Kampf gegen Menschenhandel Eiskalte Eismänner

Organisierte Banden profitieren von Menschenhandel und Schwarzarbeit. Am Sonntag haben die Fahnder der so genannten „Finanzkontrolle Schwarzarbeit" in einer bundesweiten Aktion zurückgeschlagen. Eine Reportage über die letzten Stunden vor dem Einsatz.
  • Jan Keuchel und Christoph Nesshöver

BIELEFELD/VLUYN. Die Zielpersonen machen keinen Schritt mehr unbeobachtet. Es ist Sonntag, der 6. August, 13 Uhr. Vor einer halben Stunde hat Einsatzleiter und Polizeiführer Uwe Halstenberg den Zugriff befohlen. Jetzt warten seine Beamten noch auf den richtigen Zeitpunkt.

In jenem Moment befinden sich ZP 1, der Boss der Bande, der auch der „Wahnsinnige“ genannt wird, weil er bis zu 300-mal am Tag telefoniert, und sein Kumpel, ZP 14, in der Nähe des Klinikums in Essen. Sie wollen einen Freund besuchen. Zu allem Überfluss bewegt sich ZP 1 plötzlich Richtung Park. Das macht die Sache schwieriger, die Situation droht unübersichtlich zu werden.

Uwe Halstenberg bleibt trotzdem ruhig. Der Begriff „kernig“ könnte für den 46-Jährigen erfunden worden sein: dunkelgrüne Kampfmontur, schwarze Stiefel, die Oberarme kräftig, die Sätze so raspelkurz wie seine Haare. Wie läuft es? Keine Sorge. „Planmäßig“.

Macht einer der vier Haupttäter eine Bewegung, meldet ein verdeckter Ermittler dies in die Leitstelle in Bielefeld. Auch andere Überwachungsinstrumente kommen zum Einsatz. Im Kommandostand sitzt über ein Dutzend Beamte an Computern und gibt ständig die aktuelle Position der Verdächtigen in das System ein. Sofort erscheint der neueste Aufenthaltsort auf einer an die Wand geworfenen Deutschlandkarte.

Im Hauptzollamt Bielefeld, der Einsatzzentrale der Sonderkommission „Pinguin“, laufen die Informationen zusammen. Denn diesmal hat die „Finanzkontrolle Schwarzarbeit“ des Zolls (FKS) den wohl größten Fall in ihrer noch relativ kurzen Geschichte vor der Brust: die „Eisdielen-Bande“.

An diesem Sonntag wollen sie zuschlagen, über 1 800 Beamte, unterstützt von Kräften der Bundespolizei, sind im Einsatz. Neben ZP 1 und ZP 14 sollen zwei weitere Personen aus Rumänien verhaftet werden, darunter eine Frau. Gleichzeitig stehen Durchsuchungen an, in über 110 Orten in ganz Deutschland. Die Zielobjekte sind Büros, Wohnungen, aber vor allem Eisdielen. Die Männer der FKS, wie die Bundesbehörde intern genannt wird, gelten mittlerweile als schlagkräftigste Kriminalitätsbekämpfer der Republik. Im Jahr 2004 wurde die FKS ins Leben gerufen. Bereits 2005 hat die Arbeit der Truppe zu knapp 1 000 Jahren Freiheitsstrafe geführt.

So wie es derzeit aussieht, hat die FKS es diesmal mit einem ganz üblen Nest von organisierter Kriminalität zu tun. Schwarzarbeit ist dabei noch das harmloseste Delikt, das dem Kreis von über 40 Beschuldigten vorgeworfen wird: Menschenhandel, sonstige Formen der Ausbeutung – was immer Menschen in Not abpressbar ist, sollen sie aus ihren Opfern herausgequetscht haben.

Die italienisch-rumänische Schwarzarbeits- und Schleuserbande kannte offenbar wenig Skrupel. Die zuständige Staatsanwaltschaft Bielefeld hat unter anderem durch umfassende Abhörprotokolle den Verdacht: Arme Teufel wurden in Rumänien, aber auch Brasilien angeheuert und in deutsche Eisdielen verschickt. Dort mussten sie schuften, für Hungerlöhne, für 1,50 bis zwei Euro die Stunde. Wer nicht wollte, wurde massiv unter Druck gesetzt.

