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Kölner Aleppo-Demonstrationen Wie ich lernte, Empörung zu zeigen

Wo ist der Aufstand gegen den Krieg in Syrien? Aleppo stirbt. Wir schauten lange zu. Endlich verwandelt sich Lethargie in Aktionismus. Mit drei Freunden habe ich eine Demo organisiert - und dabei viel gelernt.
Update: 17.12.2016 - 13:17 Uhr 3 Kommentare

„Wir denken an euch!“

Köln Endlich regt sich was. Es ist Mittwoch der 14. Dezember und während einige meiner Facebook-Freunde gerade noch bestürzt feststellen, dass Weihnachtsgeschenke und Nordmanntanne besorgt werden müssen, brennt mein Gesicht. Brennen meine Wangen. Der Tisch an dem ich sitze: ganz nass. Ich weine und lese geschockt die neuesten Schlagzeilen aus Aleppo. Die Lage könnte dramatischer nicht sein.

Die „Syrische Armee richtet Zivilisten hin“ (Zeit Online), die Uno berichtet über Massaker an Frauen und Kindern, unschuldige Menschen werden offenbar exekutiert. Ein UN-Sprecher sagt: „Es gibt einen kompletten Kollaps der Menschlichkeit in Aleppo.“ Wie ein kleines Kind weine ich und denke darüber nach, was ich tun soll. Ob ich mich schützen muss vor all den furchtbaren Nachrichten, die mich seit Wochen teilweise ungefiltert über Twitter und Facebook erreichen – das Internet macht's möglich. Krieg ist auch nicht mehr das, was er früher war. Er sitzt jetzt mit mir auf dem Sofa, wenn ich essen will, am Schreibtisch, wenn ich arbeiten will, er liegt neben mir, wenn ich schlafe und ploppt immer wieder grell auf mitten in der Nacht.

Über die Sozialen Netzwerke, die in diesen Tagen ihrem Namen leider kaum eine Ehre machen, strömen grausame Videobilder direkt in meine Seele, tief in mein Herz. „Anna, ich halte das nicht mehr aus!“, schreibe ich einer Freundin, die sich in den Niederlanden engagiert, die sich seit Wochen auf- und wund reibt, aber wenigstens etwas tut. Die laut ist und wütend. Auch meine Arbeitskollegin aus Wuppertal schreibt mir hilflos per Whatsapp: „Carina, ich weine. Es ist kaum zu ertragen.“ Was mich besonders fassungslos macht: Warum gehen Hunderttausende gegen das transatlantische Freihandelsabkommen auf die Straße, aber nicht gegen den Syrien-Krieg? Was ist das los? Und wo sind eigentlich die anderen Konsorten, die sonst immer so schnell für den Frieden auf die Barrikaden gehen?

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bis jetzt ein passiv politischer Mensch gewesen bin. Hier als Journalistin sitze ich im Unternehmensressort, um die Politik kümmern sich die Kollegen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht unpolitisch – ganz im Gegenteil. Aber oft eben auch einfach nur absolut ohnmächtig und erdrückt von all dem Leid, dass es da draußen auf der Welt gibt. Gerade, als ich mich wieder gefangen und aufgehört habe, dicke Tränen zu vergießen in meiner kleinen, sicheren Kölner Altbauwohnung, werde ich von einer Bekannten, die ich erst einmal im letzten Sommer live gesehen habe, in eine neue Facebook-Gruppe eingeladen. „Soli-Demo für Aleppo“. Wir sind zu viert. Zwei Frauen, zwei Männer aus Köln, die wie so viele Menschen gerade gar keine Antwort haben auf die Frage, wie sich das Grauen in Syrien beenden lässt, die aber eins vereint: Wut und Fassungslosigkeit. Steffi postet: „Wir organisieren für Freitagabend eine Demonstration in Köln gegen die Angriffe auf Aleppo“ und für mich ist es wie eine Erlösung. Endlich. Auch in anderen Städten regt sich Protest und werden Demonstrationen geplant.

