Klimaschutz Neuer Anlauf für die Speicherung von CO2

Die unterirdische Speicherung von CO2 ist in Deutschland hoch umstritten. Auch Klimaschutzorganisationen wollen das jetzt ändern. Ist das die Wende in der Debatte um CCS?
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In Europa ist CCS hoch umstritten. Quelle: Reuters
CCS-Anlage in Richmond, Texas

In Europa ist CCS hoch umstritten.

(Foto: Reuters)

BerlinFür Hans-Joachim Kümpel ist die Sache klar: Die Abscheidung und unterirdische Speicherung von Kohlendioxid (carbon capture and storage, kurz CCS) gehört zu den wichtigen Instrumenten im Kampf gegen den Klimawandel. Auch Technologien zur Nutzung von CO2 als Rohstoff (carbon capture und utilization, kurz CCU) hält er für unverzichtbar.

„Wenn wir die Pariser Beschlüsse der internationalen Staatengemeinschaft zum Klimaschutz von 2015 ernst nehmen, kommen wir an einer Debatte um CCU und CCS nicht vorbei“, sagte Kümpel dem Handelsblatt.

Kümpel, bis 2016 Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), hat als Projektleiter im Auftrag von Acatech Handlungsoptionen und Empfehlungen für den Einsatz von CCS und CCU entwickelt. Das entsprechende Positionspapier liegt dem Handelsblatt vor und wird an diesem Dienstag in Berlin vorgestellt.

Das Besondere an den Empfehlungen: Sie wurden gemeinsam von Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Verbänden und Industrie erarbeitet, darunter Klimaschutzorganisationen wie der WWF und Germanwatch, aber auch Unternehmen wie BASF sowie Gewerkschaftsvertreter.

„Ich bin froh, dass wir einen großen Kreis von Akteuren gewinnen konnten, um für den Industriesektor gemeinsame Positionen zu den Themen CCU und CCS zu entwickeln. Das ist nach meiner Überzeugung eine gute Ausgangsbasis für eine offene und ehrliche Debatte“, sagte Kümpel.

Über CCS hat die Politik in Deutschland jahrelang gestritten. Am Ende Stand 2012 ein Gesetz, das es den Bundesländern erlaubt, auf ihrem Territorium die CO2-Speicherung auszuschließen. Die Länder, die für die Speicherung in Betracht kommen, haben von dieser Opt-Out-Klausel Gebrauch gemacht. Im Ergebnis führt das dazu, dass CCS in Deutschland de facto nicht möglich ist. Im Positionspapier heißt es, es sei „fraglich, ob das kategorische Festhalten am derzeit strikten Verbot von CCS in Deutschland sinnvoll ist“.

Ein Festhalten an dem Verbot würde vor allen Dingen für die Industrie ein Problem bedeuten. Denn sie kann trotz aller Bemühungen um Effizienzsteigerungen bestimmte Emissionen, die sogenannten prozessbedingten Emissionen, nicht vermeiden. Das gilt etwa für die Stahl- und die Zementindustrie, aber auch viele Prozesse in der Chemieindustrie.

Hier setzt Kümpel an: „Es geht allein in Deutschland um prozessbedingte CO2-Emissionen der Industrie von 60 Millionen Tonnen jährlich. An diesen Emissionen kommen wir schwerlich vorbei, weil wir die Gesetze der Physik und der Chemie nicht aushebeln können“, sagt er.

In dem Positionspapier heißt es: „Die aus jetziger Sicht vor allem ab 2030 benötigten Technologien müssen zeitnah weiterentwickelt und zur Marktreife gebracht werden, um rechtzeitig zur Verfügung zu stehen.“ Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch die Anfang 2018 vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vorgestellte Studie „Klimapfade 2050“. Der BDI-Studie zufolge sind die angestrebten CO2-Reduktionen im Industriesektor ohne CCS nicht denkbar.

Die Zeit drängt. „Wir reden über aufwendige technische Prozesse mit anspruchsvollen Genehmigungsverfahren, die Vorlaufzeiten können da leicht zehn Jahre betragen“, sagt Kümpel. Daher müsse man heute in die Debatte über CCS eintreten. Das Ob und Wie müsse „unter Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit zeitnah diskutiert werden, damit notwendige Infrastrukturen geplant, genehmigt und errichtet werden können“, sagte Kümpel.

Kümpel betont, dass CCS nicht die beste Lösung für das Klimaproblem ist: „Zunächst geht es darum, CO2 zu vermeiden. Im nächsten Schritt kann man an CCU denken. Und erst dann, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, kommt CCS in Betracht. Es muss klar werden, dass CCS immer nur die letzte Option sein sollte.“

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