Junge Mädchen hatten gar die Wahl: „Für 400 Euro im Monat putzen – oder für 700 Euro am Tag in den Puff“, sagt Einsatzleiter Halstenberg. Die Liste der vermuteten Delikte ist lang.

Den Tag für den Zugriff hat die FKS-Leitung perfekt gewählt: Die Sommersonne scheint, in den Eisdielen herrscht Hochbetrieb. Da wird jede Hand gebraucht, die anpacken kann. Die von Schwarzarbeitern inklusive. Vanille-Eis aus schwarzen Händen.

Auch in Vluyn? Es ist Sonntag kurz nach zwei, und die Fußgängerzone des niederrheinischen Städtchens lebt auf. Die grünen Plastikmöbel vor der „Gelateria Italiana“ füllen sich mit eishungrigen Flaneuren.

Der Kellner serviert: Erdbeerbecher. Der Knirps mit der Deutschland-Kappe auf dem Kopf blickt staunend himmelwärts. Der 40-Zentimeter hohe Eisbecher überragt ihn deutlich. Vanille, Erdbeere, roter Sirup, obendrauf zwei Hand voll klein geschnippelter Erdbeeren. 4,10 Euro muss sein Vater dafür zahlen. Der Sohn nimmt den Eislöffel entschlossen in die Hand.

Noch warten müssen dagegen die Männer und Frauen von Einsatzleiter Uwe Halstenberg. Sie können erst zuschlagen, wenn die vier Haupttäter festgenommen sind.

Alles beginnt vor drei Jahren – und wie so oft gibt Kommissar Zufall den Anstoß. FKS-Beamte überprüfen eine kleine Klitsche in Westfalen. Rein vorsorglich, Routinekontrolle. Doch diese Eisdiele, stellen die Fahnder bald fest, beschäftigt nicht nur Schwarzarbeiter – sie weist auch auffällige Verbindungen zu anderen verdächtigen Eisdielen auf, die ähnlich funktionieren. Nachdem das FKS erst einmal die Spur aufgenommen hat, kommen auch Informationen der Steuerfahndung hinzu. Das Bild wird deutlicher. Immer weiter werden die Kreise, immer größer wird der Fall. Im Laufe ihrer Arbeit stoßen die Ermittler auf über 1 000 solcher Objekte. Auch zwei Deutsche sind unter den Verdächtigen. Einer von ihnen ist Steuerberater.

In den vergangenen Wochen dann spitzt sich die Lage zu, die Beweise reichen aus. Das Wetter spielt mit, die Täter auch: Sie sind alle im Land. Die heiße Phase beginnt.

Freitag, zwei Tage vor dem Einsatz. Die Atmosphäre ist gespannt. In Köln, an einem geheimen Ort, arbeiten Thomas Winter, 45, und Michael Weller, 46, nun rund um die Uhr. Sie sind die Leiter einer SE, einer Sondereinheit, die aus neun Männern und Frauen besteht. „Wir stellen Sicherheit her“, sagt Weller. Er meint: Sicherheit für die Einsatzkräfte und Sicherheit, dass ihnen keiner der Täter entwischt.

Beide Ermittler sind unauffällig sportlich gekleidet. Sie tragen T-Shirts, Jeans – und schussbereite Waffen am Gürtel. Ihre richtigen Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. „Wir haben es hier mit äußerst unangenehmen Typen zu tun“, sagt Weller. Drohungen, Beobachtungen der Kinder, das alles hat es schon gegeben. „Die meisten von uns haben Familie.“

In den vergangenen drei Monaten haben sie und ihr Team Gefährdungsanalysen erstellt, Einsatzorte wie Vluyn und Bielefeld gecheckt, Zugangsmöglichkeiten geklärt und vor allem observiert. Per „TÜ“, per Telefonüberwachung, mit Kameras oder ganz persönlich – mit verdeckten Ermittlern.

