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Kampf gegen Corona „Gute Ingenieurskunst“ und „Rockstar“ – Bundesregierung und Unternehmen feiern Corona-Warn-App

Die deutsche Warn-App zur Eindämmung des Coronavirus ist gestartet. Kanzleramtschef Braun zieht einen Vergleich zur Mondlandung.
16.06.2020 - 13:11 Uhr Kommentieren
Der Chef des Bundeskanzleramts spart bei der Präsentation der Corona-Warn-App nicht mit Superlativen. Quelle: dpa
Kanzleramtschef Helge Braun

Der Chef des Bundeskanzleramts spart bei der Präsentation der Corona-Warn-App nicht mit Superlativen.

(Foto: dpa)

Berlin Außergewöhnliche Ereignisse erfordern manchmal außergewöhnliche Auftritte: Vier Bundesminister, eine Staatsministerin, zwei Unternehmensvorstände und der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) haben am Dienstag die Corona-Warn-App vorgestellt.

„Ein kleiner Schritt für jeden von uns, ein großer Schritt in der Pandemiebekämpfung“, twitterte Kanzleramtsminister Helge Braun schon am frühen Dienstagmorgen, kurz nachdem die Anwendung im App-Store freigeschaltet worden war. Offenkundig fühlte sich der CDU-Politiker, als er das schrieb, an die Mondlandung vor 51 Jahren erinnert, als Neil Armstrong vorsichtig den Fuß auf den Erdtrabanten setzte und seine berühmten Worte von dem kleinen Schritt für einen Menschen und dem Riesenschritt für die Menschheit zu hören waren.

Ob die Warn-App ein Riesenschritt ist, wird der Praxistest in den nächsten Wochen zeigen. Eigentlich war der Start der App schon für Ende April geplant. Doch ein Streit über die Art und Weise der Speicherung, der letztlich die Abkehr vom zunächst favorisierten zentralen Ansatz zur Folge hatte, sowie Unklarheiten bei den Zuständigkeiten führten zu Verzögerungen. Seit der Nacht zum Dienstag kann die Anwendung nun in den App-Stores von Apple und Google heruntergeladen werden.

Braun räumte ein, dass die deutsche Warn-App zwar nicht die erste sei, „aber sie ist die beste“, fügte er stolz hinzu. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lobte die „gute Ingenieurskunst“ bei der Entwicklung, in der „wahnsinnig viel Arbeit“ drinstecke. Die App wurde von der Telekom und SAP entwickelt.

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    Telekom-Chef Timotheus Höttges bezeichnete die Anwendung als „Rockstar“. „Alles ist made in Germany“, sagte er. „Deutschland kann Digitalisierung, wenn wir alle an einem Strick ziehen.“ Der Technikchef der SAP, Jürgen Müller, zeigte sich beeindruckt von der starken Beteiligung der Community, weil man einen transparenten Weg verfolgt habe, die App als „Open Source“ zu entwickeln. Die Zusammenarbeit mit Apple und Google sei „auf Augenhöhe“ verlaufen.

    So funktioniert die deutsche Corona-Warn-App

    Fallen Kinder und Senioren durchs Raster?

    Schon bevor die Bundesregierung die Corona-Warn-App am Dienstag offiziell vorstellte, hatten zahlreiche Nutzer sie heruntergeladen: Beim iPhone-Hersteller war sie bereits am Vormittag die Nummer eins im Bereich „Gesundheit und Fitness“. Genaue Zahlen veröffentlichte das Robert Koch-Institut am Dienstag nicht. Laut Telekom-Chef Höttges lag allein die Android-Version schon nach wenigen Stunden im Bereich zwischen 100.000 und 500.000 Nutzern. Später wurden im Store mehr als eine Million Downloads angezeigt.

    Auf die hohe Verbreitung kommt es an: 60 Prozent der Bevölkerung, so heißt es in einer Studie der Universität Oxford, müssten die App installieren, damit sie die Coronavirus-Ausbreitung – im Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen – vollständig stoppen könnte. Eine Wirkung zeige sich aber bereits, „sobald 15 Prozent der Bevölkerung mitmachen“, sagte Lucie Abeler-Dörner von der Universität Oxford der „Süddeutschen Zeitung“. Dann könnten Infektionsketten unterbrochen und Ansteckungen verhindert werden.


