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Krisen-Bilanz Kinderbetreuung in Coronazeiten: Deutschland braucht noch mehr Fachkräfte

Die Dreifachbelastung als Arbeitnehmer, Kinderbetreuer und Erzieher hat zuletzt viele Eltern an die Belastungsgrenze gebracht. Was wir lernen können.
01.08.2020 Update: 02.08.2020 - 10:59 Uhr Kommentieren
Monatelang gab es in den meisten Einrichtungen allenfalls eine Notbetreuung. Quelle: dpa
Kita-Alltag

Monatelang gab es in den meisten Einrichtungen allenfalls eine Notbetreuung.

(Foto: dpa)

Berlin Die Coronakrise hat Familien vor eine ganz besondere Belastungsprobe gestellt. Wegen der geschlossenen Schulen mussten berufstätige Eltern neben ihrem Job noch weitgehend allein die Kinderbetreuung und den Unterricht übernehmen.

Viele Paare bewegten sich am Rande des Nervenzusammenbruchs. Besondere Schwierigkeiten hatten Alleinerziehende und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die nicht so einfach ins Homeoffice wechseln können. Nach den Sommerferien beginnt jetzt in den Schulen wieder der Regelbetrieb, auch in die Kitas kehrt langsam der Alltag zurück. Sofern keine zweite Infektionswelle kommt.

Was lief gut?

Etwas überspitzt gesagt, konnte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) erst drei Monate nach den ersten Anzeichen der Coronakrise so richtig etwas vorweisen: Anfang Juni wurde das Konjunktur- und Krisenbewältigungspaket der Bundesregierung verkündet, in dem auch der „Kinderbonus“ steckte. 300 Euro sollen für jedes Kind fließen – wenn auch erst kleckerweise im September und Oktober.

Das kostet 4,3 Milliarden Euro. Und Giffey musste sich dafür viel Kritik anhören. Das Geld werde mit der Gießkanne verteilt, sei ein „symbolisches Über-den-Kopf-Streicheln“ für die Familien, ein „verkapptes Betreuungsgeld“ oder gar „Schweigegeld“ – und nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

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    Und tatsächlich hätten sich viele Eltern in der Hochphase des Lockdown wohl eher funktionierende Kitas und Schulen gewünscht als einen Bonus, der erst im Herbst eintrudelt. Für Eltern, die von Kurzarbeit betroffen sind, die Einnahmeausfälle haben oder wegen der Betreuung der eigenen Kinder weniger Geld verdienen, kann die Zahlung aber durchaus eine wichtige Entlastung sein.

    Giffey selbst nannte den Kinderbonus in der für sie typischen Art einen „echten familienpolitischen Wumms“. Damit greife die Koalition vielen Familien unter die Arme. „Gerade da, wo es finanziell knapp ist, ist jeder Euro willkommen“, erklärte die SPD-Politikerin.

    Außerdem betonte sie, die 300 Euro seien „natürlich als Konjunkturimpuls gedacht“ und nicht als „stressnehmender Faktor“. Berufstätigen Eltern mag das in der Krise jedoch nur bedingt einleuchten.

    Tatsächlich ist die Ausgestaltung des Kinderbonus aber recht zielgenau ausgefallen. Die Zahlung wird nicht auf die Grundsicherung angerechnet. Das bedeutet, dass das Geld nicht nur bei Eltern mit kleinen Einkommen, sondern auch bei Hartz-IV-Beziehern ankommt.

    Familien mit hohen Einkommen werden von der Leistung hingegen nicht profitieren, weil diese bei der Steuer mit den Kinderfreibeträgen verrechnet wird. Die ganz große Gießkannenaktion hat Giffey also vermieden. Laut der Ministerin soll eine Paarfamilie mit einem Kind „bis zu einem Bereich von 90.000 Euro zu versteuerndem Einkommen“ noch etwas vom Kinderbonus haben.

    Einen anderen Bestandteil des Konjunkturpakets kann Giffey ebenfalls als Erfolg vorweisen: Eine zusätzliche Milliarde Euro fließt in den Ausbau der Kindertagesbetreuung. Zwar wäre eine deutlich höhere Bundesbeteiligung wünschenswert gewesen. Aber immerhin lassen sich so rechnerisch bis zu 90.000 weitere Betreuungsplätze schaffen. Die Mittel können jedoch auch für Umbaumaßnahmen oder für Investitionen in neue Hygiene- und Raumkonzepte genutzt werden.

    „Gerade jetzt in der Krise wird deutlich, wie wichtig gute Kinderbetreuungsangebote sind, damit es Kindern und Eltern gut geht und das Gesamtsystem funktioniert“, beteuerte Giffey. Die Betreuung diene dem Wohl von Kindern, ohne sie könnten Eltern Beruf und Familie nicht vereinbaren, und die Wirtschaft hätte weniger Fachkräfte.

    Dass die Regierung solche „investiven Maßnahmen mit nachhaltigem Charakter“ ergriffen hat, findet Katharina Spieß, Bildungs- und Familienexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), gut. Wofür das Geld am Ende tatsächlich fließt, muss sich aber erst noch erweisen. Das „Gute-Kita-Gesetz“ ist hier mahnendes Beispiel. Denn erste Bilanzen zur Verwendung der Milliarden fallen eher durchwachsen aus.

    Giffey hat viele Einzelmaßnahmen durchgesetzt, etwa die Corona-bedingte Änderung beim Elterngeld, den Notfall-Kinderzuschlag oder die Verlängerung der Lohnfortzahlung für Eltern ohne Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder nach dem Infektionsschutzgesetz.

