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Lernen aus der Coronakrise Deutsche Schulen brauchen den Digitalisierungsschub

Dass das deutsche Bildungssystem bei der Digitalisierung hinterherhinkt, rächt sich in der Coronakrise deutlich. Ohnehin benachteiligte Schüler drohen noch weiter abgehängt zu werden.
02.08.2020 - 09:57 Uhr Kommentieren
Das Homeschooling hat in der Coronakrise nicht alle Schüler erreicht. Quelle: dpa
Unterricht am heimischen Laptop

Das Homeschooling hat in der Coronakrise nicht alle Schüler erreicht.

(Foto: dpa)

Berlin Bildungspolitik ist Sache der Länder – und die bekamen die ganze Wucht der Corona-Pandemie zu spüren: Die Kultusminister mussten wegen der Ansteckungsgefahr die Schulen erst schließen und dann langsam wieder öffnen, was sich als weit schwieriger erwies. Denn eine Blaupause oder verlässliche Handreichungen der Wissenschaft gibt es für das Manöver nicht.

In der Krise konnte sich Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) als Helferin in der Not profilieren. Doch wie fällt die Zwischenbilanz aus?

Was lief gut?

Eine eher leise Erfolgsgeschichte schrieben in der Corona-Ära die Hochschulen. Anfangs drangen die verschreckten Hochschulrektoren noch auf eine Verschiebung des Sommersemesters. Doch nachdem die Wissenschaftsminister das abgelehnt hatten, liefen Universitäten und Fachhochschulen zur Hochform auf.

Das Semester fand nahezu flächendeckend online statt, Prüfungen werden mit Abstand organisiert. Geht doch, wäre das Fazit.

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    Auch unter Schulpolitikern brach im März ein Streit darüber aus, ob das Abitur nicht ausfallen muss. Dazu drängte vor allem Schleswig-Holstein. Doch die Angst vor einer Blamage war so groß, dass die Kultusminister entschieden: Die Reifeprüfung findet statt, überall.

    So wurde das Corona-Jahr nicht zum Ausfalljahr für die Absolventen – weder beim Abitur noch beim mittleren oder Hauptschulabschluss und den Berufsschulprüfungen. Das war so zunächst nicht zu erwarten.

    Auch der Schulunterricht fand in weiten Teilen des Landes durchaus statt, wenn auch nicht in der gewohnten Form. Vielen Lehrern forderte der Fernunterricht gewaltige Anstrengungen ab, manch engagierte Lehrkraft geriet an ihre Belastungsgrenze. Wenige Vorzeigeschulen bewiesen, dass sie trotz Corona unterrichten konnten, auch weil sie technisch vorbereitet waren.

    Und der Bund half in der Not: Anders als geplant, gibt er nun auch eine halbe Milliarde Euro für Leihlaptops in den Schulen, damit auch Kinder aus sozial schwächeren Familien am Homeschooling teilnehmen können. Und er finanziert in gleicher Höhe die Anstellung von IT-Administratoren.

    Der Mangel an Fachleuten erwies sich in der Coronakrise als der eigentliche Flaschenhals in Sachen Schuldigitalisierung. Zuletzt erlaubte der Bund den Ländern zudem, die Mittel auch dann auszuzahlen, wenn Projekte noch nicht bis ins kleinste Details geprüft sind. Das soll die digitale Aufrüstung beschleunigen. Corona macht also Dinge möglich, die die deutsche Bürokratie bisher nicht zuließ.

    Relativ unbemerkt ist die Politik in der Coronakrise auch auf dem Weg zu mehr Ganztagsschulen ein gutes Stück vorangekommen: Die Regierungskoalition spendierte zusätzlich zu den für den Ganztagsausbau eingeplanten zwei Milliarden Euro weitere 1,5 Milliarden Euro an Investitionsmitteln.

    So soll sichergestellt werden, dass der ab dem Jahr 2025 geltende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder dann auch tatsächlich erfüllt wird. Noch dieses Jahr sollen davon 750 Millionen Euro fließen können. 

    Ganztagsschulen gelten als besonders geeignet, um auch solchen Schülern zu helfen, die zu Hause zu wenig Unterstützung erfahren. Und natürlich dienen sie zur Entlastung einer systematisch benachteiligten Gruppe: der fast 2,6 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland. Davon sind etwa 85 Prozent Frauen.

    Was lief schlecht?

    Auch wenn viele Schulen in der Ausnahmesituation ihr Möglichstes versuchten: In der Breite zeigten sich enorme Mängel. Harte Daten zum Unterricht in Corona-Zeiten gibt es bislang noch nicht, doch fest steht: Teilweise war der Schulunterricht per Video und E-Mail nicht nur mangelhaft, sondern fand schlicht nicht statt. Vor allem jüngere Schüler blieben häufig außen vor.

    Aus ganz Deutschland meldeten sich erzürnte Eltern mit nahezu unglaublichen Geschichten: von Lehrern, die lediglich Zettel in der Schule zum Abholen auslegten. Oder solchen, die in der wöchentlichen E-Mail an ihre Grundschüler auch noch stolz von ihren heimischen Renovierungsaktivitäten berichteten.

    Viele Lehrer gaben in Umfragen an, sie hätten den Kontakt zu einem Teil ihrer Schüler verloren. Sie hielten es aber offenbar nicht für nötig, sie schlicht anzurufen.

