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Kommentar Deutschlands Bild in der Welt als tolerante Nation bröckelt

Die Debatte um Mesut Özil zeigt: Nur wenn wir Integration leben, behalten wir weltweit den Anschluss. Davon hängt nicht nur unser sportlicher Erfolg ab, sondern am Ende auch unser Wohlstand.
23.07.2018 - 16:06 Uhr 6 Kommentare

Hitzige Debatte nach Özils Rücktritt – „Das ist purer Rassismus“

Mit dem Rücktritt Mesut Özils ist „Die Mannschaft“ wieder ein Stück zur „Nationalmannschaft“ geworden. Genau so, wie es sich Politiker der AfD vor einigen Monaten gewünscht hatten. Sie haben nun bekommen, was sie wollten, ohne dafür weiter poltern zu müssen.

Nur zu leicht wäre es, einzig Özil seine mangelnde Fähigkeit zur Selbstreflexion anzulasten, seine Weigerung, ein dämliches und dämlich aufgebauschtes Foto als Politikum anzuerkennen – oder den fast schon kindlichen Trotz eines 29-jährigen Spitzenfußballers.

Es geht um viel mehr: darum, wie wir den schwierigen Begriff der Integration eigentlich mit Leben füllen wollen. In Deutschland, wo jeder dritte Bürger unter 20 Jahren einen Migrationshintergrund hat; wo auch außerhalb der Chefetagen vieler Dax-Konzerne längst Englisch, Chinesisch oder Arabisch gesprochen wird. In Deutschland, wo mehr als eine Million Flüchtlinge Schutz suchen, muss die Frage erlaubt sein: Können wir Integration? Und: Was entgeht uns, wenn wir daran scheitern?

Der Fall Özil und die Suche nach einem neuen Ballkünstler für das deutsche offensive Mittelfeld zeigen jedenfalls, ganz nüchtern betrachtet: Wo wir mit der Integration scheitern, fallen wir erst einmal zurück. Das gilt explizit nicht nur für den Fußball. Sondern auch im Kampf um Talente in der Wirtschaft. Bundestrainer Joachim Löw hat nun ein paar Jahre Zeit, einen neuen Passspieler zu finden. Der Rest des Landes hat es ungleich eiliger.

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    Es schadet nicht, noch einmal den Begriff an sich zu reflektieren. Integration bedeutet nämlich nicht, „die“ zu „wir“ zu machen. Sondern, wie „wir“ und „die“ gesittet, freundschaftlich und vor allem produktiv zusammenleben.

    Im Fall der deutschen Nationalmannschaft hat das aus sportlicher Sicht jahrelang gefruchtet. Podolski und Schweinsteiger, Hummels und Boateng, Özil und Kroos.

    Erst, als die DFB-Funktionäre Grindel und Bierhoff am Ende Özil zum Sündenbock für eine miserable Mannschaftsleistung beim WM-Turnier in Russland machten, zeigten sie damit, dass der Fußballer mit türkischem Namen nicht das lieferte, was eine angebliche Mehrheit von ihm erwartet hatte. Wir und die? Grindel und Bierhoff sind daran gescheitert, die beiden Wörter zu verbinden.

    Es sagt auch niemand, dass Integration bedeutet, sich in der Mitte zu treffen. Das Grundgesetz ist nicht verhandelbar. Aber auch nicht die Meinungsfreiheit, die darin verankert ist. Dazu gehört auch, die Meinung des Andersdenkenden zu ertragen; selbst wenn er einem Staatspräsidenten Respekt zollt, den in Deutschland inzwischen viele ablehnen.

    Özils leidenschaftliche Heimatbekundungen muss nicht jeder kopieren. Fakt ist aber, dass er so denkt, dass sein Gefühl ihm sagte, er tut aus Sicht seiner türkischen Identität das Richtige – selbst wenn es aus Sicht seiner deutschen Identität womöglich falsch gewesen wäre. So etwas fällt den Betroffenen oft sehr schwer. Integration bedeutet hier, zumindest zu versuchen, sich in dieses Spannungsfeld hineinversetzen zu können. Integration bedeutet Toleranz.

    Bundespräsident Steinmeier hat deshalb nach seinem Treffen mit Özil kurz nach Veröffentlichung des Erdogan-Fotos das richtige Taktgefühl bewiesen: „Heimat gibt es auch im Plural“, verkündete er. Viele Politiker, Meinungsmacher und Fußball-Fans hätten sich besser ein Beispiel am Bundespräsidenten genommen. Sie hätten eine Maxime daraus ableiten können. Die Maxime, dass ihre Haltung gegenüber einem ausländischen Staatspräsidenten nicht mit ihrer Haltung gegenüber einem perfekt integrierten Fußballer kollidieren muss. Sie sind daran gescheitert.

