Alarmiert ist die Politik inzwischen auch von den jüngsten Auseinandersetzungen unter Flüchtlingen. Nach teilweise heftigen Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften wird derzeit über die Unterbringung von Asylbewerbern diskutiert.
Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) sprach sich gegen Forderungen aus, Flüchtlinge nach Religionen oder Herkunft zu trennen. „Es kann nicht akzeptiert werden, wenn aus religiösen Gründen Menschen in den Flüchtlingsheimen attackiert und gemobbt werden“, sagte Kauder. Es habe daher wenig Sinn, Asylbewerber nach Ethnien oder Religionszugehörigkeit getrennt unterzubringen. „Da muss durchgesetzt werden, dass es in den Einrichtungen, in denen Flüchtlinge leben, so zugeht, wie es auch im normalen Leben in unserem Land erwartet wird.“
Einzelne Forderungen nach einer getrennten Unterbringung von Flüchtlingen nach Religion und Herkunft stoßen auch beim Städte- und Gemeindebund auf Ablehnung. „In der derzeitigen Situation, in der die Kommunen für die Unterbringung und Versorgung einer immens hohen Zahl an Flüchtlingen sorgen müssen, ist eine getrennte Unterbringung nicht realisierbar. Vielerorts ist die Belastungsgrenze für die Mitarbeiter der Verwaltungen, die Hilfsdienste und die ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht nur erreicht, sondern bereits überschritten“, sagte Städtebund-Geschäftsführer Gerd Landsberg dem Handelsblatt.
Marxloh hat 19.000 Einwohner und ist ein junger und bunter Ortsteil. Das Durchschnittsalter beträgt 37,2 Jahre, jeder vierte Marxloher ist unter 18 Jahren. Der Ausländeranteil liegt bei 45 Prozent. Angehörige von 92 Nationalitäten leben dort.
Zwei junge Ingenieure gründeten 2012 in Karlsruhe das Projekt „Bikes without Borders“. Flüchtlinge können neben der Erstaufnahmestelle gebrauchte Fahrräder bekommen, die gespendet und von Ehrenamtlichen repariert wurden. Bis vor einigen Monaten wurden die Räder verliehen; inzwischen werden sie für zehn Euro verkauft und müssen nicht mehr zurückgebracht werden. „Die Nachfrage hat enorm zugenommen“, sagte am Dienstag Mitinitiator Tobias Fleiter.
Gerade erst hat Deutschlands erste reine Flüchtlingsmannschaft „Welcome United 03“ in Potsdam den Liga-Spielbetrieb aufgenommen. Der Verein SV Babelsberg 03 hat das Team als dritte Herrenmannschaft angemeldet.
In Berlin legen Helfer zusammen mit Flüchtlingen bewegliche Hochbeete an - sie nennen das „mobile Seelengärten“. „Wir verstehen den Garten als Gegenpol zu den schrecklichen Erfahrungen, die viele Flüchtlinge gemacht haben“, erläuterte Traumatherapeutin Tina Diest, die die Gartenprojekte begleitet, vor rund zwei Wochen.
Die Freiwilligenagentur in Halle verzeichnet seit Mai einen enormen Anstieg an Angeboten, um Flüchtlingen im Alltag zu helfen. „Wir haben alle Hände voll zu tun“, sagte eine Sprecherin. Die Angebote: Sprache lernen, Begleitung beim Einkaufen („Warum braucht man einen Chip am Einkaufswagen?“), Arzt- und Behördenbesuche, Umzug samt Installation von Waschmaschinen.
Nach Recherchen des Blogs „Netzpolitik.org“ stellen nur etwa 15 Prozent der Flüchtlingsunterkünfte Internetzugänge. Die Daten seien nicht vollständig, heißt es, viele Behörden hätten keinen umfassenden Überblick. Initiativen wie „Freifunk Dortmund“ oder „Refugees Online“ nehmen die Sache in die Hand. Sie bringen Flüchtlinge ins Netz, damit sie etwa ihre Familie sprechen können.
Fernsehköchin Sarah Wiener verteilte bei der „Welcome Challenge“ Essen an Flüchtlinge. Die Aktion funktioniert ähnlich wie die „Ice Bucket Challenge“: Im Internet veröffentlicht man Bilder und nominiert weitere Kandidaten, die mitmachen sollen.