    Das sind ambitionierte Zahlen. In Deutschland haben nach einer Untersuchung des Branchenverbands Bitkom 76 Prozent der Bürger ab 16 Jahren ein Smartphone, das entspricht 53 Millionen Menschen. Allerdings sind nicht alle Geräte mit der Corona-Warn-App kompatibel: Dafür ist bei iPhones das Betriebssystem iOS 13.5 notwendig, das auf Modellen ab dem iPhone 6s laufen kann – ältere Modelle versorgt Apple nicht mehr mit aktueller Software.

    Bei Android-Geräten sind Android 6 sowie ein Zugang zum App-Marktplatz Play Store die Voraussetzung. Hier sind Nutzer darauf angewiesen, dass die Hardwarehersteller Updates liefern. Wer die relativ schnelllebige Entwicklung der Technikbranche nicht mitgeht und ein Smartphone nutzt, das fünf Jahre oder älter ist, der bleibt außen vor.

    Kritiker wenden denn auch ein, dass viele Senioren und Kinder durch das Raster fallen würden, weil sie entweder kein Smartphone haben oder ein veraltetes Modell benutzen, auf dem die App nicht läuft. Allerdings dürften nach Einschätzung des Netzbetreibers Vodafone rund 90 Prozent aller Smartphones diese Voraussetzungen erfüllen. Grob gerechnet haben also rund 50 Millionen Menschen die nötige Technik, um die Corona-Warn-App zu nutzen. Jeder vierte von ihnen müsste mitmachen, damit der Warnmechanismus eine spürbare Wirkung erzielt.

    Der Anspruch einer Komplettabdeckung wurde bei der Corona-App nie erhoben. Zwar erhofft sich die Bundesregierung von der digitalen Lösung, Kontakte von Infizierten deutlich leichter nachzuverfolgen. Doch die App ist nur ein Teil des Instrumentenkastens im Kampf gegen das Virus. Die Detektivarbeit zum Unterbrechen von Infektionsketten erfolgt auch weiter analog, also zum Beispiel durch das Abtelefonieren des Umfeldes von Corona-Fällen.

    Kontaktverfolgung bleibt wichtig

    Bund und Länder hatten sich darauf verständigt, die Gesundheitsämter personell zu verstärken. Pro 20.000 Einwohner soll für diese Aufgabe ein Team aus fünf Mitarbeitern bereitstehen. „Die Kontaktverfolgung der Behörden ist ein wesentlicher Grund, dass wir die Pandemie sehr gut beherrschen“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. Die App sei ein weiteres Werkzeug, mit der nun die „bewährten Methoden“ ergänzt würden.

    Außerdem regelte Gesundheitsminister Spahn in der vergangenen Woche per Verordnung, dass die Corona-Tests deutlich ausgeweitet werden und die Krankenkassen die Kosten auch bei Menschen ohne Krankheitssymptome übernehmen. So sollen die Bewohner in Alten- und Pflegeheimen regelmäßig auf das Virus getestet werden. Wenn in einer Einrichtung, aber auch in einer Kita oder Schule ein Corona-Fall aufritt, können die Gesundheitsämter zudem Massentests anordnen. Viele Senioren und Kinder würden so erfasst – auch ohne App.


    Bislang funktioniert die App zudem nur im Inland - wer anderswo etwa im Urlaub einem Corona-Infizierten begegnet, würde also nicht gewarnt. Die EU-Staaten bemühen sich derzeit, die so genannte Interoperabilität der unterschiedlichen Anwendungen zu gewährleisten. Zuletzt verständigten sie sich auf die technischen Spezifikationen, die nun aber noch umgesetzt werden müssen. Angesichts der nahenden Reisesaison sei es wichtig, dass die Bürger nur die App ihres eigenen Landes nutzen müssten, sagte Binnenmarktkommissar Thierry Breton.

    Spahn wird auch nicht müde, die Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, dass die App kein „Allheilmittel“ sei. Angesichts der zunehmenden Lockerungen der Alltagsbeschränkungen sei sie auch „kein Freifahrtschein, aber ein wichtiges weiteres Werkzeug in der Pandemie“. Etwa auf Demonstrationen, in Bussen und Bahnen gebe es nun zunehmend „anonyme Nähe“ zu anderen Menschen. Die App ermögliche dann Meldungen an Personen, die darüber sonst nie hätten informiert werden können.