Fest steht an diesem frühen Mittwoch erstmal nur so viel: Wir wollen und können nicht länger nichts tun, während Aleppo stirbt. Wir können nicht mehr weiter zuschauen, wie Schulen und Krankenhäuser zerbombt und Kriegsverbrechen begangen werden. Innerhalb von wenigen Stunden füllt sich die geschlossene Gruppe mit weiteren Menschen. Martin, Steffi, Daniel und ich fangen an, einen Schweigemarsch für die Menschen in Aleppo zu organisieren. Wie das geht? Keine Ahnung! Ich gebe bei Google ein: „Demonstration organisieren“. Jeder macht, was er kann. Die Polizei anschreiben. Lokale Politiker um Unterstützung bitten. Ein Event bei Facebook erstellen, zu dem wir die Menschen einladen können. Ein Hashtag für Twitter – #CologneForAleppo. Ein kurzer Text, der informiert, wer hier warum was macht und am Ende ist sogar Albert Einstein mit im Boot: „Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben – nicht wegen der Menschen die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.“

Knapp 24 Stunden später, am Donnerstagmittag, geht das erste Mailing an die Lokalpresse raus: „Sehr geehrte Damen und Herren, für Freitag haben wir aus privater Initiative heraus einen Schweigemarsch aus Solidarität mit den Menschen in Aleppo geplant. Die Demo ist von der Polizei mittlerweile genehmigt.“ In der Gruppe postet Daniel, dass uns jemand ein Profi-Megaphon zur Verfügung stellt und inzwischen ist auch die Übersetzung unseres Aufrufes auf arabisch da. Um 15:30 Uhr steht über unserem Event: „2.014 Personen sind interessiert · 871 Personen haben zugesagt.“ Steffi schreibt: „Krass. Dann rocken wir das jetzt.“

Freitag 19:30 Uhr auf der Domplatte: es geht los!

Demonstration gegen die Menschenrechtslage in Aleppo vor dem Kölner Dom. Im Bild auch Mitglieder der Light Brigade Cologne.Foto: Susanne Schacht, Agentur Momo: http://www.momokinderagentur.de
Proteste gegen Bürgerkrieg in Syrien

Demonstration gegen die Menschenrechtslage in Aleppo vor dem Kölner Dom. Im Bild auch Mitglieder der Light Brigade Cologne.

Foto: Susanne Schacht, Agentur Momo: http://www.momokinderagentur.de

Nur eine Stunde, bevor es los geht, lernen wir vier uns zum ersten Mal richtig live kennen. Wir gehen den Ablauf durch. Wir sind hochkonzentriert und haben gar keine Zeit dafür, Angst vor dem zu haben, was uns erwartet. Unsere einzige Sorge in diesem Moment: dass zu wenige Teilnehmer kommen.

Am Ende wird der Einsatzleiter der Kölner Polizei die Menschenmenge, die sich uns angeschlossen hat, auf bis zu 1.500 schätzen. Was an diesem Abend in Köln zustande gekommen ist, hat unsere Erwartungen völlig übertroffen - in mutigen Augenblicken hatten wir mit 500 Teilnehmern gerechnet. Sogar die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker ist zu uns gekommen, um ihre Solidarität zu zeigen.

Die vielleicht größte Herausforderung: das Schweigen. Schon bevor wir mit der Ansprache auf der Domplatte begonnen haben, okkupierte eine Gruppe mit Transparenten und lauten Sprechchören unsere Veranstaltung. Von den arabischen Rufen konnten wir nur das Wort „Aleppo“ und ab und zu „Putin“ verstehen und uns dämmerte, wie naiv wir auch in den letzten 48 Stunden an die Sache herangegangen sind. Was, wenn die Stimmung hier plötzlich kippt? Wenn das alles eskaliert? Immerhin haben wir auch zwei syrische Freunde dabei, die übersetzen können und uns permanent versichern, dass das alles gerade okay und der Tenor friedlich ist. Trotzdem gibt es auch einige Teilnehmer, die den Domvorplatz wieder verlassen und uns nachher enttäuscht schreiben, dass ihr Schweigen nicht zu hören war.

