Klimaschädliche Industrieproduktion

Viele Unternehmen müssen ihre Investitionen an die Klimaziele anpassen.

(Foto: Photo by Thomas Hafeneth on Unsplash)

Klimawandel Experten sehen in Bericht des Weltklimarats eine Warnung für die Politik

Ein Bericht des Weltklimarats zeigt dramatische Konsequenzen der Erderwärmung auf. Wissenschaftler fordern die Politik auf, schnell zu handeln.
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BerlinLange Zeit dachte man, es sei ausreichend, die Erderwärmung bei etwa zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu stoppen. Ein halbes Grad mehr oder weniger, was würde das schon ausmachen?

Ein Sonderbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), häufig mit „Weltklimarat“ übersetzt, zeigt nun zwei Monate vor dem nächsten internationalen Klimagipfel, dass bereits bei einer globalen Erwärmung von 1,5 Grad weltweit hohe Risiken bestehen – und erst recht bei zwei Grad. Und dass eine Begrenzung auf 1,5 Grad noch immer möglich sei, wenn sofort und entschieden gehandelt werde.

Die Staatengemeinschaft hatte im Pariser Klimaabkommen Ende 2015 beschlossen, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad, wenn möglich auf 1,5 Grad zu beschränken. Derzeit ist die Welt aber eher auf einem Drei-Grad-Kurs. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich das Klima bereits um rund ein Grad erwärmt – und die Anstrengungen, die Entwicklung zu bremsen, reichen bei Weitem nicht aus.

Die Botschaft des Berichts ist eindeutig: Will man die Folgen der menschengemachten Klimaveränderungen einigermaßen im Griff behalten, wäre es völlig unvertretbar, eine Erderwärmung von insgesamt zwei Grad zuzulassen. Damit steigen die Herausforderungen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft enorm.

„Wir müssen den Abschied von Kohle, Öl und Gas hinbekommen“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Jede vermiedene Tonne Kohlenstoffdioxid (CO2), jedes vermiedene Zehntelgrad Erderwärmung zähle. „Wir dürfen beim Klimaschutz keine Zeit mehr verlieren.“ Die nächsten Jahre seien entscheidend, damit der Planet nicht aus dem Gleichgewicht gerate.

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Für Wissenschaftler Hans-Otto Pörtner, der an der Erstellung des Sonderberichts beteiligt war, sind die nächsten zehn Jahre die entscheidenden. Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssten klimaschädliche Emissionen wie CO2 bereits vor 2030 „deutlich sinken“, sagte Pörtner, der über eine Videokonferenz aus Südkorea zugeschaltet war. Dort hatten die Wissenschaftler in den vergangenen Tagen um jede Formulierung gerungen.

Der Bericht gilt als maßgebliche wissenschaftliche Grundlage für politische Entscheidungen, wie das Pariser Klimaabkommen umgesetzt werden soll. Denn vor allem hakt es an der Umsetzung.

Ein Problem, das nach Meinung von Ottmar Edenhofer, designierter Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), auch nach Veröffentlichung des Berichts anhält: „Der Bericht zeigt das ganze Dilemma: Die Klimapolitik ist viel zu sehr von der Debatte darüber geprägt, wie das Klimasystem auf eine Tonne mehr oder weniger CO2 reagiert, statt konkret die Frage zu beantworten, wie wir unsere Klimaziele erreichen können“, sagte Edenhofer dem Handelsblatt. „Jetzt, wo es an die Umsetzung geht, wird die Politik immer unpräziser. Das gilt auch für Deutschland.“

Als entscheidenden Hebel, die Emissionen zu begrenzen, sieht Edenhofer die heutigen weltweiten Investitionsentscheidungen. Die langen Investitionszyklen setzten den Maßstab teilweise für Jahrzehnte, warnte der Ökonom.

Denn gerade Entwicklungsländer wie Pakistan oder Vietnam, die immer noch massiv in Kohlekraftwerke investierten, würden diese in einigen Jahren nicht einfach abschalten, „sondern sich gegen eine Entwertung ihrer Produktionsanlagen zur Wehr setzen“. Es komme also darauf an, jetzt zu handeln.

Deutschland sieht Edenhofer in der Pflicht, sein Gewicht in der internationalen Debatte so einzubringen, dass das Ambitionsniveau gesteigert werde. Derzeit zeichne sich die Regierung nicht gerade dadurch aus, die Debatte voranzutreiben, so der designierte PIK-Direktor.

