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Konjunktur Hohe Lohnstückkosten: Industrie fordert Kostenbremse von der Politik

Abschwung und Strukturwandel belasten die Unternehmen. Weiter steigende Arbeitskosten seien deshalb nicht zu verkraften, warnen die Arbeitgeber.
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In der Metallindustrie steht schon 2020 die nächste Tarifrunde an. Quelle: imago/photothek
Ein Arbeiter schleift Metall

In der Metallindustrie steht schon 2020 die nächste Tarifrunde an.

(Foto: imago/photothek)

Berlin Es fällt leicht, Donald Trump und Boris Johnson die Schuld in die Schuhe zu schieben. Der vom US-Präsidenten angezettelte Handelskrieg und die vom britischen Premier befeuerte Brexit-Unsicherheit belasten die exportorientierte deutsche Industrie. So sanken die Ausfuhren der Maschinenbauer im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,9 Prozent auf 89,2 Milliarden Euro, wie der Branchenverband VDMA mitteilte.

Doch nicht nur die Weltkonjunktur, sondern auch hausgemachte Probleme tragen dazu bei, dass die Industrie Deutschland in die Rezession zu treiben droht. „Wenn jetzt der Diesel verteufelt wird, dann geraten die Autohersteller noch stärker unter Druck“, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Und wenn es denen schlecht geht, leiden irgendwann auch die Maschinenbauer und die Zulieferer.“

Megatrends wie die Digitalisierung und die E-Mobilität führten nicht nur in der Autobranche, sondern auch in der Chemieindustrie zu massiven strukturellen Veränderungen, sagt Klaus-Peter Stiller, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands BAVC. „Die Unternehmen benötigen viel Geld für Investitionen, die Standorte und Arbeitsplätze zukunftsfähig machen.“

Die Arbeitskosten dürften auch deshalb nicht so stark steigen wie in den Jahren zuvor, fordert Stiller: „Kostendisziplin ist das Gebot der Stunde.“ In der Chemiebranche steht im Herbst die nächste Tarifrunde an, die Metall- und Elektroindustrie folgt im kommenden Jahr. Eine Arbeitsstunde im verarbeitenden Gewerbe kostete im vergangenen Jahr 41 Euro je Arbeitnehmer. Im 42-Länder-Vergleich des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) rangierte Deutschland damit auf Platz fünf.

Gegenüber dem Durchschnitt der Industrieländer liegen die Arbeitskosten hierzulande um fast ein Drittel höher. Seit der Jahrtausendwende sind sie jedes Jahr um 2,1 Prozent gestiegen. DIW-Experte Brenke sieht aber keinen Grund für Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften. „Die Lohnerhöhungen sind ja durchaus im Rahmen des Verteilungsspielraums geblieben. Wir haben keine Entwicklung, dass sie der Produktivität enteilen.“

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Allerdings schafft Deutschland es auch nicht, den Kostennachteil gegenüber Wettbewerbern aus dem Ausland durch eine höhere Produktivität wettzumachen. „Bei den Arbeitskosten haben wir in den zurückliegenden zehn Jahren unsere Position international nicht verbessert“, sagt der Chefvolkswirt des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Michael Stahl. Bis zur Finanzkrise hätten die Firmen steigende Arbeitskosten ein Stück weit durch höhere Produktivität abfedern können. Doch das gelinge wegen der akuten Produktivitätsschwäche seither immer weniger.

So rangierte die deutsche Industrie bei den Lohnstückkosten, die die Arbeitskosten ins Verhältnis zur Produktivität setzen, laut IW 2017 auf Rang acht von 28 Industrieländern. Japan produzierte 14 Prozent billiger, die USA sogar 20 Prozent. In der Metall- und Elektroindustrie sind die Lohnstückkosten nur in Großbritannien, Italien, Frankreich und Japan höher als hierzulande.

Wie sich die Kostenbelastung der Industrie aufteilt, hat IW-Experte Christoph Schröder errechnet. So kostet ein Arbeitsplatz in der chemischen und pharmazeutischen Industrie heute im Schnitt gut 89.000 Euro im Jahr. Das Entgelt für geleistete Arbeitszeit macht dabei nur knapp 46.500 Euro aus. Aber auf jeden gezahlten Euro kommen weitere 71 Cent für gesetzliche, tarifliche oder betriebliche Zusatzkosten obendrauf.

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Verbände mit gemeinsamer Forderung

In der Metall- und Elektroindustrie machen gesetzlich bedingte Kosten – neben der Vergütung von Urlaubs-, Feier- und Krankheitstagen vor allem Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung – ein Viertel der gesamten Personalkosten aus. Entsprechend hat es auch der Gesetzgeber mit in der Hand, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie nicht weiter zu verschlechtern.

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Im Frühjahr hatten sich die Spitzenverbände BDI, BDA, DIHK und ZDH in einer gemeinsamen Erklärung dafür starkgemacht, die lohnbezogene Belastung durch Sozialversicherungsbeiträge auf unter 40 Prozent zu begrenzen und dies auch im Grundgesetz festzuschreiben. „Viele Unternehmen werden schon durch die hohen Energiekosten belastet“, sagt Gesamtmetall-Chefvolkswirt Stahl. „Da darf uns der Staat nicht auch noch mit höheren Sozialkosten in den Rücken fallen.“

Die Unternehmen sehen mit Sorge, dass die Große Koalition mehr auf Umverteilung setzt als auf eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. In einer aktuellen IW-Umfrage zu den größten Risiken für die Wirtschaft nannte jedes dritte Unternehmen höhere Arbeitskosten durch die Verteilungspolitik der Regierung als „hohes Risiko“.

Größere Sorge bereitet den Befragten nur der anhaltende Fachkräftemangel – der ebenfalls den Preis der Arbeit treibt – und die Abschwächung der Inlandsnachfrage. Trump, Johnson & Co. rangieren viel weiter unten. Die Beeinträchtigung der eigenen Exporte durch Protektionismus oder von Handel und Produktion durch einen No-Deal-Brexit sehen jeweils „nur“ 17 Prozent der Unternehmen als hohes Risiko an.

Mehr: Zwei Studien, ein Ergebnis: Die Bundesregierung muss ihr Reformtempo erhöhen, um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Gerade bei der Digitalisierung gibt es Nachholbedarf.

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