Aber kann man es Menschen, die gerade aus Aleppo vor Grauen und Kriegsverbrechen geflohen sind, verübeln, wenn ihre Emotionen überkochen? Dass sie laut werden, wo sich endlich jemand für ihre Freunde, für ihre Familie engagiert? Dass sie laut weinen, schreien, dass sie wütend sind?

Was uns allen klar geworden ist an diesem Tag: Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, sein Mitgefühl auszudrücken. Dass es, ob laut oder leise, erst einmal wichtig ist, überhaupt die eigene Komfortzone zu Hause auf dem Sofa zu verlassen, um gemeinsam eine kleine Wegstrecke mit vielen fremden Menschen zu gehen, die ein gemeinsames Anliegen verbindet. „Selbst wenn ich nicht jede der Forderungen und Parolen verstanden habe, war die gemeinsame Bewegung doch eine ganz besondere Erfahrung“, fasst es ein Teilnehmer zusammen.

Einziger Wermutstropfen ist die Tatsache, dass die Menschen am Ende unseres Marsches auf die andere Rheinseite nach Deutz nicht mehr unter einen Hut zu bringen waren. Geplant war zum Abschluss eine Ansprache von Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. Kermani war gerade mit seiner kleinen Tochter in der Stadt und hatte uns kurzfristig seine Unterstützung zugesagt. Doch als er dann bei uns stand und wir ihn mit dem Megaphon ankündigten, kam es zu Protesten von einigen wenigen aufgebrachten Teilnehmern der iranischen Opposition. Navid Kermanis Rede scheiterte an Menschen, die nicht zuhören wollten. Zu viele Menschen mit zu vielen Emotionen.

Friedlich und störungsfrei

Die Demonstration verlief insgesamt friedlich und störungsfrei. (Foto: Susanne Schacht, Agentur Momo: http://www.momokinderagentur.de)
Kerzen als Zeichen der Solidarität

Die Demonstration verlief insgesamt friedlich und störungsfrei.

(Foto: Susanne Schacht, Agentur Momo: http://www.momokinderagentur.de)

Gegen 22 Uhr beenden wir unsere Aktion, die weitgehend friedlich und störungsfrei verlaufen ist. Niemand, der sich geprügelt hat. Niemand, der von außen provoziert hat. Wir lösen die Klettverschlüsse unserer gelben Warnwesten und plötzlich ist das große Beben da. Die Knie: weich. Unsere Hände zittern. Jetzt fällt die Anspannung ab und wir fangen langsam an zu realisieren, was wir da zustande gebracht haben - sogar die Tagesschau hat über unsere Aktion berichtet.

Das Adrenalin schüttelt uns auch dann noch durch, als wir vier uns in einer ruhigen Ecke eines Kölner Brauhauses aufwärmen und die letzten Tage und Stunden nochmal Revue passieren lassen. Es grenzt an ein Wunder, dass wir das organisieren konnten, trotz Vollzeitjob. Dass alles gut gegangen ist. Dass wir dieses Zeichen setzen konnten. Dass wir gehört und gesehen wurden von so vielen Menschen.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ploppt ein neuer Gruppenchat auf meinem Smartphone auf: „Guten Morgen, Yve aus der Nähe von Düsseldorf will dort aktiv werden. Kann einer von euch ihr mit Infos und Know-how weiterhelfen? Das wäre super. Danke! Liebe Grüße, Anna.“

Die Chaosforschung sagt: Auch der Flügelschlag des Schmetterlings bewegt das Universum. Wo auch immer sich jetzt irgendwer für mehr Menschlichkeit und gegen die Kriegsverbrechen in Aleppo engagiert: Alles ist besser als Nichtstun. Bitte weitermachen!

Danke!

Unser besonderer Dank geht an Jabbar Abdullah, der 2013 seine Heimat Syrien verlassen hat und derzeit als Archäologe in Köln arbeitet. Als aktive Stimme der syrischen Gesellschaft hat er uns mit einem Redebeitrag unterstützt.

Ein großes Dankeschön gilt auch Susan Bagdach, Expertin für interkulturelle Gesundheit und Prävention für Mädchen und Frauen (u.a. Holla e.V.), die unsere Abschlusskundgebung in Deutz mit ihrer syrisch-kölschen Band HalebColonia bereichert hat.

