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Langzeitarbeitslosigkeit Sozialer Arbeitsmarkt: Starthilfe für die Abgehängten

Niemand werde zurückgelassen, verspricht BA-Chef Scheele vor dem Wahlsonntag – und lobt das Programm zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit.
Update: 01.09.2019 - 16:16 Uhr Kommentieren
Die Programme gegen Langzeitarbeitslosigkeit zeigen erste Wirkung. Quelle: dpa
Schild der Bundesagentur für Arbeit

Die Programme gegen Langzeitarbeitslosigkeit zeigen erste Wirkung.

(Foto: dpa)

Berlin Hunderttausende Menschen in Deutschland haben genug Ersparnisse oder Vermögen, um nicht mehr arbeiten zu müssen. Deutlich mehr würden gerne arbeiten, schaffen es aber nicht. Im August zählte die Bundesagentur für Arbeit (BA) 724.000 Menschen, die seit mindestens einem Jahr arbeitslos gemeldet sind. Zwar ist die Zahl deutlich gesunken; vor vier Jahren waren es noch mehr als eine Million. Doch der verfestigte Kern der Langzeitarbeitslosigkeit hält sich hartnäckig, während auf der anderen Seite die Zahl der Privatiers wächst. Ein Ausdruck der Spaltung im Land.

Nicht umsonst hat BA-Chef Detlef Scheele deshalb vergangene Woche – kurz vor den Wahlen in Brandenburg und Sachsen – eine erste Bilanz des zum Jahresbeginn gestarteten Sozialen Arbeitsmarktes gezogen, mit dem die Bundesregierung Langzeitarbeitslosigkeit bekämpfen will. „Hier wird niemand zurückgelassen“, so Scheele. Rund 30.000 Menschen würden mittlerweile gefördert – ein „wirklicher Beitrag zum Zusammenhalt“.

55 Prozent der Langzeitarbeitslosen sind schon länger als zwei Jahre ohne Arbeit, jeder vierte sogar mindestens vier Jahre. Die schwarz-rote Koalition hatte deshalb anstelle bisheriger Förderprogramme, die befristet und mäßig erfolgreich waren, den Sozialen Arbeitsmarkt als neues Regelinstrument für die Jobcenter ins Leben gerufen.

Das eine Programm nennt sich „Teilhabe am Arbeitsmarkt“. Seine Zielgruppe sind Arbeitslose, die innerhalb der letzten sieben Jahre sechs Jahre lang Hartz IV bezogen haben und in der Zeit allenfalls kurzzeitig beschäftigt waren. Arbeitgeber, die ihnen eine Chance geben, bekommen in den ersten zwei Jahren die Lohnkosten komplett erstattet. Ab dem dritten Jahr sinkt der Zuschuss um jeweils zehn Prozentpunkte, die Höchstdauer beträgt fünf Jahre. Laut BA haben mittlerweile 24.800 Langzeitarbeitslose über diesen Weg eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gefunden.

Das andere Programm heißt „Eingliederung von Langzeitarbeitslosen“. Arbeitslose, die seit mindestens zwei Jahren ohne Job sind, können darüber zwei Jahre lang speziell gefördert werden. Für sie gibt es im ersten Jahr 75 Prozent Lohnkostenzuschuss und im zweiten Jahr 50 Prozent. Hier sind derzeit 5.100 Teilnehmer registriert. Beide Instrumente sehen ein beschäftigungsbegleitendes Coaching vor, weil viele Langzeitarbeitslose sich erst wieder an einen strukturierten Tagesablauf gewöhnen müssen und oft zusätzlich gesundheitliche Probleme oder Schulden haben.

Nicht nur Beschäftigungsgesellschaften und Kommunen engagieren sich auf dem Sozialen Arbeitsmarkt, sondern auch private Arbeitgeber, lobte der BA-Chef. Einer davon ist die Audio-Optimum GmbH, eine Manufaktur von High-End-Lautsprechersystemen mit zehn Beschäftigten in Recklinghausen. Chefin Alexandra Mittelbach hat einen Langzeitarbeitslosen eingestellt, der sich seit 2013 von Maßnahme zu Maßnahme gehangelt hatte. Er arbeitet in der Produktion bei der Kabelkonfektionierung, hilft aber auch in der Lackiererei oder Schreinerei.