    Denn genau das ist geschehen: die Haltungen sind kollidiert. Die Abneigung vieler Menschen in Deutschland gegenüber Erdogan hat in dem Fall einzig Özil abbekommen. Kein Wunder, dass etwa Lothar Matthäus, der sich unlängst mit Russlands Staatschef Wladimir Putin medienwirksam ablichten ließ, keinen Sturm der Empörung erntete.

    Im Vergleich zu Erdogan ist Putin für die westliche Welt die weit größere Gefahr. Aber es ging nicht um die Geste, sondern den Adressaten und dessen Bild in der deutschen Gesellschaft. Hätte sich Özil mit Putin gezeigt – er hätte womöglich bloß die Randzeilen der Zeitungen gefüllt. Aber es war Erdogan. Niemand darf zulassen, dass ein Foto mit ihm den Rücktritt eines Nationalspielers auslöst.

    Unzählige deutsche Fußballtalente mit Migrationshintergrund werden sich nun genau anschauen, wie der DFB reagieren wird. Begeht der Verband weitere Fehler, richtet er langfristig einen größeren Schaden an als Özils Foto mit Erdogan.

    Aber wer glaubt, nur im Sport könnte Deutschland etwas entgehen, der irrt. Özils Abgang, brennende Flüchtlingsheime, ein Bundesinnenminister, der sich über die Abschiebung von Afghanen freut – Deutschlands Bild in der Welt als tolerante Nation bröckelt.

    Es muss zur wichtigsten Aufgabe der Politik gehören, gegen Intoleranz anzugehen. Nicht nur unser sportlicher Erfolg hängt davon ab. Sondern am Ende auch unser Wohlstand.

    Özils Rückritt löst harte Integrationsdebatte aus

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    6 Kommentare zu "Kommentar: Deutschlands Bild in der Welt als tolerante Nation bröckelt"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Herr Demircan, Deutschland als tolerante Nation ist eine Bezeichnung, die die Deutschen sich selbst gegeben haben. Daher kann es auch nur bröckeln, wenn die Deutschen es selbst Hinterfragen. Für die meisten deren Völker ist Deutschland nicht mehr oder weniger tolerant als andere Nationen. Daher gibt's auch nicht zu bröckeln. Übrigens; Deutschland ist das Land, das die meisten Länder, in die es seine Produkte exportiert nicht leiden kann. Mal schauen wie lange das noch so gut geht mit Don Trump am Ruder.

    • Der DFB hat sich zum Narren gemacht. Die beiden Nationalspieler hätten m. E. direkt und ohne Umschweife nach der Veröffentlichung des Bildes suspendiert gehört. Das hat der DFB nicht gemacht und das ganze also geduldet. Jetzt hinterherzukommen mit teils dümmlichen Kommentaren ist so richtig Vereinsmeierei.

    • im wdr5 haben sie es richtig zusammengefasst: "Wenn ein in Londoner gated comunities verkehrender Multimillionär meint, er müsse dem neuen Sultan 1 Trikot schenken, ist das so. Sein Problem oder Vergnügen, ganz nach Laune."
      Das der Herr in Ückendorf offenbar nicht integriert ist, dürfen die Gelsenkirchener erschreckt zur Kenntnis nehmen. Aber ich sage mal so: wer nicht völlig vertrottelt ist u nd zwischen Infrastrukturapokalypse und Libanesenclans aufwächst, der will nur eins: weg.

      Man kann sich als Konsequenz nur darüber wundern, das der titelgeile Karrierist nicht am Ende seiner U-Karriere in die Türkische Elf gewechselt ist. Erdogan fand er doch auch schon vor 10 Jahren geil. Bloß das es damals noch keinen Brexit gab. Da ist er aus heutiger Sicht natürlich verbittert.
      Ab nächstem Frühjahr muss er in London mit dem deutschen Pass genauso um ein Visum kämpfen, wie als Türke.

      Wahrscheinlich wird er also nächstes Jahr wieder auf dem KOntinent aufschlagen, zumal er schwer auf die 30 geht und damit im Herbst seines Sportlerlebens angekommen ist.
      Bloß das er die Chance, beiu der WM für sich als wertvollen Spieler Werbung zu machen ungenutzt verstreichen ließ.
      Diese Millionarios haben eben dutzende Berater und keine Freunde.

      Mein Fazit: 5% der Medienaufmerksamkeit wären o.K., wenn wir es nicht doch in Medien und Gesellschaft (wie auch andere Nationen!) mit hartem latenten Rassismus zu tun hätten.

