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Interview mit Pflegebevollmächtigtem Westerfellhaus „Wir könnten mehr als 100.000 Pflegekräfte zurückholen“

Mit einem Projekt für bessere Bedingungen in der Pflege will der Pflegebevollmächtigte der Regierung gegen den Fachkräftemangel kämpfen. Der Politik gibt er eine Mitschuld.
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Die Arbeitsbedingungen in der Branche schrecken viele qualifizierte Kräfte ab. Quelle: imago/photothek
Pflegekräfte in Berlin

Die Arbeitsbedingungen in der Branche schrecken viele qualifizierte Kräfte ab.

(Foto: imago/photothek)

DüsseldorfDer Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege, Andreas Westerfellhaus, beginnt das „Projekt zur Umsetzung guter Arbeitsbedingungen in der Pflege“. Umsetzen wird das Vorhaben die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon, die den Zuschlag nach europäischer Ausschreibung erhalten hat. Curacon entwickelt nun ein Schulungskonzept für Führungskräfte in der Pflege. Das geht aus einer Mitteilung des Bevollmächtigten für Pflege hervor, die dem Handelsblatt vorab vorliegt.

Das Projekt soll insbesondere kleine und mittelständische Pflegeeinrichtungen unterstützen, da gerade diese oft nicht die zeitlichen und finanziellen Ressourcen aufbringen könnten. Westerfellhaus will so den Mangel an Pflegepersonal bekämpfen. „Rund die Hälfte der Pflegefachkräfte, die aus ihrem Job ausgestiegen sind, können sich eine Rückkehr vorstellen, wenn sich die Rahmenbedingungen verbessern“, sagte der Staatssekretär des Bundesgesundheitsministeriums dem Handelsblatt. 120.000 bis 200.000 Pflegekräfte könne man so theoretisch reaktivieren.

Die Ergebnisse des Projektes sollen im November vorliegen und die Evaluation im Februar 2020 abgeschlossen sein. Im Anschluss soll ein Konzept entstehen, das in Deutschland flächendeckend für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege sorgt. Im vergangenen Jahr waren laut Bundesagentur für Arbeit 40.000 Stellen in der Pflege unbesetzt.

Lesen hier das ganze Interview:

Andreas Westerfellhaus ist ein Pflegebevollmächtigter in unruhigen Zeiten. Für das Gespräch mit dem Handelsblatt hält der Staatssekretär des Gesundheitsministeriums an einer Autobahnraststätte „irgendwo bei Leipzig“. Er ist auf dem Weg nach Berlin, wo er bei einem Fachkongress sein „Projekt zur Umsetzung guter Arbeitsbedingungen in der Pflege“ vorstellen wird. Im Interview spricht über das Vorhaben, den Fachkräftenotstand in der Pflege und die Rolle der Politik.

„In  den letzten Jahren wurde versäumt, genügend Menschen auszubilden.“ Quelle: BMG, Holger Gross
Andreas Westerfellhaus

„In den letzten Jahren wurde versäumt, genügend Menschen auszubilden.“

(Foto: BMG, Holger Gross)

Herr Westerfellhaus, an Aktivitäten in der Pflegepolitik mangelt es derzeit nicht. Sie starten nun ein „Projekt zur Umsetzung guter Arbeitsbedingungen in der Pflege“. Warum noch eine Initiative?
Hier geht es konkret um kleine und mittelständische Pflegeeinrichtungen. Diese Pflegedienste sollen bei der Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen unterstützt werden, weil sie oft nicht die zeitlichen und finanziellen Ressourcen dafür aufbringen können. Rund die Hälfte der Pflegefachkräfte, die aus ihrem Job ausgestiegen sind, können sich eine Rückkehr vorstellen, wenn sich die Rahmenbedingungen verbessern. Wir sprechen da von einer Größenordnung von 120.000 bis 200.000 Pflegekräften.

Mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz wollen Sie die Einstellung von 13.000 neuen Altenpflegern ermöglichen. Nun sagt aber der Deutsche Pflegerat, dass es perspektivisch 100.000 neue Stellen bei der Langzeitpflege und in Krankenhäusern bräuchte.
Wenn wir es schaffen, die Rahmenbedingungen der Pflege zu verbessern, könnten wir wie angesprochen mehr als 100.000 Pflegekräfte zurückholen. Außerdem werden wir den Pflegekräftenotstand nicht allein mit Mengengerüsten lösen können. Das schließt etwa die Frage ein, wie könnte eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe aussehen oder wie wir die Arbeit durch Digitalisierung erleichtern können. Wir brauchen Instrumente, die nicht nur jetzt, sondern auch in den nächsten 30 Jahren funktionieren.

Im vergangenen Jahr waren 40.000 Pflegestellen in Deutschland unbesetzt. Warum hat der Fachkräftemangel solche Dimensionen angenommen?
In den letzten Jahren wurde versäumt, genügend Menschen auszubilden. Man hat einfach nicht auf den längerfristigen Bedarf geschaut. Dazu kommt, dass viele Arbeitgeber in den letzten Jahren geglaubt haben, Pflegepersonal einsparen zu können. Und so hat sich ein Teufelskreis in Gang gesetzt, weil immer weniger Pflegefachkräfte immer mehr Arbeit leisten müssen. Das hat dazu geführt, dass viele Pflegekräfte dem Beruf den Rücken gekehrt haben.

Was hätte die Politik denn anders machen müssen?
Ich habe in meiner Zeit als Präsident des deutschen Pflegerates immer darauf hingewiesen, dass das System viel zu starr ist. Viele Krankenhäuser etwa haben stets geglaubt, sie könnten für den eigenen Bedarf ausbilden, ohne sich um das System insgesamt zu scheren. Sowas führt in die Irre, vielmehr braucht es einen Gesamtplan. Hinzu kommt, dass keiner bis vor einigen Jahren eine Übersicht darüber gehabt hat, wie viele Pflegefachkräfte wir eigentlich in Deutschland haben. Das ändert sich jetzt in einigen Bundesländern. So kann nicht nur gemessen werden, wie viele Pfleger es braucht – sondern auch, für wie attraktiv der Pflegeberuf gehalten wird. Damit kann die Politik bessere Rahmenbedingungen setzen. Aber ohne die Beteiligung der Arbeitgeber, von denen einige noch immer glauben, sie könnten sich zurücklehnen und immer nur nach der Politik rufen, geht es nicht.

In einem Punkt rufen die privaten Pflegearbeitgeber nicht nach der Politik, und zwar bei der Einführung flächendeckender Tarifverträge. Die sollen aber trotz des Widerstandes aus dem Arbeitgeberlager kommen. Wissen Sie schon wann?
Im Juli vergangenen Jahres haben wir die „Konzertierte Aktion Pflege“ gestartet, mit der wir konkrete Vorschläge vorlegen wollen, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Eine der Arbeitsgruppen beschäftigt sich damit, die Grundbedingungen für einen Tarifvertrag zu erarbeiten. Das ist bei den vielen verschiedenen Arbeitgebern – kommunale, konfessionelle und private Träger oder Wohlfahrtsverbände – sicherlich eine Herkulesaufgabe. Aber ich bin überzeugt und auch sehr optimistisch, dass das bald gelingen wird.

Was heißt bald?
Grundsätzlich haben wir gesagt, wir brauchen für die „Konzertierte Aktion“ bis zum Sommer 2019. Aber ich bin zuversichtlich, dass es da schon vorher klare Signale geben wird. Alles andere ist auch keine Lösung: Wenn in Niedersachsen einen Altenpflegerin 400 Euro weniger verdient als in Nordrhein-Westfalen, zeigt sich das Dilemma.

Einen konkreten Zeitpunkt gibt es also noch nicht?
Nein. Aber wir werden in einigen Tagen umfassend über unsere Fortschritte der „Konzertierten Aktion“ informieren.

Herr Westerfellhaus, danke für das Gespräch.

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