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Lehre und Beruf Modulare Ausbildung: Feste Standards gegen Fantasie-Zertifikate

Arbeitgeber wollen berufliche Teilqualifizierungen vereinheitlichen. Das soll gegen den Fachkräftemangel helfen und die Digitalisierung vorantreiben.
28.01.2020 - 20:46 Uhr Kommentieren
Der Lehrberuf ist bereits mit Standards für modulare Ausbildung ausgestattet. Quelle: imago images/Westend61
Ausbildung als Mechatroniker

Der Lehrberuf ist bereits mit Standards für modulare Ausbildung ausgestattet.

(Foto: imago images/Westend61)

Berlin Ulrich Klose organisiert seit drei Jahren für das Progress-Werk Oberkirch Kurse für ungelernte Mitarbeiter, in denen sie „Teilqualifikationen“ (TQ) erwerben können – also Bausteine, die am Ende zusammen eine komplette Berufsausbildung ergeben können. „Im Sommer 2019 hat der erste Jahrgang seine TQ-Ausbildung zum Stanz- und Umformmechaniker mit Bestnoten abgeschlossen“, erzählt der Personalchef des Automobilzulieferers. Anfangs seien viele Führungskräfte skeptisch gewesen, weil die Mitarbeiter „teilweise bei der Arbeit fehlen“, doch nun sei die Akzeptanz in der Produktion groß.

Für die Wirtschaft in Bayern und Baden-Württemberg ist Teilqualifizierung „seit Jahren ein Erfolgsmodell zur Fachkräftesicherung“, berichtet Bertram Brossardt, Chef der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, auf einer Veranstaltung in Berlin. Doch zahlenmäßig ist die Baukastenlehre noch ein zartes Pflänzchen.

Zudem herrscht ein unübersichtlicher Wildwuchs: Auf der Onlineplattform „Kursnet“ der Bundesagentur für Arbeit (BA) bieten 540 Bildungsträger 20.154 Teilqualifikationen an, allein 217 im IT-Bereich. „Vielfach handelt es sich um ‚Fantasie-Zertifikate‘, die für Arbeitgeber kaum einen Wert haben“, sagt Christian Rauch, Chef der BA-Regionaldirektion Baden-Württemberg, die Teilqualifizierung für Arbeitslose und Beschäftigte fördert.

Im Süden sei das Instrument aber schon nicht mehr wegzudenken. „Jetzt müssen wir es neu ordnen“, sagt Rauch. Die Zeit dränge, denn wegen der Digitalisierung sei die Nachfrage riesengroß – „und viel geht da gerade in die falsche Richtung“.
Um das Instrument schlagkräftig zu machen, planen die Bildungswerke der Wirtschaft und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) Standardprodukte – und möchten dafür auch mit dem DIHK kooperieren. Ihr Projekt unter dem Anagramm „Etapp“ zielt auf die „Etablierung eines Teilqualifizierungsstandards für an- und ungelernte Erwachsene über 25 Jahre unter praxisrelevanten und pädagogischen Anforderungen“.

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    Zielgruppe sind die 2,1 Millionen jungen Menschen zwischen 25 und 35 Jahren ohne Berufsabschluss, für die in Deutschland vielfach „einmal unqualifiziert, immer unqualifiziert“ gilt. Dazu kommen die Flüchtlinge, für die in Baden-Württemberg Teilqualifikation ein wesentlicher Schlüssel der Integration war, so Rauch.

    Bisher hat die Initiative für fünf Berufe – Systemgastronom, Fachlagerist, Lagerlogistiker, E-Commerce-Kaufleute und Mechatroniker – ein Muster entworfen, wie der Inhalt der jeweiligen Ausbildung in fünf bis sieben Teile zerlegt werden kann. Weitere Bereiche folgen in Kürze.

    Entstehen neue Niedriglohngruppen?

    2019 absolvierten nach Zahlen der BA bis September rund 11.000 Arbeitslose eine Teilqualifikation, Zahlen zur Nutzung in den Betrieben nach dem Qualifizierungschancengesetz gibt es bisher nicht. Doch um wirklich massenhaft Ungelernte in Modulen schulen zu können, müsse das System flächendeckend massiv beworben werden, meint Brossardt: „Noch längst sind nicht alle Unternehmen überzeugt.“

    Zudem gibt es zumindest bisher mächtige Gegner des Konzepts. Seit die BA 2008 den ersten Anlauf startete, gab es immer wieder erbitterten Streit über die „Modularisierung“. Handwerk und DIHK lehnten es „aus ordnungspolitischen Gründen“ ab, erzählt Rauch, sie sahen die Ausbildung als Ganzes bedroht.