    Andererseits sei sie kein Ersatz für vernünftiges Verhalten und gegenseitige Rücksichtnahme. Es bleibe weiterhin wichtig, Abstand zu halten und in bestimmten Situationen Alltagsmasken zu tragen. Die neue Anwendung könne helfen, Kontaktpersonen schneller zu warnen – dabei sei jede Stunde ein Gewinn. Dies sei nun auch wichtig, um die momentan günstige Entwicklung der Infektionszahlen zu erhalten.

    Die Bundesregierung setzt auf eine breite Verwendung der Software und verweist auf die Maßnahmen, die die Akzeptanz in der Bevölkerung sicherstellen sollen. Die App erfülle „höchste Ansprüche, was den Datenschutz angeht“, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) betonte das Prinzip der „doppelten Freiwilligkeit“. Man entscheide selbst, ob man die Anwendung auf dem Smartphone installiere – und dann auch, ob man bei einem positiven Test dies der App mitteile. „Die Freiwilligkeit ist eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass diese App angenommen wird.“ Eine gesetzliche Regelung brauche es nicht.

    Vor allem die Grünen machen Druck, den Einsatz der App per Gesetz zu regeln. „Wir hoffen, dass Millionen von Menschen die App jetzt runterladen“, sagte Fraktionsvize Konstantin von Notz. „Aber wir glauben, wenn man ein so relevantes Ding ausrollt, dass man dann die rechtlichen Fragen in einem Gesetz geklärt haben muss.“

    Nutzer reagieren positiv

    Wie gut die Warn-Software funktioniert und ob Menschen sie regelmäßig nutzen, werden erst die kommenden Wochen zeigen. Die ersten Reaktionen fielen überwiegend positiv aus, ein großer Teil der Nutzer bewertete die Software im App Store und im Play Store mit fünf von fünf Sternen. „Gute App, schnelle unkomplizierte Installation“, schrieb einer. „Ich fühle mich mit der App sicherer. Danke!“, kommentierte ein anderer. „Die Taschen-Lampen-App zum Beispiel hat mehr Zugriff auf Daten als diese sichere Corona-Warn-App“, antwortete jemand auf Datenschutzbedenken.

    Allerdings machten es die Konzerne den Nutzern anfangs nicht leicht, die App überhaupt zu finden. So wurde das Programm im Play Store von Google nach Eingabe naheliegender Suchbegriffe wie „Corona-App“ oder „Coronavirus“ nicht angezeigt. Nicht einmal die Eingabe des offiziellen Namens „Corona-Warn-App“ führte zum Erfolg. Zielführende hingegen war die Suche nach „Robert Koch-Institut“ – dabei rangierte die App allerdings in der Anzeige mitunter auf hinteren Plätzen. Nutzer mussten also schon genau wissen, wer der Anbieter des gesuchten Programms ist oder erst einmal recherchieren.

    Nicht viel besser sah es im Apple-Store aus, aus dem iPhone-Nutzer neue Programme herunterladen können. Zwar zeigte Apple die App unter ihren Empfehlungen. Suchen nach „Corona App“ oder „Coronavirus App“ führten aber nicht zu der offiziellen Kontaktverfolgungs-App der Bundesregierung. Dazu muss man wissen, dass Google und Apple mit ihren Algorithmen leicht bestimmen können, welche App als erstes angezeigt wird und wie leicht sie zu finden ist. Es ist schon bemerkenswert, dass die Konzerne nach wochenlanger Vorbereitung der Schnittstelle für die App bei der Einführung nicht mit einer stärkeren Sichtbarkeit helfen.

    Die Auffindbarkeit mag als verhältnismäßig kleines Problem erscheinen, bedenkt man all die Datenschutzbedenken und Sicherheitsvorkehrungen, die in den vergangenen Wochen geklärt und getroffen werden mussten. Aber sie ist jetzt zentral: Beim Erfolg der App kommt es nun vor allem darauf an, dass möglichst viele sie nutzen. Wenn sich Menschen auf der Suche des Programms im App-Laden verlaufen, ist das kein guter Start.

    Wer fündig wird, kann darauf vertrauen, dass die Mobilfunk-Betreiber in Deutschland keinen Datenverkehr berechnen, der durch die neue Warn-App entsteht. Dieses „Zero Rating“ werde nicht nur von der Telekom, sondern von allen Providern praktiziert, versprach Telekom-Chef Höttges.

    Mehr: Die Corona-Warn-App steht zum Download bereit. Wie sicher ist das Programm? Auf welchen Smartphones läuft es? Und welche Wirkung hat es? Die Fakten im Überblick.

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