Flüchtlingsfamilien haben im rheinland-pfälzischen Jugenheim einen Paten. Eine Initiative mit dem Motto „Willkommen im Dorf“ kümmert sich um 40 Flüchtlinge, die in einem umgebauten Pfarrhaus leben. Ehrenamtlich Paten gibt es auch andernorts.
Amateurboxerin Lina Schönfeld trainiert in Braunschweig Flüchtlinge. Einmal pro Woche kommen junge Männer aus den umliegenden Unterkünften, um beim Boxen zu schwitzen. „Tendenziell wird die Gruppe immer größer“, sagt die 28-Jährige. Die Teilnehmer zählen auf Deutsch und erhalten kleine Anweisungen.
Syrische Flüchtlinge stehen im hessischen Biedenkopf auf einer Bühne. Noch bis Anfang September wird dort ein Stück über einen legendären Postraub gezeigt. Die fünf Flüchtlinge hoffen, so ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen. Und sind stolz auf das Vertrauen, das die Regisseurin in sie setzt, wie einer von ihnen berichtet.
Ob Feinstaub-Belastung, Verkehr oder Straßenlärm: Duisburg-Marxloh zählt zu den Stadtvierteln mit der höchsten Umweltbelastung. Ein großer Teil der Gebäude ist auch sanierungsbedürftig.
Die Berliner Initiative „Flüchtlinge Willkommen“ vermittelt WG-Zimmer an Flüchtlinge. Schon 80 Mal hat das bundesweit geklappt, heißt es auf der Homepage. Finanziert werden die Zimmer über Spenden oder mit staatlichem Geld.
Frankfurter Studentinnen wollen Flüchtlingen mit akademischem Hintergrund Orientierung im Wissenschaftsbetrieb geben. Mit ihrer Organisation Academic Experience Worldwide vermitteln sie dazu unter anderem Tandempartner. Sie wollen dem Klischee vom „armen, ungebildeten Flüchtling“ entgegenwirken, sagen die Initiatorinnen.
Die Familie des Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt (CDU) nahm zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei sich auf. Der ehemalige Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) wirbt dafür, sich stärker für Flüchtlinge zu engagieren. Drohungen wurden für ihn trauriger Alltag. „Täglich bekomme ich E-Mails mit Beleidigungen. Manchmal sind sogar Morddrohungen darunter“, erzählte der Politiker Anfang August.
Viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien kommen nach Marxloh. Seit Ende 2012 hat sich ihr Anteil in der Bevölkerung fast verdreifacht (Stand 31.12.2014: 3000). Knapp die Hälfte der im vergangenen Jahr nach Marxloh gezogenen Bulgaren und Rumänen waren Kinder und Jugendliche (46 Prozent).
Sinnvoll sei vielmehr, den zu uns kommenden Menschen die geltenden Regeln klar zu kommunizieren. „Dazu sollten wir Leitlinien in den verschiedenen Sprachen verfügbar haben, auf denen entsprechende Hinweise gegeben werden“, sagte Landsberg weiter. „Allen Flüchtlingen sollte klar sein, dass gewalttätige Übergriffe in den Unterkünften nicht toleriert werden.“ Dessen ungeachtet hält Landsberg in den Unterkünften weitere Betreuungs- und Sicherheitsmaßnahmen für notwendig. „Wir brauchen mehr geschultes Sicherheitspersonal, auch privater Dienstleister mit interkultureller Kompetenz, um Übergriffe auf Menschen bereits im Keim zu ersticken.“
Abgesehen davon geht es nach Landsberg nun vor allem darum, die Menschen „warm, sicher und trocken“ unterzubringen. „Eine getrennte Unterbringung von Flüchtlingen würde das ohnehin schon schwierige Verfahren noch weiter verkomplizieren.“ Dort, wo es möglich sei, würden konfliktvermeidende Maßnahmen ohnehin bereits umgesetzt. Zudem stelle sich die Frage, ob eine getrennte Unterbringung zum Beispiel nach Religionszugehörigkeit dem deutschen Gesellschaftsbild eines gleichberechtigten und toleranten Miteinanders entspreche.
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