    Massiv verschärft wurde die Lage durch die digitale Vernachlässigung. Nicht nur bei der Ausstattung mit Hard- und Software gibt es seit Jahren gravierende Defizite, sondern auch beim Know-how. Nun rächte sich, dass die Länder aus dem fünf Milliarden Euro schweren Digitalpakt des Bundes seit Mai 2019 kaum Gelder abgerufen haben.

    Lehrer waren zu mehr als 90 Prozent auf ihre eigenen Computer angewiesen. Meist mussten sie sich die notwendige Technik selbst beibringen. Und dort, wo Lernplattformen existierten, brachen sie teilweise unter dem Andrang der Schüler zusammen. Dass nicht einmal jede dritte Schule bisher einen Breitbandanschluss hat, geht allerdings eher auf das Konto des für die digitale Infrastruktur zuständigen Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer (CSU).

    Die vielleicht gravierendste Folge der Schulschließungen: Ausgerechnet jene Schüler verschwanden vom Radar, die ohnehin schwer zu kämpfen haben – weil sie zu Hause nicht unterstützt werden, weil sie keinen eigenen Laptop oder schlicht große Lernschwierigkeiten haben.

    Die Gruppe der Abgehängten wird im deutschen Schulsystem nach Ansicht von Experten ohnehin weit mehr vernachlässigt als in anderen Ländern. Diese Schüler gelten nun als die eigentlichen Corona-Verlierer im Bildungssystem. Da es auch kaum Nachholkurse oder Sommerschulangebote gibt, werden sie es sein, die vermutlich im kommenden Schuljahr endgültig abgehängt werden.

    Auch für die Lehrer gibt es keine Pflicht, sich in den Ferien zumindest digital weiterzubilden, wie es der Bundeselternrat fordert. Die Lehrerverbände lehnen eine solche digitale Weiterbildungspflicht strikt ab – und die Kultusminister wollen sich offenbar nicht mit ihnen anlegen.

    Katastrophal war in vielen Ländern die Kommunikation mit den Schülern und Eltern. Die Defizite offenbarten sich schon während des Lockdown, wurden in der Phase der vorsichtigen Öffnung jedoch besonders offensichtlich: Viele Eltern wussten oft montags noch nicht, wann ihre Kinder in derselben Woche wie Unterricht haben. Und selbst Schulleiter erfuhren wichtige Neuerungen teilweise nur aus der Presse. 

    Was wir lernen können

    Kurzfristig müssen die Schulen in die Lage versetzt werden, das Homeschooling jederzeit wieder hochzufahren, denn die Pandemie ist nicht vorbei. Dazu braucht es zuallererst Laptops für diejenigen Schüler und Lehrkräfte, die keine haben. Lehrer, die sich bislang mit dem digitalen Unterricht schwertun, müssen schnell geschult werden.

    Um Schulschließungen möglichst zu vermeiden, muss Hygiene in den Schulen oberstes Gebot sein. Das Beispiel Israel zeigt, dass die Schulen sonst wie ein Katalysator für eine zweite Infektionswelle wirken können.

    Mittelfristig liegt der digitale Nachholbedarf für die Schulen auf der Hand. Die Hausaufgaben sind klar, sie müssen nun schnellstmöglich abgearbeitet werden – und das auch dann, wenn es nicht zu einer zweiten Pandemiewelle kommt.

    Daneben ist es höchste Zeit, auch über die Bezahlung und die Weiterbildungsmöglichkeiten der Lehrkräfte nachzudenken: Wer in der Krise neue Tools einsetzte, regelmäßig den Kontakt zu seinen Schülern suchte und sich bis zur Erschöpfung engagierte, sollte dafür belohnt werden können. Wer dagegen die viele freie Zeit genossen hat, sollte zumindest zu Weiterbildungen angehalten werden. Diese sollten überall Pflicht werden.

    Bei allen Problemen lässt sich der Lage auch Positives abgewinnen. Viele Lehrer haben in der Krise ihre Hemmungen mit Blick auf das Digitale verloren und extrem viel dazugelernt. Eine der großen Aufgaben der Schulleitungen ist nun, sie weiter zu ermuntern und zu begleiten. 

    Beim Ausbau der Ganztagsschulen müssen Bund und Länder die Fehler vermeiden, die beim 1. Ganztagsschulprogramm ab dem Jahr 2003 gemacht wurden: Statt sich in einem kleinlichen Hoheitsstreit aufzureiben, gilt es, die pädagogisch klügsten Modelle zu fördern. Auch deshalb, weil Ganztagsschulen der geeignetste Ort sind, gerade den Corona-Verlierern unter den Schülern beim Aufholen zu helfen.

    Auch an den Hochschulen kann und muss die Krise weitere Fortschritte anstoßen: Die finanzielle Hilfe der Landesminister für die nachhaltige Digitalisierung ist extrem unterschiedlich und reicht vielerorts nicht aus. Zudem fehlt es an Kooperation über Landesgrenzen hinweg. Hier kann etwa die niederländische Bundesinitiative ein Vorbild sein.

    Mehr: SPD-Chefin Esken zum Schulstart: „Ich bin sehr skeptisch mit Blick auf das Ansteckungsrisiko“

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