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Sie könne den Sozialen Arbeitsmarkt nur empfehlen, „weil die Mitarbeiter unheimlich engagiert sind“, sagt die Chefin. Es gebe andere Bewerber, die kämen oft zu spät zur Arbeit oder nach der Probezeit gar nicht mehr. Das sei hier anders – auch dank des Coachings, bei dem Probleme direkt angesprochen werden können.

Mehr langfristige Fördermöglichkeiten

Früher hätten Jobcenter Langzeitarbeitslose zuweilen fünfmal zum Bewerbertraining geschickt, einfach weil es zu wenige langfristige Fördermöglichkeiten gab, sagte Scheele. Diese stünden nun bereit. Allerdings sei es nach wie vor herausfordernd, Betroffene zu gewinnen: „Wir müssen zehn Menschen ansprechen, um einen Arbeitsplatz zu besetzen.“

Das Jobcenter Kreis Recklinghausen hat bisher 475 Menschen, die sechs Jahre oder länger Hartz IV bezogen, einen Job verschafft. 150 sind allerdings Übergänge aus dem mit EU-Mitteln geförderten Vorläuferprogramm Soziale Teilhabe. 600 Geförderte sollen es in diesem Jahr noch werden, danach wird es mit den Mitteln knapp, sagt der Leiter des Jobcenters, Dominik Schad. 13 Millionen Euro hat er für dieses Jahr zusätzlich für Eingliederungsmaßnahmen bekommen, insgesamt stehen für den Sozialen Arbeitsmarkt bundesweit vier Milliarden Euro bis 2024 bereit.

„Die Rahmenbedingungen sind heute viel besser als bei den bisherigen befristeten Programmen, die oft mit großem Verwaltungsaufwand verbunden waren“, sagt Schad. Sehr positiv sei, dass die Langzeitarbeitslosen als normale Kollegen in den Betrieb integriert würden, unterstützt durch ihren Coach. Dass der sich abzeichnende wirtschaftliche Abschwung die anfänglichen Erfolge schnell wieder zunichtemachen könnte, erwartet der Jobcenter-Chef nicht: „Ich sehe den Sozialen Arbeitsmarkt weitgehend abgekoppelt von der konjunkturellen Entwicklung.“

Tatsächlich findet das Gros der Langzeitarbeitslosen eine Beschäftigung in eher konjunkturunabhängigen Wirtschaftszweigen wie dem Gesundheits- und Sozialwesen, bei Dienstleistern oder in der öffentlichen Verwaltung. Laut BA-Chef Scheele kommt ein gutes Drittel der Arbeitgeber aus der Privatwirtschaft.

Nicht immer gelingt es auf Anhieb, Arbeitgeber für das Projekt zu begeistern – etwa in Bremen mit einer vergleichsweise hohen Arbeitslosenquote. „Für das Jobcenter ist es schwierig, Arbeitsplätze für das Programm zur Eingliederung von Langzeitarbeitslosen zu finden“, sagt eine Jobcenter-Sprecherin.

Dennoch ist es gelungen, Jobs für 55 Menschen zu finden, die seit mindestens zwei Jahren arbeitslos waren und nun zwei Jahre lang mit Lohnkostenzuschüssen gefördert werden. „Die Motivation, sich zwei Jahre lang zu bewähren, ist viel größer, wenn die Langzeitarbeitslosen wissen, dass sie mit ihren Fähigkeiten im neuen Betrieb ankommen können“, heißt es vom Jobcenter. Allerdings muss sich zeigen, ob der Job auch Bestand hat, wenn die staatliche Förderung ausläuft. Denn eine Nachbeschäftigungspflicht gibt es für die Arbeitgeber nicht.

Mehr: Der Ex-Vorstand der Arbeitsagentur Heinrich Alt zeigt Verständnis für das Sozialstaatskonzept der SPD. Ihm fehlen jedoch präventive Maßnahmen und die richtigen Anreize für Langzeitarbeitslose.

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