    • Weder die DFB-Funktionäre Grindel noch Bierhoff haben Özil zum Sündenbock für eine miserable Mannschaftsleistung beim WM-Turnier in Russland erklärt, da alle wissen, dass immer 11 Mann eine Mannschaft sind. Man muß das dümmliche Geschwätz vom deutschen Eigentor entschieden zurück weisen.
      Was aber die Athmosphäre sehr stark belastet hat, ist das Özil und Gündogan vor der WM sich mit dem Despoten Erdogan zwecks Wahlkampfunterstützung der in Deutschland lebenden Türken zwecks Errichtung eines Sultanats Erdogan zusammen ablichten ließen.
      Warum spricht niemand mehr von Gündogan, weil der sich erklärte und die Meisten seine Erklärung akzeptierten. Das genaue Gegenteil bei M. Özil der beharrlich schwieg und sein Vorgehen jetzt auch nocht rechtfertigte. Wer Diktatoren in dieser Art und Weise unterstützt gehört nicht zu uns.
      Zuwanderer von denen wir nicht wissen welchem Staat und vor allem welches Rechtssystem sie als ihres verinnerlicht haben sind langfristig eine Gefahr für Deutschland und keine Bereicherung.
      Gibt hier dann Erdogan die Richtung vor oder die deutsche Bundesregierung???
      Dann wird der Besuch von Lothar Matthäus bei Putin erwähnt. Ich wußte nicht das Lothar Matthäus im DFB-Aufgebot für die WM stand, er ist Privatperson und kann tun und lassen was er will und was die meisten in Deutschland von Lothar Matthäus halten ist hinlänglich bekannt, also ein etwas abstruser Vergleich. Erdogan bezeichnet die Auslandstürken als seine Bastionen im Ausland. Für ihn geht es um Einflußnahme in den europäische Demokratien wie Deutschland, Niederlande usw., wer das verkennt unterwirft sich dem Depoten Erdogan und gibt ihm freie Hand.
      Warum gibt es mit den vielen Nationalitäten in Deutschland nur mit der Türkischen immer wieder Probleme?? Das liegt nicht an Deutschland, das liegt doch eher an den Türken die eine türkische Republik in Deutschland errichten möchten mit türkischem Recht und deutschen Sozialleistungen.
      Das Eigentor hat hier der HB Kommentator selbst geschossen.

    • Es war absehbar. Da kommt einer, der die Kritik an seinem Treffen mit einem Despoten offenbar nicht ansatzweise verstanden hat - oder verstehen will - mit der Rassismuskeule und schon duckt sich halb Deutschland in devoter Haltung und ruft "mea culpa".
      Wir in Deutschland haben Millionen von Menschen aufgenommen. Nach dem Krieg. Nach der Ostblocköffnung. Nach der EU-Freizügigkeit - oft zu gegenseitigem Nutzen, aber durchaus auch unter massivem Zurückstellen eigener Interessen. Den Deutschen vorzuwerfen, dass sie per se rassistisch oder an Integration nicht interessiert seien ist schlicht unverschämt.
      Wenn ein in Deutschland geborener Mensch, der den deutschen Pass wählt, in die deutsche Nationalmannschaft eingeladen wird - und dem (und seinen Eltern) Deutschland alle Chancen geboten hat - ein Problem damit hat, die deutsche Nationalhymne zu singen - dann haben wir ein Problem. Aber dieses Problem liegt nicht bei denen, die angeblich integrieren müssen - sondern bei denen, die sich nicht für Deutschland entscheiden können. Dass man sich in Deutschland integrieren kann und wenn man es wirklich möchte auch herzlich aufgenommen wird - beweisen Millionen von anderen integrierten Zuwanderern. Dass es insbesondere bei türkischstämmigen Personen die Ansicht gibt, dass man "seinen" Präsidenten in Ankara und nicht in Berlin sitzen hat - liegt dann weniger an denen, denen Deutschland am Herzen liegt sondern eher am mangenden Integrationswillen derjenigen, die sich als Opfer stilisieren.

    • Sehr geehrter Herr Demircan,

      was halten Sie davon, das ganze Thema viel viel tiefer zu hängen? Ich glaube, dass Alltagssorgen viele Menschen hautnah bedrücken. Aber kickende Millionäre, die sich gerne im Ferrari zeigen, sind für die meisten Bundesbürger weit entrückt. Und die da oben sind auch kein Symbol für eine politische Richtung oder das freundschaftliche Zusammenleben verschiedener Kulturen.

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