Ein paar von ihnen sind gerade vom Einsatz zurück, sie sehen so durchschnittlich aus wie nötig, manche auch milieuangepasst. Wie perfekt sie getarnt sind, zeigt eine Begegnung auf dem Vorhof des Geländes. Da rauscht ein schwarzer Sportwagen vorbei, durch die getönten Scheiben sieht man einen kräftigen südländischen Typ. „Sieht aus wie ein Zuhälter“, grient ein Fahnder, „aber auch der gehört zum Team“.

Die Kollegen, die im Innendienst arbeiten, brauchen keine Tarnung. Sie planen, was verdeckte Ermittler ausführen müssen. Die Wände ihres Arbeitsraums hängen voll mit Fahndungsmaterial. Links eine Deutschlandkarte, übersät mit Stecknadeln. Sie markieren die Tat- und die Einsatzorte. Gegenüber hängen Bilder der Täter: Sauber nebeneinander aufgereiht sieht man Fotos von Männern, Autos, dazu zahlreiche Persönlichkeitsmerkmale – bis hin zu festgestellten Krankheiten.

Dass diese Männer gefährlich und brutal sind, daran lässt Winter keinen Zweifel. Nicht selten mussten sie Telefonate wie dieses abhören: „Ich suche eine Frau zum Heiraten“, sagt da ein Italiener. Aber heiraten ist sicher nicht das, was der Mann will. „Ich habe sechs bis sieben hier“, kommt die Antwort aus Rumänien. „Sind die Mädchen noch Jungfrauen?“ Das Protokoll vermeldet: „Aus dem Hintergrund wird die Frage auf rumänisch bejaht.“

Auch deshalb darf nichts mehr schief gehen. Alle haben Angst vor dem Gau: „Stellen Sie sich mal vor, wie das wäre“, sagt einer der Fahnder. „Wir hören einen der Verdächtigen ab und der erzählt einem Mittäter plötzlich, dass er glaubt, observiert zu werden.“

Über 10 000 Telefonate der Eisdielen-Bande haben die Fahnder abgehört. Doch der Gau tritt nicht ein.

14.30 Uhr: Die 50 Tische der Eisdiele in Vluyn sind fast sämtlich besetzt. Ein halbes Dutzend Kellner wuselt herum. Alle tragen orangefarbene Poloshirts – die wohl passen sollen zum gelbroten Interieur.

Noch etwas haben sie gemeinsam: Sie sehen alle irgendwie italienisch aus. Dunkle Haare, dunkler Teint. Nur scheint jeder einen anderen Akzent zu haben, wenn er seine Deutschbrocken spricht. Wie ein Italiener klingt keiner von ihnen.

In der Einsatzzentrale in Bielefeld geht zur selben Zeit die Meldung ein: ZP 13 ist verhaftet. Nur einmal ist kurzzeitig noch Hektik aufgekommen in der Leitstelle. ZP 1 kam mit einem neuen Wagen aus Italien vorgefahren. Doch die verdeckten Ermittler können seine Spur halten.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Um 15.05 Uhr sind alle vier Hauptverdächtigen überwältigt worden und festgenommen. Der Haupttäter, der „Wahnsinnige“, ein 46-jähriger Italiener, wird in der Essener Innenstadt erwischt, sein gleichaltriger Landsmann im Krankenhaus. Die beiden anderen, ein 41-Jähriger und eine 27-Jährige aus Rumänien stellen die Beamten auf der Autobahn A 31 am Kreuz Borken und im bayerischen Bad Aibling.

Alle Haupttäter sind gefasst. Jetzt können die Objektdurchsuchungen beginnen. Zeitgleich und in der gesamten Republik.

In Vluyn ist es 15.07 Uhr, als drei Kombis im Schritttempo die Fußgängerzone hinauffahren. Als sie vor der „Gelateria Italiana“ halten, biegt ein Dutzend Kollegen aus dem Durchgang zum Hof um die Ecke. Der Hinterausgang ist abgeriegelt, die Razzia kann beginnen.

