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Interview „So ruiniert man Staatshaushalte“ – Friedrich Merz lehnt Pauschalhilfen ab

Der CDU-Politiker kritisiert mögliche Lufthansa-Auflagen aus Brüssel. Von Pauschalhilfen für einzelne Branchen hält er nichts. Man müsse eher auf die Angebotsseite schauen.
28.05.2020 Update: 29.05.2020 - 10:22 Uhr 5 Kommentare
„Bei den Ökonomen gibt es viele Meinungen. Aber die Politik muss entscheiden.“ Quelle: Daniel Hofer/laif
Friedrich Merz

„Bei den Ökonomen gibt es viele Meinungen. Aber die Politik muss entscheiden.“

(Foto: Daniel Hofer/laif)

Berlin Der frühere Unions-Fraktionschef Friedrich Merz hat mögliche Auflagen der EU-Kommission für deutsche Staathilfen für die Fluggesellschaft Lufthansa hart kritisiert. „Muss das denn sein, dass das Unternehmen jetzt noch einmal zusätzlich geschwächt wird mit dem Verlust von Slots in München und in Frankfurt?“, sagte der CDU-Politiker im Interview mit dem Handelsblatt.

Die Kommission habe definitiv die Kompetenz in der Fusionskontrolle und in der Beihilfenkontrolle. „Aber mich würden schon die Maßstäbe interessieren, an denen die Kommission die Beihilfen für die Lufthansa jetzt prüft“, sagte er.

Merz kritisierte, dass die EU-Kommission keine Vorschläge zur Konsolidierung der europäischen Luftfahrtindustrie mache. „Da läge doch eine große Chance. Stattdessen wird im Klein-Klein Beihilfenkontrolle ausgeübt“, sagte er. Zudem habe die Kommission mehr als acht Wochen gebraucht, um ihre Antwort auf die Krise zu formulieren. „Und natürlich kann ein solches Finanzierungspaket, wie es am Mittwoch vorgestellt wurde, helfen, einige der Probleme lösen“.

Aber laut Merz fehlen immer noch ein paar Ideen für die Industrie des 21. Jahrhunderts im Wettbewerb mit China und den USA. „Wir dürfen eben gerade jetzt nicht zurückfallen in eine Renationalisierung der Wirtschaftspolitik. Aber Europa befindet sich ja auch erst am Anfang dieses ohnehin sehr schwierigen Meinungsbildungsprozesses“, sagte er.

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    Den von Bundesfinanzminister Olaf Scholz ins Spiel gebrachten Familienbonus in Höhe von 300 Euro lehnt Merz ab. „Da fordert der eine 300 Euro, der nächste 600 Euro und dann dauert es wenige Tage, und es kommt einer mit 900 oder 1000 Euro. Dann sind wir vom Helikoptergeld nicht mehr weit entfernt“, sagte Merz.

    Ablehnend äußerte sich Merz auch zu Hilfen für einzelne Branchen wie für die Autoindustrie. „Ich halte von solchen Instrumenten zur Ankurbelung der Nachfrage wenig. Das sind in der Regel kurzfristige Effekte, die nur selten langfristig die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft stärken“, sagte Merz.

    Er schlug vor eher auf die Angebotsseite zu schauen. Die Bundesregierung müsse sich fragen, welche Branchen, welche Technologien im 21. Jahrhundert eine Chance hätten, auf den regionalen, europäischen und globalen Märkten eine Rolle zu spielen.

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Merz, die Bundesregierung hat die Bazooka zur Rettung notleidender Unternehmen ausgepackt. Ist das viele Geld in der Coronakrise richtig eingesetzt worden?
    In der ersten Phase der Coronakrise war eine konkrete schnelle Hilfe vor allem für kleine und mittlere Unternehmen, für Selbstständige und für die privaten Haushalte nötig. Jetzt beginnt eine Phase, in der wir wieder eine gesamtwirtschaftliche Perspektive einnehmen müssen. Geld spielt dabei auch eine Rolle, aber nicht mehr die alleinige.

