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„Jahrhundert-Katastrophe“ „Das ist ein Horror“: Debatte über Konsequenzen der Katastrophe beginnt – Bund verspricht Finanzhilfen

Tief „Bernd“ hat in Deutschland für Chaos gesorgt, die Bergungs- und Aufräumarbeiten laufen auf Hochtouren. „Der Klimawandel ist da, und er ist spürbar bei uns.“
16.07.2021 Update: 16.07.2021 - 18:54 Uhr 2 Kommentare
Feuerwehrleute blicken von einer Brücke auf die überflutete Bundesstraße 236. Quelle: dpa
Land unter in Erfstadt in der Eifel

Feuerwehrleute blicken von einer Brücke auf die überflutete Bundesstraße 236.

(Foto: dpa)

Berlin Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer ringt mit ihren Gefühlen und den Worten, als sie am Freitagmorgen das Ausmaß der Katastrophe beschreibt. Überall gehe jetzt das Wasser zurück, und es würden Menschen gefunden, die ertrunken seien, sagte die SPD-Politikerin beim Besuch der Leitstelle der Berufsfeuerwehr in Trier. „Und da könnte man eigentlich nur noch weinen. Das ist ein Horror. Das ist alles ganz, ganz schlimm, wenn Existenzen berührt sind.“

Eine solche Katastrophe, wie sie Tief „Bernd“ mit Starkregen und Überflutungen ganzer Ortschaften in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz brachte, hat Deutschland lange nicht erlebt. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sprach von einem „Jahrhundert-Unwetter“. Mehr als 100 Todesopfer wurden bis zum späten Freitagnachmittag bestätigt.

„Es steht zu befürchten, dass es noch mehr werden“, sagte Laschet. 1000 Menschen galten noch als vermisst. Allerdings erschweren unter anderem gestörte Telefonverbindungen einen genauen Überblick über die Lage in den Unwetterschwerpunktgebieten.

In den betroffenen Gebieten herrscht ein Bild der Verwüstung. Im Erftstadt-Blessem südwestlich von Köln führten gewaltige Erdrutsche am Freitag zu einer dramatischen Lage. Es bildeten sich riesige Krater im Erdreich. Nach jüngstem Stand stürzten drei Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg ein.

Insgesamt seien 23 Städte und Landkreise seines Bundeslandes von Überschwemmungen betroffen, sagte NRW-Regierungschef Laschet nach einer Sondersitzung des Landeskabinetts in Düsseldorf.

Die Rurtalsperre war gegen Mitternacht infolge der immensen Regenmengen übergelaufen, doch hat sich die Lage dort inzwischen entspannt. Die Zuflüsse zu den Talsperren hätten sich zuvor „erfreulich reduziert“, teilte der Wasserverband Eifel-Rur mit. Die Lage an der Steinbachtalsperre, deren Damm tiefe Furchen aufweist, wird als „stabil, aber nicht unkritisch“ eingestuft.

Aufräumarbeiten haben begonnen

In Rheinland-Pfalz haben vielerorts die Aufräumarbeiten begonnen, hier wie auch in Nordrhein-Westfalen hilft die Bundeswehr mit Bergepanzern, Lkws und Radladern. Laut Bundesverteidigungsministerium sind bereits mehr als 850 Soldaten im Einsatz, mit steigender Tendenz. Das Technische Hilfswerk (THW) hat in beiden betroffenen Bundesländern insgesamt mehr als 2000 Helfer im Einsatz.

Über 850 Einsatzkräfte der Bundeswehr seien unterwegs, um nach der Flutkatastrophe zu helfen. Quelle: dpa
Soldaten

Über 850 Einsatzkräfte der Bundeswehr seien unterwegs, um nach der Flutkatastrophe zu helfen.

(Foto: dpa)

Weil Ortsnetzstationen und Umspannwerke überflutet wurden, waren am Freitagnachmittag noch immer mehr als 100.000 Menschen ohne Strom. Auch der Bahnverkehr ist in beiden Bundesländern weiterhin massiv beeinträchtigt, weil die Wassermassen Gleise, Weichen, Signaltechnik, Bahnhöfe und Stellwerke beschädigten. Nach Angaben der Bahn sind allein in Nordrhein-Westfalen Gleise auf einer Länge von rund 600 Kilometern betroffen.

Rheinland-Pfalz stellte zunächst 50 Millionen Euro Soforthilfe bereit, Laschet kündigte ein mehrstufiges Hilfsprogramm für die Opfer der Unwetterkatastrophe an. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die schon am Donnerstag während ihrer USA-Reise den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Mitgefühl ausgesprochen hatte, sicherte erneut Unterstützung des Bundes beim Wiederaufbau zu.

Straßenzüge in Trier Quint sind nach den verheerenden Regenfällen noch überschwemmt. Quelle: dpa
Drohnenaufnahme von Trier (16.07.2021)

Straßenzüge in Trier Quint sind nach den verheerenden Regenfällen noch überschwemmt.

(Foto: dpa)

Die Kanzlerin habe sich bereits mit den Ministerpräsidenten Dreyer und Laschet sowie Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) ausgetauscht, teilte eine Regierungssprecherin mit.

