Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Landwirtschaft Warum männliche Küken getötet werden

45 Millionen Hähne werden in Deutschland jedes Jahr vergast – in den ersten Tagen nach der Geburt. Das wird sich auch nach einem Gerichtsurteil vorerst nicht ändern. Der Grund: Geld.
  • Wiebke Kade
13.06.2019 - 12:17 Uhr Kommentieren
Männliche Küken Quelle: dpa
Männliche Küken

„Wer tötet die gerne? Kein Mensch!“

(Foto: dpa)

Dieser Artikel ist am 13. Juni 2019 bei Orange - dem jungen Portal des Handelsblatts - erschienen.

Ein sonniger Freitagnachmittag im ostwestfälischen Rietberg, der „Hühnerhauptstadt“ von NRW: Sieben Brütereien gibt es hier. Der Hof von Familie Martinek befindet sich zwischen Mais und Kornfeldern, Idylle pur. Der Betreiber will den echten Namen seiner Familie schützen, weil sie schon mehrfach Morddrohungen bekommen haben, selbst seine Kinder wurden in der Schule beleidigt. Das Motiv der Täter: Das Töten von männlichen Küken gehört seit Jahrzehnten zum landwirtschaftlichen Alltag des Hühnerzüchters.

Warum werden männliche Küken getötet?

Lasse Martinek sitzt mit Wollsocken an den Füßen an seinem Schreibtisch im Erdgeschoss des Haupthauses und organisiert den Betrieb. Seine Tiere landen nicht in Supermarktregalen, er züchtet Hühner für Privatleute. 300.000 Küken schlüpfen auf seinem Hof jedes Jahr, doch die Kunden wollen nur die Weibchen.

Denn Hähne können keine Eier legen und setzen in der von Lasse gezüchteten Rasse zu wenig Fleisch an, daher bringt ihr Verkauf zu wenig Geld im Vergleich zu den Kosten für die monatelange Haltung und Aufzucht. Dabei sei es nicht so, dass er gerne Küken töte, sagt der Züchter. „Wer tut das gerne? Kein Mensch!“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die andere Frage lautet: Ist es überhaupt erlaubt, Tiere aus „wirtschaftlichen Gründen“ zu töten? Sie also nicht wie Lebewesen zu behandeln sondern wie ein Abfallprodukt, dessen weitere Verarbeitung sich nicht lohnt, weil sie zu teuer ist? An diesem Donnerstag hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden: jein. Die entscheidenden zwei Sätze aus der offiziellen Pressemitteilung lauten:

    „Das wirtschaftliche Interesse an speziell auf eine hohe Legeleistung gezüchteten Hennen ist für sich genommen kein vernünftiger Grund i.S.v. § 1 Satz 2 des Tierschutzgesetzes (TierschG) für das Töten der männlichen Küken aus diesen Zuchtlinien.“

    Und weiter:

    „Da voraussichtlich in Kürze Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei zur Verfügung stehen werden, beruht eine Fortsetzung der bisherigen Praxis bis dahin aber noch auf einem vernünftigen Grund.“

    Die Richter mussten abwägen, ob Brutbetriebe wie der von Lasse die männlichen Tiere trotz der hohen Kosten aufziehen müssen – oder ob das Töten der Küken ethisch vertretbar ist. Das Bundesverwaltungsgericht entschied sich dafür, das massenhafte Töten männlicher Küken vorerst noch als rechtmäßig anzusehen.

    Warum vorerst? Die Richter gehen davon aus, dass es in Zukunft möglich sein wird, das Geschlecht der Tiere schon im Ei bestimmen zu können und damit Eier zu entsorgen statt frisch geschlüpfte Küken zu töten. Geld sehen die Richter nicht als „vernünftigen Grund“ für die Massentiertötung.

    Männliche Küken töten? „Emotional einfach belastend!“

    Landwirt Lasse in Rietberg bezeichnet seine männlichen Küken als „wirtschaftlichen Ballast“. Die Aufzucht der „Legehähne“ dauere viermal so lange wie bei ihren Schwestern und viel Fleisch setzten sie auch nicht an. „Da kann man höchstens die Brust verwerten, der Rest ist im Grunde nur Haut und Knochen“, sagt Lasse.

