilnahme. Ein Idealist, der froh war, bei dieser großen Aufgabe helfen zu dürfen. Dieses so brutal geteilte Land, das kann sich ein junger Mensch heute kaum vorstellen, wie das war, als die Mauer gebaut wurde. Zerrissen alle Bande zwischen den Menschen. Und das wieder vorsichtig zusammenzufügen zu einem Deutschland, ja, zu Deutschland, das war sein Ziel.

Frau Rohwedder, vielen Dank für das Interview.

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