Koalition präsentiert Steinmeier Ein Mutmacher, kein Vereinfacher

Ein Mann aus den eigenen Reihen wird die neue Nummer eins im Staat: Die Spitzen von Union und SPD stellen Frank-Walter Steinmeier als ihren Wunsch-Bundespräsidenten vor. Der Erwählte erwartet stürmische Zeiten.
Update: 16.11.2016 - 14:43 Uhr 14 Kommentare

Das sind die ersten offiziellen Worte des Wunsch-Bundespräsidenten

BerlinAußenminister Frank-Walter Steinmeier will als Bundespräsident ein „Mutmacher“ sein. „Ich jedenfalls will die Kräfte wecken, die in dieser Gesellschaft stecken“, sagte er am Mittwoch bei seinem ersten Auftritt als Kandidat der großen Koalition für das höchste Staatsamt. Präsentiert wurde er von den Parteichefs der Koalitionspartner CDU, CSU und SPD. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) lobte Steinmeier als den „richtigen Kandidaten in dieser Zeit“.

Steinmeier rief in seiner sechsminütigen Ansprache zu Vertrauen und Zuversicht in Deutschland auf. Ausdrücklich erwähnte der amtierende Außenminister die Krisen der Welt vom Brexit über den US-Wahlausgang bis zur Lage in der Türkei und sprach von „politischen Erdbeben“. Deutschland habe in seiner Geschichte aber gezeigt, dass „Raserei“ und Spaltung überwunden werden könnten.

Auch die Lehre aus der jüngsten Zeit sei, „dass diese Gesellschaft die Kraft hat, sich aus Krisen zu befreien und zwar nicht mit simplen Antworten“, sagte Steinmeier weiter. Diese Haltung wolle er fördern. „Ein Bundespräsident darf kein Vereinfacher sein, er muss ein Mutmacher sein.“

CDU-Chefin Merkel betonte die Verlässlichkeit, die sowohl von der Person Steinmeiers als auch von der gemeinsamen Nominierung durch alle drei Koalitionsparteien ausgehe. Die Menschen spürten, „er ist ein Mann, dem sie vertrauen können.“ Die Kanzlerin lobte insbesondere Steinmeiers „Erfahrung, seine Fähigkeit zum Ausgleich, seine Bodenständigkeit und seine Kenntnis der Welt“.

SPD-Chef Sigmar Gabriel, der seinen Parteifreund durchgesetzt hatte, verkniff sich jeden Triumph. Vielmehr legte er angesichts der Unterstützung der Union Wert auf die Überparteilichkeit des Kandidaten. „Es gibt die gute Tradition, dass die Parteizugehörigkeit zurücktritt, wenn es um das höchste Amt unseres Landes geht“, sagte er. Steinmeier genieße „Vertrauen über Lagergrenzen hinweg“.

Nach dem monatelangen Gerangel war Merkel die Erleichterung über die Lösung der Personalfrage anzumerken. Gleich drei Mal sagte sie: „Ich freue mich.“ Sie bezog dies ausdrücklich auch auf die Zustimmung der Union. Tatsächlich gibt es in der CDU einigen Unmut, dass es Merkel nicht gelungen ist, einen eigenen Kandidaten aufzustellen.

Steinmeiers Weg zum Bundespräsidenten
Frank-Walter Steinmeier und Bundespräsident Joachim Gauck
1 von 10

Joachim Gauck wurde im Jahr 2012 von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt. Dieses Jahr kündigte er an, für das Amt ab 2017 aus Altersgründen nicht mehr zu Verfügung zu stehen. Die Suche nach einem geeigneten Kandidaten lief seitdem auf Hochtouren. Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer hatten lange mit ihrer Unterstützung für den 60-jährigen Sozialdemokraten gezögert – zumal der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel in dieser Frage einseitig vorgeprescht war. Heute gab die CDU und CSU aber bekannt, dass sie hinter der Kandidatur für Steinmeier stehen. Er steuert damit zielsicher auf das Schloss Bellevue zu.