    Die Rettungspakete sind mit gewaltigen Volumen ausgestattet. Wurde Geld da nicht ziellos verpulvert?
    Die Erfahrung aus der Finanzkrise zeigt, dass es bei großen und schnellen Hilfspaketen, die in solchen Ausnahmesituationen notwendig sind, natürlich auch mehr oder weniger große Streuverluste gibt. Gleichzeitig kann der Staat nicht alle Unternehmen retten, er kann ja den ausgefallenen Umsatz nicht ersetzen.

    Ich finde die Frage legitim, was wir uns leisten können, wo also eine Obergrenze liegt.

    Und die Regierungen bleiben natürlich auch in einer Krise immer die Treuhänder für das Geld der Steuerzahler, auch für die Steuerzahler von morgen. Es muss also gedanklich immer zugleich ein Schutzschirm über den öffentlichen Haushalten liegen, ganz besonders über dem Bundeshaushalt. Ich finde deshalb die Frage legitim, was wir uns leisten können, wo also eine Obergrenze liegt.

    Bayerns Ministerpräsident Markus Söder forderte eine Schuldenobergrenze von 100 Milliarden.
    So, wie es eine Schuldenbremse im Grundgesetz und in den Landesverfassungen gibt, und so, wie die Ausnahmesituationen dort definiert sind, in der wir jetzt sind, braucht es Leitplanken, an denen sich die Haushaltsplanungen orientieren können. Die Steuerausfälle durch die Rezession werden ja alle erst noch kommen. Es wird schon über eine Neuverschuldung von einer Billion Euro gesprochen. Das wäre ungefähr eine um 50 Prozent höhere Staatsverschuldung, als wir sie heute schon haben, und wir kämen damit, gemessen an unserem Bundesinlandsprodukt, von 60 auf rund 90 Prozent.

    Die Rechnung geht nur auf, wenn die Wirtschaft schnell wieder ins Laufen kommt, wenn wir Wachstum und Beschäftigung haben und die Steuereinnahmen dann wieder steigen. Angesichts der hohen Ausgaben sind deshalb auch mahnende Worte notwendig. Das geht so nicht unbegrenzt weiter.

    Einige Ökonomen meinen, man müsse die Schulden nicht zurückzahlen, sondern würde in den kommenden Jahrzehnten aus ihnen herauswachsen. Ist das eine leichtsinnige Annahme?
    Bei den Ökonomen gibt es viele Meinungen. Aber die Politik muss entscheiden. Die Strategie Deutschlands nach der Finanzkrise war richtig, die Haushalte zu konsolidieren und Wachstums- und Beschäftigungseffekte zu nutzen. Wir sind 2009/10 so erfolgreich auf den Wachstumspfad zurückgekommen. 2020 wird das wesentlich schwieriger, weil die Krise einfach größer ist.

    Was schlagen Sie vor?
    Wir sollten die Krise als Chance verstehen, die ohnehin notwendige Modernisierung unserer Volkswirtschaft jetzt besonders schnell voranzubringen. Die Defizite werden ja in der Krise noch deutlicher: Wir haben enorme Rückstände bei der Digitalisierung, vor allem unsere Verwaltungen sind bis auf wenige Ausnahmen einfach nicht weit genug auf diesem Feld, und wir sind mittlerweile auch zu abhängig von weltweiten Lieferbeziehungen.

    Und wenn ich „wir“ sage, meine ich damit nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa. Europa muss jetzt endlich die dynamisch wachsende, ökonomisch wie ökologisch moderne Wirtschaftsregion werden, die wir immer sein wollten, die wir aber bis heute allenfalls in einzelnen Teilen geworden sind. Dann werden auch die öffentlichen Haushalte davon profitieren.

    Die Bundesregierung will Anfang Juni ihr Konjunkturpaket vorstellen. Was würden Sie da reinpacken?
    Ich würde zunächst einmal zwei Grundannahmen voranstellen, die in der Koalition hoffentlich unstreitig sind, dass nämlich auch in Zukunft privatwirtschaftliche Unternehmen und offene Grenzen die wesentlichen Treiber für Innovation und Arbeitsplätze sind.

