Jörg Asmussen Ein gnadenloser Pragmatiker für die EZB

Er gilt als Manager der Finanzkrise. Dabei hatte sich Jörg Asmussen einst für jene Finanzinstrumente eingesetzt, die die Krise erst ermöglichten. Diese Flexibilität ist seine größte Stärke – und Schwäche.
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Jörg Asmussen Quelle: dpa

Jörg Asmussen

(Foto: dpa)

DüsseldorfEs gibt Dinge im Leben, die holen einen irgendwann wieder ein. Das können Fotos von einem feuchtfröhlichen Abend sein, unbedachte Meinungsäußerungen im Internet oder die frühere Mitgliedschaft in einer politischen Gruppierung, die so gar nicht zum späteren Karriereweg passen will. „Jugendsünden“ heißt es meist lässlich, wenn eine solche Verfehlung im Nachhinein auftaucht.

Als Jörg Asmussen seine Jugendsünde beging, war er 39. Damals war der Karrierebeamte als Ministerialdirektor im Finanzministerium zuständig für die Abteilung Finanzmarktpolitik. Ein Thema lag ihm seinerzeit besonders am Herzen: Die Förderung des deutschen Marktes für forderungsbesicherte Wertpapiere, sogenannte Assed Backed Securities (ABS). In diesen Finanzprodukten stecken Zahlungsansprüche von Banken, zum Beispiel Häuserkredite, die verbrieft und weiterverkauft werden. Diese Verbriefungen von Krediten gelten als Hauptauslöser der Finanzkrise.

Am Dienstag gaben alle 27 EU-Finanzminster ihr Einverständnis für Asmussens nächsten Karriereschritt: er wird EZB-Chefvolkswirt und rückt an eine entscheidende Schaltstelle bei der Bekämpfung der Finanzkrise. Um so weniger will Asmussen an das erinnert werden, was er im Herbst 2006 in einem Aufsatz für die Fachzeitschrift für das Kreditwesen ZKW schrieb. Damals setzte er sich ausdrücklich für genau die komplizierten Finanzprodukte ein, die inzwischen als Teufelszeug erkannt worden sind.

Das Bundesfinanzministerium habe "moderne Kapitalmarktgesetze" auf den Weg gebracht, rühmte sich Asmussen in dem Artikel, und betonte: „Dabei war uns stets wichtig, dass sich auch der Markts für Assed Backed Securities (ABS) stärker als bislang entwickelt.“ 

In anderen EU-Mitgliedsstaaten sei der ABS-Markt längst zu einem prägenden Element geworden, analysierte Asmussen weiter. Der Bundesrepublik attestierte er Nachholbedarf, fand aber wohlwollende Worte für den bereits zurückgelegten Weg: „ Allmählich scheinen aber auch in Deutschland die gemeinsamen Bemühungen der Politik und der Kreditwirtschaft die erwartete Früchte zu tragen“, schrieb Asmussen. „Das deutsche Emissionsvolumen wächst und über ABS wird zudem ein steigender Beitrag – gerade im ersten Halbjahr 2006 – zur Finanzierung der mittelständischen Wirtschaft geleistet“, bilanzierte er zufrieden.

Gerade der letzte Satz darf durchaus auch als Klopfen auf die eigene Schulter verstanden werden, galt Asmussen doch in jenen Tagen als treibende Kraft hinter der Deregulierung der Finanzmärkte. Er war Gründungsmitglied im Beirat der True Sale International, einer Lobbyorganisation der deutschen Banken, die sich der Förderung des Verbriefungsmarktes in Deutschland verschrieben hat. Ausdrücklich lobt Asmussen vor diesem Hintergrund das damals in der Umsetzung befindliche Banken-Regelwerk Basel II: „Risikogerecht wird für viele Kreditinstitute die Eigenkapitalanforderung an ihre ABS-Bestände sinken und für sie der Erwerb von ABS zur Diversifizierung ihres Portfolios wesentlich erleichtert.“

Heute, mitten in der Finanzkrise, wirken diese Sätze geradezu naiv. Politiker und Regulierer suchen heute verzweifelt nach Wegen, um die Eigenkapitalanforderungen der Banken zu erhöhen. Auch Asmussen selbst wird in seinem neuen Job als Chefvolkswirt der EZB für härtere Eigenkapitalanforderungen eintreten müssen, wenn das europäische Bankensystem stabiler werden soll.

Die Rolle Rückwärts hat er längst vollzogen – nicht umsonst gilt Asmussen als großer Pragmatiker. Die Finanzmarktkrise sei so tief gewesen, dass keiner dieselbe Position wie vorher habe, gibt er sich in Zeitungsinterviews jüngeren Datums reumütig.

