Konzert in Sachsen Über 65.000 bei #wirsindmehr in Chemnitz – Musiker stellen sich gegen Rechtsextremismus

In Chemnitz setzten Künstler wie Casper und die Toten Hosen mit einem Konzert ein Zeichen gegen Rechtsradikale – im Netz wurde das auch kontrovers diskutiert.
Update: 04.09.2018 - 00:19 Uhr Kommentieren
Die Punk-Band nimmt am Konzert gegen Rechtsextremismus in Chemnitz teil. Quelle: Reuters
Feine Sahne Fischfilet

Die Punk-Band nimmt am Konzert gegen Rechtsextremismus in Chemnitz teil.

(Foto: Reuters)

Chemnitz„Nazis raus!“ Von Tausenden Menschen schallte der Ruf am frühen Montagabend durch die Chemnitzer Innenstadt. Unter dem Motto „#wirsindmehr“ setzten prominente Künstler ab 17 Uhr in Chemnitz ein Zeichen gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt. Neben der Band Feine Sahne Fischfilet, den Toten Hosen und der Indie-Band Kraftklub stiegen auch Rapper wie K.I.Z., Casper und Marteria auf die Bühne auf dem Parkplatz an der Johanniskirche.

Die Veranstalter verlangten keinen Eintritt, es wurden mehrere Zehntausend Zuschauer in der Stadt erwartet. Erste Bilder ließen auf ein Publikum in dieser Größenordnung schließen, später spricht die Stadt von 65.000 Menschen. Laut der Polizei blieb es friedlich.

Geldmittel wurden trotzdem gesammelt: Die Veranstalter baten von der Bühne aus um Spenden, die nach eigenen Angaben zur Hälfte an die Familie des vor rund einer Woche getöteten Daniel H. und zur anderen Hälfte an antifaschistische und antirassistische Initiativen in Sachsen gehen sollen.

Nach dem gewaltsamen Tod des Chemnitzers vergangene Woche kommt die Stadt nicht zur Ruhe. Der 35-Jährige war bei einer Messerattacke am Rande eines Stadtfests ums Leben gekommen. Als Tatverdächtige sitzen ein Iraker und ein Syrer in Untersuchungshaft. Dem Konzert am Montag ging eine Schweigeminute für Daniel H. voraus.

Seit Tagen gibt es Demonstrationen, die die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung für den Mord verantwortlich machen. Dabei kam es zu Übergriffen gegen Menschen mit Migrationshintergrund, Aktivisten und Journalisten. Gleichzeitig gingen Tausende Menschen in der Stadt auf die Straße, um gegen Ausländerfeindlichkeit zu protestieren.

Die Aktion „#wirsindmehr“ solle nicht dazu dienen, irgendein Festival oder eine Party zu feiern. „All den Menschen, die von Neonazis angegriffen wurden und die für Werte wie Toleranz, Respekt und Menschlichkeit einstehen, wollen wir zeigen, dass sie nicht allein sind“, schreibt der Veranstalter auf Facebook.

Auf der Bühne wurde im Grußwort auch die Frage gestellt, ob dem Protest mit dem Konzert Genüge getan sein kann. Das Aktionsbündnis „Chemnitz Nazifrei“ verwies im Eingangsstatement auf den organisierten Charakter der rechtsextremen Proteste. Zudem wurde eine verharmlosende Politik der Landes- und Bundesregierung hart kritisiert.

„Wir wissen, dass wir mit einem Konzert nicht die Welt verändern“, erklärte die Band Kraftklub aus Chemnitz. „Aber wir haben vor zwei Wochen schon hier gelebt und werden es auch noch, wenn die Kameras wieder weg sind – manchmal ist es einfach nur wichtig zu wissen, dass man nicht allein ist.“

Rapper Trettmann stellte während des Auftaktkonzerts klar, dass ihn der Vorwurf, man würde „auf einem Grab tanzen“, genauso „ankotzt“ wie die Instrumentalisierung der Tat für rechtsradikale Interessen. Musiker wie Casper und Marteria riefen in den sozialen Medien dazu auf, gegen rechte Hetze aufzustehen.

Auch die Gruppe Feine Sahne Fischfilet äußerte sich bereits vor der Veranstaltung auf Facebook zum Thema. Es reiche nicht aus, zum Konzert zu fahren und „ein nettes Selbstbestätigungsfoto auf Instagram, Facebook, wo auch immer zu posten und zu sagen #wirsindmehr“.

Stattdessen gehe es darum, zu verstehen, dass die Mitte der Gesellschaft kein Problem mehr mit rechtsradikalen Positionen hat. Die sächsische Politik habe versagt und antifaschistisches Engagement seit Jahren kriminalisiert.