    Wenn diese Grundannahmen gelten, dann müssten sich die Maßnahmen weniger auf den Konsum von heute als vielmehr auf die Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft von morgen richten. Deshalb darf der Staat jetzt nicht allen Einzelforderungen nachgeben. Da sind ja viele dabei, die wir schon lange kennen und die jetzt mit Corona nur neu begründet werden.

    Sie sind also gegen Hilfen für einzelne Branchen wie die Autoindustrie und wollen breite Entlastungen für die gesamte Wirtschaft?
    Ich halte von solchen Instrumenten zur Ankurbelung der Nachfrage wenig. Das sind in der Regel kurzfristige Effekte, die nur selten langfristig die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft stärken. Wir sollten eher auf die Angebotsseite schauen: Welche Branchen, welche Technologien haben im 21. Jahrhundert eine Chance, auf den regionalen, europäischen und globalen Märkten eine Rolle zu spielen?

    Diese Antwort kann die Politik nicht allein geben, aber sie sollte eine Vorstellung davon haben, in welchen strategisch wichtigen Bereichen unsere Wettbewerbsfähigkeit vor allem gegenüber China und den USA gestärkt werden muss.

    Welche Branchen sollten wir fördern?
    Zunächst ist es fundamental wichtig, die digitale Infrastruktur auszubauen, die in vielen Teilen Europas und leider auch in Deutschland viel zu schwach ist. Das ist die Basis, insbesondere für alle Plattformtechnologien der Zukunft. Und dann wären als Branchen etwa der Maschinenbau, der Mobilitätssektor, die Energiewirtschaft, die Pharmaindustrie, die Bio- und Nanotechnologie beispielhaft zu nennen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

    Bei der Lufthansa ist der Staat nun erstmals mit dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) bei einem Unternehmen eingestiegen. Fürchten Sie eine zunehmende Staatswirtschaft?
    Es kann sein, dass noch weitere Unternehmen durch den WSF gerettet werden müssen. Aber das darf immer nur eine Ausnahmesituation auf Zeit sein. Die Lufthansa war vor der Krise ein gutes und erfolgreich geführtes, privatwirtschaftliches Unternehmen.

    Ein Unternehmen wird durch Staatsbeteiligung nicht ein besseres Unternehmen, auch nicht in Krisenzeiten. Der Staat kann nur temporärer Lebensretter sein, er ist aber nicht der bessere Unternehmer.

    Vom Konjunkturprogramm sollen auch Familien profitieren. Finanzminister Olaf Scholz schwebt ein Bonus von 300 Euro pro Kind vor. Ist das eine gute Fördermaßnahme für Familien, die ja in der Coronakrise besonders leiden?
    Da fordert der eine 300 Euro, der nächste 600 Euro, und dann dauert es wenige Tage, und es kommt einer mit 900 oder 1000 Euro. Dann sind wir vom Helikoptergeld nicht mehr weit entfernt. Ich bin sehr dafür, den Familien und vor allem den Kindern zu helfen – aber gezielt denjenigen, die wirklich Hilfe benötigen, etwa wenn es um die Ausstattung für Homeschooling geht. Wir sollten nicht in einen Überbietungswettbewerb einsteigen. Auch so kann man Staatshaushalte ruinieren.

    Ist es überhaupt möglich, den Haushalt zeitnah wieder zu konsolidieren?
    Wir haben schon einmal gezeigt, dass das geht. Nach der Finanzkrise ist die Staatsverschuldung auf rund 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen, Anfang 2020 lag sie wieder bei 60 Prozent. Diese Konsolidierung ist mit einer gewissen Zurückhaltung bei den öffentlichen Ausgaben und einer wachsenden Volkswirtschaft gelungen, auch wenn das Wachstum schon vor Corona deutlich hinter unserem Potenzialwachstum zurückgeblieben ist.

