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Lernen aus der Coronakrise Bundeswehr: Wenn von 15.000 Soldaten nur 800 im Pandemie-Einsatz sind

Nach den Bildern aus Italien im März stellte sich die Bundeswehr auf Sicherheitsdienste für Kraftwerke und Schwertransporte ein. Tatsächlich sahen die Aufgaben anders aus.
11.08.2020 - 04:11 Uhr Kommentieren
Generalleutnant Martin Schelleis (2.v.r), Inspekteur der Streitkräftebasis, unterhält sich auf dem Gelände der Kreisfeuerwehrschule im Ortsteil St. Vit mit Soldaten der Bundeswehr. Quelle: dpa
Generalleutnant Schelleis in Rheda-Wiedenbrück

Generalleutnant Martin Schelleis (2.v.r), Inspekteur der Streitkräftebasis, unterhält sich auf dem Gelände der Kreisfeuerwehrschule im Ortsteil St. Vit mit Soldaten der Bundeswehr.

(Foto: dpa)

Berlin Der Anfang der Pandemie verlief chaotisch für die Bundeswehr. Täglich baten mehr Kommunen um Amtshilfe, und zwar konkrete: Die Bundeswehr möge ihnen mit Schutzkleidung für Kliniken, mit Ärzten und Sanitätern aushelfen. Allerdings herrschte im Sanitätsdienst der Armee genau daran ein fast noch größerer Mangel als im zivilen Leben. „Wir mussten zu Anfang viele Anträge ablehnen, weil sie immer wieder auf medizinisches Personal und Schutzkleidung abzielten, was wir ja selbst nur im überschaubaren Rahmen hatten“, sagt Generalleutnant Martin Schelleis, Inspekteur der Streitkräftebasis. Nur ein Prozent aller Ärzte hierzulande arbeitet bei der Bundeswehr.

Als Zweites fragten sodann die Bundesländer nach Feldbetten und manche gar nach Unterstützung für ihre Polizei, sollte es notwendig werden, Quarantäne mit staatlicher Gewalt durchzusetzen. Es brauchte schließlich eine klare Ansage von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), um die Erwartung aus den Köpfen zu bekommen, dass Soldaten wie in Frankreich und Belgien als Hilfspolizei tätig werden dürften. „Das ist hier bei uns nicht der Fall“, sagte sie auf einer Pressekonferenz am 19. März und erinnerte an die strikte Trennung von innerer und äußerer Sicherheit: Sie verbietet Einsätze der Bundeswehr im Inneren – vor allem, wenn es um die Durchsetzung hoheitlicher Aufgaben geht.

Helfen ja, Gewaltanwendung nein

Erlaubt sind im Katastrophenfall allerdings Unterstützungseinsätze der Bundeswehr. Es gab sie in früheren Jahren mehrfach bei Hochwasser, im Kampf gegen Borkenkäfer oder bei Waldbränden. Allerdings immer nur dann, wenn die zivilen Kräfte nicht ausreichten.

Die Bundeswehr brauchte bis Ende März, bis sie einen Plan für ihren Einsatz in der Coronakrise entwickelte. 15.000 Soldaten unter Leitung von vier regionalen Kommandos, koordiniert aus der Julius-Leber-Kaserne in Berlin, stehen seither bereit, um Personallücken zu schließen.

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    Die Bundeswehr hat nach Corona-Ausbruch bei Tönnies die lokalen Behörden unterstützt. Quelle: dpa
    Bundeswehrsoldat vor der Fleischfabrik Tönnies

    Die Bundeswehr hat nach Corona-Ausbruch bei Tönnies die lokalen Behörden unterstützt.

    (Foto: dpa)

    „Die Anfangsphase der Pandemie war turbulent“, sagt Schelleis heute. Geholfen habe der Bundeswehr, dass sie für das Großmanöver Defender ihre Führung Anfang 2020 deutlich verstärkt hatte. Die geplante Verlegung von Truppen nach Osteuropa wurde abgesagt – wegen Corona.

    Die Aufgaben für die Armee schienen anfangs riesig. Am 29. März kündigte Schelleis an, dass die Soldaten die „Massenunterbringung in Quarantäne“ organisieren sollten, dass sie Notkliniken aufbauen und einrichten und möglicherweise auch den Objektschutz übernehmen sollten, wenn Wachdienste von Kraftwerken Corona-erkrankt ausfallen sollten. Auch die Desinfektion von Gebäuden stand im ersten Aufgabenheft. 500 Lastwagen mit 2500 Logistiksoldaten waren abrufbereit.

    So schlimm wie in Norditalien wurde es nie

    Allerdings: Bis auf ein paar Lkw-Fahrten wurde die Bundeswehr für all diese Aufgaben bisher nicht gebraucht. So schlimm wie in Norditalien, wo Militärlastwagen die Leichen aus den Krankenhäusern abtransportierten, wurde es hierzulande nie.

