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Koalitionskonflikt um Ehe für alle „Wir haben die Nase voll“

Nach dem Kursschwenk der Kanzlerin bei der Ehe für Lesben und Schwule will die SPD schnell Fakten schaffen. In der CDU ist bereits von einem „Koalitionsbruch aus Kalkül“ die Rede – hat sich Angela Merkel verkalkuliert?
28.06.2017 Update: 28.06.2017 - 09:42 Uhr 6 Kommentare

SPD will schnelle Abstimmung – Kauder spricht von „Vertrauensbruch“

Berlin Drei Monate vor der Bundestagswahl versucht die SPD, die Union im Konflikt um die Ehe für Homosexuelle in die Enge zu treiben. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann kündigte an, bei der anstehenden Entscheidung im Bundestag eine namentliche Abstimmung zu beantragen. Damit wüssten die Wähler dann auch, welche Abgeordneten hinter der Ehe für alle stünden, sagte Oppermann am Dienstagabend im ZDF. „Für die Union ist das ein Riesenproblem.“ Er rechne mit vielen Gegenstimmen aus der CDU/CSU-Fraktion.

Die SPD will die vollständige Gleichstellung homosexueller Paare gegen den Willen des Koalitionspartners noch in dieser Woche im Bundestag beschließen lassen. Sie reagiert damit darauf, dass Kanzlerin Angela Merkel am Montag überraschend vom klaren Nein der CDU in dieser Frage abgerückt war und öffentlich von einer Gewissensentscheidung sprach.

Nach Informationen der „Passauer Neuen Presse“ gab es deshalb am Dienstag in der Spitze der Unionsfraktion heftige Kritik an Merkel. In einer Sitzung des Fraktionsvorstandes hätten mehrere Mitglieder in Abwesenheit der Kanzlerin ihren Unmut darüber geäußert, dass die CDU-Chefin die Fraktion vor vollendete Tatsachen gestellt habe, meldet das Blatt (Mittwoch). „Wir haben die Nase voll“, hieß es demnach laut Teilnehmern.

Die Union ist gegen eine Abstimmung noch vor der Bundestagswahl, sie möchte das in CDU und CSU umstrittene Thema erst ausführlich diskutieren. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) wirft der SPD wegen ihres Vorstoßes „Vertrauensbruch“ vor. Merkel selbst kritisierte das Vorgehen der SPD in der Unionsfraktion laut Teilnehmerkreisen als „überfallartig“.

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    Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn rügt, dass Eiltempo der SPD sei „eine Form von Vertrauensbruch“ seitens des Koalitionspartners, das sagte er am Mittwoch im ARD-„Morgenmagazin“. Die Sozialdemokraten hielten sich nicht an die ursprüngliche Absprache der Koalition, zu dem Thema keine Beschlüsse zu fassen. „Da wird sicherlich an anderer Stelle auch zu reden sein“, sagte Spahn.
    Er bemängelte jedoch nur das Verfahren. In der Sache sei damit zu rechnen gewesen, das die sogenannte Ehe für alle zur Entscheidung ansteht. „Jeder Abgeordnete musste damit rechnen, sich in den nächsten Monaten zu dieser Frage verhalten zu müssen“. Spahn kündigte an, er selbst werde für die Öffnung der Ehe stimmen.

    Die Abstimmung soll voraussichtlich am Freitag stattfinden. Eine Mehrheit gilt als sicher, weil auch Linke und Grüne die Ehe für alle fordern. Die CDU/CSU-Fraktion erklärte die Entscheidung am Dienstag zur Gewissensfrage. Damit entfällt der sogenannte Fraktionszwang, der Abgeordnete an eine vorgegebene Linie binden soll.

    Der Rechtsausschuss des Bundestages berät an diesem Mittwoch über den seit langem vorliegenden Gesetzentwurf des Bundesrates zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Die Vorsitzende des Ausschusses, Renate Künast (Grüne), hat Vorwürfe aus der Union zurückgewiesen, über die Öffnung der Ehe für Homosexuelle werde in einem Hauruckverfahren entschieden. Das Thema sei „eigentlich steinalt“, sagte Künast am Mittwoch vor der Sitzung.

    Die Frage komme in dem Ausschuss bereits zum 31. Mal auf den Tisch und sei bislang immer wieder vertagt worden, betonte die Grünen-Politikerin. Auch in früheren Wahlperioden habe es immer wieder Anläufe gegeben. „Wer also sagen würde, dies ist ein Hauruckverfahren, muss irgendwie in den letzten 25 Jahren Beratungsgegenstände des Deutschen Bundestages verpasst haben.“

    In der Unionsfraktion geht man davon aus, dass die SPD die Beschlussempfehlung zusammen mit Linken und Grünen billigt. Ein solches rot-rot-grünes Votum wäre ein höchst ungewöhnlicher Vorgang zwischen den Regierungspartnern.

    Oppermann verteidigte den Vorstoß der SPD. „Wenn alle der Meinung sind, dass das eine Gewissenentscheidung ist, dann ist das auch kein Koalitionsbruch“, sagte der SPD-Fraktionschef im ZDF-„heute-journal“. „Für Frau Merkel war das eine wahltaktische Frage. Für uns ist die Ehe für alle aber eine Grundüberzeugung.“

    „Madame, geben Sie Gewissensfreiheit, und zwar jetzt“
    Angela Merkel (CDU)
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    Nachdem Grüne, Linke, FDP und SPD die Abstimmung über die Ehe für alle zur Wahlkampf-Forderung gemacht haben, lenkte nun auch Kanzlerin Angela Merkel ein. Bei einer Veranstaltung sprach sie plötzlich von einer „Gewissensentscheidung.“ Aber das reicht vielen nicht.