Kinder mit Eishörnchen in der Hand staunen die Truppe an. „Das sind aber komische Polizisten“, sagt ein Mädchen. Denn diese Polizisten sind Zöllner. Sie tragen schwarze Barette, schwarze Hosen und schwarze Pistolen an den Gürteln. Und Handschellen. Die Gummihandschuhe, die sie sich im Gehen überstreifen, sind ebenso türkis wie ihre Hemden.

Die Corporate Identity ist wichtig – auch für Schwarzarbeitsbekämpfer. Auf ihren Einsatzwagen prangt ihre Webseite: www.zoll-stoppt-schwarzarbeit.de

Jeweils zwei Zöllner schnappen sich einen Bediensteten. „Passport?“ „Wie lange arbeiten Sie schon hier?“ „Wo wohnen Sie?“ Die Antworten notieren sie – wenn sie sie verstehen können. Denn die Deutschkenntnisse der Verdächtigen sind oft nur rudimentär. Fünf Dolmetscher hat die Einsatzgruppe dabei. Besonders gefragt sind in Vluyn die Experten für Rumänisch und Portugiesisch – mehrere der „italienischen“ Kellner entpuppen sich als Brasilianer.

Vor der Eistheke wächst derweil die Schlange, weil dahinter keiner mehr Eiskugeln formt. Ein Neuankömmling fragt: „Was is’n hier los?“ „Schwarzarbeit“, raunt ein Zollbeamter. „Das liegt wohl nahe bei solchen Betrieben“, antwortet der Kunde.

Früher wurde in Vluyn noch ehrlich malocht. Zwei Fördertürme der RAG-Zeche Niederberg recken ihre Streben noch in den Himmel über dem Ort. Ende 2001 fuhr die letzte Schicht ein – nach 84 Jahren. Im 19. Jahrhundert kamen die Weber hier zu Reichtum. Eine ihrer Villen ist heute der Stolz der Stadt.

Anno 2006 ist Schwarzarbeit ein Alltagsdelikt, in Vluyn und anderswo: Jeder weiß was oder ahnt es zumindest, aber die meisten profitieren auch gerne von ihr. Und nicht immer sind die Schwarzarbeiter Täter. Bei der Eisdielen-Bande sind sie vor allem Opfer.

18 Uhr in Bielefeld: Während die Beamten damit beschäftigt sind, die Zeugen, also die Ausgebeuteten, zu verhören, müssen der zuständige Oberstaatsanwalt Klaus Pollmann und FKS-Sprecher Heinz Michael Horst Presseanfragen im Sekundentakt beantworten. Die Ermittler sind fündig geworden. Sie haben 1,3 Millionen Euro in bar, 80 Computer und 400 weitere Datenträger sichergestellt.

Pollmanns Text ist oft stereotyp, er muss aufklären. Nein, noch sind die Verhafteten nur beschuldigt, nicht überführt, und nein, noch sind sie „mutmaßliche“ Täter. Ihnen drohen Freiheitsstrafen, Minimum ein Jahr, Maximum zehn Jahre.

Juristisch korrekt lauten die möglichen Delikte: gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern, Menschenhandel, gewerbs- und bandenmäßiges Ausbeuten von Arbeitskräften und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Pollmann setzt vor allem darauf, dass der erste Tatbestand zieht.

Immer wieder klingeln die Telefone, Horst hält sich manchmal an jedes Ohr eines. Besser hätte es nicht laufen können. Auch für ihn nicht. Seine Behörde ist im Bundesfinanzministerium nicht unumstritten. Weil sie weitgehend autonom agiert – und das auch noch erfolgreich.

Der Sommer hat geholfen, er hat Täter, Opfer und Öffentlichkeit zusammengeführt, er hat Publicity geschaffen: Ob in München, Augsburg, Frankfurt oder Wipperfürth, Stollberg, Euskirchen – die nach Erfrischung lechzende Republik hat mitbekommen, wie eiskalt es zugeht bei einigen ihrer italienischen Eismännern.

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