    Gewerkschaften fürchteten die Entstehung neuer Niedriglohngruppen durch die „Lehre light“. Rauch erklärt: „Es herrschte zudem ein Grundmisstrauen, dass die BA mit dem Teufelszeug Teilqualifizierung nur Geld sparen wolle, da sie viel billiger sei als zweijährige Umschulungen.“ Insider sagen, viele wollten auch kein System unterstützen, das vor allem Geld in die Kassen der Bildungswerke der Wirtschaft spüle.

    Heute jedoch seien „die Vorbehalte fast verschwunden“, meint Rauch optimistisch. So mache etwa die IHK Stuttgart erste Angebote. Als „Meilenstein“ sieht er die Förderung im Metallbereich, „die sogar eine Grundlage im Tarifvertrag bekam“.
    Doch es gibt auch ganz praktische Probleme: So finanziere die BA in der Regel nur Gruppen von mindestens 15 Personen, moniert die Bildungsexpertin der BDA, Barbara Dorn. Das gehe völlig an der Praxis vorbei. In den Betrieben oder auf dem Land sei es mitunter schon schwer, auch nur acht Teilnehmer zusammenzubekommen. Hier müsse die BA ihre Regeln flexibilisieren.

    Habe jemand erfolgreich alle Bausteine absolviert, sei oft die Zulassung zur externen Gesellenprüfung bei der Kammer schwierig. So schreibt das Gesetz etwa vor, dass Teilnehmer zuvor mindestens das Eineinhalbfache der Ausbildungszeit in dem Beruf tätig gewesen sein müssen – „das ist für viele zu lang, weil TQs oft sehr komprimiert vermittelt werden und Teilnehmer häufig quer einsteigen“, erläutert Dorn. Nötig sei hier „mehr Berechenbarkeit und Einheitlichkeit – auch bei den Kammerorganisationen“.

    Möglichkeiten für Zuwanderer

    Das Bundesbildungsministerium fördert sowohl Etapp als auch die ähnlich gelagerte Initiative „Chancen nutzen“ des DIHK – schließlich ist Teilqualifizierung in Mangelberufen ein Ziel der Nationalen Weiterbildungsstrategie. Beide Organisationen sollen bei der Zerlegung der Berufsbilder möglichst zusammenarbeiten.

    „Aktuell gibt es ein Fenster der Möglichkeiten“, meint der zuständige Experte des Ministeriums, Oliver Diehl. Denn nicht nur das früher völlig ablehnende Handwerk sei angesichts des Fachkräftemangels „ins Grübeln gekommen“. Auch in den Gewerkschaften, die nach wie vor in erster Linie auf Umschulung setzen, gebe es bereits einzelne Experten, die sich mit der Teilqualifizierung anfreundeten.

    Eine weitere Öffnung erwartet BA-Mann Rauch vom Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das im März dieses Jahres in Kraft tritt. Die darin angelegte neue Möglichkeit der Einreise für Fachkräfte zur Nachqualifizierung habe die Diskussion auch im Handwerk beflügelt. Daneben werden Ausbildungsberufe regelmäßig überarbeitet und modernisiert – auch um die Ausbildung an die Digitalisierung anzupassen. Auch hier könnten Fachkräfte, deren Gesellenbrief schon älter ist, mit Teilqualifizierung auf den neuesten Stand gebracht werden.

    Denkt man weit voraus, erscheint es sogar plausibel, Lehrberufe von Anfang an so zu konzipieren, dass man sie in Teile zerlegen kann. „Aber so weit sind wir noch nicht“, dämpft Oliver Diehl aus dem Ministerium allzu hochfliegende Fantasien.
    Zumindest das Handwerk bleibt ohnehin skeptisch: „Wir haben nichts gegen Teilqualifikationen, aber das Handwerk braucht breit ausgebildete Fachkräfte“, sagt Volker Born, Bildungsexperte des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH): „Wenn wir von jemandem mit Teilqualifikation eine Heizung reparieren oder ein Dach decken lassen, und das geht schief, haben unsere Betriebe ein Problem.“

    Mehr: Lieber ausschütten als ausbilden: Börsennotierte Unternehmen fahren in Deutschland ihr Engagement bei der Ausbildung deutlich zurück, zeigt eine Studie.

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