    (Foto: AP)
    Martin Schulz (SPD-Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender)
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    „Ich werde keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem die Ehe für alle nicht verankert ist.“

    (Foto: dpa)
    Sigmar Gabriel (Bundesaußenminister, SPD)
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    „Madame, geben Sie Gewissensfreiheit, und zwar jetzt.“

    (Foto: Reuters)
    Christian Lindner (Bundesvorsitzender der FDP)
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    „Die Ehe für alle Paare ist eine Selbstverständlichkeit in anderen europäischen Ländern und die sehr überwiegende Mehrheit der Deutschen in allen Umfragen sieht das genauso.“

    (Foto: Reuters)
    Katarina Barley (Bundesfamilienministerin, SPD)
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    „Wer Homosexuelle, schwarze Menschen oder Juden diskriminiert, greift die Grundwerte unserer Gesellschaft an. Unser Zusammenleben basiert auf Respekt“

    (Foto: Reuters)
    Kathrin Goering-Eckardt (Fraktionsvorsitzende Bündnis90/Die Grünen)
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    „Ob man der SPD sagen sollte, dass es bei der Ehe für alle um Zustimmung zum Gesetz geht und nicht darum es nur ins Programm zu schreiben?“

    (Foto: AP)
    Volker Beck (Bündnis 90/Die Grünen)
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    „Lassen Sie die Bevölkerung nicht länger warten und ersparen Sie uns allen einen erneuten Wahlkampf zu dem Thema“

    (Foto: dpa)

    Familienministerin Katarina Barley (SPD) vertrat in den „Ruhr Nachrichten“ (Mittwoch) die Ansicht, Merkel habe sich selbst ein Bein gestellt. „Frau Merkel hat gesagt, es handele sich um eine Gewissensentscheidung – aber erst in der nächsten Legislaturperiode. Eine Gewissensentscheidung lässt sich aber nicht zeitlich teilen“, sagte Barley demnach. „Es gibt keinen Grund zu warten.“

    Der parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Günter Krings (CDU), machte erneut verfassungsrechtliche Bedenken gegen die Öffnung der Ehe für Homosexuelle geltend. „Das Innen- und Justizministerium haben immer die Meinung vertreten, die Ehe für alle geht nicht ohne eine Verfassungsänderung“, sagte der CDU-Politiker der „Rheinischen Post“ (Mittwoch). „Es spricht daher einiges dafür, dass die vorgeschlagene Gesetzesänderung das Ehegrundrecht verletzt.“

    • dpa
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    Mehr zu: Koalitionskonflikt um Ehe für alle - „Wir haben die Nase voll“
    6 Kommentare zu "Koalitionskonflikt um Ehe für alle: „Wir haben die Nase voll“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Wenn Opperman eine Rede hält , hört die sich immer wie eine Urteilsbegründung an
      nur das es niemand im Bundestag gibt, der Berufung einlegen könnte. Der Richter kommt immer wieder bei Oppermann durch und ich würde gerne mal hören, wie
      zwei Frauen die später geschieden werden und Adoptivkinder haben , von ihm behandelt werden. Heute wird einer Mutter ja meist das Sorgerecht zugebilligt , wie
      wird das bei zwei Müttern sein ,die im Streit liegen? Werden beide das Sorgerecht im Streit bekommen und das Kind muss noch eine traumatische Erfahrung machen?

    • So ein Mist!!! Mal wieder blöd gelaufen für den Schulz. Merkel hat einfach seinen linken Stammtischparolen-Wählereinlull-Populismus mit frecher Zustimmung ins Leere laufen lassen. Grüne, Linke und SPD müssen sich was Neues ausdenken, um doch noch zusammen ins Bett zu kommen. Vielleicht die gleichberechtigte Ehe für Hunde und Katzen?

    • Die "Nase voll"-Kanzlerin zeigt Nerven!
      Ausgebrannt und abgewirtschaftet sie,
      clever und frisch Martin Schulz, der mit seiner smarten SPD wieder einen Punkt - und was für einen! -
      macht.
      Kein Wunder, dass nach Maßstäben der CSU diese Kanzlerkandidatin auf (Obergrenzen-)Abruf völlig ungeeignet und zudem sogar gefährlich ist!
      Und Jens Spahn rügt mal wieder! Ausgerechnet der! Wen rügt er denn diesmal? Wieder mal seine Kanzlerin?
      Es sind Wahlkampfzeiten:
      https://youtu.be/dOa-fcp74uU

    • Zitat:

      "...geht nicht ohne eine Verfassungsänderung“."

      Wir haben nur ein Grundgesetz und keine Verfassung! Und die Regeln des Grundgesetzes hält man ja ohnehin nicht mehr in allen Teilen für beachtlich. Wieso also eine Änderung?

    • Würden sich die Parteien mal um wirklich wichtigere Probleme des Landes und Europa, Euro etc. stellen, dann hätten sie vielleicht mal auch mehr Wähler!

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    • HB : "Der CDU-Rechtspolitiker Patrick Sensburg hielt der SPD einen „Koalitionsbruch aus Kalkül“ vor."
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