Komplexitätskrise Wie viel Staat brauchen wir wirklich?

Seit dem Beginn der großen Finanz- und Wirtschaftskrise diskutiert die ganze Welt über die neue Rolle des Staates. Wenn wir die Frage vorschnell und falsch beantworten, setzen wir unseren künftigen Wohlstand aufs Spiel. Die einfachsten Antworten sind gewöhnlich auch hier, wie so oft, die gefährlichsten. Mehr Regulierung hilft uns nicht wirklich weiter.
  • Bernd Ziesemer
20 Kommentare
Bernd Ziesemer, Handelsblatt-Chefredakteur Quelle: Pablo Castagnola

Bernd Ziesemer, Handelsblatt-Chefredakteur

(Foto: Pablo Castagnola)

DÜSSELDORF. Wie eine Erinnerung aus grauer Vorzeit erscheinen uns heute die politischen und ökonomischen Stichwörter der Ära Gerhard Schröder. Dabei sind gerade einmal gut sechs Jahre vergangen, seit der damalige Bundeskanzler seine "Agenda 2010" als Regierungserklärung im Deutschen Bundestag verkündete. Damals verschob sich die Achse der deutschen Politik in Richtung mehr Markt. Sozial- und Christdemokraten wetteiferten um ein höheres Reformtempo. Und die Medien orchestrierten unisono das Hohelied von Globalisierung, Flexibilisierung und weniger Staat.

An der Schwelle zum Jahr 2010, also zum Zieljahr der Schröder'schen Agenda, schlägt das Pendel nun in genau die andere Richtung zurück. Und wieder scheinen sich die politischen Lager genau wie damals seltsam einig zu sein über die politische Tagesordnung der nächsten Dekade. Es geht nur noch um die Details der Agenda 2020, nicht um ihre Grundsätze. Die Finanzkrise selbst, der große globale Gleichmacher, diktiert die neuen Stichwörter zur geistigen Situation unserer Zeit. Sie lauten: mehr Staat, mehr Regeln, mehr Aufsicht, mehr Kontrolle.

Im Nachhinein erscheinen uns die Schröder'schen Reformen fast wie der äußerste Wendepunkt eines globalen Pendelschlags, der mit Margaret Thatcher und Ronald Reagan begann und Deutschland (wie so oft bei geschichtlichen Entwicklungen) erst mit gehöriger Verspätung erreichte. Wollte man das Kampfvokabular der Linken benutzen, so könnte man sagen: Der Neoliberalismus setzte sich bei uns erst durch, als er weltweit bereits zu seinem Ende gekommen war.

Nun also die globale Gegenbewegung - paradoxerweise vorangetrieben in erster Linie durch Angelsachsen aller Couleur. Ausgerechnet aus den Mutterländern des modernen Kapitalismus ertönen heute die radikalsten Forderungen zur Bändigung der Finanzwirtschaft. Wer hätte sich je träumen lassen, dass sich ein amerikanischer Präsident über die "Bonzen an der Wall Street" erregt und ein britischer Premierminister eine konfiskatorische Strafsteuer auf die Boni in der Londoner City erhebt?

Niemand kann heute sagen, wo und wann der neue Pendelschlag seinen Scheitelpunkt findet. Wer in die deutsche Nachkriegsgeschichte zurückblickt, erinnert sich an mindestens drei vorangegangene Phasen etatistischer Versuchung. Unmittelbar nach der Stunde null verwandelten sich 1945 nahezu alle Deutschen in glühende Sozialisten, so dass selbst die Gründungsväter der CDU in ihrem Ahlener Programm für die Verstaatlichung von Grundstoffindustrien und Banken eintraten. Der zweite Schub etatistischer Ordnungsvorstellungen entwickelte sich Ende der sechziger Jahre, als Begriffe wie "Konjunktursteuerung" und "Investitionslenkung" merkwürdig modern und der Neoliberalismus Ludwig Erhards verdächtig altmodisch klangen. Nach der Wiedervereinigung 1990 schließlich erlag die politische Klasse mehr oder weniger geschlossen der Illusion, den Osten Deutschlands mit Staatsmilliarden in eine blühende Marktwirtschaft umwandeln zu können. An den Folgen knabbern wir bis heute.

