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Lese- und Schreibschwäche Studie: 6,2 Millionen De-Facto-Analphabeten in Deutschland

Die Zahl der Menschen mit Lese- und Schreibschwäche sinkt, doch die Wirtschaft sieht keinen Anlass zur Entwarnung – es geht um Aus- und Weiterbildung.
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Insgesamt 62 Prozent der erwachsenen Analphabeten sind erwerbstätig. Quelle: dpa
Mann blättert in Buch

Insgesamt 62 Prozent der erwachsenen Analphabeten sind erwerbstätig.

(Foto: dpa)

BerlinDie Zahlen sind rückläufig, aber immer noch gewaltig: In Deutschland können 6,2 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben. Gegenüber dem Jahr 2011 ist die Zahl der De-Facto-Analphabeten damit um 1,3 Millionen gesunken. Das zeigt die am Dienstag in Berlin vorgestellte Studie „LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität“ der Uni Hamburg im Auftrag des Bundesbildungsministeriums.

Berücksichtigt wurden lediglich Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren, die mündlich so gut deutsch können, dass sie eine Stunde lang Rede und Antwort stehen konnten. Insgesamt befragte das Team um die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Anke Grotelüschen gut 7000 Bürger. Laut der Studie können gut zehn Millionen weitere Menschen in Deutschland schlechter schreiben, als es Kinder am Ende der Grundschule sollten – im Jahr 2011 waren es noch 13,4 Millionen.

Der Aufwärtstrend „zeigt, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben, um das Grundbildungsniveau von Erwachsenen zu erhöhen“, sagte Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) zu den Ergebnissen. Fünf Jahre nach der ersten Studie hatten Bund und Länder 2016 eine „AlphaDekade“ gestartet und rund 100 Projekte angeschoben.

Es sei immerhin gelungen „dass es inzwischen nicht mehr ein so starkes Tabu ist, nur eingeschränkt lesen und schreiben zu können“, so die Ministerin. Karliczek appelliert an alle Bürger: „Jeder kann der- oder diejenige sein, die den Ausschlag gibt, dass ein Erwachsener Mut fasst, lesen und schreiben zu lernen.“

Trotz des Rückgangs sieht der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Achim Dercks, „keinen Anlass zur Entwarnung“. Zwar zeigten die Bemühungen von Bund und Ländern „eine gewisse Wirkung, doch bleibt die Gruppe der Menschen mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten einfach zu groß“, sagte er dem Handelsblatt. Es brauche „noch mehr Anstrengungen der Schulen, um die Zahl der Analphabeten dauerhaft zu reduzieren“.

Insgesamt 62 Prozent der erwachsenen Analphabeten sind erwerbstätig, wenn auch eher in prekären Jobs. Zwölf Prozent sind arbeitslos. In der Gesamtbevölkerung betragen die entsprechenden Anteile 75 und 5 Prozent. Zudem haben immerhin drei Viertel der funktionalen Analphabeten einen Schulabschluss. Gerade unter jüngeren Menschen bleibe der Anteil stabil, warnt Dercks. Viele wechselten ohne ausreichende Lese- und Schreibkenntnisse in die Berufswelt.

Eine Herausforderung für den Wirtschaftsstandort Deutschland, wie Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), deutlich macht. „Wegen der fortschreitenden Automatisierung und Digitalisierung, steigen die Anforderungen auch für geringer qualifizierte Beschäftigte kontinuierlich“, mahnt er. Beschäftigte müssten kommunikativer und flexibler sein als früher und sich ständig beruflich weiterqualifizieren. Gerade für De-Facto-Analphabeten sei dies aber besonders schwierig.

Der Chef der Stiftung Lesen, Jörg Maas, warnt: „Analphabetismus wächst nach.“ Laut Zahlen der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) habe sich die Lesekompetenz der Viertklässler seit 2001 nicht verbessert – jeder Fünfte kann nicht ausreichend lesen. Das liege auch an der fehlenden Übung: Lehrer in Deutschland verwendeten 90 Stunden pro Schuljahr aufs Lesen – der internationale Schnitt liege bei 160 Stunden.

Die Stiftung Lesen fordert daher verbindliche Standards für Sprachförderung in Kitas und Leseunterricht in Schulen. Auch brauchten Grundschüler freien Zugang zu Büchern – das sei bei jedem vierten nicht der Fall.

Unter den erwachsenen Analphabeten sind Bürger überproportional vertreten, die in ihrer Familie nicht mit der deutschen Sprache aufgewachsen sind: Sie stellen 2,9 der insgesamt 6,2 Millionen „gering literalisierten Erwachsenen“, wie die Politik sie nun nennt, die übrigen 3,3 Millionen sind mit der deutschen Sprache aufgewachsen. Vor allem Männer sind betroffen: sie stellen fast 60 Prozent der Problem-Gruppe.

Wenig überraschend sind die Folgen der Leseprobleme: die Menschen nutzen deutlich öfter den öffentlichen Nahverkehr als andere, und seltener das Internet, um Mails zu schreiben oder sich zu informieren.

Auch verwenden sie doppelt so häufig Überweisungsscheine – und sind daher „in einem höheren Maß von der Schließung von Bankfilialen betroffen“, schildern die Autoren ganz praktische Folgen von Leseschwächen. Das kann auch gesundheitliche Schäden zur Folge haben: Nur jeder zweite gering Literalisierte liest regelmäßig die Dosierungsanweisung auf Beipackzetteln von Medikamenten – von den Menschen ohne Leseproblem tun dies immerhin drei Viertel.

Menschen mit Leseschwäche sehen zwar ebenso häufig Nachrichten in den Medien – aber nicht mal jeder vierte liest regelmäßig Zeitung, gegenüber 46 Prozent der Lesekundigen. Entsprechend geringer ist das Interesse an Politik, das nur halb so groß ist, und die Wahlbeteiligung: Nur 62 Prozent der Leseschwachen geht wählen, in der Gesamtbevölkerung sind es 87 Prozent.

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