    Wenn diese Mechanik, also Konsolidierung der Haushalte und Dynamik in der Volkswirtschaft, wieder gelingen soll, dann muss dieses Mal die Innovationsgeschwindigkeit deutlich zunehmen. Die Welt um uns herum verändert sich so rasant, dass wir nicht einfach da weitermachen können, wo wir vor Corona schon einmal waren.

    Kann man mit so einer Politik der Sparsamkeit eigentlich Wahlen gewinnen?
    Davon bin ich fest überzeugt, wenn man den Menschen die Alternativen richtig aufzeigt: Wir wollen auch der nächsten Generation eine Perspektive geben, und dafür müssen wir heute etwas tun.

    Wir brauchen keine Zombieunternehmen, sondern innovative Firmen, die mit modernen Produkten auf internationalen Märkten wettbewerbsfähig sind.

    Deutschland wird kaum zu Wachstum zurückkehren, wenn es Europa schlecht geht. Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron haben einen 500 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds vorgeschlagen. Was halten Sie davon?
    Ich habe es als sehr gut und befreiend empfunden, dass endlich wieder eine deutsch-französische Initiative sichtbar wurde. Unsere nationalen Kraftanstrengungen nutzen gar nichts, wenn der europäische Binnenmarkt um uns herum zusammenbricht. Europa zu helfen liegt in unserem ureigenen Interesse. Aber das Wie ist entscheidend.

    Dieser Fonds muss einen Beitrag leisten, dass Europa wirtschaftspolitisch und strategisch die richtigen Weichen stellt. Das Geld darf nicht für Altschulden oder für Rentenzahlungen verwendet werden, es muss über die Innovationen und Modernisierung die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft erhöhen. Unternehmen, die auch ohne Corona schon keine Überlebenschance hatten, dürfen durch diesen Fonds nicht künstlich am Leben erhalten werden.

    Wir brauchen keine Zombieunternehmen, sondern innovative Firmen, die mit modernen Produkten auf internationalen Märkten wettbewerbsfähig sind. Wenn das mit diesem Fonds erreicht wird, sind die 500 Milliarden Euro gut angelegt.

    Sind Sie sich da wirklich sicher? Die Vergangenheit lehrt anderes.
    Wir erleben gerade eine Zeit sehr weitreichender politischer Entscheidungen. Das Vorhaben ist eine ganz schmale Gratwanderung zwischen den Befugnissen, die die Europäischen Verträge hergeben, und den Notwendigkeiten, die es in Europa angesichts der Lage nun einmal gibt.

    Es kann gelingen, jetzt einen großen und mutigen Schritt nach vorn zu machen. Aber dann darf es nicht ein Sprung ins Ungewisse sein, sondern er muss uns auf den Weg zu einer wettbewerbsfähigen Industrie im 21. Jahrhundert führen. Wenn sich Europa dafür entscheidet, dann hat das eine historische Dimension.

    Der Bundesfinanzminister hat sich auf den früheren US-Finanzminister Alexander Hamilton, der das amerikanische Finanzwesen zentralisiert hat, bezogen. Ist das mutig oder größenwahnsinnig?
    Es ist weder das eine noch das andere, sondern schlichtweg ein historisch falsches Beispiel. Im Übrigen: Hamilton wurde auch nie Präsident.

    Das dürfte Olaf Scholz auch nicht werden.
    Was immer er uns mit diesem Vergleich auch sagen wollte.

    Wer stellt sicher, dass das Geld nicht konsumiert, sondern für die Zukunft ausgegeben wird?
    Zunächst natürlich die EU-Kommission, aber auch die nationalen Regierungen über die europäischen Institutionen, nicht zuletzt das Europäische Parlament. Hier sind politischer Ehrgeiz und Fantasie gefragt. Es darf kein Schuss ins Blaue werden. Das Ziel muss klar sein: eine wettbewerbsfähige Industriestruktur für das 21. Jahrhundert in Europa und Deutschland.