Und wir danken Roua Abdeil All, einer jungen Frau, die wie Jabbar in Aleppo gewohnt hat, und alle unsere Texte und unsere Ansprache simultan auf Arabisch übersetzte.

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3 Kommentare zu "Kölner Aleppo-Demonstrationen: Wie ich lernte, Empörung zu zeigen"

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  • In Syrien ist Bürgerkrieg. D.h. die Bürger (Islamgläubige = Tötet Andersgläubige) ermorden sich gegenseitig und sind nicht gewillt mit den Nachbarn in Frieden zu leben. Diese Personen will Frau Merkel unbedingt in Deutschland haben!

  • (2/2)

    Schockierend sind für mich nicht nur die Bilder von verletzten und toten Kindern, die aus den Trümmern geborgen werden, derlei Bilder gab es dank westlicher Interventionen in den letzten 60 Jahren so viele, dass man sich schon fast daran gewöhnt hat. Mein Gesicht brennt vor allem, wenn ich sehe, wie reaktionär die durchschnittlichen potenziellen Wähler auf die erneute Meinungsmache reagieren und so erneute Interventionen, bei denen es in Wirklichkeit ausschließlich um Rohstoffe und Absatzmärkte geht, gesellschaftlich legitimieren.

    Denn was wird hier eigentlich gefordert? Ein Freund von mir hat mal gesagt, dass es heute kaum noch Menschen gibt, die etwas ändern wollen, dafür aber haufenweise, die demonstrieren, damit jemand etwas für sie ändert. Dass sich die Kriegsparteien von einem Lichterspiel und ein paar Plakaten beeindrucken lassen, aufhören zu kämpfen und beginnen miteinander zu reden, kann selbst die Autorin, die im gesamten Artikel lediglich die eigene Unbedarftheit zur Schau stellt, nicht ernsthaft glauben.

    Wo die anderen Konsorten sind, die sonst immer so schnell für den Frieden auf die Straße gehen? Die ziehen sich Artikel derselben Autorin wie "Das Superman-Shirt gegen Rückenschmerzen" oder "Traumfigur aus der Steckdose?" rein, solange bei amerikanischen und französischen Bombardements, wenn überhaupt, nur von "Kollateralschäden" die Rede ist.

  • (1/2)

    Seit 1953 der demokratisch gewählte Premierministier Mohammad Mossadegh durch amerikanische Initiative weggeputscht wurde, um sich die Rohstoffe im Iran zu sichern, folgte im Nahen und Mittleren Osten eine westliche Intervention nach der anderen. Es wurden Diktatoren unterstützt, islamistische Terrorgruppen finanziert und mehr als einmal selbst militärisch interveniert. Heute haben die meisten Länder in dieser Region einen Regimechange erfahren, der Lebensstandard ist deutlich gesunken und Millionen Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten, sind durch vorwiegend amerikanische Waffen ums Leben gekommen. Immer ging es dabei vordergründig um die "westlichen Werte", also Freiheit und Demokratie, schloss man sich diesem Kriegstreiben nicht an, galt man als "Putin-Versteher" und hatte die Gegenseite mal Oberwasser, verbreitete man schleunigst Meldungen über Atombomben und Kriegsverbrechen, die sich im Nachhinein als erstunken und erlogen herausstellten.

    Auch in Syrien wurde der Regimechange hauptsächlich von den USA finanzierten, ausgerüsteten und ausgebildeten Milizen, teilweise aber auch islamistischen Terrororganisationen initiiert, da sich Assad gegen eine Erdgaspipeline von Katar mit amerikanischer Beteiligung und für eine Pipeline aus dem Iran mit russischer Beteiligung entschied, und auch in diesen Tagen werden syrischen Soldaten die schlimmsten Kriegsverbrechen angedichtet. Allein, dass in diesem Artikel ernsthaft von einem "Bürgerkrieg" gesprochen wird, zeigt also nicht nur die mangelnde Kenntnis politischer und geostrategischer Zusammenhänge der Autorin auf, sondern ist auch eine Unverschämtheit gegenüber den Lesern und respektlos gegenüber den Opfern des "arabischen Frühlings".

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