Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kohlekraftwerk Wirtschaft sorgt sich um Zukunft der Kohlekraft

Das drohende Aus für das Kohlekraftwerk des Vattenfall-Konzerns in Hamburg-Moorburg zieht weite Kreise. Die Energiewirtschaft warnt davor, Kohle als Energieträger zu verteufeln. Auch die deutsche Industrie zeigt sich alarmiert – und warnt vor Versorgungsengpässen.
RWE-Chef Jürgen Großmann setzt auf neue Kraftwerke für das Land. Foto: Archiv Quelle: ap

RWE-Chef Jürgen Großmann setzt auf neue Kraftwerke für das Land. Foto: Archiv

(Foto: ap)

BERLIN. „Heute auf Kohle zu verzichten, schafft morgen Versorgungslücken“, sagte RWE-Chef Jürgen Großmann dem Handelsblatt. „Die Welt setzt auf Kohle, jedenfalls bei 70 Prozent aller derzeit im Bau befindlichen Kraftwerke“, sagte er.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) warnte vor hohen Risiken durch drohende Versorgungsengpässe. „Ohne Kernkraftwerke und neue klimafreundliche Kohlekraftwerke ist die Energieversorgung akut gefährdet“, sagte Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf dem Handelsblatt. Der BDI verlange von der Regierung ein zusammenhängendes Energiekonzept und „unverzüglich eine Aufklärungs- und Akzeptanzkampagne“ für neue Kraftwerke und ein modernes Stromnetz. Steigende Energiepreise gefährdeten „den Industriestandort Deutschland und damit Hunderttausende von Arbeitsplätzen“.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) lehnt zwar eine längere Nutzung der Kernenergie weiter ab, doch verteidigte auch er den Bau neuer Kohlekraftwerke. Deren Gegnern warf Gabriel im „Spiegel“ vor, die wirtschaftliche Zukunft aufs Spiel zu setzen. Zudem leisteten die Gegner neuer Kohlekraftwerke einer längeren Nutzung der Kernenergie geradezu Vorschub.

Großmann betonte, dass es gleich im mehrerer Hinsicht Vorteile bringe, alte durch neue Kohlekraftwerke zu ersetzen. Denn neben der Versorgungssicherheit würden damit auch Wettbewerb und Umweltschutz gestärkt. Bevölkerung und Politik sollten daher ihren Widerstand gegen Kohlekraftwerke aufgeben, mahnte er. Das Ziel einer CO2-Einsparung um 30 Prozent lasse sich „gerade mit modernen Kohlekraftwerken erreichen“.

Der RWE-Chef stützt damit die Position des Konkurrenten Vattenfall. Werde Moorburg wegen entsprechender Festlegungen von CDU und Grünen in Hamburg nicht gebaut, blieben ältere, wenig effiziente Kohlekraftwerke über Jahre am Netz, die eigentlich vom Kraftwerk Moorburg verdrängt werden sollten, sagte der Chef von Vattenfall Europe, Tuomo Hatakka.

Er kündigte an, mit allen Mitteln für den Kraftwerksbau zu kämpfen: „Wir sind überzeugt, dass wir eine starke Rechtsposition haben, und wir werden sie verteidigen.“ Eine Sprecherin der Hamburger Umweltbehörde sagte jedoch, es werde keine schnelle Genehmigung geben. Die Frist für einen Bescheid sei bis 10. Juni verlängert worden und könne gegebenenfalls weiter verlängert werden.

Ende 2007 hatte der Senat dem Energiekonzern erlaubt, vorzeitig mit dem Bau des Kraftwerks zu beginnen. Im dem Vertrag gingen beide Seiten von der Genehmigungsfähigkeit des Projekts aus. Das Unternehmen, das darauf mit den Bauarbeiten begann, verpflichtete sich aber, den ursprünglichen Zustand des Geländes wieder herzustellen, sollte es letztlich doch keine Genehmigung geben. Vattenfall will dort zwei Mrd. Euro investieren. Nach Angaben des Unternehmen sind bereits Komponenten im Wert von 1,3 Mrd. Euro verbindlich bestellt.

Das Kraftwerk ist die größte Hürde, die CDU und Grüne in Hamburg noch überwinden müssen, um die erste schwarz-grüne Koalition auf Länderebene bilden zu können. Die Grünen hatten im Wahlkampf Front gegen das Großprojekt gemacht. Die Wirtschaft bedrängt dagegen die CDU, in der Hansestadt für eine verlässliche und preiswerte Stromproduktion zu sorgen. Vattenfall-Chef Hatakka warnte, ein Scheitern des Projekts käme dem „Einstieg in den Ausstieg aus der Kohleverstromung über den Umweg der Landespolitik“ gleich.

Unterstützung erhält die Energiebranche aus der Wissenschaft. Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), warnt davor, die Gefahr von Engpässen zu unterschätzen. „Wir brauchen Ersatz für die Kernkraft und für alte Kohlekraftwerke. Es gibt eine ganze Reihe von Projekten, die wir heute anschieben müssen, damit sie bis 2020 fertig sind“, sagte sie dem Handelsblatt. Allein durch den Import von Strom ließen sich die Engpässe nicht überwinden, betonte Kempfert. Sie regte an, das Planungsrecht zu reformieren. Bestimmte Kraftwerksprojekte sollten durch bundesgesetzliche Regelungen priorisiert werden. Solche Pläne bestehen bereits für den Bau von Stromleitungen: Das Bundeswirtschaftsministerium erarbeitet derzeit ein Gesetz, das den Netzausbau beschleunigen soll.

Startseite
Serviceangebote