    Gehört zu den strukturellen Fragen auch das Wettbewerbsrecht, auf das die EU-Kommission bei den deutschen Staatshilfen für die Lufthansa pocht?
    Die Kommission hat definitiv die Kompetenz in der Fusionskontrolle und in der Beihilfenkontrolle. Aber mich würden schon die Maßstäbe interessieren, an denen die Kommission die Beihilfen für die Lufthansa jetzt prüft.

    Muss das denn sein, dass das Unternehmen jetzt noch einmal zusätzlich geschwächt wird mit dem Verlust von Slots in München und in Frankfurt? Ich befürchte, Europa ist mit der Luftfahrtindustrie dabei, dieselben Fehler zu wiederholen, die wir vor zehn Jahren mit der Bankenindustrie gemacht haben.

    Wie sah der Fehler aus?
    Die Bankenindustrie war in Deutschland nie besonders beliebt. Vielleicht registriert der ein oder andere aber, wie stark die US-Banken mittlerweile auch in Europa geworden sind und wie schwach die europäischen Banken noch sind. Wenn wir das jetzt mit Teilen unserer Industrie wiederholen, kommt Europa zusätzlich geschwächt aus der Krise heraus.

    Ich frage mich, warum die EU-Kommission zum Beispiel keine Vorschläge zur Konsolidierung der europäischen Luftfahrtindustrie macht. Da läge doch eine große Chance. Stattdessen wird im Klein-Klein Beihilfenkontrolle ausgeübt.´

    Wie hätte denn die EU-Kommission liefern können?
    Die Kommission hat mehr als acht Wochen gebraucht, um ihre Antwort auf die Krise zu formulieren. Natürlich kann ein Finanzierungspaket, wie es am Mittwoch vorgestellt wurde, helfen, einige der Probleme zu lösen. Aber mir fehlen immer noch ein paar Ideen für die Industrie des 21. Jahrhunderts im Wettbewerb mit China und den USA.

    Wir dürfen jetzt nicht zurückfallen in eine Renationalisierung der Wirtschaftspolitik.

    Wir dürfen jetzt nicht zurückfallen in eine Renationalisierung der Wirtschaftspolitik. Aber Europa befindet sich ja auch erst am Anfang dieses ohnehin sehr schwierigen Meinungsbildungsprozesses.

    Andere EU-Staaten lehnen Zuschüsse ab und fordern, allenfalls zurückzuzahlende Kredite auszureichen. Sind die sogenannten „sparsamen vier“ auf dem falschen Weg?
    Ich habe viel Sympathie für diese Skepsis, zumal sie historisch gut belegt ist. Trotzdem befinden wir uns heute in einer anderen Situation. Neue Kredite allein sind keine Lösung des Problems. Europa muss neue Instrumente finden und einsetzen.

    Aber genau das versucht doch die EU-Kommission – allerdings will sie den Wettbewerb entscheiden lassen. Sollte nicht der Markt entscheiden?
    Der Ansatz ist im Prinzip ja nicht falsch. Aber Wettbewerb findet nicht nur im Europäischen Binnenmarkt statt, sondern auch und immer mehr auf globalen Märkten.

    Sie plädieren also für europäische Champions, notfalls zulasten des Wettbewerbs in Europa?
    Ich plädiere für Rahmenbedingungen, die so günstig sind, dass international wettbewerbsfähige europäische Unternehmen entstehen können.

    Welche politische Führung soll denn das alles umsetzen – vielleicht eine Kanzlerin Angela Merkel mit einer weiteren Amtszeit?
    Diese Frage stellt sich doch nun überhaupt nicht. Jetzt geht es darum, die deutsche EU-Ratspräsidentschaft zu nutzen und die Weichen richtig zu stellen. Und im Jahr darauf werden wir dann einen neuen Bundestag und damit auch eine neue Regierung wählen.

    Dann passt es Ihnen gut, dass die CDU erst im Dezember auf ihrem Bundesparteitag einen neuen Vorsitzenden bestimmen wird?
    Der Parteitag wird nicht nur einen neuen Vorsitzenden, sondern auch die gesamte Parteiführung neu bestimmen. Wir gehen mit dieser neuen Führung dann in das Wahljahr 2021. Und in dem Jahr werden wir hoffentlich auch die ersten Früchte der Entscheidungen sehen, die in den kommenden Wochen und Monaten getroffen werden.

