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Kampf gegen die Pandemie Streit um Corona-Warn-App alarmiert Digitalverbände

Eine Corona-Warn-App soll helfen, die Pandemie einzudämmen. Nun könnte ein Streit um den Datenschutz das Projekt verzögern. Die Digitalwirtschaft hat dafür kein Verständnis.
21.04.2020 - 05:00 Uhr 2 Kommentare
Die Bundesregierung und das Robert Koch-Institut setzen bislang auf das Pepp-PT-Konzept und haben es bereits mit Bundeswehr-Soldaten testen lassen. Quelle: AFP
App-Test bei der Bundeswehr

Die Bundesregierung und das Robert Koch-Institut setzen bislang auf das Pepp-PT-Konzept und haben es bereits mit Bundeswehr-Soldaten testen lassen.

(Foto: AFP)

Berlin Die Digitalverbände Bitkom und BVDW haben mit scharfer Kritik auf den Expertenstreit über die geplante Handy-App zur Infektionsüberwachung in der Coronavirus-Pandemie reagiert. Es sei wichtig, die Entwicklung der Anwendung „nicht durch langwierige akademische Debatten noch weiter hinauszuzögern“, sagte der Präsident des IT-Verbands Bitkom, Achim Berg, dem Handelsblatt. „Wir brauchen diese App jetzt und dürfen keine weitere Zeit verlieren.“ Politik, Wirtschaft und Wissenschaft seien gefordert, „Vertrauen und Transparenz zu schaffen, damit sie so viele Menschen wie möglich nutzen werden“.

Der Geschäftsführer des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW), Marco Junk, warnte vor einem Scheitern des App-Projekts. „Angesichts dessen, dass wir uns derzeit der größten Krise seit 1945 stellen müssen, ist es vollkommen unverhältnismäßig, den Erfolg eines der wenigen zur Verfügung stehenden Lösungsweges so zu gefährden“, sagte Junk dem Handelsblatt. „Hier appelliere ich dringend an alle Beteiligten, Augenmaß zu bewahren und sich das Problem, das mit dieser Anwendung angegangen werden soll, ständig vor Augen zu führen.“

Der Streit war in einer Gruppe von Entwicklern und Wissenschaftlern entbrannt, die gemeinsam eine paneuropäische Plattform programmieren wollte, an die nationale Anwendungen andocken sollen. Die Kritiker befürchten, dass die Daten von Corona-Tracing-Apps ausgespäht und ausgenutzt werden könnten, sollten sie zentral gespeichert werden. Sie befürworten deshalb, die Daten nicht auf einem zentralen Server, sondern dezentral auf den Smartphones abzulegen.

Der Bitkom unterstützt die Entwicklung einer App auf Basis des Pepp-PT-Standards. „Es ist dabei nicht entscheidend, ob die App auf einer zentralen oder dezentralen Architektur aufbaut – beides lässt sich datenschutzkonform umsetzen“, sagte Verbandspräsident Berg. „Wesentlich ist, dass die verschiedenen nationalen Apps gut zusammenspielen und in der Bevölkerung hohes Vertrauen genießen.“

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    Dazu brauchte es Transparenz. „Diese kann zum Beispiel durch eine Veröffentlichung des Quellcodes, einen Open-Source-Ansatz oder die umfassende Einbeziehung der zuständigen Datenschutzbeauftragten hergestellt werden.“ Jeder müsse wissen und nachvollziehen können, dass die App die geltenden hohen Datenschutzstandards wahre und ausschließlich zur Bekämpfung der Pandemie eingesetzt werde.

    Wissenschaftler warnen vor mangelnder Datensicherheit

    Am Montag hatten sich rund 300 internationale Wissenschaftler in einem offenen Brief gegen Pepp-PT und den zentralen Ansatz der Speicherung von Daten ausgesprochen. Sie unterstützen ein Konkurrenzprojekt unter dem Namen DP-3T.

    Hinter der Plattform Pan European Privacy-Protecting Proximity Tracing (Pepp-PT) stehen mehr als 130 Wissenschaftler und IT-Experten. Ziel ist, ein Softwaregerüst zu schaffen, an das nationale Anwendungen andocken können. App-Entwickler sollen die Technologie integrieren, bei der mittels Bluetooth-Technik Handys von Personen ermittelt werden, mit denen ein Infizierter Kontakt hatte. Projekt-Mitgründer Chris Boos, der auch dem Digitalrat der Bundesregierung angehört, sagte: „Entweder werden die Daten von einem Server aus mit möglichen Kontakten abgeglichen oder direkt in den Apps der Nutzer.“

    An der DP-3T-Technologie hinter dem Decentralized Privacy-Preserving Proximity Tracing (DP-3T) arbeiten Wissenschaftler aus mehreren europäischen Ländern - darunter auch Deutschland. Hauptpunkt ist, dass die Informationen über Kontakte dezentral - also nur auf dem Smartphone selbst - gespeichert werden. Wird ein Nutzer positiv getestet, würde diese Information über das Netzwerk an alle anderen Telefone verteilt. Diese ermitteln dann automatisch, ob sie sich zuvor in der Nähe befanden.