Die EU-Umweltminister wollen an diesem Dienstag die nächste internationale Klimakonferenz im Dezember im polnischen Kattowitz vorbereiten. EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete hatte im Sommer dafür plädiert, auf internationaler Ebene bis 2030 eine Senkung der europäischen Treibhausgase um 45 Prozent im Vergleich zu 1990 zuzusagen. Bisher liegt das EU-Ziel bei 40 Prozent.

Deutschland lehnte es aber bislang ab, das Ziel jetzt nachzuschärfen. Am Montag erklärte Cañete, die EU werde daran arbeiten, die Herausforderung anzugehen: „Alle Beteiligten müssen die Bemühungen gegenüber den Zusagen im Pariser Abkommen erhöhen.“

Das Ende des fossilen Zeitalters ist offenkundig

Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, sprach von einem politisch „mühsamen Prozess“. In Deutschland ist vor allem die Frage nach dem Ausstieg aus der Kohleverstromung umstritten. Die von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Kohlekommission, die bis Jahresende sowohl einen Ausstieg aus der Kohleverstromung in Deutschland skizzieren als auch Empfehlungen für eine strukturpolitische Entwicklung der Braunkohleregionen vorlegen soll, ermahnte Flasbarth. Er sei sich sicher, „dass die Mitglieder auch die Botschaft des IPCC hören werden“. Dass das fossile Zeitalter zu Ende gehe, so Flasbarth, „ist offenkundig“.

Das bestreiten hierzulande auch nur noch wenige. Auch den Unternehmen ist klar, dass kein Weg daran vorbeiführt, sich Stück für Stück klimaneutral aufzustellen. Flasbarth erklärte, man sei derzeit vor allem mit der energieintensiven Industrie in Gesprächen, um die Frage zu klären, auf welche Weise prozessbedingte Emissionen gesenkt werden könnten. Ein Förderprogramm dazu ist in Vorbereitung.

Das Bundesforschungsministerium kündigte dagegen an, ein Programm aufzulegen, das negative Emissionen in den Fokus nimmt, also den Entzug von CO2 aus der Atmosphäre. Ohne diesen, das stellt der IPCC-Bericht klar, wird die Erderwärmung nicht auf 1,5 Grad zu begrenzen sein.

Doch wo sich Umwelt- und Forschungsministerium mühen, stehen andere Ministerien eher auf der Bremse. Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), Utz Tillmann, klagte noch im September darüber, dass es selbst als Schlüsselindustrie und drittgrößte Branche in Deutschland nicht ganz einfach sei, einen Termin beim Bundeswirtschaftsminister zu bekommen.

Tillmann ist durchaus dafür, das Thema offensiver anzugehen: „Warum versucht die Regierung nicht, im Dialog mit den Unternehmen das Thema Klimawandel nach vorn zu bringen?“ Es gebe viele Mitglieder der Bundesregierung, die über die notwendigen Schritte in den nächsten 20, 30 Jahren nachdächten, sagte Tillmann dem Handelsblatt, „aber es gibt keinerlei strukturierte Diskussion“.

Was Deutschland bräuchte, so Tillmann, sei „eine Art Klimakabinett“. Eine Runde, mindestens auf Ebene der Staatssekretäre, zu der man Unternehmen einlade und in der man die Frage diskutiere: Was bedeutet es für die Industrie, wenn sie 2050 klimaneutral aufgestellt sein muss? Was fehle, sei ein Langfristplan. „Die Bundesregierung versteht es immer wieder, sich im Klein-Klein zu verfangen, und versäumte, die großen Linien zu zeichnen.“

Um den Anstieg der Temperatur auf 1,5 Grad zu begrenzen, „braucht es historisch Beispielloses“, sagte Holger Lösch, stellvertretender BDI-Hauptgeschäftsführer, dem Handelsblatt. Die Anstrengungen dürften nicht auf einige wenige Länder beschränkt sein.

„Eine umfassende globale Kooperation wäre unerlässlich. Die Politik muss sich der enormen Komplexität und dem riesigen Investitionsbedarf ehrlich stellen und Klimapfade aufzeigen, die ökonomisch, technologisch und gesellschaftlich realistisch sind“, sagte Lösch.

Eine der großen Linien, um global voranzukommen, wäre nach Ansicht Edenhofers, den Ausstoß von CO2 zu bepreisen. Dass das in der Bundesregierung noch nicht einmal debattiert werde, findet er enttäuschend, er hat aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben: „Auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier wird sich an der Einsicht nicht vorbeidrücken können, dass ein CO2-Preis notwendig ist.“

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