    Wie hoch sind denn da Ihre Erwartungen an die EU-Ratspräsidentschaft und die dort zu legenden Grundsteine für das Jahr 2021?
    Die Erwartungen sind ja allgemein und nicht nur in Deutschland sehr hoch. Es ist ein großes Glück, eine Chance und auch eine Herausforderung, dass Deutschland unter der Führung von Angela Merkel diese so überaus wichtige Ratspräsidentschaft jetzt ausüben wird. Und es kann auch ein Glück sein, dass Deutschland zugleich die EU-Kommissionspräsidentin stellt.

    Wie führen Sie denn in diesen Zeiten Wahlkampf um den Parteivorsitz?
    Gar nicht. Wir bereiten uns auf die Zeit nach den Sommerferien und da auch eher auf das vierte Quartal 2020 vor. Im Oktober und November werden die Zeichen dann wieder mehr auf die Ausrichtung des Parteitags stehen. Vorher beschäftigen sich die Menschen zu Recht mit anderen Themen.

    Herr Merz, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Das große Schuldenexperiment – Retten wir uns zu Tode?

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    5 Kommentare zu "Interview: „So ruiniert man Staatshaushalte“ – Friedrich Merz lehnt Pauschalhilfen ab"

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    • @ Josef Berchtold
      "Das notwendige Geld sollte nicht über die launischen, chaotischen Märkte aufgenommen werden, sondern als Kredit über die EZB. 50 Jahre Laufzeit, Zinsen Null, dann wachsen wir aus den Schulden wie von Zauberhand heraus."

      Es bleibt leider bei dem kleinsten gemeinsamen Nenner (was die Zustimmung für Herrn Merz betrifft).
      Ich habe Ihnen neulich beschrieben, was bei diesem Irrsinn passieren würde.

    • Das notwendige Geld sollte nicht über die launischen, chaotischen Märkte aufgenommen werden, sondern als Kredit über die EZB. 50 Jahre Laufzeit, Zinsen Null, dann wachsen wir aus den Schulden wie von Zauberhand heraus. Merz scheint eher darauf zu schielen, die von der Schwarzen Null geschädigten Staaten mit Zinsen belasten zu wollen. Die hai-zähne-charfen Hedge-Fonds könnten dann gut spekulieren und somit leistungslos Geld scheffeln. Zinsen sind für Staaten pures Gift. Seit der Lehmann-Pleite hat doch wohl der letzte Naivling verstanden, dass Märkte ihre Unschuld verloren haben. Finanz-Märkte sind Wolfsrudel die in Gruppen jagen, z.B. Italien jagen. Finanz-Märkte sind für die private Risiko-Wirtschaft, nicht für den Staat. In der Privat-Wirschaft können sie dann zeigen, was sie können.

    • leider wird Merz in der Horde der lärmenden Interessenvertreter und schwachen Politiker nicht gehört werden. Inhaltlich hat er 100 Recht!
      Der Tag an dem die Rechnung präsentiert wird kommt erst in ein paar Jahren.

    • Das Handelsblatt holt diesen (...) aber auch zuverlässig, in jedem Quartal einmal, aus dem Reich der Untoten zurück.Selbst der Rückwärtsgewandteste sollte inzwischen begriffen haben: Der Kerl ist Geschichte. (...) Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

    • Merz hat Recht. Es ist bedauerlich, dass ein volkswirtschaftlicher Billionenschaden in Kauf genommen wird, nur um einer Infektionskrankheit Herr zu werden. In früheren Jahrzehnten gab es immer solche Situationen, nur kümmerte sich keiner darum. Wir haben schließlich eine moderne Medizin und müssten nicht so agieren wie im 19. Jahrhundert. Jedes Jahr sterben 1,5 Mio. Menschen an Tbc, obwohl sie behandelbar ist. Das richtige Schlamassel wird für Hunderttausende, wenn nicht sogar für Millionen, erst beginnen.

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