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20 Kommentare zu "Komplexitätskrise: Wie viel Staat brauchen wir wirklich?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @bernhard

    ich schlage nach und teile ihnen die Quelle dann mit. Derzeit komme ich aus familiären Angelegenheiten nicht dazu. bitte ein paar Tage Geduld.

  • Liebe Kommentatoren, jeder beklagt, wie schlecht Deutschland und seine Eliten, Politiker und Führungskräfte mit den Arbeitnehmern und der Demokratie umgehen. ich möchte feststellen: Nach meiner Meinung gibt es keine bessere praktizierte Gesellschafts- und Wirtschaftsform, als die in Deutschland. Es bleibt aber eine immerwährende Aufgabe diese Formen zu verbessern und verständlicher zu machen. Dazu sind wir alle aufgerufen. Und keiner sollte meinen die unmittelbar folgenden Generationen werden bereits Gesellschaftsformen entwickelt haben, in der alle zufrieden sind. ist nicht evtl. der Mensch selbst das Problem!?!

  • Es ist nicht nur eine bankenkrise,sondern eine Krise
    aller westlichen Demokratien.Die Gier vieler der
    sogenannten Führungselite wird viele ins Verderben
    stürzen.Nun wird ja in den Demokratien gewählt,man hatuns gesagt,wir wählen alle Menschen unseres Vertrauens die für die Menschen die Politik gestalten.Kurz gesagt,es ist alles LÜGE ,jeder sollte sich darüber seine Gedanken machen.Wenn alle Volksvertreter seit Jahrzehnten so gehandelt hätten,nämlich für alle Menschen da zu sein,wäre diese katastrophale Lage nie entstanden.Die Gier hat auch dort Einzug gehalten.Wenn die Regierungen der oberste souverain des Staates sind,warum setzt man nicht Grenzen,damit solche Dinge und auch viele andere nicht passieren.Politik und Wirtschaft sind sich eing und gehen gemeinsam gegen das Volk vor.
    ich bin gegen dieses System,wir alle müssen wieder auf die Strasse gehen und rufen, WiR SiND DAS VOLK.
    Lasst uns alle für die Demokratie streiten und das was heute vorhanden ist muss abgeschafft werden,zum Wohle des Volkes.Wer fängt an?

  • @peter brown 1946
    ihrer These zu den realen Einkommenszuwachsen seit den 80ern in D im Vergleich zu unseren (europaeischen) Nachbarn interessiert mich sehr. Haben Sie Zahlen? in D. werden haeufig nur kurzfristige Vergleiche gezogen (zuletzt DiW). ich selbst habe die Entwicklung bis Daten 2003 anhand OECD bzw EUROSTAT etwas zurueckliegend verglichen, habe die Zahlen aber nicht mehr. War bei real etwas ueber 90% gegenueber dem Ausgangsjahr in D gelandet, in UK bei 120, Daenemark 125, Schweden, Norwegen 130 und Frankreich immerhin bei etwas ueber 100, wenn mich meine Erinnerung nicht taeuscht.

  • asiaexpert,

    Wachstum wird nicht durch Steuersenkungen geschaffen. Das ist doch einer DER glaubensideologischen Fehler der Neoliberalen. Schauen Sie sich die Steuerquote im internationalen Vergleich an.

    www.bundesfinanzministerium.de/nn_73086/DE/bMF__Startseite/Aktuelles/Monatsbericht__des__bMF/2009/02/statistiken-und-dokumentationen/finanzwirtschaftliche-entwicklung/tabellen/Tabelle__S16.html