    Die Klinikbetten reichten aus, die Krankenhäuser und Gesundheitsbehörden schafften den Ausbau der Kapazitäten auch allein. Die Bundeswehr half schließlich, Schwerkranke aus Italien und Frankreich per Medevac-Airbus zur Behandlung nach Deutschland zu fliegen.

    Sehr willkommen waren und sind die Soldaten aber als Personalreserve überall dort, wo es zu größeren Ausbrüchen kam: in Altenheimen, in Flüchtlingsunterkünften und in den Gesundheitsämtern, wo sie als „Containment-Scouts“ Kontakte von Infizierten aufspüren und in den Testzentren aushelfen. „Es geht darum, in kurzer Zeit Personal bereitstellen zu können für das, was jeweils notwendig ist“, sagt Schelleis. Kommando „Helfende Hände“ wie 2015 in der Flüchtlingskrise.

    Diese Art Aufgaben prägen die Einsätze bis heute. 360 Soldaten zum Beispiel wurden zum Einsatz nach Gütersloh geschickt, um den Ausbruch beim Fleischfabrikanten Tönnies eindämmen zu helfen. In den schnell errichteten Abstrichstellen dokumentierten Soldaten, wen der Sanitätsarzt gerade getestet hatte. Es war der größte Corona-Einzeleinsatz der Bundeswehr bisher. Inzwischen sind noch 582 Soldaten bundesweit tätig, meist in Gesundheitsämtern und zur Unterstützung der COVID19-Testungen von Reiserückkehrern.

    Angehörige der Bundeswehr nehmen in einem stillgelegtem Hubschrauber-Hangar Corona-Abstriche bei der Bevölkerung. Quelle: dpa
    Corona-Testzentrum in Gütersloh

    Angehörige der Bundeswehr nehmen in einem stillgelegtem Hubschrauber-Hangar Corona-Abstriche bei der Bevölkerung.

    (Foto: dpa)

    In Alten- und Pflegeheimen wurden die Einsätze beendet, nachdem die Ausbrüche von April und Mai eingehegt worden waren. Insgesamt gab es bisher etwa 450 Hilfseinsätze auf Antrag von Kommunen und Ländern; die meisten sind inzwischen beendet. Die Zahl der Neuanträge sei „moderat“, so die Bundeswehr.

    Weil die Epidemie hierzulande nie so schlimm wütete wie in Italien und Frankreich, waren nie mehr als 800 Soldaten gleichzeitig an der Corona-Front. Inzwischen hat Schelleis die „abgestufte Verfügungsbereitschaft“ der Truppe verlangsamt: Jene 750 Soldaten, die schnell zum Einsatzort verlegt werden können, haben nun eine Vorbereitungszeit von zwei statt einem Tag, die 2250 Folgekräfte lassen sich in 120 Stunden mobilisieren anstatt in 72. Die übrigen 12.000 Soldaten haben eine Vorbereitungszeit von 14 Tagen. „Wir überprüfen - entsprechend der Lage - kontinuierlich Umfang und Zusammensetzung unseres Corona-Hilfskontingents, sagt Schelleis.

    Einsatzplan für lokale Hotspots

    Der Plan werde so gestaltet, dass im Fall einer zweiten Infektionswelle die Einsatzkräfte schnell wieder aufgestockt werden könnten. Auch ohne zweite Welle werde es wahrscheinlich immer wieder regionale Hotspots geben wie zuletzt in den Fleischfabriken. „Wir müssen daher flächendeckend Soldaten bereitstellen können“, sagt der Inspekteur.

    Natürlich gab es Fehleinschätzungen – vor allem über den Umfang der Pandemie am Anfang und die tatsächlich benötigten Hilfseinsätze. Und es gab auch Fehler: etwa, dass Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) anfangs das Bundeswehr-Beschaffungsamt BaainBw beauftragte, weltweit Masken und Schutzkleidung einzukaufen. Erfolgreich erledigten das drei Wochen später schließlich Großkonzerne, darunter VW und Daimler, über ihre Lieferbeziehungen nach China.

    Aus der turbulenten Anfangsphase zieht Schelleis diesen Schluss für die Bundeswehr: „Wir müssen sehen, dass wir unsere Kräfte für den Heimatschutz generell stärken“, sagt er. Diese Kräfte könnten für Unterstützungsleistungen in allen Katastrophenfällen bereitstehen. Das „Freiwillige Jahr für Deutschland“, das Kramp-Karrenbauer für junge Leute plant, die ein Jahr Dienst bei der Bundeswehr leisten, werde dabei helfen, meint Schelleis, ebenso ein stärkerer Einsatz von Reservisten.

    Denn Dienst im Gesundheitsamt sei nicht die eigentliche Aufgabe von Soldaten. „Die aktive Truppe ist ja stark in den originären Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung sowie im Internationalen Krisenmanagement gebunden“, sagt Schelleis.

    Mehr: Der neue Freiwilligendienst soll zum Beispiel der Bekämpfung der Corona-Pandemie dienen.

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