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Karriere Traumjob Beamter: Was den Staat als Arbeitgeber so attraktiv macht

Deutschlands größter Arbeitgeber ist der Staat. 2030 könnten jedoch 800.000 Beschäftigte fehlen. Kampagnen werben deshalb mit Sinn und Sicherheit.
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Der öffentliche Dienst versucht, durch mehr Werbung dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Quelle: BMI
Kampagne „durchstaaten.de“

Der öffentliche Dienst versucht, durch mehr Werbung dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

(Foto: BMI)

Düsseldorf Cordula Stolz hat das erreicht, wovon die meisten Jurastudenten träumen: Prädikatsexamen, Doktortitel, Arbeit bei einer bedeutenden Großkanzlei. Sie war auf dem besten Weg zur Partnerin – der höchsten Karrierestufe in der Kanzlei, ein Millionenverdienst in Aussicht. Das war 2011.

Heute ist sie Richterin am Landgericht Paderborn. Statt um Private Equity kümmert sich die 40-Jährige nun um Ladendiebstahl, Vergewaltigung und Mord. Statt in der Berliner Großstadt lebt sie in der ostwestfälischen Provinz.

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Was sie zu dem Wechsel bewegt hat? Als Anwältin habe sie immer dem Interesse der Mandanten folgen müssen, als Richterin sei sie „nur an Recht und Gesetz gebunden“. Der Job gebe ihr das schöne Gefühl, „das zu tun, was richtig ist“.

Auch Stress und Druck sind viel geringer als früher. Das Gehalt allerdings auch. Als Richterin kann sie auf gut 80.000 Euro brutto pro Jahr kommen – kein schlechter Verdienst, doch früher war es locker doppelt so viel. „Es macht mich nicht unglücklicher, dass ich jetzt weniger Geld auf dem Konto habe.“

Weniger Geld, mehr Zufriedenheit. Stolz’ Wechsel in den Staatsdienst zeigt, dass der öffentliche Dienst mehr zu bieten hat, als das Klischee vermuten lässt. Arbeiten bei Vater Staat? Da kommen Bilder von verstaubten Amtsstuben, strikten Hierarchien und Paragrafendschungel auf.

Die Werbeslogans sollen den sinnstiftenden Faktor im öffentlichen Dienst hervorheben. Quelle: Ministerium der Justiz NRW/YeaHR
Plakat von Justiz.NRW

Die Werbeslogans sollen den sinnstiftenden Faktor im öffentlichen Dienst hervorheben.

(Foto: Ministerium der Justiz NRW/YeaHR)

Doch im Wettbewerb um die besten Talente lockt der Staat mit zwei Punkten, die Jobsuchende in der privaten Wirtschaft bisweilen vermissen: Sinn und Sicherheit. „Viele wollen sich nicht mehr für das Gewinnstreben eines Einzelunternehmers aufopfern“, sagt Christoph Reichard, emeritierter Lehrstuhlinhaber für Public Management an der Universität Potsdam. Dafür seien viele Talente bereit, auf ein höheres Gehalt zu verzichten.

Auf das Thema Sinnstiftung zielen auch zahlreiche Recruiting-Kampagnen des öffentlichen Dienstes ab, die derzeit an Plakatwänden deutscher Städte prangen. Die Zentralkampagne „durchstaaten.de“ von Bund, Ländern und Kommunen umgarnt Menschen, die „sich einbringen und Verantwortung übernehmen wollen“. Der Justizapparat Nordrhein-Westfalens hat „Den Menschen im Sinn“ und die Bundeswehr wirbt großflächig mit dem Slogan: „Mach, was wirklich zählt.“

Damit richten sich die staatlichen Institutionen vor allem an die Generation Y, die zwischen Sinnsuche und Sicherheitsbegehren ihre Arbeit gestalten will. Das belegt eine Studie der Unternehmensberatung EY: Demnach streben die meisten Studenten, 41 Prozent nämlich, eine Karriere im öffentlichen Dienst an.

In die krisengeplagte Autoindustrie, früher eine der Top-Adressen für Absolventen, zieht es nicht einmal mehr jeden zehnten. „Studenten nehmen den öffentlichen Dienst als Hort der Sicherheit und Beständigkeit wahr“, sagt Studienautor Oliver Simon.

Schon jetzt ist Vater Staat der größte Arbeitgeber der Republik: 4,8 Millionen Beschäftigte, darunter 1,7 Millionen Beamte, arbeiten mit öffentlichem Auftrag. Die Bandbreite reicht vom Sachbearbeiter in der kommunalen Verwaltung bis zum IT-Experten, vom Kita-Erzieher über den Bundeswehr-Offizier bis hin zu Diplomatenstellen im Auswärtigen Amt oder Staatssekretär-Posten.

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Zwar ist die Zahl der Beschäftigten seit der Finanzkrise um etwa 200.000 gestiegen. Doch Bund, Ländern und Kommunen fehlen nach Rechnung des Gewerkschaftsdachverbands Beamtenbund und Tarifunion (DBB) genauso viele Fachkräfte. Und wenn erst die Babyboomer-Generation in den Ruhestand geht, könnte die Zahl der unbesetzten Stellen beim Staat bis 2030 auf 800.000 steigen, erwartet die Unternehmensberatung PwC.

Nirgendwo sonst dürfte sich der Fachkräftemangel so stark bemerkbar machen wie bei Vater Staat. DBB-Präsident Ulrich Silberbach sieht deshalb nicht nur die Zukunftsfähigkeit des öffentlichen Dienstes, sondern gleich die der gesamten Republik in Gefahr.

Durch das drohende Fachkräfteloch lässt sich ein Umdenken bei den öffentlichen Arbeitnehmern beobachten. Die NRW-Justiz etwa, mit ihren 40.000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber des Bundeslandes, buhlt seit Anfang des Jahres mit Sprüchen wie „Das Recht umsetzen statt Umsätze maximieren“ oder „Menschen statt Aktienkurse stabilisieren“ um Aufmerksamkeit.

Offenbar mit Erfolg: Die Karriereseite besuchten im ersten Quartal so viele Interessenten wie im gesamten Vorjahr. „Bewerber wollen eben wissen, wofür sie jeden Morgen aufstehen sollen“, sagt Andreas Herde, Geschäftsführer der Agentur YeaHR aus Düsseldorf, die sich die NRW-Justizkampagne ausgedacht hat.

Rainer Bernnat, Leiter Öffentlicher Sektor bei PwC, sagt hingegen: „Bei vielen Bewerbern kommt nicht wirklich an, dass der öffentliche Dienst spannende Themen und Karriereperspektiven zu bieten hat.“ Begehrte Institutionen wie das Auswärtige Amt bräuchten die Kampagnen nicht unbedingt – „da bewerben sich ohnehin die Besten“. Doch auf Landes- und kommunaler Ebene müssten die öffentlichen Arbeitgeber mehr tun, um ihr verstaubtes Image abzulegen, so Bernnat.

„Die Rekruten“ hat nichts mit der Realität zu tun
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