Die Rückmeldungen sind zahlreich, mehr als 13.000 Menschen reagierten bislang auf den Beitrag der Gruppe auf Facebook, etwa 3600 Menschen teilten ihn. Während ihres Auftritts hieß es unter anderem, dass es darum ginge, „Nazis zu zeigen, dass ihnen nicht die Straße gehört“.

Unmittelbar vor dem Konzert wussten die beteiligten Musiker von massiven Anfeindungen zu berichten. Auf den Facebook-Seiten gebe es „immense Shitstorms“, sagte Tote-Hosen-Sänger Campino. „Man muss schon ein dickes Fell haben, um zu sagen: Ich gehe trotzdem nach vorne“, so der Düsseldorfer. Er freue sich, dass seine Band „kurz vor der Rente“ für das Open-Air-Konzert gegen Rassismus und rechte Hetze angefragt worden sei.

Der Rapper Marteria (35) sagte, er fühle sich durch die Vorkommnisse in Chemnitz an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen erinnert. Er habe damals 1992 in Rostock gewohnt, und es sei ein unfassbar schlimmer Moment für ihn gewesen. Genau wie damals in Rostock habe sich jetzt in Chemnitz etwas aufgebauscht. Er solidarisiere sich mit den Menschen, die sich dagegenstellen.

Er selbst habe jahrelang damit zu kämpfen gehabt, dass Rostock als „Nazi-Stadt“ abgestempelt gewesen sei. „Wir haben ganz, ganz lange in Rostock dafür gekämpft, dass sich das Bild ändert.“ Deswegen habe er auch für das „#wirsindmehr“-Konzert in Chemnitz zugesagt. „Mir geht es darum, dass die Leute, die aus Sachsen, aus Chemnitz sind, auch sagen können: ,Hey, ich bin aus Chemnitz’, ohne dass gesagt wird: ,Ah, musst du also ein Nazi sein.’“

Journalist Felix Huesmann, der in den vergangenen Tagen immer wieder live aus Chemnitz berichtet hatte und die Ausschreitungen dokumentierte, schrieb, dass immer mehr Menschen zum Veranstaltungsort strömten.

Im Livestream zwischen den Konzerten kamen unter anderem Chemnitzer Bürger zu Wort, die von Verfolgungen und Schikanen durch Rechtsextreme rund um deren Kundgebungen berichteten. Eine Kernaussage des Moderationsteams: Es gehe um Solidarität und Menschlichkeit – zum Konzert würde sich die tatsächliche Mitte der Gesellschaft versammeln. Auch die öffentliche Präsenz und Symbolik von rechtspopulistischen Parteien und Bündnissen wurden thematisiert.

In der Diskussion der Veranstaltung auf Facebook fragten Nutzer derweil nach Mitfahrgelegenheiten von und nach Städten in ganz Deutschland oder wollen sich ein Bahnticket teilen. Ein Problem: Nach Polizeiangaben sind aus Leipzig etwa 5.000 Menschen mit der Bahn angereist. Nach Abschluss der Veranstaltung standen aber nur maximal 3.000 Plätze für den Weg zurück zur Verfügung.

Die Stadt ist ausschließlich an das regionale Verkehrsnetz angebunden. Inzwischen ist der Öffentliche Personennahverkehr komplett eingestellt worden – die Polizei warnte vor einem Rückreisechaos. Doch laut der „Bild“ blieb das Chaos aus. „Ich weiß nicht, wie sie's geschafft haben“, zitiert das Blatt eine Bahnsprecherin. „Es sind alle weggekommen.“

Chemnitzer boten in der frisch gegründeten Gruppe „Wir sind mehr – Übernachtungsbörse“ mit mehr als 1700 Mitgliedern sogar Schlafplätze auf ihrer Couch oder einer Luftmatratze an. Der Flixbus-Gründer Daniel Krauss verteilte auf Twitter sogar Freifahrtgutscheine an Reisende, die sich bei ihm per Direktnachricht meldeten. Einige Arbeitgeber stellten ihre Angestellten frei, um ein Zeichen für Demokratie zu setzen.

Der Student Lorenz Bücheler aus Nordhessen machte sich ebenfalls mit drei Freunden auf den Weg nach Sachsen. „Wir wollen ein Zeichen setzen gegen den stärker werdenden Rechtsruck in unserer Gesellschaft, der sich meiner Wahrnehmung nach überall in Deutschland vollzieht, sich aber in Chemnitz von seiner hässlichsten Seite zeigt“, sagte er.

Vorgänge wie in Chemnitz dürften nicht zum Alltag werden. Es reiche nicht mehr aus, nur dagegen zu sein – man müsse das bei Aktionen wie dem Konzert auch zeigen. Dass die verschiedenen Bands in der Stadt auftreten, hält er für ein richtiges Signal. So könne ein anderes Bild in den Medien erscheinen.