Beginn Steinmeiers Karriere
2 von 10

Geboren wurde Steinmeier am 5. Januar 1956 als Sohn eines Tischlers und einer Fabrikarbeiterin. Jahrelang spielte er Fußball für die TuS 08 Brakelsiek, unter anderem als Libero, und war dabei nach eigener Einschätzung „nicht der begnadete Filigrantechniker“, hatte aber als Teamspieler „großes Kämpferherz und langen Atem“. Nach eigenen Aussagen bemerkte er in seinem Dorf aber einen „Stillstand“ und wollte seine Heimat deshalb verlassen. Nach dem Abitur ging Steinmeier zunächst zur Bundeswehr und war dort für zwei Jahre bei der Luftwaffe in Goslar tätig.

Bildungsweg
3 von 10

1976 begann Steinmeier an der Justus-Liebig Universität Gießen Rechtswissenschaft zu studieren. Nach seinem zweiten Staatsexamen arbeitete der Politiker an der Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter und schrieb seine Doktorarbeit.

Im Jahr 2013 wurde ein Plagiatsverfahren eingeleitet, weil seine Dissertation Zitierfehler und handwerklicher Mängel enthielt. Er wurde jedoch freigesprochen und konnte seinen Doktortitel behalten.

Steinmeier im Bundeskanzleramt
4 von 10

Nach seinem Studium arbeitete Steinmeier von 1998 bis 2005 als Staatssekretär im Bundeskanzleramt, nachdem Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde. Er zählte zu den engsten Vertrauten von Schröder.

Privatleben
5 von 10

Frank-Walter Steinmeier heiratete 1995 die Verwaltungsrichterin Elke Büdenbender. Das Ehepaar lernte sich während des Jura-Studiums kennen und hat eine gemeinsame Tochter. Im Jahr 2010 zog sich Steinmeier für einige Wochen aus der Politik zurück, um sich um seine erkrankte Frau zu kümmern: Steinmeier spendete ihr eine Niere.

Kabinett Merkel Steinmeier
6 von 10

Obwohl Steinmeier als Vertrauter von Schröder galt, ernannte ihn Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2005 überraschend als Bundesminister des Auswärtigen. Kurze Zeit später löste er Franz Müntefering als Vizekanzler ab.

Zeit in der SPD
7 von 10

In Umfragen führte Steinmeier wiederholt die Liste der beliebtesten deutschen Politiker mit Abstand an. Auch seine Bewerbung um das Präsidentenamt stößt demnach in der Bevölkerung auf Unterstützung. Bereits mit 19 Jahren trat Steinmeier in die SPD ein und war in der Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten tätig. Ein wichtiger Schritt in seiner SPD-Laufbahn war für den Politiker die Bundestagswahl im Jahr 2009. Dafür wurde er zu rund 95 Prozent der Stimmen als Spitzenmann für die Kanzlerkandidatur gewählt.

CSU-Chef Horst Seehofer sagte: „Für uns kommt es entscheidend darauf an, dass wir nach Joachim Gauck wieder einen guten Präsidenten für unser Land bekommen.“ Steinmeier sei dafür „sehr gut geeignet, als Mensch und als Politiker.“ Er wünsche ihm „viel Glück und ein gutes Ergebnis“, fügte Seehofer mit Blick auf die Wahl am 12. Februar hinzu.

Union und SPD zusammen verfügen über mindestens 928 der 1260 Stimmen in der Bundesversammlung. Grüne und FDP haben noch nicht entscheiden, ob sie Steinmeier ebenfalls unterstützen, die Linke will einen eigenen Kandidaten aufstellen. Steinmeiers Vorgänger Gauck war bei seiner Wahl 2012 von diesen fünf Parteien getragen worden. Gauck tritt aus Altersgründen nicht wieder an.