    Mehrmals im Monat werden die wenige Tage alten Tiere mit einem Paternoster in das Gas Kohlenstoffdioxid getaucht, damit sie ersticken. Geschreddert werden bei ihm keine Tiere, denn: „Meine toten Küken verkaufe ich an Zoos und Falknereien als Tierfutter.“

    Die Vergasung werde anhand von Computern dauerhaft überwacht. „Im Sommer haben wir mindestens zweimal in der Woche das Veterinäramt bei uns auf dem Hof, die das kontrollieren.“

    Werner Hockenberger, Geflügelzüchter aus Süddeutschland, wollte das Töten von Küken nicht mehr hinnehmen. War er ursprünglich auch traditioneller Landwirt, stellte er vor zehn Jahren auf Bio um und überlegte sich, wie er das Töten von männlichen Küken eindämmen könnte. Er wurde Mitbegründer der Bruderhahn-Initiative: „Es ist emotional einfach belastend, so ein kuscheliges Tier nach der Betäubung am ersten Lebenstag zu vergasen.“

    Er setzte sich zum Ziel, möglichst viele Hähne im Mastbetrieb aufzuziehen. Allerdings merkte auch er, wie teuer das werden kann: „Es ist einfach enttäuschend, dass viele Personen, die sich gegen das Töten von männlichen Küken aussprechen, nicht bereit sind, mehr zu zahlen.“

    Hockenberger bietet unter der Marke „Stolzer Gockel“ Produkte wie Frikassée, Sülze oder Schinkenwurst an, die pro 100 Milliliter zwischen zwei und drei Euro kosten. Beim Supermarkt Real kostet ein herkömmliches Hühnerfrikassee der Marke Frosta ein Drittel davon.

    „Wenn alle Eier zwei Cent mehr kosten würden, müsste man männliche Küken nicht töten“

    Um den bislang kleinen Markt für solche Produkte dennoch zu beliefern, erhöhte Hockenberger die Preise seiner Eier, um die Aufzucht der Hähne finanziell zu unterstützen. „Wenn alle Eier auf dem deutschen Markt etwa zwei Cent mehr kosten würden, dann könnte man alle Hähne aufziehen“, sagt der Züchter.

    Bislang aber lohnt sich selbst in einem Betrieb wie dem von Werner Hockenberger nur die Aufzucht und Mast von zehn Prozent der männlichen Küken. Neun von zehn werden wie bei Lasse Martinek aus Rietberg vergast und enden als Tierfutter.

    Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner verfolgt einen anderen Weg, um das Vergasen von männlichen Küken zu verhindern. Sie plädiert für ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung, um bereits vor dem Schlüpfen festzustellen, ob es sich um ein Huhn oder einen Hahn handelt.

    Aktuell gibt es nach Angaben des Deutschen Tierschutzbundes zwei Modelle, die allerdings beide noch nicht serienreif sind: Eines lässt sich nach acht bis zehn Tagen Brutzeit anwenden, das andere bereits nach vier Tagen.

    Der Deutsche Tierschutzbund bevorzugt letzteres, mahnt jedoch an: „Die Geschlechtererkennung im Ei löst nicht das grundsätzliche Problem, das hinter dem Kükentöten steht, nämlich die extrem spezialisierte Zucht auf Legeleistung und die damit verbundenen Tierschutzprobleme.“

    Männliche Küken töten verbieten: Wandert die Zucht dann ins Ausland ab?

    Auch Landwirt Lasse Martinek aus Rietberg steht dem Verfahren skeptisch gegenüber. „Bei vier Tagen ist noch nicht viel los im Ei, aber am neunten Tag habe ich bereits ein deutlich sichtbares Küken, das ich dann umbringe. Ist das besser?“

    Außerdem könnten dann die Küken nicht mehr als Tierfutter verwendet werden. Dann brauche es mehr Ratten und Mäuse, die stattdessen gezüchtet werden müssten – oder Küken aus dem Ausland.

    Auch die Kosten für eine derartige Früherkennung seien für ihn und seine Betriebsgröße nicht tragbar. Große Brütereien mit mehreren Millionen Küken im Jahr müssten ihre Produkte nur in kleinem Maße verteuern, bei ihm würden sich die Preise wahrscheinlich verdoppeln.

    Was ist also die Konsequenz für sein Geschäft? Wenn das Verbot tatsächlich komme, werde er Küken aus europäischen Nachbarländern importieren oder seine Zucht dorthin verlegen. „Ich hab‘ Kontakte in Tschechien, Polen und Frankreich. Da kann ich dann bestehende Kapazitäten mit nutzen.“

    Deshalb plädiere er für eine Sonderregelung: Kleinere Betriebe wie seiner, mit einer Aufzucht von weniger als 500.000 Küken im Jahr, sollten von dem Verbot befreit werden. Größere Betriebe könnten sich die entsprechende Technik leisten und wären weiterhin konkurrenzfähig. Ein Abwandern ins Ausland gäbe es dann nicht.

    Der Deutsche Tierschutzbund sieht das anders: „Das ist das Totschlagargument der Branche. Statt nur mit dem Finger auf Nachbarländer zu zeigen, die es nicht besser machen, sollte Deutschland Vorreiter im Tierschutz sein.“

    Mehr: „Wer Tiere quält, fliegt“

    Startseite
    0 Kommentare zu "Landwirtschaft: Warum männliche Küken getötet werden"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%