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22 Kommentare zu "Jörg Asmussen: Künftiger EZB-Chefvolkswirt ist gnadenlos pragmatisch"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Chef-Volkswirt in der EZB ist ein Aushängeschild. Es hätte Deutschland gut zu Gesicht gestanden, die Position adäquat zu besetzen.

  • Das Problem waren nie die ASB!

    Sondern die amerikanischen Immobilien als Sicherheit, die nichts wert sind.

    Deutsche Pfandbriefe sind auch ASB und die sind das Gegenteil von "Teufelszeug"

    Hier reden nur Dilettanten - aber auch der Autor des Artikels!

  • Erst die Krise vorsätzlich herbei führen und dann bekämpfen wollen bzw. sollen? Warum dürfen solche Leute in Deutschland, Europa überhaupt in verantwortliche Positionen kommen bzw. bleiben? Wann wird dieses Verhalten endlich massiv bestraft incl. Familie und Verwandtschaft. Bei Hartz IV machen wir Sippenhaft. Hier nicht! Warum??

  • Es ist einfach nur Größenwahn was da untergeht. Wie kann eine wie auch immer europäische Bank - mehr wie 5% ihrer Kredite an eine einzige Adresse geben - hier stimmt doch schon im System etwas nicht. Das sieht doch ein Blinder mit einem Krückstock. Welche Knalltüten werden hier als "Manager" beschäftigt?

  • Wenn Asmussen als Student Bleistifte geklaut hat, sei es ihm gegönnt. Wenn aber mit der Zeit die "Bleistifte" immer dicker werden, muß ein Riegel vorgeschoben werden.

  • Was kostet dieser wechsel den deutschen Steuerzahler???
    Ein karieregeiler Leichtmatrose, wird Chefvolkswirt der EZB, es ist nur noch zum Heulen.
    Danke

  • Hallo,
    Asset Backed Securities sollte es wohl heissen. Assed Backed Securities, also Assed mit einem "d" am Ende kann sich nur von Ass = Arsch oder Popo herleiten. Und das war doch sicher nicht gemeint, wenn auch die Papiere echt "Sch..." waren.

  • Ein Bankenlobbyist durch und durch. Seine „Erfolge" sind die noch raschere Umverteilung von Steuerzahler zur schmarotzenden Geldelite. Die ganzen Bankenrettungs- und Eurorettungsaktionen retten gar nichts, sondern machen den ökonomischen Absturz nur noch schlimmer. Selbst die Kanzlerin gibt ja zu, dass damit nur „Zeit gekauft“ wird. Zeit, nicht um Lösungen zu finden – selbst die Diskussion darüber wird ja im Parlament und in den angeblich freien Medien unterbunden – sondern um diese kriminelle Umverteilung abzusichern. Dieser Mann gehört - zusammen mit einer Reihe weiterer Verantwortlicher - ins Gefängnis und sonst nirgendwo hin.

  • "oder die frühere Mitgliedschaft in einer politischen Gruppierung, die so gar nicht zum späteren Karriereweg passen will.

    Das Handelsblatt spricht grosse Worte gelassen aus.

    Sind wir schon wieder soweit? An was sollen uns diese Worte erinnern?
    An den Ostblock oder doch gleich den Sozialismus nationaler Praegung?

  • Ihre Überschrift übersetzt:
    " Gnadenloses (ohne Gnade) Handeln ohne Prinzipien"

    "Führer-kraft" im Weltparlament?
    Stimmt -nicht- im E-Präsidium sucht Schäuble einen Präsess!

    Zitat:"Europa braucht einen direkt gewählten Präsidenten"
    lt. Intervieu im Handelsblatt v. 2.10.11-

    So schnell läuft die Zeit der Veränderungen

    Im Jahre 2009 noch unter Beschuss und nun in der ersten Reihe - dabei will die Regierung doch Zeit gewinnen mit und das mit dem höchsten Index!!!! Dafür ist ein Mensch ohne Prinzipien dann doch richtig.

    Zur Erinnerung Auszug aus einem Beitrag:
    Schattenmann unter Beschuss
    Jens Berger 29.06.2009
    Staatssekretär Jörg Asmussen muss vor dem HRE-Untersuchungsausschuss unbequeme Fragen beantworten.
    Kein politischer Beamter hatte je so viel Macht. Jörg Asmussen ist Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen und seinem Urteil vertrauen sowohl der Finanzminister als auch die Kanzlerin. Bankenrettung, Finanzmarktregulierung, Opel-Rettung - es gab in der Geschichte der Bundesrepublik wohl noch nie einen einzigen Mann, der die Verantwortung für so große Summen hatte usw.....
    Artikel Telepolis

    Ackermann und Blessing nehmen es als Geschenk - da beide im Untersuchungsausschuss so nett für seine Entlastung gesprochen haben.

    Dafür kann er sich erkenntlich zeigen Herr Ackermann hat heute schon in den Medienwald gerufen. Ass - muss- sen!



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