    Die Unterzeichner des offenen Briefs befürchten bei der Speicherung auf einem zentralen Server, dass „eine Form der Überwachung durch die Regierung oder den privaten Sektor“ ermöglicht werde. Dies werde das Vertrauen in eine App und ihre Akzeptanz in der Gesellschaft „katastrophal beeinträchtigen“.

    SPD kritisiert Gesundheitsminister Spahn

    Der CSU-Digitalpolitiker Hansjörg Durz sagte dem Handelsblatt, er sehe keinen Grund, warum etwa Sicherheitsbehörden Zugriff auf Daten einer möglichen Corona-App haben sollten. „Nach meinem Verständnis wäre ein solches Vorgehen schon heute nicht rechtens.“ Allerdings sei noch nicht klar, wie die Datenspeicherung bei einer solchen App gestaltet sein solle, fügte der Bundestagsabgeordnete mit Blick auf den Streit im Pepp-PT- Konsortium hinzu. „Vom jeweiligen Ansatz hängt ab, inwiefern Zugriffe auf Daten technisch überhaupt möglich sind.“

    Der FDP-Innenpolitiker Konstantin Kuhle betonte, ohne eine strenge Zweckbindung dürfe es keine Corona-App geben. „Wenn die Daten für die Nachverfolgung von Infektionswegen gedacht sind und im Nachhinein von den Sicherheitsbehörden genutzt werden, wird das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer missbraucht“, sagte Kuhle dem Handelsblatt. „Mit solchen Plänen gefährdet man den Erfolg des ganzen Projekts.“

    Auch der BVDW-Geschäftsführer Junk warnte: Allein die theoretische Möglichkeit eines Datenzugriffes etwa durch Sicherheitsbehörden „würde die Akzeptanz der App derart beschädigen, dass eine flächendeckende Verbreitung nicht mehr wahrscheinlich ist und damit die App zum Scheitern verurteilt wäre“. Eine datenschutzkonforme und sichere Gestaltung sei daher eine Selbstverständlichkeit. „Hier kann der Open-Source-Ansatz unter Umständen zu mehr Transparenz beitragen“, so Junk. Ob es in der Umsetzung eine zentrale oder dezentrale Datenübermittlung gebe, sei dabei sekundär. Beides könne und müsse sicher gestaltet sein.

    Auch die Wissenschaftler, die den offenen Brief unterzeichnete haben, dringen darauf, dass die Entwicklung von Corona-Warn-Apps völlig transparent laufen müsse und nur so viele Daten wie zum Eindämmen der Pandemie nötig gesammelt werden dürften.

    Auffällig ist, dass sie in ihrer Liste empfohlener Projekte die europäische Initiative Pepp-PT auslassen, die sowohl eine dezentrale als auch zentrale Speicherung der Daten unterstützen will. Unter den Unterzeichnern sind auch diverse Forschungseinrichtungen, die ursprünglich bei Pepp-PT mitmachten. Die Bundesregierung und das Robert Koch-Institut setzen bislang auf das Pepp-PT-Konzept und haben es bereits mit Bundeswehr-Soldaten testen lassen.

    Der SPD-Digitalpolitiker Jens Zimmermann warf Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor diesem Hintergrund vor, offenbar an seine ursprünglichen Pläne anzuknüpfen und die App auch zur „Kontrolle der Quarantäne-Maßnahmen“ nutzen zu wollen. „Damit droht die App zu scheitern, bevor sie überhaupt fertig entwickelt wurde“, sagte Zimmermann.

    Mehr: Lesen Sie hier, wie es weltweit um Corona-App-Projekte steht.

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    2 Kommentare zu "Kampf gegen die Pandemie: Streit um Corona-Warn-App alarmiert Digitalverbände"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Hier stellt sich die Frage, wer mehr Vertrauen verdient: Bitkom oder 130 Wissenschaftler. Da muß ich nicht lange überlegen.

    • Ist das nicht eine akademische Diskussion?
      Wenn ich sehe, wie naiv in den sozialen Medien die Mehrheit der User mit den eigenen persönlichen und sensiblen Daten umgeht, glaube ich nicht, dass diese Diskussion die Bedenken der Mehrheit widerspiegelt.

      Ich selbst habe in den sozialen Medien keine Accounts, weil ich meine Daten als privat ansehe. Trotzdem würde ich so eine App installieren, wenn es wirklich hilft diesen Coronawahnsinn möglichst schnell zu beenden.
      Bedingung ist aber, dass ich diese App "rückstandsfrei" jederzeit wieder von meinem Phone löschen kann. Mehr Sorgen macht mir da die Ankündigung von Apple und Google so eine App später als festen Teil in das Betriebssystem zu integrieren.

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