Eigentlich wollte auch die Bloggerin Lina Mallon aus Hamburg sich am Montag auf den Weg nach Chemnitz machen, wie sie auf der Social-Media-Plattform Instagram ankündigte. Doch die Arbeit habe ihr nun doch einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Ich habe meine Freundinnen mit meinem Auto losgeschickt, damit sie sicher hin- und zurückkommen“, sagt sie.

Normalerweise schreibt Mallon, der mehr als 52.000 Menschen auf Instagram folgen, eher über ihre Reisen, das Leben mit ihrem Dackel Karsten und Dating. „Wäre Chemnitz nicht in Chemnitz, sondern in einer Stadt wie Rom oder Barcelona passiert, würden jetzt ganz viele Blogger wieder die Kathedrale in Aquarell in ihren Feed einbetten und ein paar rührselige Worte über Menschlichkeit und Miteinander loswerden, die eher sie selbst schmücken, als der Situation zu dienen“, schrieb sie. Politisch aktiv zu sein sei mehr als ein temporäres Profilbild.

Mit ihrer Kritik ist die Bloggerin im Netz nicht allein. Auf Facebook wurde der Beitrag eines Jugendarbeiters am Wochenende oft geteilt. „Hört mir auf mit diesem #wirsindmehr-Mist! Wir sind nicht mehr, wir sind die Minderheit in Sachsen!“, beschwerte er sich. Zwar werde er die Veranstaltung ebenfalls besuchen und unterstütze diese ausdrücklich, aber es brauche Kontinuität und nicht nur spontane Reaktionen.

Zudem prangerte er an, von Politikern als linksextrem abgestempelt zu werden. Engagierte gegen rechts würden vom Verfassungsschutz beobachtet werden und müssten sich regelmäßig rechtfertigen. Die Verfassungsschützer in Mecklenburg-Vorpommern hatten die Band Feine Sahne Fischfilet zwischenzeitlich vor einigen Jahren aufgrund von „linksextremistischen Bestrebungen“ im Blick. Daran erinnerten AfD-Vertreter am Wochenende. Das Satiremagazin Extra 3 schlug dazu sarkastisch auf Twitter vor, die Band solle ein wenig mit Pegida spazieren gehen.

Für Kritik sorgte zudem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der die Veranstaltung auf seiner Facebook-Seite teilte. „Bei Ihnen bekommt Neutralität eine völlig neue Bedeutung“, kommentiert eine Nutzerin den Beitrag. Auch die Fraktionsvorsitzende der AfD, Alice Weidel, äußerte sich auf Twitter kritisch zu dem Post.

Steinmeier verlasse so abermals den neutralen Boden, auf dem ein Bundespräsident stehen müsste. Ähnlich sieht das die CDU-Spitze. Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte der „Welt“ dazu am Montag, sie kenne Amtsvorgänger, die die Veranstaltung nicht so unkritisch unterstützt hätten. Sie kritisierte zudem die Texte der auftretenden Gruppen.

Eigentlich wollte die rechte Bürgerbewegung Pro Chemnitz erneut zu einer Kundgebung während des Konzerts aufrufen. Diese hat die Stadt aber nach Informationen des MDR unterbunden. Stadtrat Martin Kohlmann von Pro Chemnitz forderte dennoch auf Facebook dazu auf, an der „musikalischen Propaganda-Veranstaltung“ kritisch teilzunehmen. Die Bürgerbewegung teilte zudem, wie einige Nutzer auf Twitter ebenfalls, ein Bild mit kritischen Zeilen aus Songtexten der beteiligten Bands.

Wer es nicht rechtzeitig nach Chemnitz schaffte, kann trotzdem seine Meinung mit einem bunt bemalten Plakat im Fenster kundtun – und ist damit Teil einer „Fensterdemo“. Die Veranstalter rufen via Facebook dazu auf, Botschaften gegen Fremdenhass und für Toleranz in der eigenen Nachbarschaft zu verteilen und Bilder der geschmückten Fassaden, Zäune und Fenster im Internet zu teilen. In der Diskussion der Veranstaltung und auf Twitter unter dem gleichnamigen Hashtag teilen Nutzer ihre Plakate.

„Wir zeigen unseren Nachbarn, Passanten, Kunden, dass wir die Mehrheit sind, die für Vielfalt, Toleranz, Offenheit, Gleichberechtigung, Demokratie, Frieden und Liebe steht“, sagte Mitinitiator Bastian Buch. Die „Fensterdemo“ soll von Montag an sieben Tage dauern.

Vom viel kritisierten sächsischen Ministerpräsidenten war am Montag bei Twitter zum Thema nichts zu lesen. Am Sonntag hatte Michael Kretschmer noch ein Foto von einer Veranstaltung aus Chemnitz gepostet.

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