    Da liegt Deutschland sehr gut! Nur knapp über den USA, unterhalb Kanadas, ... gut 15% unterhalb Norwegens oder Schwedens und runde 10% unterhalb Großbritanniens! Wie lange will sich das deutsche Volk noch auf den Arm nehmen lassen von einer mittelmäßigen glaubenshörigen Elite? Der Chefredakteur gehört leider dazu. Sie können kein Wachstum erzeugen, wenn die Lohnquote in Deutschland seit dem beginn der Deregulierung und Privatisierung im Jahre 1982 rückläufig ist. Die deutschen Arbeitnehmer haben, wenn ich mich recht erinnere, seit 2000 reale Einkommens"zuwächse" von -0,9%. Soll ich ihnen die Einkommenszuwächse in Schweden, Norwegen und anderen Ländern nennen? Da vergeht ihnen Weihnachten! Aber so viel sei gesagt, es ist eine zweistellige Zahl und keine niedrige zweistellige.

    Wachstum schaffen sie, wenn ein Unternehmen erwartet, dass seine Produkte auch verkauft werden. Und damit hat die Exportindustrie aber keine Probleme! Die brummt in Deutschland seit Jahren! Es heißt nicht umsonst, dass die Deutschen Exportweltmeister sind. Aber wieso wird geklagt, dass die die Lohnnebenkosten so hoch seien? Wie ich schon im ersten Posting schrieb, wir lachen uns über die deutsche neoliberale Glaubenshörigkeit kaputt! Deutschland wird kaputt gewirtschaftet von einer kleinen Elite, d.h. Spitzenpolitiker in allen Parteien, den Managern der Exportindustrie, den Chefredakteuren und vielen Redakteuren der Publizistik und einer handvoll Professoren, z.b. Raffelhüschen und H.W. Sinn. ich könnte hier noch auf vieles mehr eingehen.

  • bankenkrise=betrugskrise. Der Staat sollte diejenigen, die das Geld der bürger nehmen um damit Geschäfte zu machen, bei denen das Geld grundsätzlich bei den bänkern=betrügern landet bestrafen und ins Gefängnis stecken. Aus Geld kann nicht von sich aus Wohlstand geschaffen werden. Das scheinen einige Superschlauprofessoren nicht begreifen zu wollen. Geld, was der banker an sich reißt, wird dem anständig schaffenden frech und mit dummen Sprüchen genommen. Ob das über Derivate oder sonstige instrumente erfolgt, spielt keine Rolle.
    Und zusätzlich wird der bürger über Gelddrucken enteignet, was ein typisches Merkmal kommunistischer Machtausübung ist.

  • Naja, Karl Marx wird natürlich so geschrieben, irgendwie war ich wohl doch auf die gute alte Mark gekommen, lach...

  • Wir alle hatten gesehen was mit Holzmann passiert war. Wir werden sehen, was mit Opel und den banken passiert. Wofür bekommt ein Staat Steuergelder? Um es dort weiter zu verbrennen, wo es vorher gebrannt hat? Oder sollte ein Staat sich um staatshoheitliche Aufgaben kümmern? Wie die Sicherheit und die Grundversorgung der bevölkerung? Die freie Marktwirtschaft regelt sich selbst. Und der Preis kommt durch das Spiel des Angebotes und der Nachfrage zu stande und nie durch reines Wunschdenken. Sicherlich kann der Staat indirekt durch Steuersenkungen einen künstlichen Wachstum erzeugen. Doch wenn der Markt gesättigt ist, ist er gesättigt. ich esse doch keine 10 Hamburger, wenn es mir nach dem 4. schon kotz übel ist. Mag sein das man kompliziert um den heissen brei rumreden muss, weil er so heiss nicht verzehrt werden kann. Die Zutaten sollte man als Koch kennen.
    Wenn dieses Theater so weiter geht, werden eher die börsen abgeschafft, als Karl Marks das Geld abschaffen zu glaubte. Das Geld ist ein Tauschinstrument, welches erlaubt einfacher Waren, welche man tasächlich braucht, zu erwerben. Ohne diesen Papierschein läuft in der heutigen Zeit gar nichts. Und dieser Papierschein bestimmt über Angebot und Nachfrage. Die Papierscheine an der börse bestimmen wiederum was ein Unternehmen wert sein sollte. Anhand von "manipulierten" Dividenden und buchführungen kann man den Wert beträchtlich beinflussen. Und da liegt das Problem der sogenannten freien Marktwirtschaft. Und eben auch manchmal an der Psychologie. Und letzten Endes wird diese den weiteren Weg bestimmen. Dieses könnte auch eine Planwirtschaft sein. Denn die Rohstoffe und das Klima gäben dafür sinnvolle Anhaltspunkte, als eine Abwrackprämie und jede Menge produzierter Müll, den kein Mensch zu Zeiten wie in diesen "braucht". Vielleicht wäre so viel Müll nicht produziert wurden, wenn die börse es vorher gesehen hätte! Denn dann wäre der Geldhahn zugedreht wurden. Aber wir haben ihn gerade erst volle Pulle aufgerissen! Dank der Zentralbanken! Alles beruht auf Zahlen. Die Planwirtschaft im Sozialismus scheiterte an der Freiheit. Die "freie" Marktwirtschaft scheitert an der Freiheit genauso.
    Der Mensch steht sich oft selbst im Wege und damit der neue Aufschwung. Wenn Columbus so ängstlich gewesen wäre, wäre die Erde immer noch eine Scheibe.