Ein Sprecher von Scholz sagte, es sei eine „nationale Aufgabe“, die Betroffenen finanziell zu unterstützen: „Der Bund will da seinen Beitrag leisten.“ Über das Volumen der Hilfen wollte der Sprecher noch nichts sagen. Das Paket soll aber bereits am kommenden Mittwoch vom Bundeskabinett beraten werden.

Seehofer sagte dem „Spiegel“: „Sie können davon ausgehen, dass es ein großes Paket sein wird.“ Beim sogenannten Jahrhunderthochwasser von Elbe und Donau, das 2013 acht Bundesländer betraf, hatte die Bundesregierung einen Fluthilfefonds über acht Milliarden Euro aufgelegt.

Der nordrhein-westfälische CDU-Europaabgeordnete Dennis Radtke brachte europäische Finanzhilfen beispielsweise aus dem EU-Solidaritätsfonds in Spiel, den die Bundesregierung aktivieren könnte. So sei bei der Bewältigung der Schäden durch den Sturm Kyrill im Jahr 2007 allein Nordrhein-Westfalen aus dem EU-Haushalt mit rund 100 Millionen Euro unterstützt worden.

Rufe nach Konsequenzen werden lauter

Auch wenn die Bergungs- und Aufräumarbeiten noch in vollem Gange sind, wurden erste Rufe nach Konsequenzen laut. Die Anpassung an den Klimawandel müsse als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern auch gesetzlich verankert werden, forderte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD).

Bisher habe der Bund nur die Möglichkeit, den Kommunen über Sonderprogramme zu helfen, sagte ihr Sprecher. Sie bräuchten aber eine verlässliche Finanzierungsgrundlage für Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel.

Merkel spricht Angehörigen der Hochwasser-Toten ihr Beileid aus

Nach den verheerenden Hochwassern an Elbe und Donau im Jahr 2013 hatten Bund und Länder ein nationales Hochwasserschutzprogramm erarbeitet. Es listet vordringliche, überregional wirksame Maßnahmen für den Hochwasserschutz auf, beispielsweise Deichrückverlegungen oder eine gesteuerte Hochwasserrückhaltung durch Flutpolder. Der Bund unterstützt die Maßnahmen mit knapp 5,5 Milliarden Euro.

Anpassungsmaßnahmen allein würden aber nicht ausreichen, weil man weiterhin mit Extremwetterereignissen rechnen müsse, wie man sie gerade erlebt habe, sagte Schulzes Sprecher. Deshalb sei darüber hinaus ein funktionierender Katastrophenschutz zentral. Zuständig sind hier die Länder, die aber Hilfe des Bundes, etwa der Bundeswehr, anfordern können.

Die Sprecherin von Kanzlerin Merkel sagte, es sei noch zu früh, um über mögliche Konsequenzen aus der Katastrophe zu reden. Aber sie habe gezeigt: „Der Klimawandel ist da, und er ist spürbar bei uns.“

So sei die Durchschnittstemperatur in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen um zwei Grad gestiegen und damit deutlich stärker als im globalen Mittel. Auch deshalb habe die Bundesregierung die Klimaziele noch einmal nachgeschärft.

Mit Material von dpa

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2 Kommentare zu "„Jahrhundert-Katastrophe“: „Das ist ein Horror“: Debatte über Konsequenzen der Katastrophe beginnt – Bund verspricht Finanzhilfen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Also ich kann nur einen stinknormalen Sommer erkenne/wahrnehmen.

  • Statt in einen WIRKSAMEN Hochwasserschutz zu investieren, verschickt Deutschland Hunderte Milliarden in die EU für CO2 - Abgabe - Wiederaufbaufond.
    Dem Klima ist das wurscht, da Deutschland nicht mal 2% der Klimagase verursacht und die anderen Länder weiter CO2 ausstoßen. Die Folge ist:
    In Deutschland rentiert sich die Produktion nicht mehr, die Industrie wandert ab oder wird einfach aufgegeben oder geht insolvent.
    In anderen Ländern, in denen die Energiepreise eh niedrig sind wie China, USA und viele Länder der EU werden stärker KLIMASCHÄDLICH produzieren - mit deutlich schlechterer Technik als in Deutschland (vergleiche Siemens AKWs).
    Es ist in Deutschland kein Geld für Schulen, Ausbildung und Rentner da - das Rentenniveau sinkt weiter, die Menschen müssen länger arbeiten und höhere Steuern und Abgaben leisten.
    Das Geld für die Absicherung gegen Naturkatastrophen ist/war nicht vorhanden!
    Die Toten sprechen eine eindeutig Sprache. ES IST POLITIKVERSAGEN.
    Der "kleine Mann", die "kleine Frau" wird nicht geschützt!
    Betroffenheit bekunden hilft nicht, gute Entscheidungen und sinnvolles Handeln sind notwendig - weniger Ideologie - mehr Pragmatismus. Weniger Rhetorik - mehr entscheiden und handeln: Absicherungen/Dämme bauen!

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