Über seine persönlichen Gefühle verriet Steinmeier bei seinem Auftritt im Reichstagsgebäude nicht viel: „Es ist mir eine große Ehre, in diesen stürmischen Zeiten für das höchste Staatsamt vorgeschlagen zu werden“, sagte er nur und räumte ein, dies sei trotz aller Erfahrung für ihn „ein besonderer Moment“.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
  • dpa
  • afp
Startseite

Mehr zu: Koalition präsentiert Steinmeier - Ein Mutmacher, kein Vereinfacher

14 Kommentare zu "Koalition präsentiert Steinmeier: Ein Mutmacher, kein Vereinfacher"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette 

  • Russland: Putin lässt Wirtschaftsminister wegen Korruption verhaften.
    Das ist ein Staat der Gerechtigkeit. In der EU gibt es das nicht-

  • Deutschland - Präsidenten"Wahl"
    =========================
    Herr Steinmeier wird sicher ein sehr guter Präsident sein. Ich würde ihn gewählt haben.
    Was jedoch im Zusammenhang mit der Präsidentenwahl bisher abgelaufen ist, macht jedoch eine
    echte Wahl unmöglich.
    Da ist wieder das geschehen, was die Menschen so politkverdrossen macht - in den Partei-Hinterzimmern von SPD,CDU und CSU hat man so lange um einen Einheitskandidaten gekungelt, bis ein echte Wahl unmöglich geworden ist.
    Es gibt da ja die riesige und kosten-trächtige Bundesversammlung, die ausschließlich zur Bundespräsidentenwahl installiert wird und der alleine die Wahl zusteht!!!! Aber das weiß Frau Merkel, Herr Seehofer und Herr Gabriel anscheinend nicht - diese missachten selbstherrlich die demokratischen Regeln.
    Jede Partei hat doch ihren eigenen Kandidaten ins Rennen zuschicken, und dann wählt die Bundesversammlung (!!!) den neuen Präsidenten. Was jetzt noch, nach der Kungelei, für die Bundesversammlung übrig bleibt ist eine Absurdität - und den Vorgang könnte man glatt streichen.
    Deutschland wird immer mehr zur Hinterzimmer-"Demokratie" !
    Dringend sind Elemente einer direkten Mitbestimmung des Volkes erforderlich, um den Parteikungeleien Einhalt gebieten zu können. mwh

  • OttoWaalkes hätte ich gut gefunden!

  • Steinmeier Staatsratsvorsitzender der BRD.

  • Steinmeier wird auch als Bundespräsident alle schwierigen Situationen meistern. Dafür hat er seinen Standardsatz, den er auch künftig in jeder Lage einsetzen kann:

    "Das ist eine sehr ernste Situation und die Politik ist gefordert, hier schnell zu handeln!"

  • Wenn der so toll ist, warum muß er dann im Hinterzimmer ausgekungelt werden?
    Als Außenminister hat er nichts gebracht. Seit 1945 hatten wir nicht mehr mit so vielen anderen Ländern Streit.

  • Noch eine Anmerkung: unsere etablierten Politiker gefallen sich gerade alle darin, keine Vereinfacher zu sein, sondern die Probleme wären so schwierig.

    Aus Sicht der Aufklärung sind sie da im 19. Jahrhundert. Gerade heute sagen alle Wissenschaften, die sich mit dem Thema der Komplexitätsbeherrschung beschäftigen, dass natürlich sehr wohl Vereinfachungen notwendig sind, die Kunst besteht darin, dass es die richtigen sind! Alle Dinge, die man überhaupt nicht versteht, erscheinen komplex! Das muss aber nicht an den Dingen liegen... es kann auch am Betrachter liegen!!!

    Hier müßte man in der öffentlichen Diskussion mal ansetzen!!!

  • 1. Steinmeier ist integer
    2. Steinmeier ist ernsthaft bemüht
    3. Steinmeier war unter Schröder eine perfekte Nr. 2 (die umsetzt was Nr. 1 vorgibt)
    4. Steinmeier hat, sobald er etwas von einer Nr 1 haben mußte, nur Bauchlandungen produziert
    5. Wenn er Bundespräsident ist, kann er im Außenamt nicht mehr so viel Schaden anrichten
    6. Der letzte Sympathieträger der SPD für den Wahlkampf 2017 ist raus.
    7. Für Merkel ist alles gut, für unsere Demokratie nicht, aber das zählt nicht! (siehe Schröder)

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%