    Sie hat sich aber auch bei einem sensiblen Thema hervorgetan. Die SPD-Politikerin warnte vor einer Verschärfung des Generationenkonflikts in der Coronakrise und wies Forderungen nach speziellen Schutzmaßnahmen nur für ältere Menschen zurück. „Wir dürfen bestimmte Gruppen nicht dauerhaft von der gesellschaftlichen Teilhabe ausschließen“, mahnte Giffey.

    Was lief schlecht?

    So vehement Giffey vor einer Ausgrenzung der Älteren in der Coronakrise warnte, so sehr kam es faktisch zu einer Ausgrenzung der Kinder. Denn die Familienministerin gab sich mit ihren geringen Einflussmöglichkeiten, die sie wegen der Länderhoheit bei der frühkindlichen Bildung hat, zufrieden. Erst scheute sie eine Ansage zu einer einheitlichen Schließung der Kitas bei Ausbruch der Pandemie, dann konnte sie keinen einheitlichen Plan bei den Lockerungen durchsetzen.

    Dabei hätten die bundesweit 3,7 Millionen Kitakinder eine aktivere Koordination durch den Bund – sprich Giffey – in Krisenzeiten durchaus verdient gehabt. Und in vielen anderen Bereichen kümmerten sich die Kanzlerin oder Bundesminister im Zweifel wenig um die Zuständigkeit der Länder.

    Doch als zu Beginn der Pandemie im März bereits in den Ländern ein Flickenteppich aus offenen und geschlossenen Betreuungseinrichtungen entstand, hieß es im Bundesfamilienministerium auf Anfrage nur: „Ob Kitas und Kindertagespflegestellen infolge der Verbreitung des Coronavirus geschlossen werden müssen, fällt nicht in die Zuständigkeit des Bundes.“

    Empfehlungen sprach die Ministerin nicht aus – anders als etwa ihr Kabinettskollege Jens Spahn (CDU). Der Bundesgesundheitsminister riet den Ländern explizit, Großveranstaltungen offensiver als bisher abzusagen – Föderalismus hin oder her.

    Und als es dann im April um die Frage ging, wie ein verantwortungsvoller Wiedereinstieg in die Kitabetreuung denn aussehen könnte, plädierten Giffey und die Landesminister nur vage für „Phasen“. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Schließung der Kitas wie der Schulen viele Eltern und Kinder bereits in große Verzweiflung gestürzt.

    Kindeswohl und Elternwohl standen auf der Prioritätenliste eben nicht besonders weit oben, der Gesundheitsschutz dominierte alles. Nordrhein-Westfalens Familienminister Joachim Stamp (FDP) gab es offen zu: „Die Wirkung des Lockdown auf Kinder hat in den bisherigen Beratungen von Bund und Ländern eine völlig untergeordnete Rolle gespielt.“

    Auch im Mai besserte sich die Lage kaum. Nach einem Bund-Länder-Treffen zur Lockerung der Corona-Auflagen gab es harsche Kritik an den Kita-Beschlüssen. „Die Pläne zur Öffnung der Kitas bleiben vage“, rügte Grünen-Fraktionsvizechefin Katja Dörner.

    Und selbst SPD-Chefin Saskia Esken bezeichnete die Vereinbarungen als „fatales Signal an die Familien“. Für die Fußballbundesliga gebe es ein konkretes Konzept, für die Bildung und Betreuung von Kindern dagegen nicht, kritisierte sie. Bis jetzt bieten viele Kitas noch keinen Regelbetrieb an. Giffey vertröstete Eltern zuletzt auf die Zeit „nach den Sommerferien“.

    Dass Frauen in der Coronakrise durch die fehlende Betreuung der Kinder vielfach beruflich unter Druck gerieten und die ohnehin geringe Gleichstellung weiter zurückgeworfen wurde, hat Giffey als Bundesfrauenministerin frühzeitig erkannt und angeprangert. Doch sie sitzt nicht einmal im Corona-Kabinett – was Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt für „sinnbildlich“ hält.

    Nachdem das Konjunkturpaket beschlossen worden war, veröffentlichte Giffey eine zweiseitige Erklärung, auf welche Weise das Paket „wichtige Impulse“ für die Gleichstellung setze. Verwiesen wurde auf Kitaausbau, Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld. Doch Giffey konnte nicht erreichen, dass Hilfsgelder etwa nur an Unternehmen gehen, die Frauen in die Chefetagen bringen oder Equal Pay belegen können.

    Was können wir lernen?

    In Zukunft muss sich in mehrfacher Hinsicht vieles um die Fachkräfte drehen. Die Kitas werden – auch mit Blick auf eine mögliche zweite Infektionswelle – noch mehr Personal benötigen, um auch in Krisenzeiten eine Betreuung der Kinder sicherstellen zu können.

    Nach Angaben aus Vor-Corona-Zeiten ist bis 2025 von einer Personallücke von mehr als 190.000 Erziehern auszugehen. Die Zahl dürfte also weiter steigen. Hier müssen Konzepte her, wie die Attraktivität des Berufs gesteigert werden kann, etwa durch eine angemessene Bezahlung.

    Auch Frauen als Fachkräfte müssen in den Fokus rücken. Sie haben ein berufliches Fortkommen verdient und können keine Rückschritte gebrauchen – ob in der Coronakrise oder in der Zeit danach.

    Mehr: Deutschland gilt als Vorbild im Kampf gegen die Pandemie – aber nicht unbedingt wegen der Krisenpolitik.

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