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Lehrermangel Was Quereinsteiger beim Wechsel vom Büro ins Klassenzimmer erwartet

Wegen des Lehrermangels behelfen sich immer mehr Schulen mit Quereinsteigern. Die berichten von einem schwierigen Einstieg – mancherorts ganz ohne Vorbereitung.
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Kultusminister suchen nach einer Formel gegen Lehrermangel. Quelle: Stone/Getty Images
Wirrwarr an der Tafel

Kultusminister suchen nach einer Formel gegen Lehrermangel.

(Foto: Stone/Getty Images)

BerlinTanja Kürzer unterrichtet seit Kurzem darstellendes Spiel und Deutsch an einem Oberstufenzentrum – doch Lehramt studiert hat sie nicht. Kürzer, die eigentlich anders heißt, ist Quereinsteigerin. Das sei nicht immer leicht: „Wir begeistern uns für den Unterricht, geben viel, und dennoch werden uns immer wieder Steine in den Weg gelegt“, berichtet sie.

Kürzer gehört zu der steigenden Zahl von Quer- und Seiteneinsteigern an deutschen Schulen, die zwar ein Fachstudium absolviert haben – also etwa Philosophie, Literaturwissenschaften, Theaterwissenschaften sowie -pädagogik und Modernen Tanz wie Kürzer –, aber nicht die Pädagogikkenntnisse haben, die ein Lehramtsstudium vermittelt. Seiteneinsteiger absolvieren im Gegensatz zu Quereinsteigern kein Referendariat, sondern fangen gleich als Lehrer an und werden berufsbegleitend qualifiziert.

Grund für die steigende Zahl ist der dramatische Lehrermangel. Die Kultusministerkonferenz (KMK) prognostiziert, dass bis 2030 weit weniger ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stehen, als benötigt werden. „Der Lehrermarkt ist leer gefegt, daher brauchen die Schulen die Quereinsteiger“, sagt auch Ilka Hoffmann, Schulexpertin bei der Bildungsgewerkschaft GEW. Doch es ist häufig ein steiniger Weg, bis sie mit „grundständig“ ausgebildeten Lehrkräften gleichgestellt sind.

Immer mehr Seiteneinsteiger

2007 wurden im öffentlichen Schuldienst nach Angaben der KMK 529 Seiteneinsteiger eingestellt. Zehn Jahre später sind es mehr als 4.000. Angesichts von mehr als 700.000 Lehrern an Deutschlands Schulen scheint das nicht viel, doch die Kurve zeigt mancherorts steil nach oben: In Berlin wurden im vergangenen Jahr 1.266 Seiteneinsteiger neu eingestellt. Dahinter folgen Sachsen mit 1.086 und Nordrhein-Westfalen mit 789 Seiteneinsteigern.

Doch der Lehrermangel trifft mehr oder weniger alle Länder. Manchmal fehlen vor allem in bestimmten Regionen, Schularten oder Fächern Pädagogen.

Beste Chancen haben Quereinsteiger, wenn sie einen Studienabschluss in einem Mangelfach wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder, wie Frauke Köß, in Musik vorweisen können. Die 56-Jährige hat Querflöte studiert und nach dem Studium zunächst an einer Musikschule Querflöte und Klavier unterrichtet. „Nach einigen Jahren fehlten mir die Herausforderungen in meinem Beruf. Ich wollte noch einmal etwas Neues ausprobieren“, erklärt sie ihren Schritt in den Lehrerberuf.

Vorbereitet auf ihren ersten Tag an einer Berliner Grundschule wurde sie 2015 nicht. „Das war wie ein Stoß ins kalte Wasser“, erzählt sie. „Ich war froh um meine Erfahrungen aus der Musikschule und Hospitationen an anderen Schulen.“ Mittlerweile werden Quereinsteiger in Berlin in einem siebentägigen Kompaktseminar vorbereitet.

Die Vorbereitung ist jedoch je nach Bundesland unterschiedlich. In Sachsen und Brandenburg nehmen Seiteneinsteiger an einem dreimonatigen Kompaktkurs teil, in dem ihnen Lehrer und Mentoren den Ablauf des Schulalltags und das Wichtigste zur Unterrichtsgestaltung vermitteln. In Nordrhein-Westfalen entscheiden die Schulen, ob Neueinsteiger überhaupt vorbereitet werden.