  • Liebe banker, liebe Ökonomen,

    als informatiker arbeite ich schon lange mit komplexen Systemen. Deshalb: Herzlich willkommen in der komplexen Realität. Wie Firma Microsoft mit Komplexität umgeht ist bekannt: Nachden Windows Vista als die Lösung aller Probleme angeboten wurde, wird heute Windows 7 als Lösung angeboten. Deshalb ist Microsoft ein schlechtes beispiel. Ein gutes beispiel ist AbS (Anti blockier System) und die technische infrastruktur des internets. in beiden Fällen hat man zuerst sich viele Gedanken gemacht über den Worst-Case. Man wollte "anything that can go wrong will go wrong" verhindern. Der TÜV hat beim AbS als Kritiker geholfen die Produktqualität zu verbessern und beim internet hat der iETF, auch ein ingenieruverein, ebenfalls die Qualität hochgehalten.
    Wo ist die Kompetenz der Kritiker/Kontrolleure im bankenwesen? Der Kontrolleur muß die Materie besser verstehen als der Täter (oder wie man Finanzjongleure sonst nennen will). Und wenn es keinen fundierten Kritiker/Kontrolleur gibt dann ist die Sache Teufelszeug weil keiner den worst-case VORHER genau abschätzen kann und gehört deshalb für unser aller Seelenfrieden VERbOTEN - bis eine echte Risikobewertung möglich wird einen Wirtschaftsnobelpreis später.

  • ich finde dieser Satz:
    "So viel wie nötig und so wenig wie möglich." von yahel genau richtig.

    Vor allem darf der Staat nicht das regeln, worüber der keine Verständnis nachweisen kann.
    Das ist aber unser bitter Alltag!

    Man muss im Klaren sein, dass es die gleiche Leute sind, die von der Seite des Staates etwas verändern wollen die auch zu diese Probleme geführt haben.

    Der Staat soll eher ein Diener werden aber nicht ein Führer!

    Und schon aus dem Grund darf der Staat das Steuergeld nur für das einsetzen wofür das von dem Volk gefordet wird.
    Jeder weitere Gebrauch soll mit dem Eigentümmer - (dem Volk) abgestimmt werden! Sonst gilt das Geld als geklaut!

    1. ich zahle aus meine Tasche keine Kriege egal welche begründung dafür ausgedacht wird.

    2. ich zahle an die banken, die überspekuliert haben, auch keinen Cent.

    3. ich siehe in ÖR Rundfunk keine Grundversorgung!
    Eine Versorgung mit reine Propaganda brauche ich definitiv nicht! ich will Freiheit! Jeder bezahlt die information die er braucht.

    (Komischerweise gibt es keine Grundversorgung mit brot, Milch und Dach in Deutschland. Dafür werde ich eher ausgeben.)

    Aber wenn die Politiker das alles brauchen dürfen die es aus eigene Tasche zahlen! Habe nichts dagegen.

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