Kürzer halfen beim Einstieg Erfahrungen, die sie zuvor als Lehrerin im Ausland und als Vertretungslehrerin gesammelt hatte. Zudem „waren meine Kollegen immer offen, interessiert und hilfsbereit, wenn ich ein Problem hatte.“ Köß berichtet Ähnliches, zu viel dürfe man aber nicht erwarten: „Viele Lehrer sind mit ihrem Pensum überfordert und haben keine Zeit, sich auch noch um einen Quereinsteiger zu kümmern.“

Mentoren fehlen

Mittlerweile haben Quereinsteiger häufig Anspruch auf Mentorenstunden, doch auch die sind mit dem knappen Personal an den Schulen nur schwer zu bewerkstelligen. Das Handwerkszeug lernen die Quer- und Seiteneinsteiger je nach Qualifikation entweder berufsbegleitend in Seminaren oder im Vorbereitungsdienst, auch bekannt als Referendariat.

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zu Berliner Grundschulen hat gezeigt, dass Quereinsteiger überproportional häufig ausgerechnet an solchen Grundschulen landen, wo es viele sozial benachteiligte Schüler gibt. Diese könnten den besonderen Bedürfnissen der Neulinge nur schwer nachkommen, denn sie sind schon mit der Inklusion oder der sprachlichen Förderung von Migrantenkindern inhaltlich und zeitlich bis an ihre Grenzen ausgelastet, mahnen die Bertelsmann-Autoren.

Zusätzlich zum schwierigen Einstieg in die neue Welt müssen einige Quereinsteiger mit nur einem Fachstudium nebenher ein zweites studieren. Zwar wird die Arbeitsverpflichtung der Seiteneinsteiger dann mancherorts reduziert, in Sachsen beispielsweise auf 20 Unterrichtsstunden in der Woche. Doch die Neulinge brauchen meist mehr Vorbereitungszeit für den Unterricht.

Wenn ich das vorher gewusst hätte, weiß ich nicht, ob ich es durchgezogen hätte. Frauke Köß, Quereinsteigerin als Lehrerin in einer Grundschule

„Das ist ein Riesenspagat und ein großes Arbeitspensum, das man bewältigen muss“, meint Köß. „Wenn ich das vorher gewusst hätte, weiß ich nicht, ob ich es durchgezogen hätte.“ Bereut hat sie es bisher aber nicht. Die Rückmeldungen der Schüler und ihre Erfahrungen an der Schule bestätigten ihr immer wieder, dass sie die richtige Entscheidung getroffen habe.

Ob die Qualität des Unterrichts mit Quereinsteigern steigt oder sinkt, ist ungeklärt. Ein Vorteil ist: Sie bringen Praxis- und Lebenserfahrung mit. Hoffmann von der GEW sagt: „Wir hören Unterschiedliches. Einige Schulen sagen, Quereinsteiger wären ein Segen, andere wiederum stöhnen unter der Mehrarbeit, die sie bei der Einarbeitung haben.“

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, sagt: „Wenn Quereinsteiger ohne auch nur ansatzweise ausreichende Nachqualifikation massenweise im Unterricht eingesetzt werden, drohen mittel- und langfristig massive Leistungseinbrüche bei den Schülern.“

Die Kultusministerkonferenz hat zuletzt eingeräumt, dass es ohne Seiteneinsteiger bis auf Weiteres nicht geht. Auch Hoffmann sagt daher: „Wir sind froh, dass die Quereinsteiger diesen nicht ganz einfachen Weg gehen.“ Auf lange Sicht müsse die Lehrerausbildung in Deutschland aber einen anderen Stellenwert bekommen.

Auch Meidinger meint: „Es sollte in Zukunft eine Absenkung der viel zu hohen Unterrichtsverpflichtungen, kleinere Klassen, mehr pädagogisches und psychologisches Unterstützungspersonal und mehr Wertschätzung durch Gesellschaft und Politik geben.“

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